Sinkt das Vertrauen in die Medizin? In die klassische Schulmedizin, genauer gesagt. Korruptionsvorwürfe, Arzneimittelskandale, Streichung der Zuschüsse und Einsparungen an den Kliniken, Überstunden und Überforderung beim medizinischen Personal, das scheinbar zügige und vorbehaltlose Verschreiben von Medikamenten (auch an Kindern ohne ausreichende Diagnosestellung – Stichwort Ritalin) könnten vereinzelt auf Skrupellosigkeit und Geldgier im medizinisch-pharmazeutischen Sektor schließen lassen und weniger auf den Erhalt der Gesundheit als oberstes Ziel.

Wie steht es also beim Patienten um das Vertrauen in die Medizin?

Sinkendes Vertrauen in die Medizin? Patienten hinterfragen

leeres Wartezimmer in Klinik

Leeres Wartezimmer in einer Klinik: Sinkt das Vertrauen in die Medizin? © Matias Garabedian under cc

Auch wenn Ärzte der klassischen Schulmedizin nach wie vor häufig frequentiert werden, so scheint es doch eine gewisse Unzufriedenheit mit einigen von ihnen zu geben, wie man aus den Daten der Unabhängigen Patientenberatung (UPD, 2014) vom Jahresbericht 2014 durchaus schlussfolgern könnte:
“Im Vergleich zum Vorjahr deutlich zugenommen haben zudem Beratungen zu Patientenrechten … Darf ich meine Krankenakte einsehen? Kann ich mir eine zweite Meinung einholen? Wie muss der Arzt mich vor einer Behandlung aufklären?”
Darüber hinaus sei auch das Thema “Behandlungsfehler” von besonderer Bedeutung bei den bei der UPD anfragenden Patienten gewesen:
“Dazu gingen bei der UPD die meisten Beschwerden von Patienten gegenüber Ärzten oder Kliniken ein. … Spitzenreiter insgesamt war die Problemlage, dass Patienten falsch oder unvollständig informiert und beraten wurden.”

Geschenke von der Pharma = Korruption?

Dass mangelndes Misstrauen gegenüber jemandem, der die Behandlung entscheidend mitbestimmt, wenig vorteilhaft für deren Erfolg wäre, scheint unbestritten. Und will man munkeln, so könnte der Argwohn auf Seiten der Patienten verständlich sein: kostenlose Fortbildungen für die Ärzte, Vortragshonorare, gelegentlich Geld für Arzneistudien … – die Grenzen der Objektivität in Bezug auf eine optimale Behandlung scheinen fließend zu sein. Könnten Ärzte womöglich unbeabsichtigt voreingenommen sein, was die Tauglichkeit einzelner Medikamente betrifft, einfach, weil sie unterschwellig beeinflusst worden sind? Werden eventuell bestimmte Medikamente häufiger verschrieben als andere, weil man Kontakte zu bestimmten Pharmaunternehmen pflegt, und diese unbeabsichtigt eine gewisse “Wohlgesinnung” erzeugen?

Tabletten

Ärzte als Boten der Pharmaindustrie? © Taki Steve under cc

Von gesetzlicher Seite konnten sich diesbezüglich Ärzte und Pharmaindustrie bislang auf der sicheren Seite wähnen. So hat der Bundesgerichtshof in einem Urteil im März 2012 entschieden: “Kassenärzte, die von einem Pharma-Unternehmen Vorteile als Gegenleistung für die Verordnung von Arzneimitteln dieses Unternehmens entgegennehmen, machen sich nicht wegen Bestechlichkeit nach § 332 StGB strafbar. … Entsprechend sind auch Mitarbeiter von Pharmaunternehmen, die Ärzten solche Vorteile zuwenden, nicht wegen Bestechung (§ 334 StGB) oder Bestechung im geschäftlichen Verkehr (§ 299 Abs. 2 StGB) strafbar.” (Aktenzeichen GSSt 2/11)

Steigert Transparenz der Pharma Vertrauen in die Medizin?

Empörung und Gegenreaktion folgten auf dem Fuße: Seitens der Pharmaindustrie gab es das Versprechen zu mehr Transparenz (vgl. FSA, 2015). Im Rahmen des Transparenzkodex soll für FSA-Mitgliedsunternehmen (Freiwillige Selbstkontrolle für die Arzneimittelindustrie e.V.) Dokumentationspflicht herrschen über “alle geldwerten Zuwendungen an Angehörige der Fachkreise und medizinische Einrichtungen.” Denn: “… Transparenz schafft Vertrauen und bekämpft Misstrauen …”, so das löbliche Ziel des Kodex.

Aber …

Transparenz verpflichtet zur Selbstinformation

Patrick Bernau, Redakteur bei der FAZ, gibt zu bedenken, dass eine höhere Transparenz bei den Ärzten dazu führen könnte, ihnen noch mehr misstrauen zu müssen, da Ärzte sich darauf berufen könnten, dass sie ehrlich mit ihrer Übervorteilung umgegangen seien (FAZ, 2013). Dem gegenüber stünde also, dass der stressgeplagte, von medizinischen Fachbegriffen überforderte, um seine Gesundheit bangende Patient, selbstständig Informationen über seine Behandlungsmöglichkeiten beziehen müsste, um zum Wohle von Körper und Psyche entscheiden zu können.

Gesetz zur Bekämpfung von Korruption, damit Vertrauen in die Medizin steigt?

Statue mit Waagschalen der Gerechtigkeit

Ärzte und Pharmaindustrie: In welcher Form sollte Gerechtigkeit herrschen? © Michael Coghlan under cc

Die Politik reagiert, mit dem Entwurf eines Gesetzes zur Bekämpfung von Korruption im Gesundheitswesen des Bundesministeriums der Justiz und für Verbraucherschutz (2014): “Es soll damit der besonderen Verantwortung der im Gesundheitswesen tätigen Heilberufsgruppen Rechnung getragen und gewährleistet werden, dass heilberufliche Entscheidungen frei von unzulässiger Einflussnahme getroffen werden.”

Viele Ärzte agieren nach hippokratischem Eid

Der Ruf (einiger) schwarzer Schafe in der Ärzteschaft und auch der Pharmaindustrie darf nicht diejenigen Mitarbeiter des Gesundheitssystems treffen, welche engagiert und dem hippokratischen Eid entsprechend unvoreingenommen zum Wohle des Patienten agieren. Aufgabe des Patienten scheint es zu sein, im Bedarfsfall einen solchen ausfindig zu machen.
Darüber hinaus scheinen selbst engagierten Ärzten externe Faktoren die Berufung zu erschweren: Überstunden, Einsparungen in Kliniken, Druck der Krankenkassen … – die “Götter in Weiß” sind in eine Mühle geraten, die einst zu mahlen begonnen hat, als die Medizin zum Wirtschaftszweig erhoben wurde. Objektiv messbare Verschlechterungen, welche auch den Ärzten Kummer machen.
Erste Reaktionen der Patienten auf das teilweise sinkende Vertrauen in die Medizin scheint es bereits zu geben, indem unter anderem eine stärkere Zuwendung zu alternativen Heilmethoden erfolgt, wie im nächsten Teil unserer Serie zu Psyche, Körper und Medizin deutlich werden wird.

Nachtrag vom 02.09.2016: Mittlerweile ist das Gesetz zur Bekämpfung von Korruption im Gesundheitswesen beschlossen worden.

Quellen: