Wann sind wir frei?

Blick in Einkaufsmeile in China, Menschen, Treppe, Geschäfte

Shoppingmeilen existieren als Konsumtempel fast überall auf der Welt. © Matthias Ripp under cc

Neben den Auslassungen und Schwierigkeiten im Bezug auf das falsche Bewusstsein, auf die Kernberg aufmerksam machte, gibt es noch eine grundsätzlichere Lesart. Die Behauptung die hinter Konzepten wie dem falschen Bewusstsein, aber auch jenen der Manipulation steht, ist keine Kleinigkeit. Im Grunde geht es darum, dass jemand behauptet, er wolle etwas Bestimmtes und die Kritiker ihm entgegen halten: „Nein. Du weißt gar nicht, was Du (in Wahrheit) willst. Das kannst Du gar nicht wissen, denn Du bist ja manipuliert.“

Diese Argumentation hat zwei große Schwächen: Erstens, hat man sich darauf geeinigt – das ergibt sich aus Sonderstellung, die wir dem Individuum zusprechen – dass jeder Mensch eine vorrangige Berechtigung hat, seine gefühlten Zustände und Empfindungen selbst zu interpretieren. Wenn jemand sagt: „Mir ist kalt“, kann man nicht ohne sehr guten Grund behaupten: „Nein, dir ist nicht kalt.“ Gleiches gilt für Müdigkeit, Traurigkeit, Langeweile oder sonst was. Es gibt Möglichkeiten, dem Betreffenden diese primäre Deutungshoheit, diese prima facie Berechtigung abzusprechen, aber eben nur mit gutem Grund. Wenn jemand nicht mehr Herr seiner Sinne ist, aufgrund einer Vergiftung, Drogen, einer Psychose, dann würde wir ihm absprechen, dass er sinnvoll einschätzen kann, was er tut und will. Ohne diese sehr guten Gründe ist das ein massiver Übergriff, den wir in unserer Gesellschaft zurückweisen. Wir müssen also gut belegen, warum wir es besser zu wissen glauben.

Die zweite Schwäche ist, dass die Aussage, es seien alle manipuliert, bzw. einige und nur man selbst (und vielleicht einige andere) gehörten nicht dazu, eben belegt werden muss und nicht vorausgesetzt werden darf. Ansonsten ergibt sich ein argumentativer Zirkel, eine petitio principii, die wir auch bei Verschwörungstheorien finden und genauer vorstellten.

Du kannst gar nicht wollen, was Du willst, ist ein Argument, das es mit Schopenhauer bis in die Philosophie geschafft hat: „Der Mensch kann zwar tun, was er will, aber er kann nicht wollen, was er will.“, heißt es bei ihm.[3] Ein häufig zitierter Satz, aber die Tatsache, dass er oft zitiert wurde, macht ihn nicht besser, er ist, man muss es so deutlich sagen, unsinnig. Denn mit der Äußerung eines Wunsches hat man seinen Willen ja schon bekundet. Man kann also wollen, was man will, man hat es ja bereits getan.

Schopenhauers Einwand kann nur unter zwei Gesichtspunkten verstanden werden. Entweder will er behaupten,

  • dass wir nicht frei entscheiden können, sondern unsere Entscheidung von vielen kausalen Einflüssen abhängen, oder,
  • dass unser Wunsch gar nicht „unser“ ureigenster Wunsch ist, sondern wir von anderen in unserer Willensbildung beeinflusst sind.

Der erste Punkt wird in der Diskussion um die Willensfreiheit gar nicht bestritten. Natürlich steht das, was als unser Wille erscheint, in einem kausalen Kontext, anders kann es auch gar nicht sein. Ein Wille, der frei von jedem Einfluss ist, also keinerlei kausalen Faktoren unterworfen ist, ist gar nicht denkbar. Wie sollte das aussehen, wo sollte das stattfinden? Man könnte es allenfalls noch als göttlichen Entschluss durchwinken, aber um den geht es nicht, wenn es um den Menschen geht. Und die Antwort darauf bietet der Kompatibilismus an.
Der zweite Punkt überlappt ein wenig mit dem ersten, vor allem aber mit unserer hier diskutierten Frage: Sind wir alle manipuliert?

Jenseits dieser beiden Punkte macht Schopenhauers Forderung, man müsse das den Willen auch wollen können, einfach keinen Sinn, denn das Wollen, ist ja bereits manifester Ausdruck meines Willens. Man muss auch den Vorgang des Essens nicht essen können, man muss auch das Denken nicht denken können, es reicht, dass man isst, denkt oder eben etwas will.

Auf unser Thema bezogen würde man kompatibilistisch entgegnen, dass die Versuche der Beeinflussung und Manipulation gar nicht geleugnet werden. Aber aus dem Vorhandensein von Versuchen ergibt sich nicht zwingend, dass man damit auch erfolgreich ist. Manchmal gelingen Manipulationsversuche, aber eben nicht immer.

Willensfrei sind wir dann, wenn wir äußern können, was wir wollen und handlungsfrei, wenn wir nicht daran gehindert werden, unseren Wunsch auch umzusetzen. Ob „unser Hirn“, unser Nachbar oder sonst wer das auch wollte, ist an dieser Stelle zunächst irrelevant. Sehen wir also weiter.

Was Freiheit nicht ist

Freiheit wird innerlich eingeschränkt durch psychische Krankheit, Sucht oder Wahn, äußerlich durch Zwang oder Drohungen. Doch diese Grenzen sind hier nicht gemeint, sondern es geht um etwas anderes, was meistens nicht richtig verstanden wird. Freiheit ist kein Baum oder Felsbrocken. Soll heißen, Freiheit hat keinen physikalischen Ort. Freiheit ist ein gesellschaftliches Konstrukt. Doch das ist keine Schwäche oder Unexaktheit, wie man oft meint, sondern beruht auf einer Eigenschaft, die die Wurzel unserer Freiheit darstellt. Den Naturgesetzen (falls es welche gibt, das ist umstrittener als man meint, für Freaks gibt es hier einen schönen, englischsprachigen Beitrag) kann man nicht entgehen, sie sind nicht zu ändern.

Von den meisten Tieren nehmen wir an, dass sie in einer Art biologisch determiniert sind, dass man von wenig oder keinem freien Willen ausgehen kann (allenfalls bei hoch entwickelten Arten könnte das anders sein). Der Mensch kann auch anders, jedenfalls in der Weise, dass er sich seine Gesetze und Regeln zu einem gewissen Teil (aber nicht vollständig) selbst gibt. In einigen Ländern gibt es Linksverkehr, in anderen Rechtsverkehr. Frauen durften früher nicht wählen, heute dürfen sie es. Homosexualität war verboten und galt als krank, heute ist das anders. Die Naturgesetze haben damit überhaupt nichts zu tun, da sie sowohl Links- als auch Rechtsverkehr ermöglichen, helfen sie uns an dieser Stelle nicht weiter.

Wenn man also darauf hinweist, etwas würde den Naturgesetzen nicht widersprechen, dann ist diese Aussage, so richtig, wie nichtssagend. Denn gegen echte Naturgesetze kann man nicht verstoßen und innerhalb derselben ist die Variabilität so groß, dass wir eben unsere eigenen Regeln und Gesetze brauchen. Diese sind keinesfalls unpräziser als Naturgesetze, sondern, im Gegenteil, viel genauer, denn ob man links oder rechts fahren sollte, sagt die jeweilige Straßenverkehrsordnung, möglich ist aber beides und was Freiheit oder Manipulation angeht, so verrät uns der Blick auf die Naturgesetze schlicht gar nichts.

Formale Zusammenhänge und Wissenschaften sind dabei ungleich präziser als jede empirische Wissenschaft, da man hier oft Abweichungen und Sonderfälle kennt. Geistes-, Rechts- und Sozialwissenschaften beschäftigen sich mit Inhalten, die immer wieder auch neu verhandelt werden und im Fluss sind. Je nach Mode, Zeitgeist und gesellschaftlicher Entwicklung sieht das alle paar Jahrzehnte mitunter deutlich anders aus, wie auch der vorsitzende Richter am Bundesgerichtshof, Thomas Fischer in einem Interview erläutert.

Was Freiheit ist und wie sie definiert wird gehört dazu. Unter dem Eindruck der Neurobiologie wurde die Diskussion um die Willensfreiheit neu angefacht und wie wir sehen, sind wir 15 Jahre später mit dem Thema noch immer nicht fertig. Und auch was Manipulation ist gehört dazu. In einer individualistischen Kultur in der Selbstverwirklichung eine große Rolle spielt, hat das Thema eine ganz andere Relevanz, als in einer kollektivistischen Kultur, bei der das größte Glück das Aufgehen in der Gemeinschaft ist. Die Rede von der Selbstverwirklichung müsste in einer solchen Gesellschaft als pure Manipulation wirken. Die Frage, ob wir alle manipuliert sind steht in diesem Spannungsverhältnis und muss philosophisch, soziologisch, historisch und psychologisch betrachtet werden.