Götter in der Kindheit

Es ist falsch zu denken, Mythen seien lediglich erfundener Kram, von Menschen, die es nicht besser wussten, denn die Deutung geht auf reale Erfahrungen von Kindern zurück. Man muss sich nur empathisch in ihre Lage versetzen. Ganz normale Erwachsene sind für sie Wesen mit übermenschlicher Kraft, die das Kind einfach hochnehmen und wegtragen können. Eltern wissen, wenn die Kinder mit Feuer gespielt haben, weil sie den Rauch riechen. Für die Kinder ist es übermenschliches Wissen, nahezu Hellsichtigkeit. Die Erwachsenen können fast alles erklären, eine Quelle nahezu unerschöpflichen Wissens und wenn die Eltern gutartig sind, ist es für Kinder großartig diese Halbgötter auf ihrer Seite zu wissen, den starken Papa und die liebe Mama. Das Monster unterm Bett ist natürlich real für das Kind und es ist in gewisser Weise die Zauberkraft der Eltern, die diese Monster bannt: “Da ist niemand, verlass’ dich drauf.”

Das ist nichts zusammen Phantasiertes, sondern all das sind reale Kindheitserlebnisse, nur ihre Interpretation ist eben auch die des Kindes. Es kann noch nicht verstehen, was die Eltern das alles wissen und sie müssen es nicht verstehen. Kinder haben kein Problem damit, ihre Welt so zu deuten, wie sie es in dieser Phase tun. In dem Deutungssystem der Magie ist man überzeugt, man selbst könne die Welt Kraft seiner Gedanken beeinflussen, in der Welt des Mythos lässt man diesen Gedanken hinter sich, ist aber noch immer überzeugt davon, dass es Menschen gibt, die über nahezu magische Kräfte verfügen.

Warum sich Religionen bis in unsere heutige Zeit halten und bis heute die mythische Ebene der Deutungen die verbreitetsten sind, liegt vermutlich auch daran, dass es immer wieder Erfahrungen gibt, die diese mythischen Deutungen zu bestätigen scheinen.

Gefahren und Nutzen von Mythos und Ritual

Wir müssen unterscheiden lernen, wo und wem der Mythos schadet und nutzt. Entwicklungsstufen haben eben tatsächlich einen Stufencharakter und das heißt, dass man sie nicht überspringen kann. Stufe für Stufe muss ge- und erlebt werden, wo das ausfällt, begegnet uns die verdrängte Stufe in Zerrformen und Pathologien wieder.

Mythos und Ritual sind uns suspekt geworden. Das ist historisch verständlich, weil die Nazis Mythen und Rituale geschickt in ihr menschenverachtendes System einbanden und das will niemand wieder erleben. Aber sich zwischenzeitlich – um diese Stufe zu bearbeiten und sie dann auch hinter sich lassen zu können – einer gemeinschaftlich geteilten Idee zu unterwerfen, die uns Sinn und Orientierung gibt, es nicht schlecht. Es sind Zutaten, die unserer Gesellschaft oft fehlen. In gemäßigter Form begegnet uns das ständig.

Teenies schwärmen für ihre Stars, tapezieren manchmal das ganze Zimmer mit Bildern ihrer Helden und Vorbilder und zur ungefähr gleichen Zeit schwärmen sie für ihre erste große Liebe und etwas später meistens für idealistische Ideen einer besseren Welt. Irgendwann lernen sie dann immer vernünftiger zu werden und lassen die Begeisterung der Jugend fallen. In manchen brennt das Feuer weiter, doch viele verlöschen, werden vernünftig, manchmal zu vernünftig, brennen für nichts mehr.

Eigentlich böten Religionen ein gutes Terrain für das Einüben der mythischen Stufe. Sie tun viel dafür, dass der Mensch lernt sich der Idee von etwas Größerem zu unterwerfen und damit etwas zu tun, was das eigene Ich überragt. Es geht nicht mehr nur um mich, nein, es geht um eine größere Macht oder Idee. Um Narzissmus zu heilen, der immer auch eine pathologische Ich-Inflation ist, ein kompensatorischer Traum von der eigenen Grandiosität, ist das prima. Das muss nicht zwingend in einem religiösen Kontext geschehen, hier hilft alles, was über die Befriedigung des Ich und seiner Wünsche hinausgeht, es aus seiner Komfortzone und Bequemlichkeit lockt. Doch an religiösen Mythen kann man ganz gut auch die Schattenseiten aufzeigen. Religionen sind in den meisten Fällen bestrebt, den Menschen in die Gemeinschaft einzuführen, doch in fast ebenso viel Fällen haben sie keine Antwort, die den Menschen weiter in die Individualität führt. Zweifel grundsätzlicher Art sind oft nicht gefragt, in mythischen Gemeinschaften und so stehen Menschen mit größeren Fragen oft allein da. Seine eigenen Antworten zu finden, ist nicht die schlechteste Option, kann aber einsam machen.

Fehlt uns ein Mythos?

Erde aus dem All

Kann die Rettung der Erde ein alle verbindender Mythos werden? © woodleywonderworks under cc

Die Frage ist schwer zu beantworten. Selbst Unterstützer des Rationalismus haben eingesehen, dass derselbe etwas blutleer ist, man braucht mehr als eine abstrakte Idee, um Menschen zu begeistern. Es ist nicht so, dass unsere Zeit keine Themen hätte, aber sie bestehen meistens in einer Art Vermeidung von diesem oder jenem empfundenen Übel: Klimawandel, TTIP, Korruption, Flüchtlinge, das sind alles keine gute Laune Themen.

Was ist unser Ziel? Weiter so? Fortschritt, als Floskel ohne näheren Inhalt? Die Erfahrung lehrt, dass, wenn Menschen keine Antworten bekommen, sie irgendwelchen Antwortgebern hinterher rennen. Einen Mythos, eine positive Idee, ein gemeinschaftliches Ziel kann man nicht erfinden und überstülpen. Viele meinen, wir seien Mythos und Ritual entwachsen, aber wir sind auf der anderen Seite noch nicht so weit, dass uns abstrakte Überlegungen satt machen. Die gemeinsame Idee Europa zündet nicht, wird eher assoziiert mit Regulierungswahn und der Aufweichung von Normen, als mit einer kraftvollen Vision von Freiheit und einer Geschichte, auf die man stolz sein könnte.

So kleben wir hier und heute, zu einem großen Teil auf einer wenig bekannten, mythisch-rationalen Stufe, die irgendwie nicht Fisch und nicht Fleisch ist und der wird uns in der nächsten Folge zuwenden.

Quellen: