Ein Zusammenwachsen emotionaler und rationaler Positionen

zauberhafter Nebelmorgen

Die Natur bietet uns oft eindrucksvolle Schauspiele, hier ein zauberhafter Nebelmorgen. © C. Börger

Was wir geschichtlich erleben ist im Grunde der Niedergang rein rationaler Positionen. Das bauen auf die stete Zunahmen der Vernunft, ist aus diversen Gründen an ein Ende gekommen, doch damit sind rationale Positionen natürlich nicht in Gänze erledigt, es ist nur ihre Alldominanz und ihre Heilkraft gebrochen, etwas, was vielen Denkern schon seit längerer Zeit klar ist. Sie spielt dennoch weiter eine Rolle in einem größeren Kontext, wie demnächst vielleicht emotional verbindlichere mythische Positionen ebenfalls.

Aber Mythen, Heldensagen und Religionen sind nicht per se irrationaler alter Kram, sondern in vielen Fällen andere Formen der Vernunft, die ihre oft aus Tradition geronnenen Botschaften bildhaften einkleiden und das Bedürfnis der Menschen nach Erzählungen befriedigen. Erklärungen alleine bieten uns keine Orientierung, sagen uns nicht, wo es hin geht und ein Fortschritt der immer weniger Menschen mitnimmt und glücklich macht, ist keiner, dem man länger folgt.

Doch auch aus dem wissenschaftlichen Lager gibt es gute Nachrichten zu vermelden, denn nach einem nochmaligen Durchrechnen sind Wissenschaftler der ETH Zürich zu dem Schluss gekommen, dass ein konsequentes Aufforsten gewaltig positive Effekte auf das Weltklima haben kann, bei den bis zu Zweidritteln der überschüssigen Kohlendioxids aus der Atmosphäre gefischt werden könnten. Kleiner Nachteil: Derzeit holzt man weiter ab und die besten Effekte bringen alte Bäume, es lohnt sich als heute anzufangen. Tut man das, wird man keine Monokulturen errichten, sondern den gesunden Mischwald, der sich selbst regeneriert und obendrein auch noch Lebensräume für Tiere bietet und die Artenvielfalt unterstützt.

Mythen kann man nicht verordnen oder installieren, auch sie müssen annähernd organisch wachsen, eine schöne Übung in der Zusammenführung von Natur und Kultur, Bereichen, die sich in letzter Zeit zunehmend in der Weise verändert haben, dass Natur als etwas gesehen wurde, was wir bedenkenlos ausbeuten können. Gleich mit welchen Augen man unsere Natur sieht, die meisten fühlen sich in ihr wohl und spüren eine gewisse Verbindung zu ihr. Sie zu hegen und zu pflegen und die positiven Effekte davon in der eigenen Psyche zu spüren, ist ein Effekt den jeder Hobbygärtner kennt, die ersten Erfolge kann man schon nach Tagen sehen und in der Folge dann immer mehr.

Ohnehin sehr lehrreich, wenn man erlebt, dass es tatsächlich etwas bringt, wenn man für etwas Verantwortung übernimmt. Zwar wird sich nicht jeder einen Garten leisten können, aber dass man zukünftig für bestimmten Areale in der Natur eine Art Patenschaft übernimmt, wäre ein Gedanke, den man weiterspinnen könnte.

Synergieeffekte und das Zusammenspiel von Innen und Außen

Insektenwohnungen

Neuerdings tut man aktiv etwas für Insekten, weil man Zusammenhänge besser erkennt. © C. Börger

Wer ein Ziel hat, weiß wofür er morgens aufsteht. Auch nach katastrophalen Ereignissen machen vor allem die Menschen, die eine Rolle haben, mit der sie sich identifizieren können, weiter, weil sie wissen, wofür. Für die Kinder, die Haustiere oder auch für etwas abstrakt scheinendes, wie einem Sinn im Leben, der zumeist bedeutet, dass man sich in ein größeres Ganzes eingebettet sieht.

In diesem Sinne Teil eines Ganzen zu sein, ist aber etwas, bei dem man sich gebraucht fühlt und Anerkennung bekommt. Soziale Anerkennung ist die wichtigste Währung und das ganze Thema der Abgrenzung der sozialen Gruppen unter einander, dreht sich um diese Anerkennung. Man will zu einer bestimmten Gruppe gehören und dazu gehört nicht nur das Einkommen, sondern vor allem die typischen Codes dieser Gruppe zu kennen.

Die Zersplitterung ist allgegenwärtig, was wir brauchen, sind zusammenführende Elemente, die nicht nur bestimmte Gruppen ausgrenzt, sondern allen die Möglichkeit gibt, durch Teilnahme an Gemeinschaftsaktivitäten und Ritualen, zusammen zu rücken. Gerade wenn die Bande alter identitätsstiftender Bezüge brüchig werden, sind neue Angebote wichtig.

Je rituell aufgeladener etwas ist, je höher auch die Hürden und sozialen Kosten, um so effektiver ist und um so wichtiger wird so eine Rolle auch genommen. Rituale und Mythen stehen in einem direkten Zusammenhang damit, etwa in Form von Initiationsritualen in einer Gemeinschaft, die dennoch individuelle Unterschiede tolerieren und fördern kann. Wie gesagt, man man kann Mythen nicht basteln, aber der soziale Druck ist inzwischen da und Rituale leben wesentlich von der symbolischen und immer auch emotionalen Aufgeladenheit, die wir mehr und mehr zugunsten eines bürokratischen Aktes zurück gedrängt haben.

Die Un-verbindlichkeit von vielem ist durchaus wörtlich zu nehmen und Rituale und Mythen als Rettung für unsere Zeit können mehr Verbindlichkeit in vielen Lebensbereichen schaffen. Das Thema Umwelt bietet sich an, wir müssen und können uns kümmern, dadurch erhalten wir selbst, wenn wir für bestimmte Räume zuständig sind, ein Bedeutung, erhalten eine soziale anerkannte Rolle, die vielen so bitter fehlt, übernehmen Verantwortung und tun etwas Gutes und Sinnvolles, das obendrein uns alles nutzt und Weltrettung ist ja nicht die unwichtigste Aufgabe.

Die Zusammenhänge ergeben ganz organische Synergieeffekte, die man besser direkt erlebt, als dass man sie theoretisch kennt. So lautet eine psychologische Erkenntnis, dass man umso eher glücklich wird, je mehr man etwas für andere tut, aber es ist besser dies wirklich zu erleben, als darüber zu spekulieren. Diese anderen können auch Menschen, Tiere oder Pflanzen sein. Auch dieses Wechselspiel hat für viele Typen Menschen etwas zu bieten, fast alle lieben den Wald, manche umarmen Bäume, lehnen sich an sie, um Kraft zu erhalten, meditieren unter ihnen. Andere sind beeindruckt von dem Alter und der Größe der Bäume, manche haben Spaß an ihrer Bestimmung, wieder andere nutzen die gesundheitsfördernde Kraft der Bäume, bei einem Waldspaziergang soll man von der krebshemmenden Kraft der Luft dort profitieren.

Wir können darüber hinaus wieder einen anderen Umgang mit Zeit lernen, Gerüche und Geräusche differenzieren, die Liste ließe sich beliebig verlängern, umso mehr, je mehr wir uns gegenseitig darauf aufmerksam machen. In Zeiten in denen der Funktionalismus auf die Spitze getrieben ist und auch das Leben und Beziehungen immer öfter rein unter dem Aspekt des Nutzens oder der Funktion gesehen werden, Beziehungsfragmente den Charakter von Dienstleistungen bekommen, Menschen von der Globalisierung genervt sind oder sich abgehängt fühlen, könnten Rituale und Mythen den Trend umkehren.

Wenn man mit virtuellen Aussagen wie ‘der gemeinsamen Idee Europa’ nicht immer was anfangen kann und sieht, dass die kosmopolisitisch urbane Clique ihre eigenen sozialen Codes entwickelt, ist vielleicht nicht der Nationalismus, sondern eine kleinere Einheit, der Regionalismus die passende Antwort. Einbindung in Strukturen, die man überblicken und erfassen kann, mit denen wir ohnehin oft identifiziert sind und mit denen wir uns und andere rituell verbinden können, etwa in dem jeder für einen Flecken Erde verantwortlich ist und dieses Band rituell geknüpft ist. Die Ideen dazu sollten uns nicht ausgehen und dann können Rituale und Mythen als Rettung für unsere Zeit wichtige Bausteine sein.