Beides nicht zu unterschätzen: Der Anführer und die Masse, die er braucht

Anführer und Gefolgschaft bilden eine psychodynamische Einheit, deren Verhältnis nicht das einer Einbahnstraße ist. © clibou under cc

Vamik Volkan, Psychiater und Psychoanalytiker, sowie namhafter Friedens- und Konfliktforscher, schreibt zur Rolle des Anführers und seiner psychischen Disposition:

“Ein Grund, warum in Geschichts- und Politikwissenschaften die Persönlichkeit eines politischen Führers in ihrer Bedeutung unterschätzt wird – während es innerhalb der Bevölkerung durchaus ein Interesse dafür gibt – mag an der Dominanz sogenannter “rationaler Handlungsmodelle” in der Innen- und Außenpolitik liegen […], die die Entscheidungsfindung eines Politikers nur von logischen Überlegungen und unabhängig von psychologischen Faktoren geleitet sehen. Ursprünglich geht diese Vorstellung auf August L. von Rochaus (1835) Konzept der “Realpolitik” zurück. Es waren immer rationale Handlungsmodelle, die unter den verschiedensten Bezeichnungen das politische Denken des 20. Jahrhunderts, insbesondere jedoch die heiße Phase des Kalten Kriegs geprägt haben und die nach wie vor darüber entscheiden, wie wir das Verhältnis verfeindeter Gruppen sowie die Beziehungen zwischen Großgruppen und ihren Führern analysieren. Neben einer Reihe von Arbeitshypothesen basieren diese Modelle auf einer rationalen Kosten-Nutzen-Rechnung.

Politische Entscheidungen und Propaganda in Innen- und Außenpolitik gehen natürlich mit der rationalen Verarbeitung einer Fülle von Daten und Informationen einher – dazu zählt auch, was auf Seiten des politischen Führers als nationales Interesse oder Wille des Volkes dient, wie das Bild äußerer Feinde gezeichnet wird und mit welchen innenpolitischen Opposition er es zu tun hat. In der Tat mag es zahlreiche Situationen geben, in denen sich angesichts kaum vorhandener Alternativen und einer genau umrissenen Datenlage die vorhandenen Probleme ohne störenden Einfluss psychologischer Faktoren lösen lassen. Die innere Ausgeglichenheit des Entscheidungsträgers kann rationale Handlungsmodelle als Erklärung für die jeweils getroffenen Entscheidungen als ausreichend erscheinen lassen, sodass wenig Anlass besteht, nach verborgenen psychologischen Variablen zu suchen. Müssen politische Entscheidungen jedoch unter besonders komplexen und stressreichen Bedingungen für den Führer oder seine (d.h. nationale, ethnische) Großgruppe getroffen werden, greifen rationale Handlungsmodelle als befriedigende Erklärungskonzepte oftmals zu kurz. In diesen Fällen kann die Persönlichkeit bzw. Persönlichkeitsorganisation des politischen Führers ausschlaggebend dafür sein, inwieweit bestimmte politische oder diplomatische Entwicklungen in Gang gesetzt oder aber gestoppt werden.”[3]

Das ist der eine Aspekt. Der andere stammt von Gunnar Heinsohn, der unter anderem Wirtschaftswissenschaftler, Gewaltforscher und Sozialpädagoge ist und auf die Kurzformel zusammengefasst werden kann, dass noch der schlimmste Hetzer die Masse braucht, die ihm folgt und die auch (Thema des Youth Bulge) entsprechen jung und groß sein muss, bezogen auf den Anteil an der Gesamtbevölkerung. Die hormonell nervösen jungen Männer sind eher bereit bei einer Regression ihre Aggressionen in Form von Gewalt zu agieren, als alte Bevölkerungen, wie etwa unsere. Zwischen 15 und 29 Jahren soll sich der bedrohliche Wert befinden.

Was macht Menschen zu guten Anführern?

Otto Kernberg führt fünf Faktoren an: 1. Intelligenz. 2. Aufrichtigkeit und Unbestechlichkeit. 3. Die Fähigkeit zur Herstellung und Aufrechterhaltung von Objektbeziehungen. 4. Ein gesunder Narzissmus. 5 Eine gesunde paranoide Einstellung.[4]

Gerade die letzten beiden Punkte mögen überraschen, denn Narzissmus und Paranoia klingen für unsere Ohren schnell pathologisch. Dass es auch eine gesunde Variante von ihnen gibt, ist oft nicht klar. Kurz gesagt, ist gesunder Narzissmus die Fähigkeit zu einer Selbstliebe, die den Führer in die Lage versetzt vom Lob der anderen nicht übermäßig abhängig zu sein. Eine gesunde paranoide Einstellung schützt den Anführer davor, verschlafen und naiv zersetzende Bewegungen und Intrigen zu verkennen.

Auch wenn ein Anführer diese Eigenschaften mitbringt, ist er ständig in der Gefahr, dass vor allem die letztgenannten Aspekte aus der Balance geraten und ein Pol den anderen überragt. Es kann sein, dass im Anführer selbst ein Ungleichgewicht dieser Kräfte vorhanden ist und er etwas zu narzisstisch oder paranoid daher kommt. Es kann aber auch sein, dass aus diversen Gründen die Stimmung und Psychodynamik der Anhängerschaft sich ändert. Man darf diesen relevanten Punkt nicht verkennen.

Ein Anführer muss es aushalten, nicht von allen gemocht zu werden, was schwieriger ist, als man denkt. Er muss sogar die Fähigkeit besitzen ein wenig Angst auslösen zu können, ohne es sadistisch zu genießen, ein Tyrann zu sein. Mit anderen Worten, sollte ein Anführer die Fähigkeit haben, ausgewogen und besonnen, auch unpopuläre Maßnahmen, die nicht auf Zustimmung von allen stoßen, treffen zu können, ohne dabei einem Egotrip zu folgen und zu zu glauben, alles besser zu wissen. In dem Fall sammelt er nur Ja-Sager um sich und schafft sich seine eigene Blase, eine Gefahr vor allem des narzisstischen Anführers, der Widerspruch und konstruktive Kritik nicht verarbeiten und ertragen kann.

Ein Chef, vielleicht mehr noch ein politischer Anführer muss sicher ein Stück weit narzisstisch sein, vielleicht sogar übertrieben, damit er die Position der Nummer 1 ausreichend genießen kann, wie Volkan in seinem oben zitierten Text weiter ausführt. Der Narzissmus kann seiner Meinung nach in Charisma transformiert werden, diese so schillernde Eigenschaft die Stimmung des Volkes oder der Gesellschaft aufzunehmen und in öffentlichen Auftritten zu treffen und die persönliche Aura, irgendwie faszinierend zu wirken. Der charismatische Führer kann viel Gutes bewirken, aber Volkan skizziert die Ambivanlenz, wenn er warnt:

“Er kann jedoch auch Schreckliches in Gang setzen, insbesondere wenn sich die Großgruppe der der politische Führer angehört, in einem Zustand der Regression befindet und Vergeltung als rechtmäßige Reaktion auf aktuell erlittene Traumata und/oder gewählte Traumata ansieht. Wenn ein narzisstischer Führer ein gewähltes Trauma reaktiviert und schürt und eine Atmosphäre der Viktimisierung schafft, in der es zum Zeitkollaps kommt, sollte die Möglichkeit einer destruktiven Entwicklung in Betracht gezogen werden. Wenn sich innerhalb einer Großgruppe ein allgemeines Gefühl von Opfertum breit macht, kann der Wunsch nach Vergeltung entstehen. Es ist sehr zweifelhaft, dass ein zukünftiger politischer Führer eine Psychoanalyse machen wird, bevor er an die Macht kommt. Auf der anderen Seite sollte Psychoanalytiker, die politische Prozesse und die Interaktion zwischen Führern und ihren Anhängern ernsthaft beobachten und untersuchen, auf die Gefahrensignale hinweisen, die destruktive narzisstische Führer erkennen lassen.”[5]

Das Gleichgewicht zwischen den Teilen der Gesellschaft, in der Psychodynamik zwischen Anführer und Gesellschaft, aber auch in der Psyche des Anführers geht immer wieder mal verloren und das ist kein größeres Problem, solange er oder sie über die Fähigkeit verfügt, dieses Gleichgewicht zwischen narzisstischen und paranoiden Anteilen wieder herzustellen. Gelingt es ihm nicht, entsteht die Gefahr einer Regression der Gesellschaft.

Regressionen sind – und so sind sie ja auch definiert – ein Zurückfallen auf eine Stufe der moralischen Kindheit. Im Grunde also eine ebenfalls stufenweise Umkehr der normalgesunden Entwicklung des Kindes. Gute Anführer sollten bestrebt sein Regressionen in der Gesellschaft zu vermeiden, sie aber mindestens auf die Regression der ersten, gutartig narzisstischen Stufe zu beschränken. Das ist aber bereits ein Ritt auf der Rasierklinge, wie wir erkennen können, wenn wir unsere eigene, vor allem westdeutsche Vergangenheit reflektierend anschauen.

Wir haben bereits öfter ausgeführt, dass die Menschen in den 1970ern bis Ende der 80er innerlich von einem Fortschrittsoptimismus durchdrungen waren, der äußerlich gar nicht formuliert werden musste. Dass die nächste Generation es mal besser haben würde, schien gesetzt, dies war das stille aber kräftige Band, was die Gesellschaft zusammenhielt. Nach der Umstellung auf den Euro habe ich zum ersten mal bewusst wahrgenommen, dass das stille Grundgefühl, dass es demnächst allen besser gehen wird, kollektiv gewichen ist und uns statt dessen erklärt wurde, wohl weil uns erklärt werden musste, dass es uns so gut wie nie zuvor geht. Wer sich allerdings wirklich gut fühlt, den muss man davon nicht erst mit viel Aufwand überzeugen. Man merkt das gewöhnlich selbst und wer das nicht merkt, dem geht es eben nicht gut.

Das, wenn auch stille, so doch gemeinsame Ziel einer erreichbaren besseren Welt ist uns abhanden gekommen und ich führte aus, worin die Gefahr liegt, wenn Ziele abhanden kommen. Die Orientierung geht verloren und die Gefahr einer Regression, wächst und nach meiner Beobachtung sind wir seit Jahrzehnten inmitten einer Regression.

Macht Angst die Menschen gefügig?

Macht Angst die Menschen gefügig? Ein klein wenig ja, wir sahen, dass eine guter Anführer auch in der Lage sein muss Angst auszulösen, was nichts anderes heißt, als dass er nicht um jeden Preis geliebt werden will. Kann man dem Anführer ungestraft auf der Nase herum tanzen, so verliert er seine Autorität. Straft er willkürlich und exzessiv, so löst er Regressionen in der Gruppe aus, auf die ich oben ausführlicher einging. Letztlich müssen Sanktionen von den meisten rational nachvollzogen werden können.

Das wiederum hängt auch von dem Zustand breiter Teile des Bevölkerung zusammen. Auch dieses Gleichgewicht ist dynamisch, was heißt, dass es ständig und immer wieder aus der Balance gerät. Das allein ist also nicht schlimm, das kennt man aus der eigenen Partnerschaft, entscheidend ist auch hier, ob und dass ein neues Gleichgewicht justiert werden kann.

Die Machtverhältnisse von Führung und Gefolgschaft sind weniger asymmetrisch verteilt, als man meint. Ob Angestellte oder Bürger eines Staates, sie können sich komplett verweigern, in dem sie innerlich kündigen, was in beiden Fällen heißt, man funktioniert nur noch im Modus ‘Dienst nach Vorschrift’, hält innerlich den Mittelfinger hoch und tut keinen Deut mehr als man muss. Ob Staat oder Firma, beide sind vom freiwilligen Engagement ihrer Bürger und Mitglieder – etwas mehr zu tun als nötig – abhängig, sonst läuft schnell gar nichts mehr.

Die Führung kann darauf exzessiv reagieren und zum paranoiden Terror- und Überwachungsstaat werden, aber das fördert nur die Regression und das sind keine Staaten in denen man freiwillig leben möchte. Dann regiert sie durch Terror und Angst, zerstört sich dabei aber oft selbst. Freie Staaten wählen ihre Anführer selbst, es kann dabei durchaus vorkommen, dass sie solche wählen, die die Möglichkeit freier Wahlen einschränken bis abschaffen.

Angst vor realistischen Folgen aufzuzeigen, ist ein Instrument auch gesunder Formen der Macht. Die Angstmacherei aber zu sehr zu nutzen oder zu strapazieren, ist ein Spiel mit dem Feuer, zumal in einer Gesellschaft in der Regression. Regressionen der Masse und Gruppen sind eine reale und große Gefahr für die Gesellschaft, damit sollte man nicht spielen, zumal man diese Prozesse keineswegs so gut kontrollieren kann, wie man meint. Es muss verstanden werden, dass gute Erklärungen die eine Seite der Medaille sind, gut geeignet, für die differenzierten und weniger der Regression unterworfenen Teile der Bevölkerung. Man darf bei all dem aber nicht verkennen, dass Teile der Bevölkerung Argumenten und rationalen Erklärungen gar nicht mehr zugänglich sind oder sie in pseudorationaler, letztlich aber paranoider Weise (eine fortgeschrittene Form der Regression), jede Kritik und Erklärung gleich gut finden, weil die Prämissen in einer Regression fest stehen und die Begründungen gesucht werden. Anders als in der Wissenschaft, wo – idealerweise – die Prämissen oder Hypothesen einer Prüfung unterzogen werden.

Die Appelle an uns alle, die man in jüngster Zeit hört, sind an sich nicht falsch, weil sie an den mündigen Bürger appellieren. Wenn dies nur machtstrategisch gemeint ist, aber nicht ernst, wird auch das bemerkt werden und die Spaltung des Landes und die Sprachlosigkeit zwischen einzelnen Gruppen wird noch größer werden. Die Regressionen der Masse und Gruppen werden dann effektiv gestoppt, wenn das erwachsene Individuum angesprochen und tatsächlich strategisch und nicht nur im taktischen Bedarfsfall gefördert wird. Man darf nicht nur so tun, als ob man dann und wann mal den Bürger ernst nimmt und den mündigen Bürger will. Eine Gesellschaft besteht nicht aus zu lobenden und zu strafenden Kindern, eine Infantilisierung der Bevölkerung ist dasselbe wie ein regredierte Bevölkerung, es geht um Kooperation auf Augenhöhe, da die zu stemmenden Krisen in der nächsten Zeit nicht weniger werden.

Quellen