Als mythisch-rational wird eine recht unbekannte und irgendwie auch gut verdrängte Zwischenstufe bezeichnet. Der Begriff stammt von Ken Wilber, er beschriebt ihn in “Eros, Kosmos, Logos“.[1] Er bezeichnet die Haltung Mythen mit scheinbar rationalen Gründen zu stützen, aber gleichzeitig noch immer an einem Lieblingsmythos festhalten zu wollen. Solange man all das abstrakt beschreibt ist es kein Problem, das ändert sich jedoch gewöhnlich, wenn wir den Begriff mythisch-rational mit Fleisch füllen.

Warum machst du nicht den Wallraff?

Diese Frage stellt mir ein Freund, dem ich Vorkommnisse im Rahmen meiner damaligen beruflichen Tätigkeit schilderte. Nun, in der Tat, machte ich hier und da, dosiert immer mal wieder etwas von den Missständen – oder dem, was mir so erschien – öffentlich. Die Reaktion war häufig, keine Reaktion. Ein müdes Schulterzucken, ein „Wird schon nicht so schlimm sein“, und dergleichen. Breitet man die Konsequenzen und eigenen Befürchtungen weiter aus, erscheint man, mehr oder weniger schnell, als leicht paranoider Spinner. Das muss man irgendwann akzeptieren und dann ist es eine Frage der persönlichen Neigung, ob man die Ärmel hochkrempelt und sagt: “Jetzt erst recht.”, oder anders mit der Sache umgeht. Mich fasziniert vor allem die Frage, warum das so ist.

Einerseits lassen wir kaum eine Gelegenheit aus, uns zu gruseln oder zu empören, aber wenn es dann darum ginge tiefer zu buddeln, erlahmt das Interesse spürbar. Aber warum? Natürlich einerseits, weil wir etwas ändern müssten, wenn wir es ernst meinen. Und, angesichts der Missstände hier und da und dort kann das recht aufreibend werden und irgendwann lässt man einfach resigniert die Flügel hängen, denn es ist zu viel. Wo soll man anfangen? Aus diesem Gedanken heraus habe ich: Die Kraft der 10% geschrieben, um zu zeigen, dass es auch mit minimalem Aufwand geht oder gehen könnte, bezeichnenderweise ein Beitrag, der weniger interessierte (obwohl ich schon Schlechteres geschrieben habe). Aber da ist noch etwas:

Wir wollen uns nicht enttäuschen lassen

All die ganzen Empörungen und Ängste sind dann nett, bereichernd und gut zu ertragen, wenn es im Leben im Großen und Ganzen stimmt. Und stimmen tut es, zum einen, wenn die realen Faktoren im Leben halbwegs dem entsprechen, was man selbst will und was gesellschaftlich akzeptiert ist. Und obendrein – und vielleicht sogar am stärksten – wenn wir über ein Weltbild verfügen, was uns auch dann trägt, wenn es mal nicht so gut läuft. Es hilft uns, die Dinge, die in unserem Leben passieren, zu verstehen und sei es über den Rückgriff auf Floskeln und Klischees. Wir halten daran in den allermeisten Fällen und überraschend lange fest, selbst dann noch, wenn man sehen könnte, dass es die Welt gar nicht mehr so gut erklärt. Doch dann wird eher die Wirklichkeit der (sozialen) Wahrnehmung angepasst, als umgekehrt. Wir wollen uns nicht enttäuschen lassen.

All die Weltbilder die wir bislang besprochen haben, haben die meisten von uns hinter sich gelassen. Zum Teil und etwas verdünnt tauchen sie noch auf, aber es geht nicht mehr um einen Überlebenskampf bei uns, nicht um Magie und auch der Mythos hat bei uns wenig Konjunktur. Zumindest auf der bewussten Ebene. Mythisch-rational ist die Stufe, das Weltbild in dem vermutlich die meisten in unserer Gesellschaft baden, aus dem heraus sie ihr Leben leben.

Auf der mythisch-rationalen Stufe sind wir intelligent genug, zu erkennen, dass ein Mythos – gleich welcher Art – rational unterfüttert, erklärt und gestützt werden muss. Auch den meisten religiösen Menschen entgeht nicht, dass wir in einem naturwissenschaftlich-technischen Zeitalter leben und das ganz schlichte Mythen heute nicht mehr geglaubt werden. Rationalität fragt nach Gründen, fragt, warum man etwas glauben soll und wieso der andere meint, richtig zu liegen.

Doch nun kommt es für viele zu einer Überraschung. Für manche Menschen ist auch heute noch die erste tiefere Berührung mit den Naturwissenschaften ein Befreiungsschlag. Eine typische Karriere sieht hier so aus, dass man, aus einem religiösen Elternhaus stammend, vielleicht noch Messdiener war und irgendwann mit naturwissenschaftlichen Erklärungen in Kontakt kommt. Von da an, ist in so manchem Leben alles anders. Wie immer bei Weltbildern hängt viel mehr daran, als nur eine kleine Korrektur. Für Menschen, die diesen Schritt machen, hängt die Frage nach der Existenz Gottes daran. Und sie ringen mit sich, weil diese Frage Konsequenzen für ihr ganzes Leben hat und natürlich auch für die Beziehung mit dem oft religiösen Umfeld. Ein Zweifelnder, ein Atheist gar in einer religiösen Familie, das kann auch heute noch Probleme bereiten und individuelle Schicksale prägen. Es gibt diese Beispiele und oft sind die neuen Atheisten begeistert von der eigenen Erkenntnis nun mit geradezu missionarischem Eifer unterwegs, um auch anderen zu zeigen, was sie erfahren haben.

Ihre Idee ist dabei, dass die Konfrontation mit den wissenschaftlichen Fakten einfach jeden zum Umdenken bringen muss. Ihre Überzeugung ist, dass es dabei allenfalls auf die richtigen Beispiele ankommt. Spätestens nach der dritten guten Erklärung müsse dann aber jedem klar sein, dass die Sache mit dem lieben Gott im Himmel, der Buch über uns führt und einen langen weißen Bart hat, so niemanden mehr hinterm Ofen hervor locken kann.

Das aber tut es auch nicht. Das reine mythische Weltbild ist großenteils in unserer Gesellschaft überwunden. Wir sind heute gewohnt, nachzufragen und kritisch zu sein: Wieso soll ich das glauben? Wo sind deine Beweise? Und spätestens dann, so sind viele Atheisten überzeugt, fällt das Kartenhaus der Religion, aller Religionen, in sich zusammen. Den Realitätscheck überlebt diese Einstellung jedoch erstaunlich selten. Und das hat mehrere Gründe.

Kreationismus

Der erste Grund betrifft den Kreationismus. Kreationisten sind Menschen, die irgendwie an einen Schöpfer (Creator) glauben. Die Zahl der naiv Gläubigen ist in unserer Gesellschaft in der Unterzahl. Auch von den religiös gläubigen Menschen hat kaum noch einer das Bild vom alten Mann mit Bart im Kopf. Viele denken jedoch an eine irgendwie höhere Macht, von der sie auch nicht wissen, wo sie sich befindet. Im Islam ist es verboten, sich ein Bild zu machen, in den zehn Geboten des Christentums heißt es auch, man solle sich kein Bildnis oder Gleichnis machen. Natürlich entzieht sich eine “irgendwie höhere Macht” auch der Möglichkeit kritisiert zu werden. Je unkonkreter eine Gottheit ausgestaltet ist, umso weniger ist sie angreifbar. Wenn man nicht weiß, wo sie sich befindet und was sie vorhat, kann auch nicht überprüft werden, ob das eingetreten ist, was man erwartete.

Der “Fehler” (wenn nicht das passiert, was man erwartete) ist aus religiöser Sicht nicht Gott anzulasten. Vielleicht hat ja jemand nicht genug gebetet, vielleicht schwankt man im eigenen Glauben. Doch viele Atheisten überzeugt das nicht und sie sehen gerade in dieser Argumentation ein Rückzugsgefecht. Und in gewisser Weise ist es eines, denn eine solche These ist nicht zu widerlegen, was wissenschaftstheoretisch ein knock out ist. Aber warum sollte man sich für das “Menschenwerk” Wissenschaftstheorie überhaupt interessieren, könnten religiös gläubige Menschen fragen? Auf diese Argumentationen gehen wir weiter unten ein.

Intelligent Design

Gott als Schöpfer, intelligent design

Bildhafter Ausdruck einer ideologischen Auseinadersetzung. © the mad LOLscientist under cc

Intelligent Design ist eigentlich eine Spielart des Kreationismus. Es gibt letztlich keine genaue Definition die sagt, was noch Kreationismus und was schon Intelligent Design ist. Anhänger des Intelligent Design wagen sich jedoch in die Welt der Wissenschaft vor und nehmen Versatzstücke aus wissenschaftlichen Erzählungen auf. Wenn man sich ein wenig mit Naturwissenschaften auseinander setzt und sieht, an welch seidenem Faden die Möglichkeit hängt, dass es überhaupt intelligentes Leben gibt, dann kommt man ins Staunen. Feinst aufeinander abgestimmte Systeme und Wechselwirkungen müssen vorhanden sein, damit Menschen entstehen können.

Der Planet darf nicht zu warm und nicht zu kalt sein, er muss eine Atmosphäre haben, der Salzgehalt der Meere darf nicht zu hoch sein, die Sonnenstrahlen müssen abgehalten werden, der Sauerstoffgehalt muss innerhalb eines kleinen Rahmens recht konstant gehalten werden, es muss Kohlenstoff vorhanden sein und das ist nur ein minimaler Ausschnitt, ein winziger Blick auf das Wunder Leben.

Für die Anhänger des Intelligent Design ist diese unglaublich fein aufeinander abgestimmte Welt ein Argument, denn sie sagen: Das kann kein Zufall sein. Unsere Welt hat ein derartiges Feintunig, das könnten die besten Architekt und Molekularbiologen mit dem besten Supercomputern nicht schaffen, also muss es eine höhere und größere Macht geben, die dafür verantwortlich ist. Ein Argument, was auf den ersten Blick gar nicht mal so schlecht ist.

Organisierter Atheismus

Vor etwa fünf Jahre schwappte eine Welle des organisierten Atheismus hoch. Eine Bewegung die der Philosoph Peter Sloterdijk polemisch als “die Sommerlochoffensive der Gottlosen von 2007” bezeichnete, “der wir zwei der oberflächlichsten Pamphlete der jüngeren Geistesgeschichte verdanken; gezeichnet Christopher Hitchens und Richard Dawkins.”[1]

Für einige der organisierten Atheisten sind diese Werke zur Offenbarung geworden. Die Klügeren von ihnen durchschauten irgendwann, dass Sloterdijk nicht so ganz falsch lag und fanden ihre Wege damit umzugehen. Doch oft ist etwas anderes passiert. Die genannten Autoren und ideologische Mitstreiter wie der Philosoph Daniel Dennett wurden zu Letztautoritäten aufgebaut. Was sie sagten, stimmte, weil sie stellvertretend für die Wissenschaft sprachen und was die Wissenschaft sagt, die harte Naturwissenschaft sagt, ist das einzige, was heute als gut belegt angesehen werden kann. Alles andere ist nur Interpretation und Gefasel, was bleibt, sind die “hard facts”.

Nun, wie immer man sich hier inhaltlich positioniert, etwas anderes wird sichtbar. Diese Gemeinschaften haben sich unter der Flagge des Atheismus und des Naturalismus gefunden, doch strukturell bekam die ganze Bewegung schnell den Charakter einer Glaubensgemeinschaft. Man meinte – und meint es noch immer! – wenn man das Wort “Naturwissenschaft” im Mund führt, sei man bereits über das Religiöse und den Mythos hinaus, doch genau das ist oft nicht der Fall. Kreationisten und Vertreter des Intelligent Design argumentieren zum Teil auch “wissenschaftlich”, galuben zumindest, dass sie es täten. Doch ihre Sichtweise ist oft hoch selektiv und ihrer Argumentation zirkulär.

Bei der Überzahl der organisierten Atheisten und Skeptikerbewegungen ist es nicht anders. Sie argumentieren nicht wissenschaftlich, sondern politisch. Sie haben eine Agenda, wollen etwas durchsetzen, das mag berechtigt sein oder nicht, aber es ist nicht wissenschaftlich. Sie nehmen “die Wissenschaft” (und oft nur eine reduzierte Lesart der Naturwissenschaft) für sich in Anspruch, um bestimmte gesellschaftliche Interessen durchzusetzen. Es ist eine Gemeinschaft, die bestimmte Interessen und Überzeugungen verbindet, eben eine Glaubensgemeinschaft, verbunden im Glauben an eine bessere Welt durch die Wissenschaft, Vertreter einer Weltsicht, die wir schon kennen, sie ist mythisch-rational.

Das Geschöpf hat nur eine begrenzte Einsichtsfähigkeit

Denn auch die Gegenseite wird nicht müde weiter zu argumentieren. Ein Argument der Fraktion der religiös Gläubigen lautet: Als Geschöpfe können wir niemals verstehen, was der Schöpfer, der viel größer und intelligenter ist, gewollt hat. Denn das wäre ja eine Umkehr der Verhältnisse. Das ist in sich zunächst einmal logisch, auch wenn man zig kritische Fragen stellen kann: Was spricht überhaupt für eine Schöpfung? Wer sagt, dass eine Geschöpf einen Schöpfer nicht überragen kann? Aber wenn man die religiösen Prämissen akzeptiert, ist der Schluss richtig. Nun sagt die atheistische Fraktion aber, dass man die religiösen Prämissen eben nicht akzeptieren muss. So weit ist das in Ordnung. Man kann, muss aber nicht. Merkwürdigerweise fordern dieselben Leute aber oft, man müsse allerdings die naturwissenschaftlichen Prämissen voraussetzungslos akzeptieren.

Doch auch das muss man nicht. Wer meint, dass man das eine oder andere ohne weitere Begründung tun müsse, lebt in einem Weltbild das mythisch-rational ist. Das bedeutet nämlich, dass man die Prämissen letztlich nicht bereit ist infrage zu stellen, sie aber, mit wissenschaftlichem Allerlei zu garnieren. Das ist die Schwierigkeit und der Irrtum unserer Zeit. Es reicht nicht Wissenschaft zu spielen oder zu sagen oder “Nature” zu abonnieren, um ein Wissenschaftler zu sein. Echte Wissenschaft ist auf der reflexiven Stufe angekommen und ist bereit, notfalls auch die eigenen Prämissen zu hinterfragen. Wenigstens dem Selbstbild nach.

Was sind eigentlich Erzählungen?

Unter Erzählungen versteht man landläufig Märchen und Geschichten, etwas, was mehr oder weniger erfunden ist. In der Philosophie versteht man darunter eine Art Sichtweise, eine konsistente (= logisch in sich geschlossene) Sichtweise. Und so ist Geschichtsschreibung eine Art Erzählung, aber auch Mythen sind es und irgendwie auch die Wissenschaft. Menschen, die der naturwissenschaftlichen Sichtweise anhängen würden das bestreiten. Für sie bezieht sich die Wissenschaft auf nachprüfbare Fakten. Und anhand dieser Fakten entsteht dann eine Theorie. Ein sehr interessantes Ping Pong Spiel, das auch auf höherem Niveau nicht endet. Denn gegen eine ausufernde postmoderne Interpretation, die unterschiedslos alles als gleichranginge Erzählung oder Text ansieht, gibt das Buch “Eleganter Unsinn” eine starke Antwort.

Doch eigentlich ist es noch anders. Tatsachen oder Fakten sind Ereignisse, die sich aus einer bestimmten Sichtweise heraus erst ergeben. Es ist schön und überzeugend, wenn sich aus bestimmten Theorien Vorhersagen ableiten lassen, die dann in der Praxis bestätigt werden. Mit Einstein konnte man vorhersagen, dass das Licht eines Sternes von dem vorbeiziehenden Planeten Merkur abgelenkt werden würde. Ein Erdrutsch, da durch diese Ereignis, vor 100 Jahren, Vorhersagen der allgemeinen Relativitätstheorie verifiziert werden konnten.

Schwer das als bloße Erzählung anzusehen, da es sich ja auf etwas bezieht, was stimmt. Doch auch die Religionen, die Psychologie, die Philosophie und andere Sichtweisen haben ihre Erzählungen. Und auch diese können uns Antworten geben, die zum Teil stimmen. Und nun ist die spannende Frage, ob es eine Erzählung gibt, die am Ende übrig bleibt. Das wäre zum Beispiel dann der Fall, wenn in einer Erzählung alle anderen – ohne, dass diese großen Bedeutungsverlust und ohne große Verzerrungen zu erfahren – vorkommen, Platz haben.

Die Kandidaten

Kandidaten für eine solche alles überragende Theorie ist zum einen die Physik. Wenn man etwas von der Weltformel hört, so soll das, falls sie gefunden wird, eine physikalische Formel sein. Denn, so die Überzeugung dahinter, irgendwie ist ja alles Physik. Die Frage ist nur, ob uns dieses Wissen tatsächlich etwas nützt. Konkret: Ist wirklich alles auf die Sprache der Physik zurückzuführen? Liebe und Güte, aber auch Hass und Neid oder die Kriterien der Qualität eines Liedes oder Bildes?

Das ist eher nicht der Fall, aber selbst, wenn dem so wäre: Was würde es uns für Vorteile bringen, wenn wir das, was wir in gewöhnlicher Sprache sagen können, nun in die Sprache der Physik zu übersetzen wäre? Wo genau läge da der Erkenntniszuwachs?

Ein anderer Kandidat für eine alles überragende Theorie ist die Mathematik. Hier hinter steht die Idee, dass alles in der Welt irgendwelchen statistischen Mustern oder Algorithmen folgt, aber wie weit das tatsächlich der Fall ist, ist eher Spekulation. Wie im Beitrag “Die Datenflut: Wenn Wissen in Nichtwissen kippt” ausgeführt, hat man derzeit mehr mathematische Theorien als Möglichkeiten diese zu testen, was Wissenschaftler schon dazu brachte, die Kosmologie (die mit diesem Modellen arbeitet) nicht mehr als ernsthafte Wissenschaft zu bezeichnen. Denn es gibt inzwischen weit mehr Modelle über das Universum, als Möglichkeiten, diese Modelle empirisch zu testen und für viele ist das Experiment das Herzstück der Wissenschaft.

Für wieder andere ist Gott das, was bleibt. Analog zur obigen Argumentation behaupten manche religiöse Menschen, die Wissenschaft und die Philosophie, ja die ganze Rationalität seien alle Menschenwerk und daher nicht in der Lage Gott zu erfassen. Gott ist einfach mehr und unsere Mittel sind unzureichend.

Das kann sein, oder auch nicht. Als Argument ist es allerdings schwächer, als man zunächst meint, denn ein Argument will ja überzeugen. Und das tut es nicht, denn es stellt eine bloße rationale Behauptung auf. Ich weiß, dass es so ist. Aber woher? Kann dieser Mensch Gott erfassen? Dann ist das Instrumentarium des Menschen ja doch zureichend und seine Behauptung falsch. Oder kann er es nicht? Dann spekuliert er nur und weiß nicht, worüber er redet. Warum sollten wir ihm glauben?

Wissenschaftliche Mythen

In der Konsequenz bedeutet all das, dass auch diejenigen, die sich auf wissenschaftliche Bilder und Theorien berufen, sich auf Glaubenssätze oder wie es in der Philosophie heißt, Präsuppositionen (Vorannahemen) berufen. Man spekuliert darüber, wie die Natur ist: ein physikalisches Ganzes, ein mathematisch beschreibbares Ganzes, ob sie bottom up funktioniert (das Große ergibt sich aus den Bedingungen des Kleinen) oder top down (das übergeordnete reguliert kleinere Einheiten) und so weiter. Lauter Vorannahmen, die man eingeht, bevor man das betrachten kann, was dann auf einmal als “reine Fakten” erscheint. Abgesehen davon, dass der Naturbegriff ziemlich unklar ist.

In der Kosmologie ist ein Streit über die Beschaffenheit des Universums ausgebrochen. Wenige Schlaglichter dazu: Gibt es ein Universum oder viele Multiversen? Gibt es dunkle Materie und dunkle Energie oder nicht? Doch der Streit ist noch grundsätzlicher, wie oben ausgeführt: Sind Computermodelle noch Wissenschaft?

Auch das Weltbild der Hirnforschung ist ein Mythos, bei dem man unendlich viele Vorannahmen akzeptieren muss, bevor man zu den angeblich reinen Fakten vordringt. Die Idee, dass der Mensch keinen freien Willen besäße, ergibt sich überhaupt erst, wenn man akzeptiert hat, dass das Gehirn des Menschen all sein Verhalten steuert und dies ohne bewusste Interventionsmöglichkeiten vor sich geht. Dann erst kommt man zu der Idee, dass das Hirn ein Naturprodukt ist, das einzig und allein aufgrund von Naturgesetzen funktioniert, dass demzufolge naturgesetzliche Ursachen alles sind und Gründe nicht viel zählen.

Dann erst schaut man sich die bunten Bilder an, wobei die Probleme hier direkt weiter gehen, denn ich sehe nicht wo oder wie “es denkt”, sondern blicke auf eine Durchblutungssituation und darin steckt die Idee: viel Durchblutung = viel Aktivität = da denkt es. Von Problemen im Rahmen der Bildgebung und ihrer beliebigen Falschfarbendarstellung mal ganz abgesehen. Denkt es erst dort wo es rot wird oder schon da, wo es orange ist? Und warum eigentlich?

Wie immer man im Einzelfall dazu steht, eines ist der Blick auf die “reinen Fakten” der Hirnforschung mit Sicherheit nicht. Frei von vorher zu akzeptierender Theorie. Und das ist der Punkt um den es geht. Zu sagen, “Ja, aber das ist doch Wissenschaft” bringt hier nichts, weil es auf ein Bekenntnis rekurriert, aber mehr erst mal nicht.

Parallele zu Kohlbergs Zwischenstufe 4 ½

Lawrence Kohlberg führte bei seiner Untersuchung der Moralpsychologie nachträglich noch eine Zwischenstufe ein. Charakteristisch für diese Stufe ist, dass sie die konventionellen Normen infrage stellt und am liebsten vieles anders machen würde, aber noch keine konsistente Theorie entwickelt hat, die hinreichend ist, um das dann auch zu entwickeln und druchzuhalten. Der kritische Geist ist wach, aber noch nicht klar und weitsichtig.

Was gefordert ist, ist eine Syntheseleistung oder die Erkenntnis, dass man pragmatisch und je nach Fragestellung das Betrachtungsfeld wechseln kann. Was nicht gefordert ist, ist einfach nur gegen etwas zu sein, ohne eine Verbesserung vorzuschlagen. Und noch weniger, ideologisch, bei (s)einem System zu bleiben und es dadurch zu peppen versuchen, dass man es wissenschaftlich nennt.

Moderne Mythen

Moderne Mythen gibt es viele. Man braucht nicht an Odin, Zeus oder das Christentum zu denken, wenn man von Mythen hört. Ein Mythos ist eine Heilslehre und mit einem Ziel verbunden. Wenn alle nur dies oder das täten, so die mythische Überzeugung, wäre die Welt ein besserer Ort. Wenn nur alle Christen wären oder Atheisten. Wenn alle sich vegan ernähren oder täglich meditieren würden. Oder wenn der Neoliberalismus sich durchsetzen würde oder endlich ganz weg wäre.

Mythisch-rational sind alle diejenigen, die zwar bestimmte alte Mythen überwunden haben und oft sogar lautstark gegen diese polemisieren, aber dennoch nicht bereit sind ihre Lieblingsidee zu opfern, auch wenn die Tatsachen oder gute Argumente eine andere Sprache sprechen. Sie verlassen ihren Standpunkt nicht, oft wohl, weil sie sich gar nicht vorstellen können, dass es abseits ihres Standespunktes noch eine andere vernünftige Sichtweise geben kann. Sie argumentieren mit der Folgerichtigkeit ihres Standpunktes, was manchmal sogar stimmen mag, aber die Überraschung liegt darin, dass auch andere Sichtweisen, wenn man ihnen folgt, ebenfalls in sich schlüssig sind. Innere Logik und Folgerichtigkeit allein, sind demnach nicht ausreichend als Argument.

Mythisch-rationale Menschen können sehr intelligent sein und geschickt argumentieren, letztlich gehen sie jedoch immer davon aus, der andere habe unrecht, weil er ihre Prämissen nicht übernimmt, die doch folgerichtig sind. Und dann versucht er mit allerlei mehr oder weniger geschickten Versuchen den anderen von seinen Prämissen zu überzeugen. Statistiken; berühmte Leute, die auch so denken; Zitate und Appelle und immer häufiger Videos, die den vermeintlich Dummen erklären sollen, wie ihre Vorstellung von der Welt ist und warum man falsch liegt, wenn man sie nicht teilt. Das ist Missionierung, der erkennbar mythische Zug dieser Sichtweise.

Doch wenn die innere Folgerichtigkeit nicht ausreicht und es verschiedene Arten gibt, wie man die Welt betrachten kann, wie kann man denn dann tatsächlich erkennen, welche Sichtweise besser und welche schlechter ist? Das untersuchen wir demnächst.

Quellen: