Emotionale Abhängigkeit überwinden steht für die Befreiung von einem Gedanken-, Gefühls- und Verhaltensmuster, bei dem eine Person von der Zuneigung und Zuwendung einer anderen Person hinsichtlich ihres Wohlbefindens abhängig ist. Die Orientierung auf das Gegenüber geht über eine gewöhnliche Liebe hinaus.

Emotionale Abhängigkeit überwinden mittels Erkenntnis

Um emotionale Abhängigkeit zu überwinden, muss man sie zunächst erst einmal erkennen können. Ist ein Mensch von einem anderen emotional abhängig, ist er zumeist mit seinem emotionalen Erleben, seinen Gedanken, seinem Verhalten und seiner Lebensorientierung auf die andere Person geeicht. Sicherlich sind in einer Partnerschaft immer Kompromisse zu finden, um die Lebensplanung zweier Menschen aufeinander abzustimmen. Jedoch werden bei einer emotionalen Abhängigkeit die eigenen Wünsche und Lebensziele der Beziehung zu dieser Person über die Maßen untergeordnet.

Wie sieht emotionale Abhängigkeit aus?

Frau mit roten Haaren küsst Mann auf die Stirn

Um emotionale Abhängigkeit überwinden zu können, muss man den Unterschied zwischen Liebe und Abhängigkeit kennen. © Richard foster under cc

Natürlich hat die nachfolgende Auflistung keinen Anspruch auf Vollständigkeit und nicht jeder Punkt muss in dem Ausmaß auf dich zutreffen, aber die folgenden Punkte könnten für eine emotionale Abhängigkeit stehen:

  • Du hast eine starke Angst davor, die andere Person könnte dich verlassen, und du kannst dir nicht vorstellen, ohne sie zu leben.
  • Sobald dein Gegenüber reserviert ist oder schlechte Laune hat, wirst du sofort hellhörig, weil du glaubst, die andere Person könnte weniger für dich empfinden. Häufig musst du dich rückversichern, ob die andere Person dich weiterhin liebt.
  • Gerade in unsicheren Bindungen interpretierst du Aussagen und Verhaltensweisen des anderen Menschen dahingehend, ob und wie dein Gegenüber für dich fühlt. Obwohl die andere Person dir signalisiert, dass sie kein Interesse an einer Partnerschaft hat, bleibst du dennoch bei ihr, weil du Angst vor dem Alleinsein hast. Bist du in einer destruktiven Partnerschaft lässt du dir viel an negativen Verhaltensweisen gefallen, weil du Angst vor einem Schlussstrich hast.
  • Ist dein Beziehungsmensch in einer Missstimmung, tust du alles dafür, ihn wieder gut gelaunt werden zu lassen. Du hast Schwierigkeiten, ihn für sich sein zu lassen. Du bist erst wieder glücklich, wenn der andere es auch ist.
  • Dein Selbstwert hängt stark davon ab, ob dich die andere Person liebt. Ebenso auch dein Wohlbefinden.
  • Deine eigenen Bedürfnisse ordnest du den Bedürfnissen deines Beziehungsmenschen unter. Du hast deinen Alltag und deine Lebensziele zugunsten der Partnerschaft zurückgestellt.
  • Kontakte zu Freundschaften pflegst du immer seltener und wenn, dann oft nur, um mit ihnen über deine Ängste zu sprechen, dein Beziehungsmensch könnte dich verlassen, oder weil du ein Gleichgewicht schaffen willst, da dein Beziehungsmensch auch oft ausgeht.
  • Du möchtest am liebsten immer wissen, was dein Gegenüber macht und wo er sich befindet. Du hörst vielleicht bei Telefonaten zu, durchstöberst das Handy der anderen Person und checkst ihr Social Media-Profil, um dich zu versichern, dass sie nicht fremdgeht.
  • Hobbys oder ein anderes Gegengewicht zu deiner Beziehung in der Freizeit hast du nicht. Du kannst nicht so gut mit dir allein sein und wartest oft darauf, dass dein Beziehungsmensch sich meldet.

Woher kommt emotionale Abhängigkeit?

Oftmals geht die emotionale Abhängigkeit auf frühere Bindungserfahrungen zurück. Wer schon in der Kindheit erfahren musste, dass eine Bindung zu den Bezugspersonen von Unsicherheit, Schmerz und Enttäuschung geprägt sein kann, der tendiert mitunter zu einer starken Verlustangst und damit zu einer emotionalen Abhängigkeit.

Emotionale Abhängigkeit überwinden: 6 Punkte

rotes Schloss am Zaun

Glücklich ist, wer emotionale Abhängigkeit überwindet und bedingungslos liebt. © Theo Crazzolara under cc

Wenn du also ahnst, dass du zu emotionaler Abhängigkeit neigst, was kannst du nun tun, um diese zu überwinden?

1. Orientiere dich auf dich

Stell es dir so vor, dass bei einer emotionalen Abhängigkeit deine Gedanken gleich einem Sog oft zu der anderen Person hinziehen. Du bist häufig im Kopf bei ihr. Was denkt sie, fühlt sie, macht sie? Gehst du dagegen gedanklich in deinen Kopf hinein, ist dort eher ein dunkler Fleck. Diesen gilt es nun wieder, mit Leben zu füllen.

  • Bleibe bewusst gedanklich bei dir und spekuliere nicht darüber, was dein Beziehungsmensch gerade denken oder tun könnte. Setze bewusst einen Gedankenstopp, sobald deine Gedanken in den Kopf deines Beziehungsmenschen wandern wollen.
  • Was denkst DU? Was möchtest DU? Was fühlst DU?
  • Lerne dich mehr kennen. Wo liegen deine Bedürfnisse, Ziele und Ansprüche an das Leben? Was tut dir gut? Wo wärst du, wenn du vollständig an dich glauben würdest?

2. Halte unangenehme Gefühle aus

Niemand hat gern unangenehme Gefühle, aber Menschen, die zu emotionaler Abhängigkeit tendieren, oft umso weniger. Sie fürchten, ihre Verlustangst oder die innere Leere, wenn ihr Gegenüber sie verlässt, nicht aushalten zu können. Was sie eigentlich bräuchten, sind korrigierende Erfahrungen.

  • Erfahre, dass du Ängste, Gefühle der Leere, Traurigkeit, Verzweiflung aushalten kannst. Sie gehen in der Regel vorüber und sie sind aushaltbar.
  • Nimm die Gefühle an, fühle sie und lasse sie vorüberziehen. Halte sie nicht durch unnötige Grübeleien aufrecht.

3. Eine ruhige emotionale Baseline

Viele emotional abhängige Menschen sind innerlich oft aufgewühlt und stets in Habachtstellung. Sie haben oft die Befürchtung, mit der Beziehung könnte ihre Welt wie ein Kartenhaus zusammenbrechen. Deshalb versuchen sie, möglichst viel zu kontrollieren, damit nur ja nichts Unvorhergesehenes passiert. Das strengt an und spannt an. Was du brauchst, ist mehr innere Ruhe, Gelassenheit und Loslassen.

  • Um deine emotionale Abhängigkeit zu überwinden, erarbeite dir eine ruhige emotionale Baseline durch regelmäßige Yogaeinheiten und Meditationen. So bekommen dein Körper und dein Geist das Gefühl, in Sicherheit zu sein. Du gehst die Tage gelassener an und gewinnst an Selbstbewusstsein.
  • Ferner übst du dich durch Yoga und Meditation darin, deinen inneren Fokus intuitiv mehr auf dich zu richten.

4. Sicherheit durch Tagesstruktur

Yoga-Klasse stehend

Routinen schenken Sicherheit und Sport gibt Selbstbewusstsein. © Evan Lovely under cc

Menschen, die emotional abhängig sind, suchen die Sicherheit in der Beziehung. Doch gerade in destruktiven Beziehungen machen sie sich durch ihr starkes Bedürfnis nach Sicherheit und Anbindung angreifbar. Für jeden Menschen ist es sinnvoll, sich mithilfe einer Tagesstruktur Sicherheit und Gewohnheit in seinem eigenen Leben zu schenken. Nachfolgende Dinge kannst du tun, um deine emotionale Abhängigkeit mehr zu überwinden:

  • Schaffe dir mit einer Tagesstruktur in deinem eigenen Leben ein Zuhause, in dem du dich wohlfühlst (unabhängig vom Partner oder der Partnerin). Regelmäßige Tagesabläufe und Routinen geben dir ein Gefühl der Vorhersehbarkeit und Sicherheit.
  • Versuche so zu leben, dass du finanziell möglichst unabhängig von einem anderen Menschen bist, denn auch eine finanzielle Abhängigkeit schürt Verlustängste und damit emotionale Abhängigkeit.
  • Baue Sport in den Tag ein für mehr Selbstbewusstsein. Schaffe dir Inseln des Friedens, also Zeiten, die nur dir ganz allein gehören. Suche dir ein Hobby, Verein oder Ehrenamt, etwas was dich mit Sinnhaftigkeit erfüllt und in dem du aufgehen kannst.
  • Sorge für Ordnung in deiner Wohnung und deinem Leben, damit du dich zudem wohlfühlen kannst.

5. Stehe für dich ein

Wer fürchtet, verlassen zu werden, der ist zu mehr Kompromissen bereit, selbst wenn diese einem nicht guttun.

  • Übe dich in Grenzen setzen, wenn sich jemand dir gegenüber nicht gut verhält. In deinem Bauch spürst du genau, wann ein Grenzübertritt erfolgt. Setze freundlich eine Grenze, indem du beispielsweise sagst, dass dich etwas verletzt hat. Reagiert dein Gegenüber zukünftig unverändert, kannst du zunehmend in die Distanz zu einer Person gehen, die deine Grenzen nicht respektiert.
  • Stehe für deine Bedürfnisse ein. Eine Partnerschaft bietet eine Basis für eine Kompromissbildung, bei der zu gleichen Teilen beide Parts etwas geben und etwas zurückstellen müssen. Achte bewusst darauf, dass du nicht zu viel gibst.
  • Ermögliche dir auch dahingehend korrigierende Erfahrungen. Du wirst nicht verlassen, wenn du für dich einstehst – und wenn doch, dann kannst du es auch aushalten.

6. Spreche positiv mit dir und anderen

Wer zu emotionaler Abhängigkeit neigt, der hat oft das Gefühl, weniger wert zu sein. Kommen zudem noch destruktive soziale Beziehungen hinzu, bei denen ein anderer Mensch einem triggert, irgendwie fehlerhaft zu sein, fühlt man sich noch ungeliebter. Betroffene glauben, sie müssten noch mehr tun, um geliebt, anerkannt und wertgeschätzt zu werden. Was du nun brauchst, sind positive Worte.

  • Spreche wohlwollend mit dir, aber bleibe ehrlich dabei. Du kannst dir selbst gegenüber ehrlich sein, ohne dass dein innerer Kritiker dich niedermacht. An welchen Punkten musst du ansetzen, um deine emotionale Abhängigkeit aufzulösen? Woran kannst du arbeiten, damit du dein eigenes Leben als schön und wertvoll, unabhängig von einer Partnerschaft, empfindest?
  • Korrigiere negative Glaubenssätze wie »Ich bin nicht gut genug« bewusst mit positiven Glaubenssätzen gegen. Zum Beispiel: »Ich bin wertvoll und auch wenn ich noch nicht so gut in einer bestimmten Sache bin, werde ich daran arbeiten und immer besser darin werden.«
  • Suche dir positive soziale Kontakte. Treffe dich mit Menschen, die dir gegenüber ehrlich sind, es aber dennoch gut mit dir meinen. Sprich: Sie sollten dich nicht abwerten oder dir ein schlechtes Gefühl geben.

Je mehr du dir dein eigenes Leben aufbaust und je reichhaltiger du dein eigenes Seelenleben auf dich orientierst, umso mehr kannst du deine emotionale Abhängigkeit überwinden. Hab Geduld und sei gut im Umgang mit dir.