Der endlose Strom der Gedanken oder der Apollo-Komplex

junger Mann bei Meditation im quergestreiften Pulli

Aller Anfang ist schwer und es gibt viel, auf das man achten muss. © Ben Sutherland under cc

Doch es geht in der Meditation nicht darum nun darüber nachzudenken, dass Ich das ja bin und diesen Gedanken nun zu drehen und zu wenden, denn das ist gerade keine Meditation. Meditation heißt, kurz gesagt, loszulassen von allem und dann zu schauen, was bleibt. Reflexion als philosophische oder psychotherapeutische Übung in Ehren, beide sind großartig und zu ihrer Zeit wichtig, aber sie sind beide keine Meditation.

Mit der absichtslosen Form der Meditation, vielleicht der Königsdisziplin der verschiedenen Arten, die es gibt, steigt man aus all dem aus, versucht es zumindest. Denn man weist auch die Gedanken zurück. Alle. Lächelnd entspannt und nachsichtig, beim Atem und dem Sitzen und im Hier und Jetzt verweilend. Wenigstens theoretisch. Wer schon mal meditiert hat, weiß, dass das nicht geht. Der Strom der Gedanken versiegt einfach nicht. Bilder, Begriffe, Assoziationen, sofortige begriffliche Einkleidungen von Körperempfindungen oder solchen aus der Umwelt, sind unser täglich Brot. Zur Meditation gehört daher auch dieser nie endende Strom der Gedanken.

Unser Ichsein ist zutiefst mit unserem Denken verknüpft, mit unserem Selbstbild und Bild ist nur insofern etwas unpassend, weil es zu einem großen Teil eher um eine Liste von wünschenswerten Eigenschaften handelt, der wir entsprechen wollen. Unser Denken ist immer mit dabei, auch wenn wir benennen, was in unserem Körper vorgeht. Für die Meditation ist wichtig zu wissen, dass das Denken ungeheuer verführerisch ist. Verführerisch, weil es unser Leben wesentlich ausmacht. Wir denken immer, es sei denn, wir schlafen. Und paradoxerweise stärkt der Kampf gegen die Gedanken, nicht denken zu wollen, diese nur. Darum ist der Weg vieler Arten der Mediation ein anderer.

Und so ist die Anweisung aus dem Denken auszusteigen das, was die absichtslose Meditation so schwierig macht. Sie ist ungewohnt. Man kämpft nicht gegen das Denken, versucht es nicht anzuhalten, sondern beobachtet es. Es mag weit fortgeschrittenen Meditierenden gelingen, nicht zu denken, aber das sind stets nur kurze Augenblicke und Einblicke. Der Weg dahin ist der, der Beobachtung. Und den verlässt man zuverlässig immer wieder, weil man sich von bestimmten Gedanken dann doch wieder ver- und entführen lässt.

In einigen Traditionen hat man das Zählen der Atemzüge eingeführt. Eine an Monotonie kaum zu überbietende Übung, da man nicht durchzählt, sondern bei 10 angekommen immer und immer wieder von vorne beginnt, aber zugleich eine sehr lehrreiche Übung, denn man merkt, wie es um die eigene Aufmerksamkeit bestellt ist. An sich ist die Aufforderung, sich mit geradem Rücken hinzusetzen und einfach die Atemzüge zu zählen, eine Übung, die man jedem Kind zutraut. Doch in der Meditation merkt man, dass man auf einmal vergessen hat zu zählen, oder statt bei 10 wieder neu zu beginnen auf einmal bei 23 gelandet ist und das geschieht nicht nur einmal. Meist schon nach wenigen Minuten, manchmal nach wenigen Atemzügen, weil man einem Gedanken gefolgt ist und sich nun erlebt, wie man eben nicht gedankenverloren, sondern am Gängelband desselben dasitzt und das versäumt hat, was man eigentlich tun sollte: Einfach mal gar nichts. Außer: Abwarten und schauen, was passiert. Dass man irgendeinem Gedanken nachgeht, passiert ständig. Weil es außer Ärger nicht viel bringt, sich darüber zu ärgern, versucht man sich das mit der milden Weisheit des Buddha lächelnd zu verzeihen und je nach Schule nennt man das Ganze kurz “Denken” oder beginnt wieder mit der 1 mit dem Zählen einzusetzen und macht weiter, was soll man auch sonst machen?

Als Apollo-Komplex bezeichnet Ken Wilber dieses Phänomen, mit dem er selbst lange gerungen hat. Lassen wir die Diskussion darüber, ob es darum geht den Strom der Gedanken anzuhalten, wesentlicher zu machen, zu verlangsamen oder zu beobachten mal außen vor, das Kleben an den Gedanken ist eine der großen Hürden auf dem meditativen Weg. Allerdings auch für Fortgeschrittene.

Setzen oder legen Sie Sich bequem hin …

… heißt es oft am Anfang von geführten Meditationen. Bei den geführten liegt man meistens und bekommt in gewisser Weise auch noch Programm geliefert, über Text und zumeist auch Musik. Das macht den Zugang in mehrfacher Hinsicht leichter, es passiert was, man darf gespannt sein, das mögen wir. Auch der Anfang von Meditationen im Sitzen ist eindrucksvoll, etwa, wenn man an einem Kurs teilnimmt, alles ist neu, exotisch, esoterisch oder spirituell aufgeladen, auch das gefällt dem Ich.

Dem Anfänger schmerzen die Knie, der Rücken oder die Schultern, entspannend ist das alles nicht, wie wir sagten, oft hat es eher den Charakter einer krampfigen Gymnastikstunde. Ein paar steigen hier wieder aus, jene, die vielleicht mal aus Neugierde oder einem Missverständnis in irgendein Wochenendseminar gerutscht sind. Wer am Ball bleibt, wird weitere Innenansichten der Meditation gewinnen können, nämlich die, dass jene verrückten Verrenkungen, zu denen man sich anfangs oft eher genötigt fühlt, nach einer Zeit der Gewöhnung tatsächlich nicht nur irgendwie bequem sind, sondern die bequemste Position darstellen, die man einnehmen kann. Aufrecht, ausbalanciert, mit entspannten Muskeln und der Möglichkeit unverkrampft zu atmen. Die Aufforderung könnte also tatsächlich einfach lauten, sich bequem hinzusetzten, man würde nur nicht auf die Idee kommen, dass dieser Sitz bequem ist, doch wenn man längere Zeit meditiert, braucht man, wenn es körperlich irgendwie anstrengend erscheint, nur die bequemste Postion einzunehmen und weiß dann, dass man “richtig” sitzt.

Das Liegen ist natürlich ungleich einfacher, birgt aber eine andere “Gefahr” in sich, nämlich die, dass man einschläft, wobei diese Gefahr reichlich relativ ist.