Wie findet man die passenden Regeln?

Sie ist ja doch auch zauberhaft, unsere Welt. © Flemming Munch under cc

Einfach Regeln zu verordnen könnte einer blinden Regulierungswut entspringen. Die Reaktion auf Regeln kennen wir von uns selbst, man ist genervt und wenn man sie nicht einsieht, hält man sich nicht dran, wenn man nicht muss und kontrolliert wird. Bei Regeln die man einsieht ist das schon anders und man sieht sie meistens ein, wenn man das Ziel teilt. Wenn man abnehmen will, weiß man, dass Ernährungsumstellung und Bewegung auf dem Programm stehen und man wird sich dran halten, denn meist findet man das Ziel zumindest mittelfristig wichtig genug, etwa die Bikinifigur für den Sommerurlaub.

Das heißt aber, dass wir auch für diese Regeln ein Ziel brauchen. Ein Ziel mit dem man sich identifizieren kann und da, wie wir gerade erörtern, die Menschen doch sehr unterschiedlich sind, kann es nicht ein Ziel sein, sondern es müssen mehrere sein oder das eine Ziel braucht unterschiedliche Verpackungen oder Segmente. Dazu kommt noch, dass das Ziel für das jeweilige Milieu, die Gruppe, den Typus authentisch sein muss, das heißt, es muss das treffen, was diese Menschen wirklich interessiert, man ist in der Regel allergisch, wenn man das Gefühl hat, etwas angedreht zu bekommen.

Das heißt also, wir brauchen für jedes Milieu, für jeden Typus, jede Stufe eigene Regeln, was natürlich sofort die Frage aufwirft, ob diese nicht völlig widersprüchlich sind und sein müssen und sich so gegenseitig blockieren.

Wir haben uns das Klima, also eine Reduktion des Klimawandels als beispielhaftes Ziel gesetzt. Es könnte auch ein anderes wichtiges Thema sein, aber es wird konkreter, wenn man über ein Thema redet, nachher mischen wir weitere ins Spiel ein, dessen Prinzip erhalten bleibt. Bleiben wir also vorerst beim Klima.

‘Performer’ würden sagen, klarer Fall, wir brauchen mehr Fortschritt und Technik. Forschung, Filter und Atomkraftwerke der neuen Generation, eventuelle eine technische Methode um das Kohlendioxid aus der Luft zu filtern. Ein fundamental anderer Ansatz als ihn die ‘Sozial-Ökologischen’ vertreten, die viel eher darauf setzen, dass wir uns beschränken sollten, dass wir naturnäher leben sollten, weniger reisen, Auto fahren und Fleisch essen. ‘Hedonisten’ wiederum wollen den Tag genießen, Spaß haben und um das Morgen machen sie sich Gedanken, wenn es da ist. Also alles völlig unvereinbar? Es scheint so.

Der Öko-Fraktion ist es jedoch in der Vergangenheit gelungen, ihr Image deutlich zu verändern. Solange man über die Ökos lachen konnten, sie als vielleicht liebenswerte, aber letztlich doch Spinner ansah, waren sie harmlos für das eigene Weltbild. Asketische Körnerfresser mit langen Haaren und zauseligen Bärten, das machte nur wenige an, aber inzwischen ist öko längst Lifestyle geworden und auf einmal wirft man der Bioszene vor, abgehoben und nur was für die finanziell Bessergestellten zu sein. Nun greifen die Grünen zur Macht und alle sind in heller Aufregung und gleich, wie die Wahl ausgeht, die Themen bekommt man nicht mehr weg. Plötzlich ist öko auch hip, man ist angekommen, wenn man selbstverständlich auch ökologisch und nachhaltig lebt. So dringt das Thema auch in andere Milieus vor.

Doch auch wenn die Milieus getrennt bleiben, was zum großen Teil der Fall ist, es schadet ja nicht, wenn ein Teil seine Ansprüche reduziert und ein anderer nach technischen Lösungen sucht. Wenn wieder andere versuchen das Bewusstsein zu verändern und auch dem Hedonisten muss man Antworten geben können, indem man den anstehenden Wandel in unserem Leben so gestaltet, dass er zu einem besseren Leben führt. Für den Hedonisten könnte das heißen genießen zu lernen, statt zu prassen.

Das heißt, man geht auf verschiedenen Wegen voran, was nicht bedeuten muss, dass man sich streitet und blockiert. Streit gibt es dann, wenn jemand meint, alle müssten genau einer Idee folgen, aber gerade durch die Zersplitterung der Bevölkerung, die vielfach diagnostiziert wird, ist das aktuell nicht drin und dann ist da ja auch noch der Rest der Welt.

Selbstbestimmt und kooperativ

Man kann einen produktiven Wettkampf oder auch eine Gemeinschaftsarbeit einsteigen, wir wissen ja nicht, welcher Weg sich am Ende durchsetzen wird. Es gibt allerdings Kritik recht grundsätzlicher Art an den Bemühungen zur Eindämmung des Klimawandels. Dass das Thema übertrieben ist denken immer weniger Menschen, aber es gibt andere Stimmen, die entweder sagen, dass das Ding schon gelaufen und nicht mehr zu stoppen ist oder aber, dass das Klima gar nicht im Einflussbereich des Menschen liegt, so dass es also egal ist, was wir tun und lassen und daher Zeit, Geld und Kreativität lieber in andere Bereiche stecken sollte.

Da wir oft nur mit Wahrscheinlichkeiten argumentieren, können wir es tatsächlich nicht genau sagen und aus diesem Grund ist es wichtig auch die Bemühungen um das Klima in ein übergeordnetes Projekt einzubinden, das man Verbesserung der Welt nennen kann. Jeder hat bestimmte Vorstellungen davon, was wirklich wichtig ist und was nicht. Das Klima wird sicher oft dabei sein, aber man findet schnell ein Dutzend weiterer Felder: Wohlstand, Rente, Schere zwischen Arm und Reich, Migration, Biodiversität, Krieg und Frieden, Terrorismus, Cyberkriminalität, Seuchen, Wasserversorgung, Antibiotikaresistenzen, Hunger und Privatsphäre sind einige, aber nicht alle.

Das heißt, auch wer den Klimawandel nicht als das wichtigste Thema ansieht, kann an dem Projekt Verbesserung der Welt teilnehmen und kann auf einem der erwähnten Gebiete mitmachen und seinen Teil zum Ganzen beitragen, ohne sich oder andere in ideologische Diskussionen zu verwickeln. Diese Menschen sind in der Regel selbstbestimmt und kooperativ. Moden und die eine besondere Idee interessieren weniger, sie wollen die anderen nicht in ihr Lager ziehen sondern einfach das tun, was sie am besten können, weil sie glauben, so am besten der Menschheit helfen können, das Ziel, nämlich ein besseres Leben für alle, zu erreichen. Das kann auf verschiedenen Gebieten passieren.

Man kann selbstbewusst den Wert der eigenen Tätigkeit schätzen, vor allem irgendwann selbst gut einschätzen was man kann und gerne macht und das kann im Grunde alles mögliche sein. Das kommt nur denen in die Quere, die meinen, es müsse genau auf eine Art gehen und von der müssten alle überzeugt, zu der müssten alle erzogen oder gezwungen werden. Man ist jedoch in der Regel viel besser, wenn man etwas mit Spaß und echter Überzeugung tut.

Das gilt aber auch für all jene, denen das nicht unmittelbar klar ist, oder die ihre Interessen und Stärken gar nicht kennen. Aber gehen wir noch mal einen Schritt zurück. Gegen die eine Idee für alle spricht, dass da viel Potential verheizt wird, von Menschen, die an einer anderen Stelle viel besser aufgehoben wären. Die zweitbeste Lösung ist sie ihren Kompetenzen entsprechend zuzuordnen, aber die beste ist, wenn sie das selbst herausfinden. Deshalb ist es schön, wenn es immer mehr Menschen gibt, denen man nichts groß erklären muss, sondern die wissen, worum es geht und die das Klimathema als ein Blume in einem bunten Strauß sehen.

Klimagerecht leben und besser leben – Geht das überhaupt?

Es gibt diese seltsame Mischung aus der Lust an Verboten, unglücklichen Verzichts-Erzählungen, echten und auch absichtlichen Missverständnissen, die eine große Zahl von Menschen das Gefühl vermittelt, dass ein Leben, das sich auch um das Klima kümmert automatisch Einschränkungen und eine geminderte Lebensqualität nach sich ziehen würde. Aber wir wollen natürlich überleben, um zu leben und zwar in all seiner Fülle. Das muss nicht jeden Tag die krachende Party sein, aber Freude sollte das Leben schon machen.

Viele haben nicht die Angst, dass ihnen von ihrem finanziellen, kreativen, liebeserfüllten, spirituellen und vitalen Überfluss ein wenig genommen wird, sondern sie klammern sich voller Panik an den letzten Rest von dem einen Punkt, der ihnen da noch geblieben ist und wollen sich nicht auch noch das wegnehmen lassen.

Darum muss Klimaschutz ein Baustein in dem ernst gemeinten Konzept für ein besseres Leben sein und nicht umgekehrt das besser Leben ein flotter Marketing-Spruch, damit man sich Verzicht schön redet. Gar nicht so wenige Menschen haben das bereits verstanden und diese brauchen überhaupt keine Regeln mehr (mit denen man ihnen erklärt, was sie tun sollen), sie sind oft schon aktiv.

Warum sollte man, wenn man meint, dass Klimaschutz wichtig ist, nicht gut essen wollen? Feiern? Tanzen? Interessante Gespräche führen, Sex haben, Meditieren, die Welt erkunden, den Garten bearbeiten, Sport machen, Musik oder was auch immer? Warum sollte man nicht mobil sein wollen, gut wohnen und einer interessanten Tätigkeit nachgehen? Warum sollte man nicht auch beim Bemühen effektive Wege zum Klimaschutz zu finden viele verschiedene Projekte unterstützen und sei es nur in der Form, dass man empfindet, dass andere zwar einen völlig anderen Ansatz verfolgen, als man selbst, aber man dabei dennoch das gleiche Ziel vor Augen hat. Die Welt insgesamt verbessern, in einem kooperativen Wettstreit um die besten Idee und effektivsten Methoden.

Und was ist mit den Kritikern, die sagen, es könnte sein, dass es schon zu spät ist oder gar nicht in unserer Macht liegt? Nun, es könnte sein, ja, es könnte aber auch anders sein, dann wäre es dumm, es nicht wenigstens versucht zu haben, gerade, wenn es um sehr viel geht. Wenn man sich gerade nicht auf genau ein konkretes, wichtigstes Ziel einschießt, das auf genau eine Art gelöst werden muss, ist das ein sehr kreatives Spiel. Man kann das Gefühl haben, dass uns eine gemeinsame Idee verbindet und wenn es gut läuft auch das Vitalitätsgefühl mitnehmen, dass man etwas bewegen kann. Das ist sogar persönlich befriedigend, man darf sich als durchaus wichtigen Mitspieler begreifen und braucht dennoch das, was andere tun, nicht klein zu reden, denn auch der Straßenmusiker kann Teil einer besseren Welt sein.

Man kann die Rede davon, seinen Platz zu finden in doppelter Weise verstehen: Einmal in dem man einen schicksalhaft vorgesehenen Platz einnimmt, zum anderen, dass man den Platz findet, an dem man sein Potential unter den gegebenen Bedingungen am besten entfalten kann. In beiden Fällen hat man das wichtige Gefühl ein sinnvolles Leben zu führen. Von beiden Seiten sieht man sich wieder eingebunden in Regeln, die sich in diesem Fall intuitiv erschließen und die nicht als Einschränkungen erlebt werden.

Von hier aus kann man einen Blick zurück wagen und erkennen, dass natürlich jeder Mensch den Ort und die Art finden könnte und vielleicht sogar sollte, mit der er der Gemeinschaft gut dienen kann. Die besten Regeln, die wir ihnen geben können sind jene, die das für sie befriedigende mit dem verbindet, was der Gemeinschaft dient.

Es sind einfache Regeln, die für bestimmte Menschen, in einem spezifischen Lebensabschnitt passen.