Aggression und ihre Bändigung

Fonagy und Tomasello sehen den Grund für Kooperation etwas kontrovers. Für Fonagy scheint Angst der Auslöser für Bindungen zu sein, für Tomasello scheint es eher lustbetont zu sein, doch beide stimmen wesentlich in der Annahme überein, dass das Kind irgendwann eine neue Art, eine neue Qualität von Beziehungen eingeht. Es lernt größere Systeme und deren Funktionsweise zu überblicken und zugleich sich selbst als einen Teil dieses Systems und zugleich als Individuum zu sehen.

Mit anderen Worten es lernt ein Konzept des Selbst und von wichtigen Anderen zu entwickeln und den Sinn und die Notwendigkeit der Kooperation, auf einem anderen Niveau. Zuvor konnte man Kooperation noch als im Dienste der Konkurrenz stehend interpretieren. Der andere war für mich wichtig, aber in dem Sinne, wie ein Werkzeug wichtig sein kann, um an Nahrung zu gelangen. Es machte Freude ihm zu helfen, aber in einem vermutlich angeborenen Sinne, wie es Freude macht, zu essen. Beides sehr instrumentelle Ansätze, die am anderen interessiert sein können, weil er mir nützlich ist.

Aber dann gibt es einen Sprung. Einen Sprung der Kooperation auf eine andere Ebene hebt, nämlich auf die ein Verständniss vom Selbst und Anderen, von Ich und Du zu entwickeln und von einem Wir was nicht zufällig zusammenfindet, etwa in einer Jagdsituation und dann, wenn es um die Beute geht, getrennter Wege geht, sondern es geht um ein Wir, was über gemeinsame zufällige Aktionen hinaus eine Beziehung eingeht. Zum Beispiel indem man öfter gemeinsam auf Nahrungssuche geht.

Und gleich ob Angst, Lust oder Verständnis die Triebfeder ist: Wenn man längere Beziehungen eingeht, ist ein überdauerndes Bild von Anderen, eine Mentalisierung, eine Idealisierung des Anderen notwendig. Der Andere, der mir jetzt konkret nichts bringt, weil er krank ist, aber mit dem ich dennoch teile, in dieser noch diffusen Mischung von: weil ich ihn später gebrauchen kann, aber auch, weil er und sein Wohlergehen kostbar für mich geworden sind. Weil ich inzwischen eine Beziehung zu ihm aufgebaut habe. Eine Beziehung, die stabil ist, weil sie gerade nicht nur auf Nützlichkeit beruht, sondern tiefer geht, emotionaler ist.

Für Fonagy ist eine Bindung einzugehen eine Form der Bewältigung von Angst und folgerichtig steigert Furchtlosigkeit von Kindern die Möglichkeit, dass Aggressionen nicht gebändigt werden. Im Falle der Furcht flüchte ich mich emotional, im Sinne des Gefühls dazu zu gehören, in ein System, von dem ich mir Schutz, Sicherheit und Anerkennung verspreche. Wenn ich fruchtlos bin, brauche ich das nicht, brauche mich dann aber auch nicht näher damit zu befassen, wie die anderen in dem Sinne funktionieren und ticken.

Denkbar ist, dass es auch andere Motive gibt, sich in ein System einzuordnen, Geselligkeit und Kooperation kann man sich auch als lustvoll vorstellen. Aber was den Menschen vom Tier unterscheidet, ist, dass er ein Verständnis für gemeinsame Ziele, für ein Wir aufbringt und in diesem Wir immer noch sich selbst und den anderen sieht, wie jeder seine eigene, für das gemeinsame Gelingen wichtige Rolle spielt. Eine Fußballmannschaft braucht nicht elf gute Stürmer, sondern auch eine Abwehr und einen Torwart; bei der Vorbereitung eines großen Festes muss man nicht nur entsprechende Kleidung und Schmuck haben, sondern auf passende Musik, Essen und so weiter.

Aggression und Moralentstehung

Weil dies ein entscheidender Punkt ist, noch mal in Zeitlupe: Die Zutaten, die man braucht, damit Moral entsteht sind: Ein Interesse am Wohlergehen des anderen. Dies scheint uns angeboren und mit einem Lustempfinden verbunden zu sein. Was uns auch von den höchstentwickelten Tieren unterscheidet ist, dass Menschen ein kooperatives Wir denken können, in dem man mehr als zufällig interagiert und in dem klar ist, dass und was wir gemeinsam erreichen wollen.

In diesem Moment passiert aber auch innerlich etwas, denn ein Bewusstsein für die Bedeutung von sozialen Systemen und Rollen in diesem System entsteht. Dieses Rollenverständnis hat eine doppelte Funktion, die man als diese doppelte Funktion ebenfalls verstehen muss. Zum einen ist die Rolle partnerunabhängig: Für das Ausfüllen der benötigten Rolle ist prinzipiell jeder geeignet, Hauptsache die Rolle wird gespielt: Einer muss im Tor stehen, einer muss für die Zwiebeln schneiden, egal wer, Hauptsache es wird gemacht.[8]

Doch so unpersönlich Rollen auch sind, genau durch sie kommt auch ein persönlicher Aspekt ins Spiel. Denn für die benötigten Rollen, die zu vergeben sind, gibt es geschicktere und ungeschicktere Partner. Fairere und unfaire: Der geschickte Jäger ist besser als ein Tölpel, aber wenn der geschickte Jäger dann nicht teilt, bringt er auch nichts. Und so wurden, Geschicklichkeit, aber auch die Bereitschaft sich kooperativ einzubringen, zu teilen und auch, sich auf bestimmte, vielleicht nicht so beliebte Rollen zu verpflichten, zuverlässig oder flexibel zu sein (etwa, mehrere Rollen recht gut ausfüllen zu können, wenn einer der Hauptakteure ausfällt) zu positiv besetzten Markenzeichen.

Die einen mussten sich verpflichten, die anderen mussten die Bereitschaft sich zu verpflichten anerkennen. Man musste Trittbrettfahrer fern halten, die keine Rolle übernahmen und dennoch ihren Teil wollten. Man musste sich einen Ruf als guter Jäger, geschickter Kletterer, fairer Helfer erarbeiten und dieser Ruf musste sich herumsprechen. Und es bekommt etwas Bedeutung, was wir an sich gar nicht so mögen und was auch eine Form der Aggression ist: Klatsch, Tratsch und Lästereien erfüllten genau diese Funktion.

Und so unpersönlich eine Rolle ist, was wir heute mit dem Spruch: “Jeder ist ersetzbar” zum Ausdruck bringen, so sehr ermöglicht sie auch dem jeweils Einzelnen sich als besonders geeignet zu qualifizieren. Menschen haben dieses differenzierte Verständnis für Rollen und erkennen diese Fähigkeiten an. Vom Einzelnen, der eine Rolle ausfüllen will, ist gefordert, seine Impulse zu kontrollieren, sich zu verpflichten, einzufügen, zu teilen und von allen ist gefordert Ideale zu formulieren, zu erkennen und zu besetzen.

Wenn man jemanden braucht der klettert, in erster Reihe kämpft, Nachrichten übermittelt, sich um andere sorgt muss man eben auch erkennen, dass man all diese Rollen besetzen muss und muss erkennen, wie sie möglichst ideal besetzt sind.

So entsteht aus der Notwendigkeit des täglichen Nahrungserwerbs, Kooperation in immer differenzierterer Weise und für diese ist es unumgänglich die eigenen Aggressionen beherrschen zu können. Der geniale Torhüter, der im Wutanfall seine Vorderleute verletzt, schwächt die Mannschaft, wer aus Schlampigkeit das Essen vergiftet ist ebenfalls an der Stelle nicht zu gebrauchen. Man muss bereit sein, sich auf eine bestimmte Rolle zu verpflichten, auch wenn man lieber eine andere eingenommen hätte, die jedoch ein geeigneterer erhalten hat.

Diese Fähigkeit zum Wir, zur bewussten und aktiven Kooperation erfordert erste Idealisierungen und Ideale denken zu können und bereit zu sein, sich auf sie zu verpflichten, sind die Grundbausteine der Moral und diese grenzen Aggressionen ein. So entstand regelrecht ein Wettbewerb darum ein beliebter und guter Partner, zuverlässig, kooperativ, fair und empathisch zu sein und diesen Ruf zu haben war ein hohes Gut. Ob dies aus Angst oder aus Lust geschah oder die Motive sich mischten, ist letztlich nachrangig.

Kooperatoren und Aggressoren

So entstehen ganz am Anfang bereits erkennbar Differenzierungen, die sich weiterer ausdifferenzierten. Die eine Gruppe ist in der Lage zu kooperieren und ihr Verhalten wird verstärkt, auch durch soziale Selektion.

“Kooperatoren schneiden am besten ab, wenn sie von anderen Kooperatoren umgeben sind. Sobald daher die Individuen einer Spezies einmal den Weg der Kooperation eingeschlagen haben, können sie aktiv versuchen, andere in ihrer Umgebung so zu beeinflussen, dass sie ebenfalls in diese Richtung gehen.”[9]

Und das tun sie auch, was die Kluft zwischen den zur Kooperation fähigen und unfähigen oder unwilligen Menschen noch einmal vergrößert. So erhalten wir fast so etwas wie zwei Arten von Menschen: Kooperatoren und Aggressoren. Doch auch hier stellt das lediglich die extremen Ende eines fließenden Kontinuums dar, was sich im einen Extrem zum Heiligen und im anderen zum Psychopathen ausdifferenziert. Doch da sich die Extreme auch hier ein weiteres Mal berühren zu scheinen, haben Heilige und Psychopathen mehr gemeinsam, als man meinen könnte.

Da unser Thema Aggression ist, wollen wir ihren Weg und ihre vielen Spielarten durch die Entwicklung der Menschheit weiter nachzeichnen.

Quellen: