Burnout und Boreout: Durch falschen Krafteinsatz in die Erschöpfung

Junges Mädchen sitzt abseits bei Familientreff

Man hat eigentlich anderes im Kopf … © merri under cc

Burnout und Boreout sind die beiden extremen Enden eines fließenden Kontinuums, in dessen goldener Mitte der Flow steht, der mit Gipfelerfahrungen zusammenfällt oder zumindest ihre Ouvertüre ist. Dass Menschen, die in einem Bereich überfordert sind (oder einfach zu viele Aufgaben haben), irgendwann an ihr Limit geraten, ist unmittelbar einzusehen. Menschen mit Boreout kommen irgendwann in die Erschöpfung, weil sie sich ständig bremsen müssen und chronische Langeweile und Unterforderung, der man nicht entgehen kann, ein nervenzehrender Zustand sind.

Wenn wir uns die Aussage des Neurologen Alex Korb noch mal vor Augen führen, was machen wir, wenn wir unterfordert sind? Wir fangen an zu grübeln und kreieren uns Probleme. Manchmal visionär und hellsichtig, manchmal wirr und als nicht abzustellende Endlosdenkschleife, in den meisten Fällen jedoch fallen die Denkresultate in die tiefen Graben zwischen den Menschen, die Freud schon beschrieb. Aber gleich, ob man Genie ist oder Querulant, in beiden Fällen fehlt in meisten Gedanken das, was die Soziologie Anschlussfähigkeit nennt. Die anderen wollen, wo sie nicht verständnislos mit dem Kopf schütteln, vielleicht nett sein, hören artig und angestrengt zu, es kommt vielleicht zu einer floskelhalften Antwort: “Interessant, worüber Du so nachdenkst.”, doch man merkt schnell, ein echter Austausch wird nicht zustande kommen.

Korb hatte neben der Möglichkeit von Scham und Schuld eine weitere angesprochen, den Stolz, der sogar am stärksten sein soll. Stolz bietet die Möglichkeit, sich verkannt zu fühlen, aber gefühlt auf dem richtigen Weg zu sein. Tapfer geht man seinen einsamen Weg, auch wenn die anderen nicht zu würdigen wissen, was man tut. Eine Option, wenn die Anerkennung ausbleibt.

Dabei wollen wir zumeist nur beschäftigt sein. Probleme zu suchen und zu finden ist eine Lösung, wenn uns von außen keine, in Form anspruchsvoller, Aufgaben präsentiert werden. Dann werden wir eben schlecht gelaunt und suchen sie uns selbst. Schlechte Laune ist aktuell jedoch nicht unbedingt salonfähig, in der Zeit der Selbstoptimierung, wo für jedes Problem viele Lösungsangebote auf dem Tisch liegen, man muss sie direkt fördern, wie es Angelika Gerk mit ihrem Lob der schlechten Laune getan hat.

Der Unzufriedene, Nörgler und Grantler ist kreativ. Natürlich kann man schlechte Laune auch übertreiben, für andere ist das anstrengend und irgendwann fühlt man sich auch selbst mies. Aber der Zusammenhang soll klar werden: wo keine Aufgaben sind, da kreiert man selbst welche, manchmal ohne es bewusst zu wollen.

Das geht so weit, dass man sich mit seinen Problemen teilweise sogar wohler fühlt, als ohne sie. Was tun wir, wenn wir frei haben? Rätsel raten, Krimis lesen oder schauen oder uns im spielerischen (Online-)Wettkampf mit anderen messen. Sogar unser Alltag ist zum Wettkampf mutiert. Ob eine Hochzeit oder Einladung zum Abendessen, medial ist das Feld bereitet, dass auch dies alles perfekt sein muss und unter Wettkampfbedingungen mit Perfektionsanspruch stattfindet. Die perfekt genutzte und durchgestylte Freizeit, was für ein himmelschreiender Selbstwiderspruch.

Aber die Menschen sind verschieden und wo der eine schon an der Grenze ist, ist der andere noch längst nicht satt. Werden sie nicht mit Aufgaben oder Problemen gefüttert, kommen sie im Beruf auf, auch im Leben in eine Boreout Problematik. Machen wir letzte kleine Schlenker zu zwei großen Themen.

Boreout in der Partnerschaft

Hier ist nicht das Erlahmen der Liebe, der Leidenschaft oder der sexuellen Begierde gemeint. Gemeint ist, dass, auch wenn es partnerschaftlich eigentlich gut passt, die Probleme fast von selbst kommen. Einige Paare sind in tiefer, wechselseitiger Dankbarkeit vereint und wissen, was sie aneinander haben, sie sind zu beglückwünschen.

Oft stellt sich jedoch nach der ersten Verliebtheit, in der man auf Wolke 7 schwebt, die praktische Frage, ob und wenn ja wie man denn jetzt zusammen leben soll. Nach der Phase beidseitiger unendlicher Toleranz hält irgendwann der Alltag Einzug und wie lebt man da? So wie man es normal und vernünftig findet, eben so, wie man es gewohnt ist. Nur leider könnte der Partner anderes gewohnt sein. Manchmal gründet man eine neue, eigene Welt. Das ist gut.

Manchmal erweist sich einer, oftmals er, als jemand, der für das praktische Leben (jedenfalls zusammen) nicht so gut geeignet ist und alles muss man ihm erklären. Immerhin hat man dann echte Probleme, deren Bewältigung sich durchaus hinziehen kann, manchmal überlebt die Partnerschaft das nicht. Ein anderes Modell ist, wenn, oftmals auch er, bei ihr Optimierungsmöglichkeiten sieht. Weil die aktuelle Normalität der Partnerschaft ihn unendlich langweilt, nicht weil es schlecht läuft, sondern weil das, was durchaus gut gefunden werden kann, irgendwie nicht alles sein kann. Das ist durchaus am Anfang gut gemeint, verkennt aber, dass einfach nicht jeder in seinem Leben den Wunsch nach Optimierung und maximaler Effizienz hat und dass dies kein Programmfehler ist. Effizienz heißt dann oft mehr Zeit zum Nichtstun zu haben, genau dem also, womit dieser Menschentyp nicht umgehen kann. Das Talent zur Gelassenheit ist nicht jedem gegeben, dass es ein Talent ist, wird nicht immer erkannt.

Doch auch, wenn man sich abgestimmt hat und auch, wenn man den passenden Partner gefunden hat, die Probleme hören nicht auf. Das, was oben als bekannte Denkmuster, und seien sie sorgenvoll und leidbehaftet, aber dafür eben wenigstens bekannt, vorgestellt wurde, gibt es auch aus einer psychoanalytischen Perspektive. Wenn es in einer Beziehung gut genug läuft, wird diese auf einmal radikal auf die Probe gestellt, indem man an und mit dem Partner das größte Trauma der eigenen Vergangenheit reinszeniert. Manchmal kann die Beziehung diese Konfrontation nicht bestehen, dann ist das heimliche Weltbild gerettet und man weiß nun noch sicherer, dass es eben stimmt, dass die Männer (oder Frauen) alle so sind. Hält die Beziehung die oft mehreren Versuche aus, so muss das oft als unumstößliche Wahrheit behandelte Weltbild sterben und das lässt man sich nicht so einfach nehmen, weshalb es mehrere Versuche gibt, bis man glaubt, dass einige Männer oder Frauen scheinbar doch anders sind, als man es bisher zu wissen glaubte.

Probleme sind der Brennstoff der Entwicklung

Man kann unser gesamtes Dasein beschreiben, als die Tätigkeit, vor Problemen zu stehen, diese zu lösen (oder nicht) und wenn ja, dann aus der Lösung Erkenntnisse zu ziehen. War die Erfahrung eindringlich, macht man dieses Problem zumeist kein zweites Mal. Man kann die Problemlösungsstrategien tradieren, das ist es, was Erziehung und Kultur machen.

Abgehakt und weiter, das ist es, was wir Fortschritt, Entwicklung oder Evolution nennen. Probleme sind ihr Brennstoff. Sind sie gelöst, bleibt die reine Situation über, mit der wir dann kein Problem mehr haben und mit der wir nach Belieben umgehen können. Ob das alles Sinn und Ziel hat, ist eine umstrittene und ungelöste Glaubensfrage und wenn man es nicht zu simpel angeht, alles andere als leicht. Genug zu tun also, für jene Menschen, die sich in der Nähe des Boreout bewegen. Immer her mit den Problemen.

Quellen