Sexualisierte Gewalt entsteht häufig auch in Situationen, die sich einer eindeutigen Zuschreibung entziehen und nicht immer so klar zugeordnet werden können wie ein körperlicher Übergriff. Es gibt unzählige Formen davon. Ein bedrohliches Annähern. Abwertende sexualisierte Aussagen. Das digitale Verschicken pornografischer Inhalte ohne Einwilligung. Festhalten. Zum Sex drängen oder „überreden“. Weiter gehts mit sexueller Belästigung wie Witzen zum Körper oder Auftreten einer Person oder unerwünschten sexualisierten Blicken. Genauso wie eine Berührung im Vorbeigehen, die nicht zufällig ist. All das stellt einen „Angriff auf den persönlichen Schutzraum“ dar, wie das Bundesamt für Familie und zivigesellschaftliche Aufgaben erklärt. (Auf der Webseite zum Hilfetelefon befinden sich verschiedene Links, unter denen sich Betroffene – auch in verschiedenen Sprachen, in Gebärden- oder leichter Sprache – Hilfe holen können.)

Sexualisierte Gewalt: Problematische Dynamiken

Für Betroffene beginnt die eigentliche Dynamik oft nach dem Erleben von sexualisierter Gewalt: Das Bauchgefühl registriert eine Grenzverletzung, doch auf kognitiver Ebene wird das Erlebte nicht selten relativiert. Es entsteht eine innere Dissonanz zwischen Wahrnehmung und Einordnung. In dieser Grauzone tauchen Fragen auf wie: War das schon zu viel? Interpretiere ich da etwas hinein? Bin ich nicht locker genug? Verstärkt wird diese Verunsicherung durch Reaktionen von außen: „Stell dich nicht so an“, „War doch nur Spaß“. Man sei zu „übertrieben“, „empfindlich“ oder (oft im Falle von betroffenen Frauen) „zickig“ oder „eine Emanze“. Dadurch verschiebt sich der Fokus weg vom Verhalten der anderen Person hin zur eigenen Bewertung. So wird nicht das Geschehen infrage gestellt, sondern die eigene Wahrnehmung. Und genau das macht diese Form von Grenzüberschreitung so schwer greifbar: Sie bleibt oft unausgesprochen und wird nicht als das benannt, was sie war. Es braucht einen Wertewandel: einen, der betroffene Personen nicht länger verunglimpft und gleichzeitig das schädigende Verhalten der Ausübenden nicht relativiert. Was lange Zeit im gesellschaftlichen Zeitgeist als „normal“ galt – beispielsweise Catcalling oder anzügliche Kommentare – muss heute kritisch hinterfragt und neu eingeordnet werden. Ein solcher Wandel beginnt, sobald wir bereit sind, Gewohnheiten zu überprüfen, genauer hinzuschauen und Grenzen ernst zu nehmen.

Ausprägungen von sexualisierter Gewalt und Belästigung

Junge Frauen auf einer Demo

Frauen sind überproportional häufig von sexualisierter Gewalt betroffen – doch letztendlich kann sie alle Geschlechter betreffen. © Sascha Kohlmann under cc

Gemäß dem Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben definiert sich sexualisierte Gewalt wie folgt:

Unter sexualisierter Gewalt wird jegliche Form von Gewalt verstanden, die sich in sexuellen Übergriffen ausdrückt. Der Begriff „sexualisierte“ Gewalt macht deutlich, dass die sexuellen Handlungen als Mittel zum Zweck, also zur Ausübung von Macht und Gewalt, vorgenommen werden. Sexualisierte Gewalt findet deshalb oft in Abhängigkeitsverhältnissen statt.

zitiert nach Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben

Formen sexualisierter Gewalt und sexueller Belästigung sind u. a.:

Vergewaltigung und sexuelle Nötigung

Sexuelle Nötigung und Vergewaltigung beschreiben klare Formen sexualisierter Gewalt, bei denen die Grenze eindeutig überschritten wird. Dabei geht es nicht nur um offene Gewalt, sondern auch um subtileren Druck und Machtverhältnisse, die ein Nein erschweren oder unmöglich machen.

Folgendes Verhalten gehört zum Beispiel dazu:

  • sexuelle Handlungen gegen den Willen einer Person
  • Druck, Manipulation oder Drohungen, um sexuelle Handlungen zu erzwingen
  • das Ausnutzen von Abhängigkeiten, z. B. im Job, in Beziehungen oder durch ein institutionelles Machtgefälle (Übergriffe im Arbeitskontext; Missbrauch von Schutzbedürftigen etc.)
  • Drängen zum Sex in Beziehungen durch Übergehen des Neins und immer wieder Annäherung, um die Person zu „überreden“

Weitere körperliche Grenzüberschreitungen

Körperliche Grenzüberschreitungen betreffen den direkten Eingriff in den persönlichen Raum. Manchmal wirken sie wie beiläufig, doch die Wirkung bleibt klar. Dazu zählen beispielsweise:

  • Unerwünschte Berührungen (z. B. an Po, Brust oder Oberschenkel); „zufälliges“ Streifen oder bewusstes Zunahekommen
  • Festhalten oder Blockieren (sich vor der anderen Person aufbauen)

Digitale sexualisierte Gewalt

Digitale sexualisierte Gewalt verlagert Grenzüberschreitungen in den virtuellen Raum. Für die Betroffenen gibt es vergleichsweise wenig Handhabe, um dagegen vorzugehen. Eine gesetzliche Verbesserung zum Schließen der Lücke ist erforderlich. Zu digitaler sexualisierter Gewalt zählen:

  • Ungewolltes Zusenden von Nacktbildern („Dickpics“)
  • Weiterverbreiten intimer Bilder, Videos ohne Zustimmung
  • Deepfake-Pornografie (mittels KI-Erstellung)
  • Sexuelle Belästigung über persönliche Nachrichten oder Social Media

Die räumliche Distanz macht die sexuellen Übergriffe nicht harmloser: Auch diese Gewaltformen verletzen Grenzen und wirken – unter anderem wegen der Machtlosigkeit im digitalen Raum – nachhaltig schädigend.

Verbale und nonverbale Übergriffe

Verbale und nonverbale Übergriffe sind Formen von sexueller Belästigung, die im Alltag am ehesten bagatellisiert werden, gerade weil sie keine körperliche Grenze überschreiten. Dennoch greifen sie deutlich in den persönlichen Raum ein. Zum Beispiel zählen dazu:

  • Sexistische Kommentare oder anzügliche Anspielungen
  • Obszöne Witze
  • Unerwünschte sexuelle Fragen („Hattest du schon mal …?“)
  • Anzügliche Blicke („Ausziehen mit den Augen“)
  • Hinterherpfeifen oder eindeutige Gesten (u. a. Catcalling)
  • Das Zeigen pornografischer Inhalte ohne Einwilligung

Selbst ohne körperlichen Kontakt können solche Situationen übergriffig sein, weil sie Grenzen verschieben und das Gefühl von Sicherheit und Selbstbestimmung beeinträchtigen.

Auswirkungen von sexualisierter Gewalt bei Betroffenen

Das emotionale Erleben nach sexualisierter Gewalt ist individuell. Zugleich zeigen sich bei vielen Betroffenen ähnliche innere Zustände. Wie diese wahrgenommen und eingeordnet werden, hängt auch vom Kontext ab, beispielsweise davon, wie eindeutig die Situation war, in welchem Verhältnis die beteiligten Personen zueinander standen und ob Unterstützung im Umfeld vorhanden ist. Auch frühere Erfahrungen und das eigene Sicherheitsgefühl spielen eine Rolle dabei, wie intensiv und wie lange etwas nachwirkt.

Seelische Verarbeitung: selten linear

Mauer mit jungem Mädchen, gezeichnet

Zwischen Sichtbarkeit und Schweigen: Was unausgesprochen bleibt, wirkt oft am stärksten nach. ©
Josepha D…
under cc

Gemeinsam ist vielen Verläufen jedoch, dass die Verarbeitung selten linear erfolgt. Gefühle können sich verändern, zeitverzögert auftreten oder scheinbar widersprüchlich nebeneinander bestehen. Und eben das macht es für Betroffene so schwer, das eigene Erleben einzuordnen. Verschiedene Gefühle tauchen in Zusammenhang mit sexualisierter Gewalt in der Regel auf:

Angst – ein Nervensystem im Überlebensmodus

Angst ist oft eine der zentralen Reaktionen nach sexualisierter Gewalt. Sie kann konkret sein, z. B. als Angst vor der Person oder einer Wiederholung der Situation. Gleichzeitig tritt häufig eine diffuse Anspannung auf: ein anhaltendes Gefühl von erhöhter Wachsamkeit und dem Empfinden, nicht mehr sicher zu sein.

Diese Form von Angst ist eng mit dem Nervensystem verknüpft. Es bleibt in einem Alarmzustand, auch wenn die Situation vorbei ist. Bestimmte Orte, Blicke oder scheinbar neutrale Situationen können dann reichen, um das Gefühl erneut auszulösen. Es sind Trauma-Reaktionen auf eine Situation, in der man sich emotional überwältigt, bedroht und ausgeliefert gefühlt hat.

Manche Betroffene geraten in einen sogenannten Freeze-Zustand, in dem sie wie erstarrt sind. Weder Kopf noch Körper sind mehr handlungsfähig. In vielen Fällen kommt es zu Dissoziationen – also der Abspaltung von Gefühlen, Wahrnehmung, Verhalten, Erinnerungen oder dem eigenen Identitätsgefühl. Betroffene berichten dann von einer Art inneren Distanz zu sich, von Erinnerungslücken oder dem Eindruck, das Erlebte gehöre nicht wirklich zu ihnen. Dissoziationen sind als Schutzmechanismus des Nervensystems zu verstehen. Das Gehirn „schaltet sich ab“ oder blendet Dinge aus, um psychisch „überleben“ zu können.

Falsche Scham- und Schuldgefühle

Häufig stehen intensive Gefühle von Scham im Vordergrund, verbunden mit Gedanken wie „Ich habe etwas falsch gemacht“ oder „Warum habe ich es zugelassen/nichts unternommen?“ und dem Impuls, zu schweigen oder sich zurückzuziehen. Diese Scham richtet sich dabei nicht gegen das tatsächliche Geschehen, sondern gegen die eigene Person. Betroffene übernehmen innerlich die Verantwortung für etwas, das sie nicht verursacht haben.

Umso wichtiger ist es, diese Dynamik zu verstehen und die Perspektive zu verschieben: Nicht die betroffene Person muss sich hinterfragen, sondern die Person, welche die Grenze überschritten hat. Scham gehört nicht auf die Seite der Betroffenen. Sie gehört dorthin, wo die Verantwortung für das übergriffige Verhalten liegt.

Ekelgefühle

Hinzu kommen Gefühle von Ekel, die sich gegen Personen, den eigenen Körper oder bestimmte Erinnerungsfragmente richten können. Häufig sind es neben diesen Eindrücken auch Sinneseindrücke: Gerüche, Berührungen, körperliche Empfindungen oder bestimmte Situationen (oder sogar auch Strukturen), die plötzlich als unangenehm oder abstoßend erlebt werden.

Gerade nach sexualisierter Gewalt in der Kindheit kann dieser Ekel schwer einzuordnen sein. Betroffene wissen oft nicht, woher diese Reaktionen kommen. Es gibt kein direktes Erinnern, sondern eher diffuse Empfindungen oder körperliche Abwehrreaktionen. Bestimmte Reize wirken „falsch“ oder eklig, ohne dass sich sofort ein Zusammenhang herstellen lässt. Das verunsichert, ist jedoch erklärbar: Der Körper speichert Erfahrungen emotional, selbst wenn sie kognitiv nicht vollständig zugänglich sind. Ekel ist in diesem Sinne auch als ein Signal zu verstehen, das die eigene Person vor Unangenehmem bzw. Bedrohlichem schützen soll.

Ohnmachtserleben und Kontrollverlust

Viele Betroffene berichten von einem Gefühl der Ohnmacht, also dem Erleben, der Situation ausgeliefert gewesen zu sein und keinen Einfluss mehr gehabt zu haben. Im Nachhinein beginnen viele zu grübeln, ob und inwieweit sie etwas anders hätten machen können. So entstehen oft nachhaltige Erschütterungen im Vertrauen in die eigene Selbstwirksamkeit und Kontrollüberzeugung. Dieses Gefühl kann über den Moment hinaus bestehen bleiben und sich auch auf andere Lebensbereiche ausweiten, beispielsweise als Eindruck, dem eigenen Körper oder den eigenen Reaktionen nicht mehr vollständig vertrauen zu können. Situationen wirken schwer einschätzbar, das Gefühl von Sicherheit wird brüchig. Es kann zu Isolation und einem inneren Rückzug kommen.

Selbstzweifel, innere Leere und Wut

Neben Emotionen wie Traurigkeit und innerer Leere kann auch Wut auftreten (auf die übergriffige Person, aber auch auf sich selbst oder das Umfeld). Wut ist dabei keine „falsche“ oder überzogene Reaktion. Stattdessen stellt sie eine wichtige Schutzreaktion des Körpers dar. Sie signalisiert, dass eine Grenze überschritten wurde.

Gleichzeitig berichten viele Betroffene von Selbstzweifeln: „Übertreibe ich?“ oder „Bin ich zu empfindlich?“ So entsteht mitunter ein inneres Spannungsfeld: Während die Wut auf eine Grenzverletzung hinweist, untergraben Selbstzweifel genau dieses Signal. Die Verunsicherung erschwert es, der eigenen Wahrnehmung zu vertrauen.

Zudem belastend: Reaktionen im Umfeld

Zusätzlich belastend wirkt oft das Umfeld – vor allem dann, wenn Reaktionen ausbleiben oder das Erlebte nicht angemessen eingeordnet wird. Wenn Betroffene nicht ernst genommen werden, ihre Erfahrungen bagatellisiert werden oder es zu Täter-Opfer-Umkehr kommt, verstärkt sich eine ohnehin bestehende Verunsicherung. Die Aufmerksamkeit verschiebt sich erneut weg vom Geschehen hin zur eigenen Wahrnehmung: War es wirklich so schlimm? Habe ich überreagiert?

Auch Schweigen – ob im Umfeld oder aus Selbstschutz – trägt dazu bei, dass das Erlebte schwer greifbar bleibt. Es entsteht bei einigen Betroffenen ein Zustand, in dem die gemachte Erfahrung immer wieder relativiert wird.

Übergriffe und Gewalt: Was Betroffene tun können

Zuvorderst ist es eine gesellschaftliche Aufgabe, sexualisierte Gewalt zu verhindern: durch verschärfte gesetzliche Rahmenbedingungen, politische Verantwortung und ein aufmerksames Umfeld, das hinschaut statt wegzusehen. Den unmittelbaren Schaden trägt jedoch die betroffene Person. Wie Betroffene mit dem Erlebten umgehen, ist so individuell wie die Erfahrung selbst. Es gibt keinen „richtigen“ Weg der Auseinandersetzung mit dem Erlebten. Aber es gibt unterschiedliche Möglichkeiten, die eigene Wahrnehmung zu stabilisieren, wieder mehr Sicherheit zu gewinnen und schrittweise mit dem Geschehenen umzugehen.

Eine Anmerkung vorab: Die folgenden Hinweise können eine erste Orientierung bieten, ersetzen jedoch keine psychotherapeutische Unterstützung. Gerade nach belastenden Erfahrungen ist eine individuumszentrierte Einordnung durch qualifizierte Fachpersonen wichtig, da Reaktionen, Bedürfnisse und Verarbeitungsprozesse sehr unterschiedlich sind. Aus diesem Grund bleiben die Impulse hier bewusst allgemein gehalten – auch, um mögliche Retraumatisierungen zu vermeiden. Eine persönliche psychotherapeutische Begleitung ist unbedingt empfehlenswert, um das Erlebte in einem geschützten Rahmen aufzuarbeiten und passgenaue Strategien zu entwickeln.

Das Wichtigste zuerst: Du trägst keine Schuld

Mauer aus Ziegeln

Was verborgen bleibt, verschwindet nicht. © jafaralshamma under cc

Unabhängig davon, wie du in oder nach der Situation reagiert hast – auch dann, wenn dein Körper in einen Freeze-Zustand gegangen ist. Unabhängig davon, was du getragen hast, was du gesagt hast oder nicht sagen konntest. Die Verantwortung liegt nicht bei dir, sondern immer bei der Person, die deine Grenze überschritten hat. Punkt.

Reaktionen wie Erstarren sind elementare, automatische Schutzmechanismen des Nervensystems. Ähnlich wie der Totstellreflex bei Tieren kann auch der menschliche Körper in überwältigenden Situationen in einen Freeze-Zustand gehen – einen Zustand, in dem ein Reagieren kaum oder nicht mehr möglich ist. Auch ein angstbedingtes Unterordnen oder Nachgeben zählt dazu. Auch dieses Verhalten ist eine Schutzreaktion, die darauf abzielt, die Situation möglichst schnell zu entschärfen oder zu überstehen. Dieses Verständnis kann im Rückblick entlastend wirken. Es nimmt die Verantwortung von der eigenen Reaktion und verlagert sie dorthin, wo sie hingehört: weg von dir.

Eigene Wahrnehmung ernst nehmen

Wenn sich eine Situation für dich falsch angefühlt hat, ist das ein ernstzunehmendes Signal. Dein Empfinden ist ein Hinweis darauf, dass eine Grenze überschritten wurde, selbst dann, wenn es nach außen nicht eindeutig wirkt. Du musst nichts „beweisen“, um dein Erleben ernst nehmen zu dürfen. Es braucht keine zugewiesene Kategorie und auch keine Bestätigung von außen, damit deine Wahrnehmung gültig ist.
Vor allem in ambivalenten Situationen ist das Vertrauen in das eigene Gefühl bedeutsam. Es hilft bei der Orientierung: Wie hat es sich für mich angefühlt? Allein das zählt.

Scham durchbrechen

„Die Scham muss die Seite wechseln.“ Dieser Satz von der französischen Aktivistin Gisèle Pelicot zeigt, dass Scham in Zusammenhang mit dem Erleben von sexualisierter sowie jeglicher Form von Gewalt und Übergriffigkeit für die Betroffenen absolut unnötig ist. Scham führt häufig zu Rückzug und verstärkt das Schweigen. Über das Erlebte zu sprechen kann ein wichtiger Schritt sein, um die Scham zu lösen sowie Wahrnehmung und Werte zu stabilisieren.

Hilfreich wäre beispielsweise, sich einer vertrauten Person anzuvertrauen. Das sollte jemand sein, bei dem du dich sicher fühlst und ernst genommen wirst. Auch Hilfetelefone, Beratungsstellen oder Therapeut:innen bieten einen geschützten Rahmen, in dem das Erlebte besprochen werden kann. In dem Zusammenhang musst du nicht alles erzählen, wenn es dir unangenehm ist. Du bestimmst Tempo, Umfang und Zeitpunkt. Schon das vorsichtige Aussprechen einzelner Aspekte kann entlasten und helfen, die Erfahrung Schritt für Schritt greifbarer zu machen.

Grenzen (nachträglich) setzen

Auch im Nachhinein ist es möglich, Grenzen zu setzen. Unter Umständen kann es hilfreich für deine Aufarbeitung sein, das Erlebte klar zu benennen, mit einem Satz wie: „Das hättest du nicht tun sollen“ oder „Es war falsch, was du getan hast, und ich ziehe dich zur Verantwortung“. Zunächst ist es jedoch unabdingbar, die eigene Sicherheit in den Blick zu nehmen – innerlich wie äußerlich. Du musst dich zuallererst ausreichend schützen (dich und deine Kinder, falls vorhanden). Mögliche Schritte wären beispielsweise, den Kontakt auf einen öffentlichen, geschützten Raum zu reduzieren oder ganz abzubrechen. Rechtliche und institutionelle Schritte sind ebenfalls angeraten. Ausübende von Gewalt müssen zur Verantwortung gezogen werden. Und Betroffene holen sich so ein Stück weit ihr Kontrollgefühl zurück.

Eigene Sicherheit priorisieren

Die Dringlichkeit erfordert einen separaten Unterpunkt: Die eigene Sicherheit hat oberste Priorität. Damit zusammenhängend geht es darum, Situationen bewusst zu meiden, die sich unsicher anfühlen oder in denen Grenzen schwer gewahrt werden können. Neben der Möglichkeit rechtlicher Schritte gilt es, sonstige konkrete Vorkehrungen für die eigene Sicherheit zu treffen, wie zum Beispiel Notfallkontakte im Handy zu speichern und mit vertrauten Personen Absprachen zu treffen. Zudem können diese Strategien unterstützen: einen Ort bewusst zu verlassen, eine Begleitperson mitzunehmen oder sich im Vorfeld zu überlegen, wie man in bestimmten Situationen reagieren möchte. Solche vorbereiteten Handlungsmöglichkeiten tragen dazu bei, ein Gefühl von Sicherheit und Selbstbestimmung zurückzugewinnen.

Körper beruhigen

Nach belastenden Erfahrungen wird häufig dazu geraten, das Nervensystem bewusst zu regulieren, zum Beispiel durch Bewegung, Orientierung im Raum oder das gezielte Spüren von Halt (z. B. durch Druck, Auflegen der Hände oder festen Bodenkontakt). Auch ruhige Atmung kann unterstützend wirken, beispielsweise durch ein ruhiges, tiefes Ein- und verlängertes Ausatmen. Gleichzeitig ist es wichtig zu beachten: Nicht jede Methode passt in jedem Moment und auf jeden Menschen. So kann bei starker innerer Anspannung oder Dissoziationen eine bewusste Atemfokussierung auch als unangenehm oder kontraindiziert erlebt werden. Entscheidend ist daher, eine professionelle, individuell zugeschnittene Hilfe in Anspruch zu nehmen, auf die eigenen Reaktionen zu achten und das zu wählen, was sich stabilisierend anfühlt.

Sich Zeit geben

Sich Zeit geben, ist ein unbedingt beachtenswerter Punkt. Wie gesagt, die Verarbeitung verläuft selten geradlinig. Sie geschieht in Phasen, mit Fortschritten, Rückschritten, kognitiven Ausblendungen zum Schutz und Plateaus, in denen scheinbar keine Verbesserung zu spüren ist. Gefühle können sich verändern, plötzlich wieder auftauchen oder erst zeitverzögert spürbar werden. Dieses Auf und Ab mag zwar verunsichern, aber es steht nicht dafür, dass „etwas falsch läuft“. Jeder Mensch hat sein eigenes Tempo und jenes darf sich auch verändern. Bei erlebter sexualisierter Gewalt oder anderen Formen von Gewalt, Missbrauch und Belästigung darfst du dich nicht unter Druck setzen, „schnell wieder funktionieren“ zu müssen. Du musst nicht immer stark sein. Du solltest dich nicht schuldig oder beschämt fühlen. Merke dir eines: Sobald die Wahrheit das Bild von einem Menschen oder einer Beziehung erschüttert, liegt das Problem nicht darin, dass sie ausgesprochen wurde. Sondern immer im Verhalten, das sie sichtbar macht. – Deine Aufarbeitung ist ein Prozess, der sich entwickelt und reifen muss. Es ist schlimm, was dir passiert ist und vielen anderen Menschen tagtäglich passiert. Gehe wohlwollend und nachsichtig mit dir um. Du bist nicht allein. Von Herzen viel Kraft für dich!

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