Von der schnellen Lust zum Beziehungsfrust

Mann mit Frauenbildern im Hosenbund

Sexsüchtige haben oft viele Beziehungen parallel. © Indi Samarajiva under cc

Im Vergleich zu stoffgebundenen Süchten wie Alkohol und Nikotin, liegt bei der Sexsucht der große Deckmantel der Verschwiegenheit drüber. Betroffene nehmen den Kontakt zu Therapeuten oder Selbsthilfegruppen oftmals erst dann auf, wenn sie selber merken, dass sie die Kontrolle verloren haben und sich im realen Leben zunehmend isolieren und finanziell verausgaben. Versuche, den Pornokonsum zu stoppen und mit der Masturbation aufzuhören, scheitern nach wenigen Tagen. Die unzähligen Verstrickungen der Sucht im Alltag, die starken ritualisierten Gewohnheiten, die große Scham und die Angst entdeckt zu werden machen es unendlich schwer dem Thema ins Auge zu schauen.

Häufiger wird das Ausmaß der Sucht erst durch kleine Unachtsamkeit im Verwischen von Spuren und der dadurch erwachenden Aufmerksamkeit des Umfeldes aufgedeckt. Verändertes Verhalten am Smartphone, nächtelanges “Arbeiten” am PC, Verschwinden größerer Geldsummen vom Konto, lange unbeobachtete Zeiten im Bad mit Smartphone, nicht gelöschte History´s im Internet, Unachtsamkeit mit den immer mehr verbundenen Medien und Möglichkeiten des Trackings über das Smartphone, Anzeigen oder Strafbescheide z.B. bei der Kontaktanbahnung im Sperrbezirk – früher oder später kommt etwas zum Vorschein. Partner finden sich dann im Schockzustand, wenn Sie über die Themen oftmals völlig naiv und unfreiwillig stolpern. Es wird abgestritten und Partner kontrollieren bei Verdacht übergriffig, bis nichts mehr abzustreiten ist und die Wahrheit auf dem Tisch liegt. Dies geht oftmals über Jahre hinweg. Die häufigsten Gründe warum Betroffene therapeutische Hilfe in Anspruch nehmen sind: Jobverlust, Beziehungsaufkündigung durch den Partner, sexuell übertragbare Krankheiten, finanzieller Ruin oder massive sexuelle Funktionsstörungen.

Die Konfrontation mit dem Thema Sexsucht erfolgt oft über Angehörige, die entsprechende Literatur lesen und dann Kontakt zu geschulten Therapeuten aufnehmen. Betroffene merken, dass Abstinenzphasen nicht mehr möglich sind und stolpern über entsprechende Berichte im Internet. Das Ausmaß der Krise ist häufig eklatant, so dass viele Klienten erst in einem sehr weit fortgeschrittenen Stadium Hilfe in Anspruch nehmen, um aus ihrer Isolation zu treten. Der Anstoß kann zwar von dem Umfeld kommen, das System schließt jedoch therapeutische Maßnahmen aus. Oftmals erlebe ich, dass Angehörige sehr engagiert sind, sie können aber die Probleme des Betroffenen nicht lösen und sind über die Symptomatik leidvoll selber verstrickt.

Die hoffnungsvolle Nachricht ist, dass Suchtverhalten verändert werden kann, auch wenn der Prozess zäh und langwierig ist. Immerhin besteht Hoffnung auf nachhaltig gute Resultate. Dabei ist es sehr wichtig, dass der Klient selber zu dem Punkt kommt, dass er Hilfe in Anspruch nehmen muss. Eine heilsame Kapitulation und die bittere Wahrheit, dass er es aus eigener Kraft nicht schafft aus dem Teufelskreis herauszukommen.

Ganz am Anfang der Therapie steht somit die Erkenntnis: “Ja ich bin sexsüchtig – ich habe die Kontrolle über mein Verhalten verloren”. Die Erfahrung, sich professionelle und nicht stigmatisierende Hilfe zu holen und offen über das bisher verschlossene und schambesetzte Kapitel seines Lebens zu sprechen, kostet Mut und große Überwindung, führt aber zu einer ersten spürbaren Entlastung. An dem Punkt angekommen, fängt die Arbeit aber erst richtig an. Wichtig für den Betroffenen ist es, sich von allen Suchtauslösern zu trennen. Dazu gehört es ebenso gespeichertes Material zu löschen, sich von Internetplattformen abzumelden, den Kontakt zu potentiellen Sexpartnern zu beenden, Email-Accounts zu kündigen, sich aus sozialen Medien abzumelden, bestimmte Orte wie den Straßenstrich oder Laufhäuser zu meiden, Sexspielzeug zu entfernen, Kindersicherungen auf Smartphones zu installieren und vieles mehr.

Aus meiner Erfahrung ist eine dreimonatige Zeit der Abstinenz unabdingbar (Rebooting), wobei darüber zu sprechen ist, was Abstinenz bedeutet. Für den einen gehört es dazu, auf sämtliche Sexualität inklusive Masturbation und Pornografie zu verzichten, für den anderen gehört gelegentliche Masturbation oder der partnerschaftliche Sex nicht dazu. Dies ist eine sehr anspruchsvolle Zeit, die mit therapeutischer Hilfe und im Rahmen von Selbsthilfegruppen (anonyme Sexsüchtige, sex- and love addicted anonymous) besser zu überstehen ist. Der Gang zum Arzt ist ebenfalls erforderlich um zu schauen, ob sexuell übertragbare Krankheiten als Folge der Sexkontakte bestehen.

Auch der Partner braucht Hilfe

Oftmals ist die individuelle Analyse der Situation des Betroffenen und seine Entwicklungsgeschichte sehr relevant für den Heilungsprozess. Es muss ein klares Ziel definiert werden, weg von dem Problem, hin zu einem Ziel, wofür sich all die Mühe lohnt. Dabei sollten sich Bewusstsein und Unterbewusstsein gleichermaßen unterstützen. Sehr hilfreich haben sich hier moderne hypnotherapeutische Ansätze erwiesen, die auch in anderen Suchtbereichen vergleichsweise schnell zu einer nachhaltigen Reduktion des Suchtdrucks führt.

Es kommen ebenso Techniken der Teilearbeit und der Externalisierung von Gedanken zum Einsatz wie mentale Techniken aus der Verhaltenstherapie, immer mit dem Fokus auf eine wertschätzende und nachhaltige Ressourcenorientierung der Klienten. Die Lösungen liegen bei den Klienten alle schon parat, durch geschulte Therapeuten müssen sie jedoch in den bewussten Bereich gehoben werden. Diese Arbeit ist am ehesten in einer Einzeltherapie zu erreichen.

Aus meiner Erfahrung kann es sinnvoll sein, eine begleitende Paartherapie anzustoßen, damit wieder Vertrauen in die Beziehung einzieht und damit heilsame Wiedergutmachungsprozesse stattfinden können. In der Beziehung ist gegenseitige Wertschätzung das Fundament auf dem Liebe, Nähe und partnerschaftliche Intimität überhaupt erst wieder wachsen kann. Dies verlangt von beiden Seiten auch ein Loslassen von zerplatzten Träumen, von Schuldvorwürfen, Ansprüchen aber auch von einer Akzeptanz der Situation.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist es, raus aus der Isolation zu kommen. Dazu gehören die Pflege von Freundschaften, ausreichend Schlaf, gesunde Ernährung, Sport und Ausflüge in die Natur, um mit allen Sinnen achtsam im Hier und Jetzt das Umfeld zu genießen. Auch gehört dazu eine höhere Präsenz in der Familie, sich aktiv wieder den Kindern zu widmen und aktiv an ihrem Leben teilzunehmen, private und berufliche Projekte in Angriff zu nehmen oder sei es nur die längst überfälligen Reparaturen oder die liegengebliebene Steuererklärung zu Ende zu bringen. Auch kann mit der wiedergewonnenen Zeit neue Hobbys entwickelt werden, die schon lange einmal auf Realisierung warten.

Der Weg zurück in die Freiheit ist ein sehr lohnenswerter und viele Klienten berichten darüber, dass ihr Leben nach der Sucht für sie neu gestartet ist.