Traumafolgen können ein Leben lang einschränken. Manche Beeinträchtigungen zeigen sich deutlich, andere begleiten die Menschen mit belastenden Kindheitserfahrungen als kaum sichtbare Einschnitte. Sie zeigen sich nicht unbedingt in einem akuten Zusammenbruch oder auffälligem Verhalten. Stattdessen können sie immer wieder in alltäglichen Situationen vorkommen, die für andere vollkommen bewältigbar sind. Für Betroffene, die unter Traumafolgen leiden, ist es im Alltag oft anstrengender – so als schleppten sie stets einen schweren Rucksack mit emotionalem Ballast mit sich herum. Viele der Leidtragenden „funktionieren“ zwar noch, erfüllen ihre Aufgaben und Rollen – und doch bleibt das Gefühl von innerer Freiheit und Leichtigkeit aus. Gerade bei Entwicklungstrauma, das oft über Jahre hinweg im Kindesalter entsteht und die Grundlage für eine komplexe posttraumatische Belastungsstörung (kPTBS) bilden kann, schleichen sich diese Muster so tief ein, dass sie als „normal“ erlebt und nicht als Traumafolgen verstanden werden. Kurzum: Die Belasteten glauben, es wäre ein übliches Seelenleben, das sie mit sich herumtragen.

Dieser Artikel zeigt die unsichtbaren, selten benannten Traumafolgen, die Millionen Menschen betreffen, oft ohne ihr Wissen, dass die Wurzeln in einem überreizten Nervensystem liegen. Die Folgen von Trauma bzw. stressvollen Kindheitserfahrungen reichen von emotionalem Ballast über ambivalente Bindungsmuster bis hin zu finanziellen Einschränkungen, weil Betroffene durch die psychischen Belastungen hinter ihren Möglichkeiten zurückbleiben (manchmal sogar, ohne es zu merken). Wir beziehen uns hierbei auf Entwicklungstrauma, wohlwissend dass auch Traumatisierungen im Erwachsenenalter diese Traumafolgen nach sich ziehen können. Außerdem wichtig: Die Abgrenzung zwischen Trauma und belastenden Kindheitserfahrungen ist nicht immer eindeutig, da nicht allein das Ereignis selbst entscheidend ist, sondern vor allem, wie es vom Nervensystem des Kindes subjektiv erlebt und verarbeitet wurde – auch abhängig von dem emotionalen Fundament, das es in seiner Familie mitbekommen hat. Deshalb geht es in diesem Artikel nicht darum: War es traumatisierend oder nicht? Ab wann beginnt Trauma? Sondern vielmehr um die Frage: Welche Spuren haben diese Erfahrungen im Inneren hinterlassen? Wie wirken sie bis heute im Fühlen, Denken, Handeln und in Beziehungen weiter?

1. Nervensystem im Ausnahmezustand

Frau in Rückansicht beim Gartenzaun

Viele tragen alte Wunden im Alltag weiter, ohne zu wissen, dass ihre Erschöpfung, Beziehungsangst oder Selbstzweifel eine Geschichte haben. © Tim Lenz under cc

Bei vielen Menschen, die von stressvollen oder traumatischen Erfahrungen in der Kindheit betroffen waren (z. B. Entwicklungstrauma durch emotionale, körperliche und sexualisierte Gewalt, Vernachlässigung), spielt sich der Alltag „ganz normal“ ab. Sie funktionieren, gehen arbeiten, haben Kinder … – aber ihr Nervensystem ist im Ausnahmezustand.

Dauerstress: Das überaktivierte Nervensystem

Nicht wenige der Leidtragenden leben in einem permanenten „Fast-Gefahrenmodus“ – eine typische Traumafolge, die man von außen nicht immer sieht. 
Der emotionale Überlebensmodus zeigt sich in:

  • schneller Überreizung
  • häufiger innerer Unruhe
  • vielen Ängsten und Grübeleien
  • Anspannung ohne erkennbare Ursache (manchmal sogar morgens nach dem Aufwachen)

Eine weitere Traumafolge können körperliche Symptome sein, wie Spannungskopfschmerzen, Rücken- und Nackenverhärtungen, Magen-Darm-Belastungen und chronischer Energiemangel. So zeigen Studien, dass Menschen, die in der Kindheit traumatische Erlebnisse hatten (körperlicher, sexueller, emotionaler Missbrauch oder Vernachlässigung), als Erwachsene ein höheres Risiko für chronische Schmerzen wie Kopfschmerzen, Migräne und Rückenschmerzen haben.

Trauma zwingt Menschen in diese Art von Überlebensmodus, der äußerlich diszipliniert wirkt, aber innerlich erschöpft. Man erledigt Dinge automatisch, jedoch ohne Gefühl. Lebensfreude fühlt sich dumpf an. Man ist da – aber nicht ganz präsent.

2. Identität und Selbstbild verzerrt

Traumafolgen können zudem das gesamte Selbstbild betreffen. Der Blick auf sich selbst ist verzerrt und bei vielen Betroffenen negativ eingefärbt.

Der beschädigte Selbstwert

Viele der Personen, die solche inneren seelischen Verletzungen aufweisen, halten sich selbst klein, obwohl sie hochkompetent sind. Auch wenn es ihnen nicht bewusst ist, steckt häufig in all ihrem Denken und Handeln der Satz: „Ich bin nicht genug“. Typische Folgen, die in diesen Bereich zählen, können sein:

Unfähigkeit, eigene Erfolge anzuerkennen


Selbst große eigene Leistungen werden abgewertet oder als Zufall betrachtet. Tief im Inneren glauben diese Menschen nicht daran, dass sie für den Erfolg ausschlaggebend waren oder ihn verdient hätten. Lob fühlt sich unangenehm und nicht stimmig an, weil es nicht zum inneren Selbstbild passt. Solche Menschen setzen die Messlatte ständig höher und fühlen sich dennoch erfolglos.

Das Gefühl, wertlos oder falsch zu sein


Statt gesunder Selbstkritik entsteht eine tief sitzende Überzeugung, als Person „defekt“ oder nicht liebenswert zu sein. Diese innere Abwertung begleitet den Alltag wie ein ständiges Hintergrundrauschen und beeinflusst Entscheidungen, Beziehungen und Ziele.

Misstrauen in die eigene Wahrnehmung


Viele zweifeln ständig an ihrem Bauchgefühl, ihren Erinnerungen oder ihrem Urteilsvermögen. Innere Impulse wirken verdächtig, als müssten sie erst bestätigt werden. Das erschwert klare Entscheidungen und begünstigt Abhängigkeiten von äußeren Meinungen.

Wer bin ich? Identität verwischt

Die Frage stellt sich für nahezu jeden Menschen: „Wer bin ich, wenn ich nur funktioniere?“ Andauernde stressvolle oder traumatisierende Ereignisse in der Kindheit können die Ausformung der Identität stark beeinträchtigen. Die Betroffenen wissen nicht wirklich, wer sie sind, was sie fühlen oder wohin sie im Leben wollen. Vieles wirkt fremd oder unklar, vielleicht auch „zerfallen“ und nicht einheitlich – sogar sie selbst. Typische Folgen, die in diesen Bereich fallen, können sein:

Man weiß nicht, was man will

Wünsche, Ziele und Vorlieben scheinen verschwommen oder wechseln ständig, je nachdem, wie man sich gerade fühlt. Betroffene haben auch aus diesem Grund Schwierigkeiten, Entscheidungen aus ihrem Inneren heraus zu treffen, weil frühere Erfahrungen sie gelehrt haben, sich anzupassen, statt sich zu spüren.

Eigene Bedürfnisse wirken „zu viel“

Kind am Tisch schaut in Kamera

Traumafolgen entstehen dort, wo ein Mensch zu früh zu viel tragen musste. ©
Insights Unspoken
under cc


Der Wunsch nach Nähe, Ruhe, Anerkennung oder Grenzen fühlt sich für sie peinlich oder überfordernd an. Sie entschuldigen sich für Bedürfnisse, die völlig menschlich wären. Dahinter steckt oft die Angst, anderen zur Last zu fallen oder abgelehnt zu werden. Viele glauben tief im Inneren nicht, dass ihnen „etwas zusteht“. Angst und Selbstzweifel überwiegen, selbst wenn es mitunter zu Phasen von Wut kommt, in denen man sich behaupten möchte. Schnell rutschen Betroffene jedoch wieder in die Muster alter Unsichtbarkeiten zurück.

Entscheidungen entstehen aus Angst, nicht aus innerem Wissen


Statt aus Vertrauen, Intuition oder echten Interessen heraus zu handeln, wird gewählt, was „am wenigsten schadet“. Angst vor Fehlern, Konflikten oder Verlusten lenkt das Verhalten und verhindert, dass die Leidtragenden ein Leben nach ihren eigenen Werten gestalten.

Aus Selbstschutz gehen sie bei Entscheidungen in die „Hyperanalyse“ mit häufigen Gedankenschleifen, der Angst, Fehler zu machen, und dem Gefühl, ständig alles absichern zu müssen. Es kann zu „Was wäre, wenn…?“-Grübelketten kommen, mitsamt Selbstkritik und Selbstabwertung sowie Katastrophisieren. Die Leichtigkeit fehlt im Leben. Selten gibt es helle, unbeschwerte Tage. Das Leben und die Welt um einen herum werden mit einem angeschalteten Alarmmodus betrachtet.

3. Emotionale Taubheit oder Überintensität

Traumafolgen können ein grundlegend verzerrtes emotionales Erleben sein. Manche Betroffene spüren fast nichts mehr, andere reagieren extrem intensiv – viele erleben beides im Wechsel.

Zu viel oder zu wenig fühlen: Zwei Seiten einer Medaille

Ob Taubheit oder Überintensität – hinter beidem steht ein Nervensystem, das den eigenen inneren Zustand nicht mehr zuverlässig regulieren kann. Weil es dysreguliert ist und sich sozusagen nicht auf sich selbst verlassen kann. Typische Erscheinungsformen dieser Traumafolgen sind:

Phasen ohne echtes Fühlen


In bestimmten Momenten oder vielleicht auch allgemein im Leben scheint alles abgestumpft: Freude, Trauer oder Wut erreichen das Bewusstsein nur gedämpft. Betroffene funktionieren, aber erleben ihr Leben wie hinter Glas. Diese Taubheit ist häufig ein alter Schutzmechanismus, der damals half zu überleben, heute aber den Zugang zu sich selbst erschwert.

Emotionale Überflutung bei kleinsten Anlässen


Kleine Reize, harmlose Worte oder minimale Konflikte können zu heftigen inneren Stürmen führen. Gefühle brechen intensiver aus, als die Situation rechtfertigt. Es folgen Tränen, Panik, Ärger oder tiefe Verzweiflung. Das Nervensystem reagiert, als wäre erneut Gefahr im Verzug, obwohl im Außen nichts so stark Bedrohliches passiert ist.

Schwankungen zwischen beiden Zuständen


Viele der in der Kindheit belasteten Menschen wechseln unvorhersehbar zwischen innerer Leere und emotionaler Überladung. Dieser innere Pendelzustand wirkt irritierend, erzeugt Selbstzweifel und macht Beziehungen fordernd – für sich selbst und andere.

Selbstschutz durch Selbstsabotage

Perfektionismus, Überanpassung, Rückzug. Diese Muster verhindern kurzfristig Schmerz – und langfristig Entwicklung. Trauma hält Menschen davon ab, unbeschwerter zu leben, aus purer Angst vor Verletzlichkeit. Sie haben Angst, die Kontrolle zu verlieren, existenziell zu versagen oder das Leben nicht managen zu können, genauso wie Angst vor Ablehnung.

4. Bindung und Beziehungen unsicher

Traumatische bzw. stark stressvolle Erfahrungen beeinflussen, wie wir Nähe, Vertrauen und Sicherheit erleben. Alte Selbstschutzstrategien bestimmen die Gegenwart.

Nähe und Autonomie im Ungleichgewicht

Frau mit Händen vor den Augen weint im Nachthemd

Traumafolgen können ständige seelische Mehrbelastung bedeuten. © ghoguma film under cc

Jeder Mensch trägt ein tiefes Grundbedürfnis nach Nähe und Autonomie in sich. Wir wollen verbunden sein – und zugleich wir selbst bleiben. Dieses innere Gleichgewicht entsteht nicht zufällig, sondern wird in den ersten Lebensjahren geprägt. Erleben Kinder emotionale Unsicherheit, unberechenbare Zuwendung oder frühe Verlustängste, kann dieses Gleichgewicht dauerhaft ins Wanken geraten. Nähe fühlt sich dann entweder bedrohlich an, weil sie mit Schmerz oder Vereinnahmung verknüpft ist – oder sie wird existenziell, weil das Nervensystem sie mit Überleben gleichsetzt. Autonomie wiederum löst Schuldgefühle, Angst oder innere Leere aus – oder bedeutet absolute und verlässliche Sicherheit. Typische Dynamiken in dem Zusammenhang können sein:

Angst vor Vereinnahmung

Sobald Beziehungen enger werden, entsteht das Gefühl, Kontrolle zu verlieren oder sich selbst zu verlieren. Nähe wird schnell als Bedrohung wahrgenommen, weil frühere Erfahrungen gezeigt haben, dass Bindung mit Schmerz, Abhängigkeit oder Machtlosigkeit verbunden war.

Angst vor Verlust


Andersherum besteht eine starke Furcht, allein gelassen oder abgelehnt zu werden. Jede Veränderung oder Distanz kann Panik, Kummer oder Eifersucht auslösen, selbst wenn die Beziehung stabil zu sein scheint.

Rückzug und Sehnsucht nach Verbindung

Viele ziehen sich zurück, um sich zu schützen, wünschen sich aber im selben Moment Geborgenheit, Resonanz und Anerkennung. Das führt zu inneren Konflikten, Unsicherheit in Beziehungen und dem Gefühl, „falsch verdrahtet“ zu sein.

Auch die wiederholte Wahl emotional unnahbarer oder nicht verfügbarer Partner/innen kann Ausdruck der Angst vor Nähe sein. Auf diese Weise bleibt echte Intimität auf Distanz – man erlebt Verbundenheit, ohne sich der vollen Verletzlichkeit von Nähe aussetzen zu müssen. Möglicherweise sind wir es aber auch gewohnt, um die Liebe einer Person zu kämpfen, und fühlen uns deshalb zu emotional nicht verfügbaren Personen hingezogen. Werden wir von dieser verletzt, ziehen wir uns zurück, obwohl wir uns eigentlich Nähe wünschen. Die andere Person folgt dann wieder einer Annäherung (aufgrund unseres Rückzugs) und so entsteht ein klassisches On-/Off-Muster in Beziehungen mit Nähe-Distanz-Konflikten.

Überangepasstes Verhalten als Überlebensstrategie

Nicht wenige Menschen mit negativen Bindungserfahrungen in der Kindheit stellen ihre eigenen Bedürfnisse zurück, sind übermäßig höflich und entschuldigen sich beinahe für ihre Existenz. Dieses Verhalten wirkt nach außen wie Nettigkeit oder Anpassungsfähigkeit, ist aber häufig ein tief verankerter Schutzmechanismus: Wer gelernt hat, Konflikte zu vermeiden und möglichst unauffällig zu sein, versucht so Sicherheit, Beziehung und Zugehörigkeit aufrechtzuerhalten.

Vertrautes wählen, selbst wenn es schlecht ist

Viele Belastete wählen unbewusst Situationen oder Partner/innen, die vertraut wirken – selbst wenn diese ihnen schaden. Nicht, weil sie es wollen oder sich „falsch entscheiden“, sondern weil ihnen diese Muster aus der Kindheit vertraut sind. Die Mechanismen, die sie als Kinder angewendet haben, um in der schadhaften Umgebung emotional zu überleben, wenden sie auch weiterhin im Erwachsenenalter an, anstatt sich beispielsweise aus der Konstellation zu entfernen. Die Muster sind zu einer unbewussten Orientierung geworden. Kurzum: Das Bekannte fühlt sich sicherer an als das Gesunde. Manche wissen auch gar nicht, dass etwas anderes existieren könnte, Beziehungen anders verlaufen könnten. Das liegt daran, dass wir nur schwer außerhalb unserer gewohnten Denkmuster denken und handeln können und es ein bewusstes „Erwachen“/Hinterfragen braucht, um eine sukzessive Änderung herbeiführen zu können.

5. Einschränkungen bei Beruf und Finanzen

Zu guter Letzt kommt einer der wichtigsten Punkte von Traumafolgen, über die man kaum spricht. Es sind die Einschränkungen im finanziellen und existenziellen Bereich, die durch stark negativ behaftete bzw. traumatisierende Erfahrungen in der Kindheit entstehen können. Bis heute wird selten der Einfluss von Trauma auf Beruf und finanzielle Stabilität thematisiert. Im Gegenteil, bei vielen besteht der Irrglaube, die Betroffenen wären „selbst Schuld“ an dieser Situation, wenn sie ihr eigenes Leben „nicht auf die Reihe kriegen“. Dabei kann eine Traumatisierung ein ganzes Leben in Schatten legen. Es geht bei diesem Punkt nicht ausschließlich um den „Extremfall“, also dass jemand gar nicht arbeiten gehen kann. Vielmehr gibt es zahlreiche Zwischentöne, die die finanzielle Existenz solcher Menschen beeinflussen, weil sie die damit einhergehenden emotionalen Belastungen deutlich schwerer tragen und weniger gut kompensieren können.

Überforderung bei moderater Belastung

Eine Traumafolge kann sein, dass man bei bestimmten Aufgaben vergleichsweise subjektiv stärker belastet ist. Der Körper reagiert auf alltägliche berufliche Anforderungen, als wären sie Bedrohungen. Dabei geht es nicht um fehlende Fähigkeiten, sondern um ein Nervensystem, das ständig im Alarmmodus arbeitet.

Stärkere Beanspruchung bei Alltagsanforderungen

Mann vor einer Mauer schaut mit Blick in die Ferne

Traumafolgen sind oft unsichtbar: Was wie „Charakter“ wirkt, ist häufig ein Nervensystem im Überlebensmodus. © Alice under cc


Routineaufgaben, Termine oder organisatorische Abläufe können sich wie unüberwindbare Hürden anfühlen. Konzentration fällt schwer, eine konstruktive Rückmeldung fühlt sich wie Ablehnung an, die Kraft, sich zu regulieren, ist erschöpft, und moderate oder auch kleinere Probleme können starke Stressreaktionen auslösen. Das ist eine klassische Traumareaktion, kein persönliches Versagen. Alles im Alltag wird mit einem emotional schweren Rucksack bewältigt. Nun stelle dir einmal vor, welche Stärke ein Mensch hat, der ständig diesen Rucksack auf hat, und dennoch versucht, so gut es geht, zu funktionieren. Und dann stelle dir weiterhin vor, was dieser Mensch mit welcher Leichtigkeit schaffen könnte, sobald er diesen Rucksack leichter machen kann oder gar abwirft. Deshalb lohnt sich psychische Aufarbeitung, selbst wenn sie lange dauert.

Reizüberflutung in Meeting- oder Großraumsituationen


Viele Betroffene reagieren empfindlich auf Geräusche, Stimmengewirr, Blickkontakte oder sozialen Druck. Großraumbüros, Teammeetings oder ständige Interaktion erschöpfen stärker, weil das Nervensystem permanent Reize sortieren und abwehren muss – oft bleibt kaum Energie übrig, um Inhalte zu verarbeiten.

Stress durch unklare Aufgaben oder hohe Erwartungen


Unstrukturierte Anweisungen, fehlende Prioritäten oder diffuse Erwartungen führen schnell zu innerer Anspannung. Betroffene geraten in Grübelschleifen („Was, wenn ich es falsch mache?“), entwickeln starken Perfektionismus oder vermeiden Aufgaben aus Angst vor Kritik oder Versagen.

Emotionale Erschöpfung nach der Arbeit

Obwohl objektiv vielleicht gar nicht so viele Belastungen im Alltag stattgefunden haben, fühlen sich die Betroffenen abends ausgelaugt, reizbar oder innerlich leer. Schließlich hat das Nervensystem den ganzen Tag Überwachungsarbeit geleistet. Deshalb fehlt am Ende Energie für soziale Kontakte, Hobbys oder Selbstfürsorge. Ideen, Projekte oder spontane Freude tauchen kaum auf. Der Alltag fühlt sich pflichtbestimmt an, nicht lebendig.

Hoher Bedarf an Sicherheit und Struktur

Klare Aufgaben, transparente Abläufe und verlässliches Feedback wirken stabilisierend. In chaotischen, lauten oder konfliktgeladenen Arbeitsumgebungen dagegen steigt innerer Stress stark an. Das geht ein Stück weit allen Menschen so. Aber Personen, die einen schwereren Start ins Leben hatten, sind häufiger davon belastet, weil es sie emotional triggert.

Nicht selten wählen viele „leichtere“ Jobs, obwohl sie eigentlich hochqualifiziert sind. Nicht aus mangelnder Leistungsfähigkeit, sondern aus Selbstschutz. Es besteht eine große Angst vor Veränderung, Versagen, Kontrollverlust, mangelnder Sicherheit.

Finanzielle Instabilität durch traumabedingte Überlastung

Trauma kann also den Berufsweg nachhaltig prägen: Einige Leidtragende wechseln häufiger den Job oder sind zeitweise erwerbsunfähig, obwohl die Kompetenz vorhanden wäre. Niedrige Gehälter bleiben bestehen, weil Verhandlungen Angst auslösen oder das Gefühl dominiert, nicht mehr zu verdienen – und weil höherer Lohn als Druck erlebt würde, noch mehr leisten zu müssen. Gleichzeitig führt die Angst vor beruflicher Sichtbarkeit dazu, Chancen wie Führungsrollen, Selbstständigkeit oder Präsentationen zu meiden. Hinzu kommt, dass für manche der Personen bürokratische Aufgaben, wie z. B. Formulare, Anträge ausfüllen oder Behördenkontakte, massiven Stress auslösen, weshalb finanzielle Ansprüche oft ungenutzt bleiben. So entsteht eine unsichtbare Form von Armut, die nicht aus Unfähigkeit entsteht, sondern aus einem überlasteten Nervensystem.

Andere wiederum arbeiten im „Überlebensmodus“, immer zu viel und mit dem Versuch, alles perfekt zu machen. Die andauernden, zu hohen Belastungen können in immer wieder zeitweise Erschöpfungsphasen, in einen Burnout oder andere Erkrankungen gipfeln.

Fehlende Sicherheit

Die Basis, die im Leben eines Menschen Stabilität und Sicherheit schenkt, fehlt bei einigen von einer Traumatisierung Betroffenen oder ist brüchig und instabil. Zumindest haben sie das Gefühl, ihre innere und äußere Lebensgrundlage nie wirklich auf festem Boden aufgebaut zu haben. Beziehungen wirken unsicher, berufliche Wege fragil, finanzielle Rahmenbedingungen wackelig. Selbst dann, wenn es objektiv „funktioniert“, fühlt es sich so an, als könne alles jederzeit zusammenbrechen. Dieses Grundgefühl von Haltlosigkeit begleitet die Entscheidungen und macht das Leben anstrengender. Dahinter verbirgt sich, wie gesagt, keine persönliche Schwäche. Dahinter steht ein Nervensystem, das nie erfahren hat, wie es ist, sich entspannt durch das Leben tragen zu lassen. Weitere Traumafolgen in dem Zusammenhang sind:

  • Die Welt fühlt sich potenziell bedrohlich an: Selbst wenn äußerlich nichts passiert, fehlt innerer Boden.
  • Grenzen setzen wirkt gefährlich, weil es früher womöglich Strafe oder Liebesentzug bedeutete. Stattdessen fühlen Betroffene Schuld, Angst und beugen sich der Überanpassung.
  • Die Selbstfürsorge funktioniert nicht. Bedürfnisse werden zu spät oder gar nicht wahrgenommen.

Traumafolgen: Was tun?

Heilung entsteht jedoch nicht durch bloße Willenskraft. Entscheidend sind sichere Beziehungen, therapeutische Unterstützung und Arbeit am Nervensystem, die Schritt für Schritt alte Alarmmuster löst. Selbstmitgefühl, klare Grenzen und ein Wiedererlernen innerer Sicherheit helfen, das Gefühl von Halt zurückzugewinnen. Mit der Zeit entsteht ein Leben, das weniger von Überleben geprägt ist und mehr von echten Wahlmöglichkeiten und Gelassenheit. Traumafolgen verändern sich, wenn Menschen neue Erlebnisse machen, die dem alten inneren Weltbild widersprechen: Beziehungen, in denen Grenzen respektiert werden; Situationen, in denen Fehler nicht bestraft werden bzw. nicht zu einem Zusammenbruch führen; Momente, in denen Nähe sicher ist. Du probierst Neues an Denken, Fühlen und Handeln aus und schaust, wie es sich anfühlt, passt es an oder verwirfst es. All diese Erfahrungen „überschreiben“ zwar keine Vergangenheit, aber sie schaffen neue neuronale Bahnen, die Vertrauen, Selbstwert und innere Ruhe stärken. Schritt für Schritt entsteht so ein anderes Lebensgefühl, das weniger defensiv, dafür lebendiger und freier ist.

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