Erinnerung echt?

Pferd im Nebel

Verdrängung lässt Triebwünsche und Belastendes wie im Nebel verschwinden. © ebenette under cc

Bei der therapeutischen Aufarbeitung, aber auch in manchen anderen Situationen des Lebens, kann es vorkommen, dass verdrängte Zusammenhänge, Inhalte und Erinnerungen wieder ans Tageslicht kommen. Im Fall von eher neurotischen Störungen ist das gut, denn durch das Erleben einer Szene von früher, und mag sie noch so unbedeutend erscheinen, kann heute verstanden werden, was man damals als Kind nicht verstehen oder verarbeiten konnte.

Im Falle schwerer Traumatisierungen, die abgespalten sind, kann es sein, dass diese nun zum ersten Mal bewusst werden und es zu einer Traumatisierung in der Therapie kommt. Immerhin ein recht passender Ort um eine Traumatisierung zu erleben. Praktisch kann man anhand der Symptome und Persönlichkeitsstruktur aber in den meisten Fällen im Vorfeld unterscheiden, wohin die Reise geht, eher in Richtung einer Neurose, eines schweren Traumas oder einer Abspaltung oder schweren Persönlichkeitsstörung.

Umstritten ist teilweise, ob sogenannte verdrängte Inhalte wirklich echt sind und nun in der Therapie wieder erlebt werden, oder ob sie ganz einfach erstmalig produziert werden und so keine realen Erinnerungen, sondern Konstruktionen darstellen. Auf die Idee kommt man, weil man insgesamt skeptisch gegenüber Erinnerungen ist. Schon die Zeugen leichter Autounfälle widersprechen einander häufig, auch psychologisch unbelastete Lebensepisoden werden mit jeder neuen Erzählung etwas “umgeschrieben” und gerade in jungen Jahren ist die Grenze zwischen Gesagtem und Erlebtem fließend, so dass man, wenn man etwas 30 mal erzählt bekam irgendwann selbst nicht mehr weiß, ob dies nun wirklich passiert ist.

Aber erstens gehen die meisten Psychotherapeuten davon aus, das vollständig konstruierte Erinnerungen eher selten sind, zum anderen ist auch nicht so wichtig, was genau passiert ist, wichtig ist, wie es dem Betroffenen vorkam und was als mögliche Ursache bei ihm anklang findet. Man hat auch nichts von einer nachweislich korrekten Deutung, die der Patient nicht annehmen kann. Dazu kommt, dass die meisten Erfahrungen, die so weitreichend sind, dass ein Patient Symptome ausbildet, die auch noch stark genug sind um einen so großen Leidensdruck aufzubauen, dass jemand zur Therapie geht, kaum Einzelfälle gewesen sein können. Es ist schwer vorstellbar, dass eine einzige entwertende Bemerkung, oder einzelne Ohrfeige im Affekt oder eine singuläre abfällige Bemerkung in einem ansonsten liebe- und verständnisvollen Elternhaus, zu massiven Symptomen bei einem Kind führt. Es ist immer der Gesamtkontext, der die Musik macht, und 1.000 Entwertungen machen dann natürlich schon etwas aus. Meistens ist es dann die eine Szene, an der ein ganzes Muster, was vielleicht Jahre oder Jahrzehnte aktiv war, erlebt und durchlitten wurde, bewusst wird. Und dann ist der Knoten geplatzt und alles wird unmittelbar klar.

Das alles rechtfertigt schon die Suche nach “der” Ursache , bei Menschen, deren Persönlichkeitsstruktur organisiert und komplex genug ist, um mit einem Ausflug ins Dort und Dann der Vergangenheit etwas anfangen und das dort erlebte in den Kontext des Hier und Jetzt setzen können.

Verdrängung in nicht-psychoanalytischen Therapien

Viele gehen mit dem Konzept der Verdrängung lockerer um als die Psychoanalytiker. So gibt es, wie oben erwähnt, bewusste Strategien um sein Leben in schwierigen Momenten zu meistern, die man unter anderem mit einem Therapeuten erarbeiten kann. Diese Coping-Strategien können auf der Basis funktionieren, dass man sich überlegt, was man in der Vergangenheit schon alles überstanden hat und wie man das geschafft hat. Ein Rückgriff auf die eigenen Ressourcen. Man kann aber auch eine Art Mittelweg zwischen der unbewusst einsetzenden Verdrängung und der bewussten Strategie wählen.

Kreisen irgendwelche Gedanken im Kopf, die einen verärgern, verunsichern, irritieren, kann es eine Strategie sein, einfach irgendeiner ablenkenden Tätigkeit, am besten einfach seiner üblichen Arbeit, nachzugehen oder einer Routinearbeit, die einen in Anspruch nimmt oder mit Freunden etwas zu machen. Oft “setzt” sich dann das Thema und wird, wenn es nicht zu wichtig ist, von der Psyche sortiert. Wichtige Themen kommen dann ohnehin wieder ins Bewusstsein, die anderen werden oft schon nach Stunden deutlich heruntergedimmt und nach ein paar Tagen sind sie dann weg. Verdrängt, vergessen, jedenfalls belanglos genug, um das Leben nicht groß zu beeinträchtigen. Was für uns wichtig ist, entscheidet die Psyche ohnehin selbst. Es kann sein, dass wir uns über den genervten Blick eines Arbeitskollegen oder einen achtlosen Satz eines nahen Menschen tage- oder wochenlang aufregen können, doch manches, was vermeintlich schwer wiegen müsste, aber schon am nächsten Tag im Ordner “Bagatelle” abgeheftet ist.

Künstler und Verdrängung

In einem interessanten Radiofeature zum Thema wird berichtet, dass Künstler der Psychoanalyse oft skeptisch gegenüberstehen. In der klassischen Psychoanalyse wird die Psyche in Zuge des freien Assoziierens sozusagen durchgespült, was neben den Deutungen zu einem Abbau psychischer Spannungen führt.

Es ist vielleicht zu viel gesagt, wenn man behaupten wollte, dass Künstler alle neurotisch (oder anders psychisch angeschlagen) sind. Was sie aber brauchen, ist eine gewisse seelische Spannung, denn auch im schöpferischen Prozess entlädt sich psychische Energie. Jedenfalls passt es zu einer Überlieferung, derzufolge der große Dichter Rainer Maria Rilke die Absicht hatte, sich von Sigmund Freud behandeln zu lassen und dieser riet im, da er Künstler sei, solle er seine Neurosen lieber behalten.

Das Unbewusste ist unser Freund

Die Psyche macht allerlei wirres Zeug, das wir nicht immer sofort verstehen. Es gibt grundsätzlich unterschiedliche Ansätze zur Behandlung der Psyche und es ist eine erfreuliche Entwicklung, dass sie immer mehr zusammenwachsen. Manche psychodynamischen Therapien haben eine hohe Ähnlichkeit mit verhaltenstherapeutischen Ansätzen, manch neuere Ansätze der Verhaltenstherapie integrieren ihrerseits Aspekte der Psychoanalyse, wie auch in der oben verlinkten Radiosendung zu hören ist. Doch allen Ansätzen ist gemeinsam, dass sie davon ausgehen, dass die Psyche grundsätzlich nichts macht, was verkehrt ist. Verdrängen und Vergessen gehören dazu.

Es passt nicht immer gut zum Leben, wenn wir bestimmte Verhaltensweisen vermeiden, Zwänge etablieren oder ganze Bereiche abspalten, aber erst einmal will die Psyche uns schützen. Das Unbewusste ist unser Freund, auch wenn es hier und da bremst und sabotiert. Bei Psychosen kann es schon mal gefährlich werden, aber alles in allem ist das Automatikprogramm der Psyche schon sinnvoll und gut.

Klassische Verdrängungen findet man bei neurotischen Störungen und die haben den Vorteil, dass die Zeit im Grunde nicht drängt. Wenn man sich vornimmt, sich irgendwann mal drum zu kümmern, hat man im Grunde noch immer ein Reservoir zur Verfügung, anders als bei schweren Depressionen, manchen schweren Persönlichkeitsstörungen oder akuten Psychosen. Menschen mit Neurosen leiden nur überproportional stark, das heißt der Grad ihrer oft leichten Störungen korrespondiert nicht mit ihren relativ bedrückenden Leiden.

Das sollte Grund genug sein, verdrängte Inhalte, falls man unter ihnen leidet, wieder bis auf Maß zu regulieren, dass man gut mit den Verdrängungen leben kann, das heißt einige von ihnen aufzuarbeiten, damit das Unbewusste uns wieder hilfreich zur Seite stehen kann.