Bindungen und Verbindlichkeiten

Blumen am Feldrand

Am Rand von Feldern werden neuerdings Blumen für Insekten angepflanzt. © C. Börger

Man darf nicht den Fehler machen alles an Smartphones oder einem anderen Einzelthema fest zu machen. Aber man kann an Smartphones beispielhaft zeigen, was ein Problem unserer Zeit ist. Man will Kontakt und prompte Bedürfniserfüllung, aber möglichst ohne Verbindlichkeiten. Für mich soll immer jemand zur Verfügung stehen, aber ich will nicht immer zur Verfügung stehen, zum Beispiel dem, der mir gegenüber sitzt. Man will via Onlineplattformen schnellen Sex, aber keine emotionale Bindung.

Bedürfnisse die ehemals in einem Gesamtpaket erfüllt wurden, zum Beispiel, Ehe, Sex, Nachkommen, Versorgung und soziale Rollen werden immer mehr in ihre Einzelbestandteile aufgetrennt und können unabhängig von einander erfüllt werden. Vielleicht sind das einfach neue Freiheiten, vielleicht auch Fragmentierungen, die durch keine neue synthetische Gegenbewegung aufgefangen werden. Zugleich kommen auch in der Außenwelt neue Aufgaben auf uns zu, die wir früher einfach delegieren konnten.

Man ist sein eigener Programmdirektor, macht Online-Banking, kontrolliert seine mails, nutzt hierfür und dafür eine App, informiert sich selbst online über alles Mögliche, was als Freiheit verkauft wird und oft ein Wegfall ehemaliger Dienstleistungen ist. Durch all diese Mehrarbeit, die man freiwillig und von zu Hause durchführt, fallen Ruhephasen weg, man fühlt sich, trotz statistisch geringerer Arbeitszeiten dennoch immer mehr gehetzt und immer schneller ausgebrannt.

Fragmentierung, Anonymisierung und Technisierung führen bei einigen Menschen dazu, dass sie ein Gefühl sozialer Kälte haben, die wachsende Gereiztheit und Aggression in verschiedenen Bereichen des Lebens kann man, trotz Statistiken die oft das Gegenteil verkünden wollen, schwer leugnen. Alles besser als je zuvor, so heißt es, aber immer weniger Menschen fühlen sich wohl.

Und genau an dieser Stelle könnten die Rituale und Mythen ins Spiel kommen. Was sie uns geben haben wir in Mythos und Ritual ausgeführt und dargestellt, an erster Stelle eine Versorgung mit Sinn, Wert und Orientierung, darüber hinaus eben über die Rituale auch Verbindlichkeiten, in denen man zum Beispiel bestimmte Lebensabschnitte oder Ereignisse begleitet und Strukturiert.

Wenn wir vom anderen wissen, dass er einen ähnlichen Weg, etwa durch bestimmte Rituale auf seinem Lebensweg gegangen ist, dann wissen wir, was er erlebt hat, das verbindet. Wenn wir uns auf gemeinsame Ziele einigen können, dann verbindet das um so mehr.

Eine neuer Gaia Mythos?

neue Bäume

Hier konnte man Patenschaften für neu gepflanzte Bäume übernehmen. Die Wiese ist schon ausgetrocknet. © C. Börger

Nun scheint aber gerade die Einigung auf gemeinsame Ziele in unserer Zeit sehr schwierig zu sein, doch das könnte sich in nächster Zeit ändern. Schon die ersten Sommerwochen dieses Jahres waren knackig, ließen die Wiesen braungelb werden und brachten einen größeren Waldbrand. Immer mehr Menschen leiden unter der Hitze. Die Fridays for Future Demonstranten sorgen weiter auf ihre Art dafür, dass uns das Thema im Gedächtnis bleibt und immer mehr Menschen wird klar, dass sich wirklich etwas ändern muss, gravierend und dauerhaft.

Doch was wie eine Drohung oder Einschränkung daher kommt, ist auf der anderen Seite eine große Chance, die Menschen zusammen rücken zu lassen kann, vielleicht aus der Not, aber das hat in den finsteren Zeiten Deutschlands auch funktioniert. Wir hätten wieder ein Ziel. War es nach dem Krieg der Wiederaufbau, so ist es heute ein Umstrukturierung der Gesellschaft, die keinesfalls als linksgrünes Thema politisiert werden muss, sondern allen dienen und so gut wie jeden mitnehmen kann.

Was Grüne als Bewahrung der Natur oder Umweltschutz ansehen, kann bei christlich Konservativen und Progressiven als Bewahrung der Schöpfung laufen und hier findet man bereits bereits Koalitionen. Da sind auch Anhänger von Naturreligionen und Esoteriker nicht weit, die mitunter auch eine enge Verbindung zur Natur verspüren und diese schützen wollen und durchaus Rituale und Mythen als Rettung für unsere Zeit empfinden.

Das ist keinesfalls so irrational wie es klingt, da vielen Denkern und Wissenschaftlern klar ist, dass man an dem Ast auf dem man sitzt nicht sägen sollte. Eine gewisse Demut vor Mutter Erde neu zu lernen, stünde uns, egal mit welchem Weltbild im Hintergrund gut zu Gesicht.

Integration rechter Positionen

Die klassischen Weltbilder rechter Positionen geraten in unserer Zeit ins Wanken, was zu einer Affinität zu rechten Positionen aus allen Schichten führt, wie die Soziologin Cornelia Koppetsch im Deutschlandfunk Kultur ausführt. Auch diese suchen letztlich, nachdem ihre traditionellen Werte oft wegbrechen, nach einer Neuorientierung und da der Wald und die Natur ein fester Bestandteil der deutschen Identität sind, gibt es hier Brücken über die man gehen kann.

Auch wenn man meint, Migration begrenzen oder steuern zu müssen, ist der eleganteste und nachhaltigste Weg, die Lebensqualität in den Herkunftsländern der Migranten zu verbessern, was man nicht gegen die Sorgen und Bedürfnisse der eigenen Bevölkerung ausspielen muss, die eben nicht nur arm sind, sondern auch, laut Frau Koppetsch ihr Weltbild bedroht sehen, auf die Bedeutung der Weltbilder für die Menschen haben wir hier immer wieder hingewiesen.

Wenn rechte Positionen nun überhaupt nicht mehr repräsentiert werden dürfen, bringt das den Zusammenhalt in der Bevölkerung nicht weiter, das Thema Umwelt, gegen das Rechte sich mitunter noch ideologisch sträuben, ist aber in Wahrheit eines, was auch ihnen die Möglichkeit bietet, sich wieder vertreten zu fühlen und einzubringen und sich dann im Kontext von Ritualen gegenseitig doch mal wieder zu beschnuppern und festzustellen, dass die “Irren” auf der jeweils anderen Seiten durchaus Menschen wie du und ich sind, kann auch nicht schaden.

Die Schaffung neuer sozialer Rollen auch für jene, die sich durchaus auch als sogenannte Biodeutsche vernachlässigt fühlen, bietet einige Möglichkeiten, bishin in unseren Zeiten wieder ein Held zu werden, etwas, was manchen zu irrational ist, was aber – dies würde ich anders deuten als Frau Koppetsch – die neue Währung der Zukunft sein kann und sollte, um die es demnächst verstärkt wieder gehen könnte: Anerkennung, nach der auf die eine oder andere Art so gut wie jeder strebt. Die von manchen Rechten schon umgesetzte Idee autonom zu leben und sich selbst zu versorgen, ist dabei ein Element, auf was man zurück greifen kann.