Die Abwehrmechanismen des psychischen Immunsystems

Virenschutz auf Bildschirm

Das psychische Immunsystem arbeitet diskret im Hintergrund, wie ein Virenscanner. Mahmoud Takriti under cc

Mit Projektionen und projektive Identifikationen (auch die normale Seite der Projektion), sowie Verdrängungen und Verleugnungen, des weiteren mit den Rationalisierungen haben wir schon einige Abwehrmechanismen ausführlich vorgestellt, die Teil des psychischen Immunsystems sind und wirklich dazu beitragen, dass man nicht darauf kommt, es könnte oder sollte etwas an der eigenen Sicht geändert werden. Zusammen bilden sie ein schlagkräftiges Team, das seine Arbeit still und diskret verrichtet, so dass man ungestört weiter leben kann.

Das psychische Immunsystem ist recht radikal bestrebt, die eigene Deutungssphäre intakt und stabil zu halten und so werden andere Ansichten zunächst auch auf diesem Weg verarbeitet. Wie häufiger nachgewiesen passen sich Erzählungen und Erinnerungen der momentanen Weltsicht an. Ein kleinen Schritten werden vermeintliche Erinnerungen immer wieder überarbeitet, oftmals so, dass kein wesentlicher Bruch in der heutigen Sichtweise und der von damals sichtbar wird. Es sei denn, man kann die Abkehr von einer früheren Einstellung für sich nutzen und etwa erzählen, dass man früher auch in etwa so gedacht habe, es jetzt aber besser wissen, die Veränderung ist dann eine zu den eigenen Gunsten. Große Brüche kommen nach Möglichkeit gar nicht erst im Bewusstsein an, sondern man hat von der eigenen Lebenserzählung das Bild einer recht kontinuierlichen Geschichte, die sich seit langer Zeit durchzieht, vielleicht war man als Kind anders, doch im Grunde hat man seit vielen Jahren das Schiff auf Kurs gehalten.

Aber ist es nicht schlecht, sein Leben auf einer Lüge zu begründen? Die gute Nachricht: Einen Zugang zur letztgültigen Wahrheit und einer objektiven Sicht hat niemand. Der eine erinnert sich so, die andere anders, irgendwie kriegt man daraus so in etwa die Geschichte dessen zusammen, was wirklich geschah, aber selbst Aussagen von Augenzeugen, die etwas aussagen, was eben erst geschehen ist, können sich recht drastisch unterscheiden.

Dennoch scheint es bei gravierenden Abweichungen einzelner Menschen von den normalen Wahrnehmungen das Problem zu geben, dass man Anstoß erregt und einigen Menschen merkwürdig vorkommt. Es gibt eine herrschende Sichtweise, eine dominierende Erzählung, auch wenn sich diese durch die Zeiten verändert. Es kann sein, dass jemand diese Merkwürdigkeiten und Abweichungen braucht, um sein Deutungssystem stabil zu halten. Das kann etwa dann passieren, wenn ein Kind sehr willkürlich erziehender Eltern, die vielleicht an einer Sucht litten oder psychisch krank waren, ihre Welt dadurch stabil halten mussten, dass sie sich als böses Kind ansahen, das Strafe verdient hat. Selbst wenn man kognitiv dazu in der Lage ist, diesen Zusammenhang zu verstehen, kann es sein, dass man das Verhalten nicht abstellen kann und zu Beziehungen neigt, in denen man weiter willkürlich behandelt und ‘bestraft’ wird, weil man noch immer tief in sich dem Muster folgt, ein böses Kind zu sein, das Strafe verdient hat. Ohne Therapie wird sich das kaum ändern und diese Wiederholung alter Deutungsmuster in neuen Konstellationen nennen Psychoanalytiker den Wiederholungszwang.

Wenn das Deutungsmuster stabil gehalten wird, steht man also nicht unbedingt ein besserer oder überlegener Mensch da, wie wir an diesen Fällen sehen können und es kostet viel Arbeit, diese Muster aufzudecken, bewusst zu machen und Alternativen zu dem Zwang zum bestraft werden zu finden. Auch wenn sich jemand von Idioten und schlechten Menschen umgeben fühlt, mag er sich selbst damit etwas aufwerten, doch diese Interpretation ist letztlich nicht schön, denn wer will schon gerne dauerhaft in einer Umgebung ‘schlechter’ Menschen leben?

Von Beziehungen enttäuscht

Ein weiterer Klassiker ist der oder die vom anderen Geschlecht prinzipiell enttäuschte Mensch. Nach mehreren gescheiterten Beziehungen meint man nun zu wissen, wie “die Männer” oder “die Frauen” so sind und was sie wirklich wollen, schließlich hat man es mehrfach erlebt, weiß also, wovon man redet. Eigentlich sollte man meinen, dass jemand sich freut, wenn er hört, dass es Männer oder Frauen gibt, die der eigenen negativen Sichtweise nicht entsprechen, denn vielleicht wäre dann ja noch ein glückliches Ende im eigenen Beziehungsleben denkbar. Aber auch hier und bei weiteren Interpretationen, die einen im Grunde selbst herunter ziehen und den Menschen Moral, Intelligenz oder sonst etwas pauschal absprechen und den Interpreten in ein eher depressives Fahrwasser bringen, ist oft keinerlei Begeisterung vorhanden, etwas an der Situation zu ändern und eine andere Sicht einzunehmen.

Bevor man eine gravierende Sichtweise ändert, führt das psychische Immunsystem einige Testläufe durch, ebenfalls völlig unbewusst. Konkret heißt das, dass wenn man jemandem begegnet, der das bisherige Muster durchbricht, das man als “typisch Mann” oder “typisch Frau” kennen gelernt hat, diesem Menschen ein paar Fallen gestellt werden. Unbewusst provoziert man den anderen so, dass er das Verhalten, was man heimlich von ihm erwartet nun fast zurecht zeigen könnte. Die Provokationen treten nicht nur ein mal auf, sondern mehrfach und mitunter exzessiv. Sei es, dass man heimlich befürchtet, dass der andere einen verlässt, fremd geht, handgreiflich wird, sich als Tyrann(in) darstellt, nur auf Geld aus ist oder was immer es sei. Erst wenn der andere mehrere dieser mitunter dramatischen Testläufe überstanden hat, wird das psychische Immunsystem herunter gefahren und man fügt sich in ein neues Muster, in dem man anerkennt, dass es Ausnahmen von der bisher bekannten Regel gibt und man ist bereit die Welt anders zu interpretieren als bisher.

Die Liebe ist dabei ein schöner und eleganter Weg, ein anderer wäre Psychotherapie, der bisherige Muster hinterfragt und in Frage stellt. Eindrucksvoll finde ich immer wieder, wie sehr Menschen ihre Sichtweise beibehalten, was noch einigermaßen verständlich ist, wenn sie dadurch als überlegen dastehen und bessere Menschen als die meisten anderen sind. Dass jedoch auch Weltbilder beibehalten werden, in denen man selbst schlecht weg kommt oder in der Überzeugung lebt, die anderen seien Monster oder Idioten ist nicht auf den ersten Blick nicht leicht nachzuvollziehen. Auf der anderen Seite zeigt es aber, wie wichtig es offenbar für uns ist, die Welt um uns herum in sich stimmig zu deuten, selbst wenn dies eine traurige und hässliche Welt ist.

Dabei ist die Vorgehensweise die das psychische Immunsystem zeigt, ist aber durchaus schön. Es lässt ein Fenster offen, das in Richtung einer Weiterentwicklung geht, hin zu einer besseren Version des Lebens, als man sie kennt. Das psychische Immunsystem agiert dabei eher konservativ, vermutlich um zu verhindern, dass so etwas wie ein grundlegender Interpretationsmodus von Welt immer wieder umgeschrieben werden muss, was verwirrend und unökonomisch wäre. Wo sich Gutes jedoch bewährt, lässt es dies gewähren.