Eine falsche Entschuldigung kann mitunter sogar einsichtig klingen, dennoch hinterlässt sie bei uns ein ungutes Bauchgefühl. Psychologisch betrachtet ist das kein Zufall. Falsche Entschuldigungen wie „Tut mir leid, dass du dich so fühlst“ dienen nie dazu, Verantwortung zu übernehmen oder tatsächliche Einsicht zu zeigen. Eigentlich ist es eher so, dass sie die Schuld abwehren und ein unangenehmes Gespräch möglichst schnell beenden sollen. Fake-Entschuldigungen wirken nach außen hin freundlich und manchmal auch bedächtig, erkennen jedoch das eigene unschöne Verhalten in seiner schadhaften Konsequenz nicht an.
In diesem Artikel geht es um typische Sätze, die wie Entschuldigungen klingen, aber keine sind.
Falsche Entschuldigung: Was macht Verantwortung aus?
Vorab sollte eines klargestellt werden: Nicht jede verletzende Situation entsteht aus böser Absicht. Die meisten Missverständnisse, Grenzverletzungen oder unbedachten Reaktionen passieren im Alltag oft aus Stress, Überforderung oder Unsicherheit heraus. Entscheidend für die Beziehungssicherheit ist daher nicht, ob Fehler passieren, sondern wie mit ihnen umgegangen wird. Und dazu gehört auch die ehrliche Einsicht, dass vermutlich jede/r von uns schon einmal zu einer Entschuldigung gegriffen hat, die mehr ausweichend als wirklich ein Schuldeingeständnis sein sollte.
Ausschlaggebend ist also nicht der einzelne Satz, sondern das Muster: ob es bei vereinzelten, unbeholfenen Entschuldigungen bleibt, aus denen später eine wahrhafte Einsicht entstehen kann, oder ob sich falsche Entschuldigungen wiederholen, um die Verantwortung dauerhaft zu vermeiden. Fakt ist: Wo Einsicht vorhanden ist, verändert sich auch das Verhalten. Wo sie fehlt, bleiben die vermeintlich einsichtigen Worte folgenlos. Wiederholte falsche Entschuldigungen sind deshalb kein Missverständnis mehr, sondern ein Beziehungsstil beziehungsweise eine Charakterfrage. Sie verhindern die letztendliche Klärung, untergraben das Vertrauen und machen eine Beziehung zunehmend unsicher.
Welche falschen Entschuldigungen gibt es?
1. Gaslighting bei Entschuldigungen

Falsche Entschuldigung: Wenn „Sorry“ draufsteht, aber Verantwortung außer Betrieb ist. © Ed Schipul under cc
Manche Entschuldigungen lenken den Fokus geschickt weg vom eigenen Verhalten. Die Verantwortung wandert von der Handlung zur Reaktion des Gegenübers. Typische Sätze sind:
- „Tut mir leid, dass dich das so aufregt.“
- „Ich merke, dass das bei dir etwas ausgelöst hat – das war nicht die Intention.“
- „Sorry, dass du dich so verletzt fühlst.“
- „Meine Worte wurden anscheinend anders gelesen.“
- „Offenbar gab es da ein Missverständnis in der Wahrnehmung.“
- „Wenn das bei dir so rüberkam, tut mir das leid.“
- „Dann ist meine Aussage offenbar anders angekommen, als sie gemeint war.“
Gaslighting bei Entschuldigung: Was psychologisch dahintersteckt
Wenn selbst die Entschuldigung zum Gaslighting wird, dann steht dahinter ganz klar eine Manipulation. In dem Fall wird nicht das eigene Tun reflektiert, sondern deine emotionale Reaktion problematisiert. Der implizite Subtext lautet: Dein Erleben ist das eigentliche Problem. Das wirkt oft subtil abwertend, selbst wenn es höflich formuliert ist. Unausgesprochen heißt es: „Nicht mein Verhalten war problematisch – sondern deine Gefühle dazu.“
Wie auf Gaslighting nach Streit reagieren?
Läuft eine falsche Entschuldigung auf Gaslighting hinaus, könntest du beispielsweise so reagieren:
- „Ich brauche keine Entschuldigung für meine Gefühle, aber für das, was passiert ist.“
- „Es geht jetzt nicht um meine Reaktion, viel eher um den Auslöser.“
- „Ob du es wolltest oder nicht: Es hat verletzt. Darüber sprechen wir.“
Eine ernstgemeinte Entschuldigung benennt das eigene Verhalten und nicht die emotionale Reaktion des Gegenübers.
2. Schuldumkehr bei falscher Entschuldigung
Bei einer falschen Entschuldigung mit Schuldumkehr wird die Entschuldigung an eine Bedingung geknüpft. Die Verantwortung wird nicht übernommen, sie wird verschoben oder komplett abgewehrt. Typische Sätze sind:
- „Entschuldigung, aber du hast mich auch provoziert.“
- „Entschuldigung, du hast mich eben getriggert.“
- „Sorry, du weißt doch, wie sensibel ich darauf reagiere.“
- „Tut mir leid, das war keine Einbahnstraße. Dazu gehören immer zwei.“
- „Du weißt doch, wie ich bin.“
- „Sorry, aber immerhin habe ich nicht so wie du …“
- „Entschuldigung, aber du bist ja auch nicht fehlerfrei.“
Bei all diesen Beispielsätzen wird Verantwortung mit Aufrechnung verwechselt. Anstatt das aktuelle Thema zu besprechen, wird versucht, ein moralisches Gleichgewicht herzustellen. Frei nach dem Motto: Wenn wir beide Fehler haben, schulde ich niemandem etwas.
Die Psychologie hinter Schuldumkehr
Psychologisch sachlich betrachtet handelt es sich bei der Schuldumkehr um eine Abwehrstrategie, bei der das eigene Verhalten als bloße Reaktion auf das Verhalten des Gegenübers dargestellt wird. Auf diese Weise soll der Selbstwert geschützt werden: Man habe ja lediglich reagiert, beide hätten sich emotional „aufgeschaukelt“. Die implizite Botschaft lautet: Ich hätte mich anders verhalten, wenn du dich anders verhalten hättest.
Dabei ist es wichtig, eines klar zu unterscheiden: Natürlich gehören zu einem Streit immer zwei Menschen. Konflikte entstehen in Wechselwirkung. Das bedeutet jedoch nicht, dass Anteile automatisch gleich verteilt sind. Gerade in destruktiven Beziehungen – insbesondere dort, wo Abwertung, Schuldverschiebung oder Machtungleichgewichte eine Rolle spielen – können die Verantwortungsanteile erheblich variieren. Wer wiederholt abwertend, verletzend oder allgemein grenzüberschreitend handelt, trägt dafür auch dann Verantwortung, wenn es zuvor Spannungen oder Auslöser gab.
Durch Schuldumkehr gerät die verletzte Person in eine Verteidigungsposition und soll sich nun erklären, relativieren oder sogar entschuldigen, obwohl sie ursprünglich diejenige war, die verletzt wurde. Das verzerrt Ursache und Wirkung.
Schuldumkehr erzeugt Verwirrung, Selbstzweifel und ein diffuses Schuldgefühl: Habe ich wirklich überreagiert? War ich zu sensibel? Habe ich es provoziert? In Beziehungen – ob privat oder beruflich – ist diese Form der „Entschuldigung“ besonders destruktiv. Sie schützt das Selbstbild der manipulativen Person, auf Kosten der emotionalen Sicherheit des Gegenübers.
Spezialfall: Ausweichen und Täter-Opfer-Umkehr
Diese Form der Entschuldigung kombiniert gezielte Unklarheit mit Selbstviktimisierung. Das eigene Verhalten wird weiterhin nicht konkret benannt, stattdessen bleibt die Person bewusst allgemein, weicht aus – und rückt zugleich das eigene Leiden in den Vordergrund. Es wird darüber gesprochen, wie schwer die Situation gewesen sei, wie sehr man selbst angegriffen, missverstanden oder belastet wurde. Dadurch verschiebt sich die Rollenverteilung: Die Person, die verletzt hat, inszeniert sich als Betroffene. Psychologisch handelt es sich um eine Abwehrstrategie, die Verantwortung vermeidet, indem sie Mitgefühl erzeugt. Die Schuld wird abgewehrt, indem man sich selbst zum Opfer macht.
Wie auf Schuldumkehr reagieren?
Auf die Schuldumkehr bei falschen Entschuldigungen solltest du reagieren, ohne in Rechtfertigungen oder Gegenangriffe zu rutschen. Entscheidend ist, die Verantwortung dort zu belassen, wo sie hingehört, also den Fokus von den angeblichen Auslösern oder „Dynamiken“ zurück auf die konkrete Handlung zu lenken. Schließlich bleibt unabhängig von den Umständen verletzendes Verhalten eine Entscheidung des praktizierenden Menschen. Mögliche Reaktionen darauf wären:
- „Du erklärst gerade, warum es passiert ist – aber nicht, wofür du Verantwortung übernimmst.“
- „Sobald ein Aber kommt, fühlt es sich für mich nicht mehr wie eine Entschuldigung an.“
- „Unabhängig von der Situation: Das, was du gesagt/getan hast, war verletzend.“
- „Deine Reaktion war eine Entscheidung – darüber rede ich.“
- „Ich übernehme Verantwortung für meinen Ton, jedoch nicht für deine Grenzüberschreitung.“
- „Das reicht mir gerade nicht als Entschuldigung.“
- „Lass uns bitte bei dem aktuellen Punkt bleiben.“
3. Entschuldigung wird relativiert

Der Verstand hört ein „Sorry“, doch ein ungutes Gefühl bleibt zurück. © Ed Schipul under cc
Eine falsche Entschuldigung wird abgeschwächt, erklärt oder relativiert. Im Prinzip wird die Entschuldigung gesetzt und im gleichen Moment wieder zurückgenommen. Typische Sätze bei dieser Form einer unehrlichen Entschuldigung sind:
- „Tut mir leid, ich habe nur ehrlich gesagt, was ich denke.“
- „Tut mir leid, aber ich musste so reagieren.“
- „Tut mir leid, ich sage Dinge lieber offen als hintenrum.“
- „Entschuldigung, man wird ja wohl noch sagen dürfen, was man denkt.“
Unausgesprochen heißt das: „Ich sage ‚sorry‘, aber eigentlich sehe ich mich nicht wirklich in der Verantwortung.“
Was psychologisch hinter Relativierung steckt
Relativierungen dienen der Selbstentlastung. Sie sollen das Selbstbild schützen. Nach dem Motto: Ich bin kein Mensch, der etwas falsch macht. Ich werde höchstens missverstanden.
Was du bei Relativierungen entgegnen kannst
Sobald eine Entschuldigung eine Hintertür hat, ist sie keine mehr. Das könntest du bei einer falschen Entschuldigung mit Relativierung entgegnen:
- „Das relativiert gerade, was du getan hast.“
- „Ehrlichkeit rechtfertigt keine Verletzung.“
- „Deine Absicht ändert nichts an der Wirkung.“
4. Die emotionale Überwältigung
Manche Menschen reagieren auf Kritik oder auf geäußerte Verletztheit nicht mit offener Abwehr, sondern mit massiver Selbstabwertung. Auf den ersten Blick wirkt das reuig oder einsichtig, aber dadurch verschiebt sich eben auch die Rollenverteilung: Die ursprünglich verletzte Person rutscht in eine tröstende oder beruhigende Position. Beispielsätze einer solchen emotionalen Überwältigung sind:
- „Ich bin furchtbar, ich mache alles kaputt.“
- „Ich hasse mich dafür.“
Aber: Auslöser dahinter beachten!
Unbedingt zu beachten bei einer emotionalen Überwältigungsreaktion im Rahmen einer Entschuldigung ist Folgendes(!): Was ist der Auslöser hinter dieser Selbstabwertung? Manche Menschen reagieren auf Konflikte instinktiv mit Selbstabwertung, weil sie es aus der Kindheit nicht anders kennen. Aus einer biografischen Erfahrung heraus reagieren sie fatalistisch, beschämt oder überangepasst. Die Selbstabwertung dient hier nicht der Manipulation, sondern sie ist Ausdruck tiefer Selbstzweifel und eines Gefühls von „Nicht angenommen werden“. Der Ton bei solchen Sätzen ist eher verzweifelt und resigniert.
Dagegen setzen andere Menschen Selbstabwertung gezielt ein. Sie nutzen sie als indirekte Form der Abwehr, um Schuldgefühle beim Gegenüber auszulösen. Der Ton ist oft dramatisierend, überzogen oder wirkt ein bisschen strategisch platziert. Menschen, die sich dieser Manipulationsstrategie bedienen, erhoffen sich (bewusst oder unbewusst), dass der andere Mensch tröstend einlenkt: „So schlimm ist es doch gar nicht. Und du hast ja auch extra gesagt, dass du es nicht so meinst …“ Im Prinzip übernimmt die verletzte Person die Verteidigung für das Verhalten der verletzenden Person.
Ergo: Nicht der Inhalt ist bei dieser Form der falschen Entschuldigung entscheidend, sondern der Ton.
Wie du auf emotionale Überwältigung reagieren kannst
Zeigt dein Gegenüber nach seinem verletzenden Verhalten emotionale Überwältigung, nachdem du die Person darauf angesprochen hast, ist selbstredend Feingefühl erforderlich. Schließlich möchten wir selbst niemanden verletzen, gerade wenn derjenige tatsächlich verzweifelt ist. Folgende Sätze könntest du sagen:
- “Mach dich bitte nicht so runter. Ich greife nicht dich als Person an, sondern ich beziehe mich lediglich auf dieses Verhalten.“
- „Ich sehe deine Gefühle – und gleichzeitig möchte ich gehört werden.“
5. Vorschnelles Abhaken

Worte fallen, aber du fühlst dich trotzdem allein. © Ed Schipul under cc
Beim vorschnellen Abhaken als einer Form der nicht echten Entschuldigung wird das Gespräch schlichtweg beendet. Zumindest ist jenes das Ziel. Das Thema soll verschwinden, bevor es wirklich bearbeitet wird. Typische Sätze in dem Zusammenhang sind:
- „Können wir das nicht einfach hinter uns lassen?“
- „Ich habe mich doch entschuldigt.“
- „Warum kommst du da schon wieder drauf?“
Auch hier sollte natürlich wieder auf die Gewichtung geachtet werden. Kommt das Thema tatsächlich immer wieder auf den Tisch, obwohl schon vielfach darüber gesprochen wurde? Oder fallen die Sätze unmittelbar nach dem Streit? Letzteres meint ein „vorschnelles“ Abhaken.
Die Psychologie hinter dem Übergehen
Die unangenehmen Gefühle sollen durch das Übergehen deiner Einwände möglichst schnell beendet werden. Nach dem Motto: Oh, da bin ich wohl zu weit gegangen, aber lass uns das schnell vergessen. So schlimm ist es doch nicht.
Mögliche Reaktionen auf dieses Übergehen
Möchte dein Gegenüber seine verletzende Grenzüberschreitung schnell vergessen, kannst du die Person mit diesen Sätzen zügeln und an ihre Verantwortung erinnern:
- „Ehrlich gesagt, bin ich innerlich noch nicht fertig damit.“
- „Ich habe zwar deine Worte gehört, aber keine echte Wiedergutmachung gespürt. Lass uns da nicht so drüber hinweggehen, sonst könnte es weiterhin zwischen uns stehen.“
- „Es kommt immer wieder hoch, weil es noch nicht gelöst wurde. Wir müssen darüber reden.“
Man kann problematisches Verhalten, das zu seelischen Verletzungen geführt hat, nur dann loslassen, wenn es durch eine ehrliche Entschuldigung ausgeglichen wurde. Übergeht man destruktive Verhaltensweisen und kehrt sie unter den Teppich, bleiben sie bestehen und die Verletzungen kehren immer wieder an die Oberfläche zurück.
Echte Entschuldigungen entlasten
Zwangsläufig kommt die Frage auf: Wie entschuldigt man sich richtig? Denn vermutlich wird sich jede/r von uns bei dem einen oder anderen Satz ertappt gefühlt haben und denken: Ja, das habe ich auch schon (so oder so ähnlich) gesagt. Auch diesbezüglich gibt es natürlich Facetten und Abstufungen, die tatsächlich als Entschuldigung gemeint waren (trotz eventueller Einwände) oder eben nicht. Wie immer kommt es auf das Maß an und ob dieses zu einem Muster geworden ist.
Eine echte Entschuldigung wirkt regulierend auf das Nervensystem – und zwar auf beiden Seiten, auch beim Ausübenden: Sie überwindet das Schamgefühl im Inneren, das wir alle kennen. Nicht umsonst kosten wahre Entschuldigungen Überwindung. Sie schaffen eine emotionale Einordnung und stellen das Vertrauen sowie die Sicherheit zwischen den beiden Beteiligten wieder her. Wahre Entschuldigungen benennen, was passiert ist, und erkennen die problematische Wirkung an. Sie signalisieren: Ich sehe dich, ich übernehme Verantwortung und ich bin bereit, etwas zu verändern.
Eine falsche Entschuldigung hingegen fühlt sich oft auch für die entschuldigende Person nicht stimmig an. Sie hinterlässt innerlich Spannung, Abwehr oder das Bedürfnis, sich selbst weiter zu erklären. Statt Erleichterung entsteht ein unruhiges Gefühl. Innerlich bleibt bei den meisten Menschen, die sich selbst authentisch betrachten können, das Gefühl, sich entzogen zu haben oder nicht ganz ehrlich gewesen zu sein. In Beziehungen haben solche Entschuldigungen eine schleichende Wirkung: Sie verschieben das Problem in die Zukunft. Dein Gegenüber bleibt emotional wachsam und das Vertrauen wird nicht erneuert. Wiederholen sich diese Muster, entsteht zunehmend eine Distanz zwischen beiden Parts.
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