Eine Schwangerschaft verändert sichtbar den Körper einer Frau. Doch auch die Psyche in der Schwangerschaft scheint stärkeren Veränderungen zu unterliegen, als bisher angenommen. So verstärkt sich z.B. die Wahrnehmung der Frauen in Bezug auf ihren Körper und dessen Signale.

Körperliche Signale und Schwangerschaft

Hat sich der Kinderwunsch erfüllt, warten die werdenden Eltern gespannt auf die ersten Signale vom Baby aus dem Bauch wie Kindsbewegungen oder Schluckauf. Aber auch Ängste lassen nicht lange auf sich warten. Geht es dem Nachwuchs gut im Bauch? Besteht Anlass zur Sorge, wenn man wehenartige Schmerzen verspürt?

Braxton-Hicks-Kontraktionen in der Schwangerschaft

Um unnötige Sorgen zu vermeiden, sollten sich die werdenden Eltern bestmöglich informieren. Es ist wichtig zu wissen, inwiefern Verhärtungen des Bauches als harmlos angesehen werden können und wann eine ärztliche Kontaktaufnahme angeraten wird. Es bestehen erkennbare Unterschiede zwischen den tatsächlichen Geburtswehen, die zu einem frühen Zeitpunkt der Schwangerschaft auf Komplikationen hindeuten können, und den Braxton-Hicks-Kontraktionen, die als normale Begleiterscheinungen in einer Schwangerschaft anzusehen sind. Dauer und Intensität der Kontraktionen können unter anderem Aufschluss geben.

Während körperliche Signale in Zusammenhang mit einer Schwangerschaft durch Informiertheit besser verstanden werden können, lässt sich bei manch anderer Begleiterscheinung in Bezug auf die Psyche in der Schwangerschaft nicht so leicht Abhilfe schaffen.

Hormone und Stimmungsschwankungen in der Schwangerschaft

Schwangere mit Tuch vor dem Bauch

Eine Schwangerschaft bereitet den Körper der Mutter auf die neue Aufgabe vor. © Kristin Banks under cc

Viele Frauen erleben in der Schwangerschaft ein Wechselbad der Gefühle. Die hormonellen Umstellungen im Körper können zu großen Stimmungsschwankungen führen. Die Müdigkeit und gegebenenfalls Übelkeit und Erbrechen tun ihr übriges und so wechseln bei mancher Frau Hochstimmungen und Gelassenheit mit tiefer Betrübtheit ab. Verantwortlich dafür sind Hormone wie Östrogene und Gestagene etc.
In Studien zeigt sich, dass der Progesteronspiegel in der Schwangerschaft um das 10-15-fache steigt und die Menge an Östrogen im Körper der Frau so hoch ist, wie zu keinem anderen Zeitpunkt im Leben (Ärzteblatt, 2016).

Aber auch im Gehirn finden messbare Umstrukturierungen statt.

Psyche in der Schwangerschaft: Neuronale Veränderungen

Hoekzema et al. (2017) fanden heraus, dass die Psyche in der Schwangerschaft langfristig verändert wird. Selbst zwei Jahre nach dem Ende der Schwangerschaft waren diese neuronalen Veränderungen noch messbar. Ob die Veränderungen darüber hinaus fortbestehen bleiben, müsste weiterführend erforscht werden. Der letzte Follow-up-Messzeitpunkt lag in dieser Studie bei zwei Jahren nach Schwangerschaftsende.
Mittels Magnetresonanztomographie verglichen die Forscher die Gehirne von Frauen vor und nach der ersten Schwangerschaft. Diese Veränderungen setzten sie in Relation zu den Vergleichsgruppen der nicht schwangeren Frauen und Väter.

Veränderung der grauen Substanz im Gehirn

Die Ergebnisse von Hoekzema et al. (2017) konnten zeigen, dass sich das Volumen der grauen Substanz im Gehirn der gebärenden Frauen vermindert hatte, in ebenjenen Bereichen, die für die soziale Kognition zuständig sind. Diese Bereiche sind unter anderem verantwortlich für die Deutung von Emotionen sowie zur Bildung von sozialen Urteilen. Erstaunlich ist, dass die Veränderungen derart signifikant waren, dass die Forscher anhand der Hirnscans zuordnen konnten, ob es sich um das Gehirn einer Mutter oder Nichtmutter handelte. Hinzu kommt, dass diese veränderten Hirnregionen eine stärkere neuronale Aktivität aufwiesen, sobald die Mütter Fotos ihrer Kinder erblickten. Sahen sie die Fotos anderer Kinder, waren die neuronalen Aktivitäten nicht so stark.

Die Verminderung des Volumens der grauen Substanz ging jedoch nicht mit einer Reduzierung der kognitiven Leistungsfähigkeit der Mütter einher. Wie es scheint, gemäß der Interpretation der Forscher, ist es vielmehr so, dass die Veränderungen der Psyche in der Schwangerschaft eine Art “Optimierungsprozess” mit sich bringen (ähnliches kennt man auch von der Pubertät). Schwächere Synapsen werden eliminiert, um die neuronalen Vorgänge effizienter zu gestalten. Dies lässt auf eine optimale Vorbereitung auf die Mutterschaft schließen.
Mit dieser Studie konnten Hoekzema et al. (2017) erstmals aufzeigen, dass langfristige Veränderungen auf die Psyche in der Schwangerschaft vonstatten gehen.

Eine Schwangerschaft ist für die meisten werdenden Mütter (und Väter!) ein aufregendes und intensives Erlebnis. Die Frauen lernen viel über ihren eigenen Körper und wie er sich in Abstimmung auf das Kind verändert. Wie die neuesten Forschungsergebnisse zeigen, stellt sich auch die Psyche in der Schwangerschaft auf tiefgreifende (strukturelle) Veränderungen ein.

Schwangerschaft und Elternschaft als Herausforderungen

Gehirn im Lichternebel

Die Psyche in der Schwangerschaft verändert sich: das ist auch im Gehirn nachweisbar. © Ivan under cc

Werdende Eltern machen sich in Vorbereitung auf die Geburt ihres Kindes eine Menge Gedanken. Viele freuen sich und begegnen diesem neuen Lebensabschnitt, in welchem sie zukünftig die Verantwortung für einen Erdenbürger tragen werden, mit großer Aufregung. Doch die Sorgen und Ängste sind nicht weit. Wird alles gut gehen im Umgang mit dem Kind? Werde ich eine gute Mutter beziehungsweise ein guter Vater sein? Schaffe ich es, mit den Verantwortlichkeiten umzugehen, sobald ich die Fürsorge für ein hilfloses Geschöpf übernehme? Oder werde ich am Rande eines Nervenzusammenbruchs sein und mir händeringend mein früheres Leben zurückwünschen, welches ich ohne Kind ganz nach meinem eigenen Gutdünken führen konnte?

Es nützt nichts, sich gegenseitig etwas vorzumachen. Wenn wir uns alle miteinander versichern, wie ausschließlich schön und wunderbar es ist, ein Kind zu haben, werden diejenigen unter uns, die sich gerade ausgelaugt und erschöpft bei der Versorgung ihres Kindes fühlen, glauben, unzulänglich zu sein. Wenn wir uns gegenseitig vormachen, dass es tatsächlich immer nur schön und bereichernd ist, sich um ein Kind zu kümmern, erliegen wir unserer eigenen trügerischen Illusion einer friedvollen, sonnenwarmen Werbespot-heile Welt-Familien-Welt. Das Ergebnis dieser Illusion könnte sein, dass wir uns schneller als eine schlechte Mutter oder ein schlechter Vater fühlen, weil wir nicht ständig dankbar und fröhlich durch den Lebensabschnitt nach der Geburt unseres Kindes tänzeln. Wir wollen ehrlich sein.

Die erste Zeit mit Kind: Machen wir uns nichts vor, es wird anstrengend!

Ja, es wird sehr viele Phasen geben, in denen Eltern an ihre individuellen Grenzen geraten. Gerade alleinerziehende Mütter und Väter werden sich sehr häufig überfordert fühlen. Auch Mütter oder Väter, die als Elternpaar gemeinsam ein Kind aufziehen, werden sich häufiger benachteiligt fühlen und sich wünschen, der andere würde mehr Verantwortung für das Kind übernehmen. Sehr wahrscheinlich wird es zu partnerschaftlichen Streitereien kommen. In vielen Erziehungsratgebern findet man inzwischen den Hinweis, dass man nichts für voll nehmen soll, was der Partner einem in dem ersten Jahr nach der Geburt des Kindes im Streit erzählt. Für beide erwachsene Erziehungsberechtigte ist die Geburt eines Kindes eine Grenzerfahrung. Man kann noch so viel darüber lesen und sich im Vorhinein noch so gut vorbereitet fühlen, es wird nicht wenige Phasen geben, in denen man sich wie ein kompletter Elternversager fühlt. Phasen, in denen man aus der Überforderung heraus, Wut, Ärger, Kränkung, Groll, Verzweiflung, Selbstaufgabe, Versagen, Resignation empfindet. Und so vieles mehr. So sehr wir unsere Psyche versuchen, auf die Geburt eines Kindes vorzubereiten, letztendlich braucht es die reale Erfahrung, welche uns in den Prozess der Gewöhnung bringt. Und diesem Prozess gehen nun einmal jede Menge Grenzerfahrungen vorweg.

Aber: Statt sich abzustrafen, nachsichtig mit sich sein.

Zwei Mamas und Papa mit Babys sitzen nebeneinander

Wenn man auf andere Eltern trifft, fällt es schwer, nicht dem sozialen Druck nachzugeben, sondern seiner eigenen Erziehungsauffassung zu folgen. © Natalia Wilson under cc

Als Mütter und Väter brauchen wir nicht versuchen, der Familien-Werbe-Welt hinterherzurennen. Wir brauchen auch nicht die angeblich perfekten Mütter und Väter neidvoll nachahmen, die uns in der Krabbelgruppe oder im Kindergarten begegnen. Wir sehen nur Momentaufnahmen. Auch sie versuchen sich stark und gut darzustellen, auch sie werden hin und wieder an ihre Grenzen geraten.

Was wir aus der Studie in diesem Artikel jedoch lernen können, ist, dass sich unser Gehirn offensichtlich auf diese Herausforderungen einstellt und es sehr wahrscheinlich auch während der Erziehung unserer Kinder tun wird. Wir lernen mit diesen neuen Herausforderungen umzugehen und wir erwerben ganz offenbar neue Fähigkeiten, die sich in unserem Gehirn manifestieren.

Eltern sollten ihren Kindern gegenüber verantwortlich und treu sein. Sie sollen sich selbst nicht verleugnen, müssen zu ihren Ansichten und Erfahrungen stehen – dabei nur nicht ihre Kinder zwingen wie sie selbst zu sein.

Jesper Juul (1948-2019), dänischer Erziehungsexperte und Familientherapeut

Die Lösung: Gedanklich loslassen und auf die Natur vertrauen

Die Liebe ist die stärkste Kraft in der Natur. Die Liebe der Mutter/des Vaters zum Kind kann Unmögliches möglich machen. Viele von uns neigen zu Perfektionismus. Spätestens wenn man ein Kind hat, sollte man sich von diesem Perfektionsstreben tunlichst verabschieden. Andernfalls baut man für sich selbst und auch für das Kind einen Druck auf, der weder notwendig, noch schön, noch bewältigbar ist. Stattdessen sollten wir die Elternschaft als natürlichen Prozess begreifen, an dem wir als Familie gemeinsam mit unseren Kindern wachsen und reifen können.

Elternschaft ist ein Lernprozess, der die gesamte Familie betrifft. Zu glauben, zu wünschen und von uns selbst zu fordern, dass wir den Start der Elternschaft mit einem perfekten Gedankengerüst beginnen, ist eine Utopie. Besser ist es, sich gedanklich von etwaigen gesellschaftlichen und sozialen Vorstellungen zu verabschieden und sich lieber die Zeit zu nehmen, sich selbst in der Rolle als Eltern genauso wie das eigene Kind mit seiner ihm eigenen Persönlichkeit kennenzulernen. Wir sollten dem Kind und auch uns von Anfang an eine Identitätsentwicklung zugestehen, welche ein natürlicher Bestandteil des Lebens ist.

Wir alle wünschen uns, dass unsere Kinder später in dieser Gesellschaft mit ihren Anforderungen bestehen können. Um unsere Kinder darin zu unterstützen, sollten wir von Anfang an dafür Sorge tragen, dass sie als eigenständige Personen auf Augenhöhe wahrgenommen werden. Das meint jedoch nicht, dass wir ihnen alles erlauben. Es meint vielmehr eine richtungsweisende Struktur zu geben und von Anfang an, sich einen respektvollen Umgang mit dem Kind zu gestatten, der auch Schwäche, Überforderung und die Beachtung eigener Grenzen beinhaltet: Hilfe, mein Kind nervt! – SOS-Erziehungstipps (1). So wie sich unsere Psyche in der Schwangerschaft an die neuen Herausforderungen anpasst, so wird auch unsere Psyche in der Elternschaft weiter reifen.

Quellen