Die esoterische Spielart

Unser kleiner Streifzug durch die bunte Welt der Moralisten geht mit einer merkwürdigen Spezies zu Ende. Es mag viele Spielarten der „Esoteriker“ geben (auch wenn der Begriff inzwischen weitgehend verbrannt ist), die meisten sind im Grunde wohlmeinende Moralisten, die es schaffen manchmal erstaunliche Selbstwidersprüche in ihrer Person zu vereinen.

Karma und so

Manche Esoteriker haben eine Affinität zu östlichen Weisheitslehren und verstehen den Karmabegriff als eine Form eines Belohnungs-/Bestrafungssystems. Tenor dieser Einstellung ist ungefähr: Was jemand erleidet geschieht ihm zurecht, mit der prekären Beimengung von: Wem Gutes passiert, der war auch ein guter Mensch, wem Schlimmes passiert, wird entsprechend Übles getan haben. Das sehen manche als Legitimation an, anderen nicht helfen zu müssen, denn schließlich haben diese ihr Karma ja verdient. Leider wird – völlig unabhängig davon, wie man inhaltlich zur Frage der Möglichkeit der Reinkarnation steht – die Frage, warum gerade mir, gerade jetzt, dieser Mensch begegnet, ausgeblendet. Ist es nicht auch Teil meines Karmas, auf ihn zu reagieren?

In leichter Selbstüberhebung meinen Esoteriker zuweilen, dass sie – also, die göttliche Kraft, die durch sie wirkt, sie selbst sind nur Kanal – die Welt retten könnten, ein Projekt, was sie, recht gerne übernehmen, wenn es aber darum geht, mit den anderen die Schicht zu tauschen oder beim Umzug zu helfen, gerät die allumfassende Liebe manchmal an ihre Grenzen.
Es klingt auch irgendwie besser, wenn man sagt: “Du, ich möchte nicht in dein Karma eingreifen, das würde unser beider Entwicklung schaden.”

Die stille Abwertung anderer

Esoteriker sind in der Regel keine Lautsprecher. Sie wähnen sich im Besitz eines Geheimwissen, von dem sie wissen, dass die Öffentlichkeit es merkwürdig findet und sind dem entsprechend zurückhaltend, still und verschworen. Sie kochen oft ihr eigenes Süppchen, die konventionellen Religionen, insbesondere natürlich das Christentum lehnen sie ab, sie nehmen sich aus dieser und jener Religion Versatzstücke, die ihnen gefallen, hier ein Ritual, da ein Gesang, dort ein Gebet, “Ich mach’ mir meine eigene Religion” ist eine Aussage, die man nicht selten hört. Leider tötet das oft jene Heilkraft, die oft gerade dort zum Vorschein kommt, wo man Opfer bringt und sich nicht etwas nach eigenen Bedürfnissen baut.

Es ist vieles vordergründig lieb gemeint und die Esoteriker möchten keinem weh tun, auch dann, wenn sie einem auf kritische Fragen sagen, man sei eben noch nicht so weit und hätte dieses kritische Denken noch nötig, bemerken sie weder die stille Abwertung ihres Gesprächspartners, noch die zirkuläre Begründung: Wer Fragen hat, hat nicht verstanden, wer versteht, fragt nicht. Ihr Moralisismus ist stiller und elitärer, die anderen verstehen das natürlich nicht, darum ist man ja besonders.

Unreflektierte Unsicherheit

Spitzweg Bild. Mann, Kaktus auf Fensterbank

Er könnte sich selbst genügen. © Wikimedia under GNU Free Documentation License

Was Moralisten aller Art auszeichnet ist die Überzeugung, dass es genau eine richtige Art zu leben gibt, nämlich ihre. In einer freien Gesellschaft leben wir in der glücklichen Situation, dass man das umsetzen kann und weitgehend in Ruhe gelassen wird. Doch Moralisten genügt das nicht. Von der Idee, der sie sich verschrieben haben, müssen alle begeistert sein. Warum eigentlich? Warum genügt es ihnen nicht, dass man sie ihr Leben leben lässt, wie sie es wollen?

Zum einen will man natürlich das, was man selbst als positiv empfindet anderen zukommen lassen. Doch nicht immer teilen die anderen die Begeisterung. Das ist schade, aber nicht zu ändern, dafür sind wir Individuen. Hier setzt der Moralist gern die Daumenschrauben an und gerät ins Missionieren. Das Ideal der Moralisten ist nicht, dass jeder so leben soll wie er selbst will, sondern wie der Moralist es möchte. Gleich ob das liebenswert oder drohend rüber kommt, dieser Zug macht sie zu anstrengenden Mitmenschen und verweist wohl öfter als man meint auf eine eigene Unsicherheit, auch wenn die eigene Überzeugungen oft felsenfest zu sein scheinen. Denn, wenn alle dieselbe Einstellung haben, wird das Leben vermeintlich leichter. Tatsächlich wird es das erst, wenn jeder dem anderen seinen Entfaltungsspielraum zugesteht, der dort endet, wo er den des anderen zu stark einschränkt.