Over-Explaining stammt aus dem englischen Sprachraum. Es steht dafür, dass man sich zu viel erklärt. Mitunter kann Over-Explaining mit negativen Prägungen, belastenden negativen Ereignissen in der Kindheit oder traumatischen Erfahrungen in der Vergangenheit in Zusammenhang stehen. Es KANN, muss aber nicht zwangsläufig darauf zurückzuführen sein.

Betrachten wir zunächst den schlimmsten Fall, warum es bei einem Menschen zum Over-Explaining kommen könnte, nämlich infolge von traumatischen Erfahrungen. Im Anschluss gehen wir allgemein auf mögliche psychologische Ursachen des Über-Erklärens ein.

Over-Explaining als mögliche Trauma-Reaktion?

Manche Menschen, die eine problematische Vergangenheit haben, können zum Over-Explaining neigen. Wenn sie beispielsweise aus einer dysfunktionalen Herkunftsfamilie stammen, bei der sie sich als Kinder aus Angst genötigt sahen, viel zu erklären, behalten sie dieses Muster auch oft bis ins Erwachsenenleben bei. Möglicherweise drohten ihnen als Kinder andernfalls physische oder emotionale Schädigungen.
Sobald die Bezugspersonen aus der Kindheit, die eigentlich Sicherheit bieten sollen, zu einer Quelle von Bedrohung und Angst werden, spricht man von einer Misshandlung beziehungsweise Gewalt, die zu Traumatisierungen und allgemein psychischen Erkrankungen führen kann.

Over-Explaining als Reaktion auf eine Bedrohung

Oft reagieren wir auf Situationen, die wir aufgrund der aktuellen Sachlage oder »lediglich« aufgrund vergangener Erfahrungen als bedrohlich bewerten, mit bestimmten angelernten oder archaisch verankerten Verhaltensmustern wie Kampf- oder Fluchtmodus.

Fuchs macht Fluchtposition und ist im Annäherungs-Vermeidungs-Konflikt

Auch im Tierreich gibt es die Reaktionsmuster von Kampf oder Flucht und manchmal auch einen Annäherungs-Vermeidungs-Konflikt. © Charlie Marshall under cc

Manche Menschen fühlen sich schnell angegriffen und wechseln sofort in den Kampfmodus. Andere tendieren dazu wegzulaufen (Fluchtmodus). Wieder andere fühlen sich in einem Streit oder wenn man sie mit Vorwürfen konfrontiert wie betäubt und schaffen es gar nicht zu reagieren (Freeze-Modus, ähnlich dem Totstellreflex bei Tieren). Einige Menschen reagieren mit einem Verhalten der Unterwerfung (Fawn-Modus). Sie ordnen sich einer anderen Person eher unter, weil sie damals in ihrer Kindheit andernfalls negative Konsequenzen fürchten mussten, wenn sie es nicht tun würden. Diesem Reaktionsmuster kann auch das Over-Explaining zugeordnet werden, wenn man es aus dem Blickwinkel einer möglichen Trauma-Reaktion betrachtet.

Kommen wir nun zu den psychologischen Ursachen des Over-Explainings, die allgemein mit negativen, stressvollen und mitunter emotional überfordernden Kindheitserfahrungen verknüpft sein können. Natürlich kann man auch zum Over-Explaining neigen, beispielweise weil man viel weiß und alles verstanden wissen möchte oder weil man es bei anderen Personen so beobachtet hat.
Doch diese Gründe sind für uns, als psychologisches Online-Magazin, nicht relevant. Wir beziehen uns auf ein Verhalten, das in Fehlprägungen in der Kindheit seinen Ursprung haben könnte. Damit einhergehend kann Over-Explaining, je nach Ausmaß und Auswirkung der negativen Kindheitserfahrungen, manches Mal »lediglich« als eine Gewohnheit, genauso aber auch als Stressreaktion, Copingstrategie, also Bewältigungsstrategie, oder eben als Trauma-Reaktion verstanden werden.

Sechs Gründe aus der Kindheit für das Über-Erklären

Das Muster der Über-Erklärung kann auf verschiedene Ursachen zurückgeführt werden.

1. Zeigen, dass man nichts Böses tut

Manche Menschen, denen in der Kindheit zum Beispiel häufig böse Absichten unterstellt wurden, neigen zum Over-Explaining. Sie möchten zeigen, dass sie »harmlos« sind.
Wer mit emotional unreifen Bezugspersonen groß wurde, die sich selbst nicht geliebt und geschätzt fühlten und nicht vertrauen konnten, der hatte ständig das Gefühl, ihnen Loyalität beweisen zu müssen. Vielleicht wurde den Betroffenen in der Kindheit oft auch suggeriert, sie seien schuldig an etwas, und sie mussten für sich beanspruchen, dass es nicht so ist. Es wurde einem oft nicht geglaubt oder die Erklärung abgesprochen, sodass man immer mehr erklären musste. So kam dieses Verhaltensmuster von ständigem Erklären, Rechtfertigen und Verteidigen zustande.

In Partnerschaften mit emotional unreifen Personen findet sich ein ähnliches Muster. Ständig versuchen Betroffene, ihrem emotional unreifen Beziehungsmenschen zu beweisen, dass sie ihn lieben und loyal sind. Ihnen wird zum Beispiel von narzisstischen Partnerinnen und Partnern oft die Schuld an etwas zugesprochen und so haben sie stets das Gefühl, sich rechtfertigen zu müssen. Dadurch kann es auch zu einem Über-Erklären kommen.

2. Sichtbar werden

Manche Betroffene, die zum Over-Explaining neigen, waren lange Zeit unsichtbar. Sie wurden in der Kindheit von ihren Bezugspersonen nicht gesehen, weil diese eventuell kein Interesse hatten oder viel mit sich zu tun hatten. Einige der Kinder mussten stets etwas tun, um von ihren Bezugspersonen geliebt und anerkannt zu werden. Sie mussten beispielsweise Leistungen erbringen oder besonders hilfsbereit sein. Erfüllten sie nicht ihre Rollen, waren sie vielleicht sogar weniger wert.
Heute wollen die erwachsenen Kinder sich zeigen und gesehen werden. Dazu gehört manches Mal auch, dass sie um Anerkennung ringen, sich beweisen und in gewisser Weise »in ein gutes Licht« rücken möchten.

3. Sicherheit spüren

Ein weiterer Grund für Over-Explaining kann es sein, sich sicher fühlen zu wollen. Wenn jemand der anderen Person zeigt, er sei keine Gefahr, er öffnet sich über die Maßen vertrauensvoll und ordnet sich quasi unter, dann ist er selbst auch in Sicherheit. Es kommt zu keinem Konkurrenzkampf oder Machtgerangel, was schlimmstenfalls zu einem Ausschluss aus einer sozialen Gruppierung führen könnte.

Als Over-Explainer möchtest du in dem Fall eventuell besonders ehrlich sein und eine vertrauensvolle Bindung aufbauen.

4. Akzeptanz verschaffen

Zwei Frauen reden miteinander auf der Straße

Wie viel muss man sprechen, um sich Akzeptanz zu verschaffen? © Maya ALESHKEVICH under cc

Erleben Menschen, dass eine andere Person ihnen nicht zuhört, werden die meisten von ihnen den Dialog abbrechen, weil es keinen Zweck hat. Viele Betroffene von Over-Explaining jedoch sprechen dagegen immer mehr. Entweder weil sie es aus der Kindheit gewohnt sind, sich auf die Art Gehör zu verschaffen, oder weil ihnen nie zugehört wurde und sie sich endlich einmal Gehör verschaffen wollen, neigen sie zum fortlaufenden Erklären.

Auch in toxischen Beziehungen, in denen Gaslighting praktiziert wurde, kann es aus denselben Gründen zu Over-Explaining kommen. Wird einem immer wieder die Wahrnehmung abgesprochen und die eigene Person infrage gestellt, könnten Over-Explainer umso mehr erklären. Dadurch möchten sie sich selbst und dem Gegenüber versichern, dass sie mit ihrer Wahrnehmung und Einschätzung der Lage richtig liegen.

5. Ablehnung und Versagen vermeiden

Je mehr ein Mensch sich erklärt, desto weniger kann er missverstanden werden. Das denken sich manche Over-Explainer. Sie haben Angst, einen Fehler zu machen, und erklären lieber zu viel als zu wenig.

Mit Over-Explaining ist die Wahrscheinlichkeit für eine Eskalation vermindert. Statt sich in einer gesunden Weise von jemandem abzuwenden, den man emotional nicht erreichen kann, erklärt man lieber immer und immer wieder seine Beweggründe, um den klaren Cutt in einer sozialen Beziehung nicht ziehen zu müssen. So bleibt man mehr in der Bindung zu einem anderen Menschen und muss eine potenzielle Ablehnung nicht fürchten.
Over-Explainer erklären sich mehr für das, was sie sind, zum Beispiel ihren Werdegang, ihre Persönlichkeit oder ihre Denk- und Verhaltensweisen, um eine mögliche Zurückweisung zu vermeiden. Wer aus der Kindheit heraus Angst vor Ablehnung hat, weil er nie erfahren hat, bedingungslos wertgeschätzt zu werden, der wird sich häufiger erklären wollen, da er befürchtet, in seinem Wesen falsch verstanden und zurückgewiesen zu werden.

Over-Explaining kann auch mit einem Hang zum Perfektionismus in Zusammenhang stehen und unter Umständen damit, dass einem in der Kindheit suggeriert wurde, nicht gut genug zu sein. Es wird viel erklärt, um nur ja nichts zu vergessen, damit einem niemand einen Fehler vorwerfen kann. Folglich kommt es weniger wahrscheinlich zu einen Misserfolg oder einem Versagen.
Liegen traumatische Erfahrungen zugrunde, so können diese in vielen Fällen mit einer verminderten Konzentrationsfähigkeit einhergehen, sodass das Über-Erklären auch aufgrund dessen zustandekommen kann. Betroffene erklären dann mehr, ausführlich und wiederholt, weil es ihnen Probleme macht, komplexe Sachverhalte auf den Punkt zu bringen. Ihre Gedanken driften häufiger weg und sie haben das Gefühl, nicht vollständig in sich drin anwesend zu sein. Würden sie das nicht tun, könnten sie in Bezug auf eine abzuliefernde Leistung »versagen«.

6. Selbstwert festigen

Das Over-Explaining kann außerdem zustandekommen, weil man sich unsicher fühlt und aus der Unsicherheit heraus viel redet. Einige können das Schweigen nicht ertragen oder befürchten, als langweilig zu gelten.

Grundsätzlich stehen aber auch alle vorangegangenen Gründe für das Over-Explaining mit dem Selbstwert in Verbindung. Beim Over-Explaining mit dem Wunsch nach Anerkennung und Gesehen werden, dem Bedürfnis nach sozialer Anbindung sowie der Angst vor dem Versagen etc. geht es auch immer darum, den eigenen Selbstwert zu stabilisieren.

Offenheit versus Over-Explaining?

Die Abgrenzung von einer schlichtweg offenen Persönlichkeit hin zu Over-Explaining ist manchmal schwierig. Letztendlich ist es subjektiv, ab wann eine Erklärung zu einer Über-Erklärung wird. Der eine teilt mehr von sich mit, der andere weniger. Alles in allem ist es immer vom Einzelfall, von der jeweiligen Situation und Konstellation, abhängig. Und viele Einzelfälle, in denen man zu viel erklärt, machen dann eine Gewohnheit und eine Neigung zum Over-Explaining.

Eine Frau erklärt mit Tablet auf der Messe, zwei andere daneben hören zu.

Manchmal hängt Over-Explaining auch mit dem Selbstwert zusammen. © Alan Levine under cc

Außerdem ist das dahinterliegende Motiv entscheidend, ob jemand zum Over-Explaining tendiert oder einfach nur offen ist. Ein Mensch mit offenen Charakterzügen hat nicht die Intention, sich erklären oder rechtfertigen zu wollen. Er berichtet schlichtweg gern von sich.

Häufig ahnen Over-Explainer gar nicht, dass es im Grunde unnötig ist, so viel zu erklären. Viele sind es aus der Kindheit heraus nicht anders gewohnt. Auch ist es den Betroffenen manchmal nicht bewusst, dass das Over-Explainung generell ein Zuviel in Bezug auf die soziale Situation sein könnte. Ein Zuviel an Intimität, an Rechtfertigung oder Erklärung. Ein Zuviel, mit dem sie sich eventuell in eine nachteilige Position bringen könnten.

Über-Erklären macht verletzlich

Beim Gegenüber kann das Over-Explaining je nach Persönlichkeit und den individuellen Motiven, mit denen man in eine soziale Interaktion geht, zu verschiedenen Reaktionen führen. Bei einigen Menschen lösen die vielen Erklärungen und Rechtfertigungen ein Unwohlsein aus. Es ist ein Zuviel an Persönlichem, das da mit ihnen geteilt wird. Andere Personen, die mit weniger ehrenwerten Motiven in eine soziale Interaktion gehen, wittern womöglich einen »Machtvorteil«. Wenn du dich zu viel öffnest und zu schnell anvertraust, zeigst du auch deine Unsicherheiten und Schwachstellen. Nicht jeder Mensch kann mit diesem Vertrauensvorschuss angemessen umgehen. Wer sich in sozialen Interaktionen einen Vorteil verschaffen möchte, für den sind Over-Explainer sozusagen »leichte Beute«.
Dieses vorteilsverschaffende Denken kann bei manchen Menschen bewusst anspringen. Sie möchten in einer sozialen Interaktion Macht haben und Raum für Manipulation.
Bei anderen Menschen kann es dagegen so sein, dass sie sich eher unbewusst besser gegenüber der sich erklärenden Person fühlen möchten, weil sie beispielsweise selbst einen labilen Selbstwert haben.

Durch Over-Explaining schaffen die Betroffenen ein soziales Ungleichgewicht. Nicht umsonst wird es oft dem Fawn-Modus zugeordnet, also einem Reaktionsmuster, bei dem man sich unterordnet.

Was du gegen Over-Explaining tun kannst

Menschen, die zum Over-Explaining neigen, können versuchen, bewusst darauf zu achten, sich nicht mehr ständig zu rechtfertigen oder zu erklären. Ebenso können sie insgesamt versuchen, ruhiger zu werden. Einmal erkannt, kann man diese Mechanismen aus der Vergangenheit hinterfragen und rechtzeitig stoppen. Bedenke: Weniger ist oft mehr. Teilst du dich zu viel mit, wird dein Gegenüber vermutlich häufiger »dichtmachen«. Lieferst du dagegen wohlportionierte Erklärungen, kann die andere Person immer noch nachfragen, wenn sie etwas wissen möchte. Vom Over-Explaining, dem ständigen sich Unterordnen, kommt man dann zu einem Miteinander auf Augenhöhe.