Buddha Statue

Ein Sinnbild für Erleuchtung, der Buddha. © Christian Schnettelker under cc

Spirituelle Wege haben den Vorteil, dass man sie sehr gelassen gehen kann, gerade wenn man sie ernst nimmt und obwohl es gewaltige Unterschiede gibt.

Ich gehe zuerst auf diese Unterschiede ein und werde zwischendurch immer wieder begründet einflechten, warum es Grund für Gelassenheit gibt.

Spiritualität und Begründungen

Man hört oft, dass Spiritualität sich außerhalb des rational Fassbaren abspielt, dass Worte hier versagen, man alles Wesentliche nur erleben kann und dergleichen. Das stimmt in gewisser Weise, aber erst dann, wenn man so eindrucksvolle Erfahrungen gemacht hat, dass diese für sich selbst sprechen. Das gilt aber nicht einmal für alle spirituellen Erfahrungen.

Zunächst soll Spiritualität definiert und vom religiösen Glauben abgegrenzt werden, ich wiederhole aus einem früheren Artikel:

„Religion ist eine Frage des Glaubens, der Überzeugung. Man glaubt (in aller Regel), dass es bestimmte höhere Mächte gibt, die auf unser Leben Einfluss nehmen können und daran, dass dieses Wissen bestimmten auserwählten Menschen offenbart wurde, die es dem Rest der Welt weitergaben. Vermitteltes Wissen.
Spiritualität ist eine Frage der eigenen Erfahrung, der spirituellen Praxis oder der spontanen Schau, also Wissen aus erster Hand.“[1]

Spiritualität ist nichts, woran man glauben muss, aber man muss seine Erfahrungen interpretieren und das ist eine Frage des Glaubens an ein Weltbild. Es muss nicht religiös sein, es geht nur darum, dass all unsere Erfahrungen in ein Weltbild eingeflochten werden. Egal, ob wir morgens Kaffee trinken und zur Arbeit fahren oder eine Einheitserfahrung machen. Man kann ein religiöses, esoterisches, wissenschaftliches, humanistisches Weltbild haben oder eines, was man normal nennen würde. Normal heißt für uns, dass wir in einem wissenschaftlich geprägten Weltbild leben, aber irgendwie doch glauben, dass es da etwas Höheres geben könnte, was man nicht erklären kann.

Natürlich gibt es auch ganz explizite Skeptiker aller Arten von Spiritualität, Esoterik und Religion, sowie sehr engagierte Vertreter dieser Richtungen. Eine nicht alltägliche Erfahrung kann für einen religiös gläubigen oder spirituell übenden Menschen der Lohn für Treue und Mühe sein. Bei einem Menschen, der so etwas als verrückt ansieht, kann die gleiche Erfahrung Angst auslösen.

Es ist also stets so, dass eine spirituelle Erfahrung unterschiedlicher Intensität auf ein Weltbild trifft, das diese Erfahrung entweder verarbeiten kann, oder nicht. Nicht immer ist es gut, wenn die Erfahrung verarbeitet werden kann. Macht ein Narzisst eine Gotteserfahrung, kann er denken, dass es doch sonnenklar ist, dass Gott sich bei ihm meldet, bei wem auch sonst?

Jedes Weltbild wird von inneren Begründungen zusammengehalten. Die spirituelle Erfahrung kann dieses Weltbild entweder stützen oder erschüttern, was von der Intensität und Häufigkeit der Erfahrungen abhängt.

Erleuchtete Meister, Gurus und spirituelle Superstars

Manche Menschen beginnen explizite spirituelle Wege über spontane eigene Erfahrungen. Eine unerwartete Nahtoderfahrung, eine seltsame Begebenheit bei einer Operation im Krankenhaus, etwas im Umfeld des Todes eines nahen Menschen, ein Erlebnis in einer Krise, unter bestimmten psychoaktiven Substanzen oder Stress. Andere fühlen sich unerwartet angezogen von einem Menschen, dem nachgesagt wird spirituell sehr weit fortgeschritten zu sein.

Manche geraten eher zufällig auf diesen Weg. Vielleicht nehmen sie mal ohne größere Ambitionen an einem Workshop teil und erleben mehr, als sie gedacht hätten. Einige sind auf der Suche nach ihrem Platz im Leben und wollen ein wenig herausragen. Vielleicht weiß man, dass man kein Filmstar, Spitzensportler oder Nobelpreisträger wird, etwa abseitige Formen sind Superhelden, Superschurken oder auch spirituelle Superstars.

Erleuchtete Meister, Gurus und spirituelle Superstars haben es in unserem westlichen Weltbild schwer, aus mehreren Gründen. Die bedingungslose Hingabe an einen Guru ist in unserer Tradition fremd, wo Autonomie und Individualität stärker als in anderen Teilen der Welt betont werden. Dazu kommt, dass wir seit 250 Jahre einem naturalistischen Weltbild folgen, das im Kern materialistisch ist und in dem alle Arten von Spiritualität per Glaubenssatz nicht vorkommen dürfen. Allenfalls gehen sie als Phänomene eigenartiger Hirnfunktionen durch, die, wenn sie nicht pathologisiert werden, lediglich privaten Charakter haben sollen.

Dabei will man sich vor Verführern schützen, verkennt aber, dass spirituelle Wege von jedem selbst gegangen werden müssen. Erleuchtete Meister, Gurus und spirituelle Superstars haben die Funktion, uns zu zeigen, dass ein anderes als das konventionelle Leben möglich ist. Man kann sie aus der Ferne bewundern, wie Sportler oder Showstars, als eine Möglichkeit, die einem irgendwie auch offen stünde. Man kann sich einem anschließen oder seiner Lehre folgen. Dabei kommen Fragen auf, klären wir erst die, die sich im engeren Sinne auf spirituelle Lehrer und Gurus beziehen.

Woran erkennt man sie und woher weiß man, dass sie echt sind?

Alles in allem ist die Antwort die, dass man es nicht kann. Es gibt kein Messgerät und keinen TÜV, der wirklich klären könnte, mit wem man es zu tun hat. Aber man ist nicht schutzlos, falls man meint geschützt werden zu müssen. Man muss seinen gesunden Menschenverstand nicht an der Garderobe abgeben. Das Schlimmste was einem drohen kann, ist eine Form psychischer Abhängigkeit mit den Kollateralschäden, die dazu kommen können.

Es gibt Indikatoren, die keine letzte Sicherheit, aber einen hohen Grad an Wahrscheinlichkeit darstellen. Sie stammen von David Godman, der sein Leben der (Nicht-)Lehre von Ramana Maharshi gewidmet hat und der mit vielen authentischen spirituellen Lehrern engen Kontakt über längere Zeit hatte:

  1. Man fühlt in ihrer Gegenwart tiefen Frieden.
  2. Ein echter Guru oder eine spirituelle Meisterin behandeln alle Wesen gleich respektvoll, bei Ramana Maharshi fielen ganz ausdrücklich auch Tiere und Pflanzen darunter.
  3. So gut wie alle echten Meister nahmen und nehmen kein Geld für ihre Lehren.

Ich würde noch hinzufügen:

  1. Man sollte auf seine innere Stimme hören.

Wenn man Zweifel hat, lieber erst mal abwarten. Die Gefahr beim letzten Punkt ist, dass man meinen könnte, irgendwie die Chance seines Lebens zu verpassen. Ich werde erläutern, warum diese Sorge unbegründet ist. Gurus haben im Wesentlichen zwei Funktionen auf dem spirituellen Weg. Da sie im besten Fall so etwas wie Leuchttürme sind, können sie Menschen dazu anregen, sich nach innen zu wenden. Schließt man sich ihnen an, ist der Deal folgender: Man selbst ist für die Fortschritte verantwortlich, der Guru schaut, wo man steht.

Erleuchtete Meister leben oft anders, vor allem aber erleben sie sich und die Welt vollkommen unterschiedlich, nämlich nicht als ein an einen Körper gebundenes „Ich“. Darum erleben sie sich auch nicht als Agenten, die etwas tun oder auslösen, selbst von ihren Handlungen und Antworten erleben sie sich noch als für uns merkwürdig bis unvorstellbar distanziert. Der Unterschied aus Sicht eines Meisters: „Du füllst Deinen Geist mit Gedanken an und lässt diese dann gegeneinander kämpfen. Ich tue das nicht.“ (Nisargadatta Maharaj) All das können wir uns nicht vorstellen.

Spirituelle Wege im engen und weiten Sinn

Ein spiritueller Weg im engen Sinn bedeutet, regelmäßig eine spirituelle Praxis auszuüben, wie Meditation, Selbst-Erforschung oder die bewusste Hingabe an einen Guru oder das Schicksal/Karma. Der Sinn all dieser Übungen ist es, das „Ich“ aufzulösen oder zu erkennen, dass es gar nicht existiert. Man könnte fragen, warum man das glauben soll, da man sein „Ich“ doch ständig erlebt.

Hier ist nun die Frage, ob und inwieweit man das wirklich tut. Spirituelle Praktiken versuchen im Grunde durch die Bank dieses „Ich“ zu hinterfragen, vor allem ganz praktisch, indem man danach sucht. Wo und was ist eigentlich mein „Ich“, wer oder was bin ich? Wer oder was bleibt, wenn ich alles, was geschieht, einfach nur beobachte? Wer ist es, der beobachtet? Das ist ein spiritueller Weg im engen Sinn.

In einem weiten Sinn betrachtet, ist das ganze Leben – oder vielleicht auch eine Kette vieler Leben – ein einziger spiritueller Weg. Selbst wenn man nicht daran glaubt. Das wäre dann allerdings in der Tat eine Glaubenssache, jedoch gilt das für die entgegengesetzte Sicht, dass es keine Spiritualität gibt, ebenfalls. Bleibt am Ende also wieder das, was jeder Einzelne überzeugender findet. Das ist kein Fehler, solange man sich nicht selbst belügt. Wenn man es doch tut, wird man vom Leben selbst korrigiert.

Werbung braucht man für einen spirituellen Weg nicht zu machen, denn wenn es stimmt, dass das Leben immer durch Anbindungen an spirituelle Wege gekennzeichnet ist, ist es einfach etwas, auf das man ohnehin stößt. Anders gesagt, alltägliche und spirituelle Wege sind gar nicht getrennt. Vermeintlich Äußeres kommt einem schicksalhaft entgegen und man ist gezwungen, sich mit einem bestimmten Bereich des Lebens auseinanderzusetzen.

Darum ist es auch kein Problem, wenn man den Kontakt zu einem Guru verpasst. Wenn die Zeit da ist, wird man unweigerlich den spirituellen Weg im weiten Sinn verlassen und den Weg im engeren Sinne fortsetzen. Bis dahin bietet uns das Leben, was wir brauchen, um uns zu entwickeln. Dies ist vielfach beschrieben, in nahezu allen Traditionen. Ein „Ich“, ein Held geht in die Welt, ist erfolgreich, bis er sich heillos verheddert, nicht mehr ein noch aus weiß und dann inne hält und sich nach innen wendet.

Jede Wendung nach innen ist im Grunde gut und richtig. Ob man sich für Psychologie, Philosophie oder Kunst interessiert oder für die Aspekte der aufrichtigen Innenschau in Religionen, all das ist Teil des großen Weges, den wir vielleicht alle gehen. Darum kann man auch mit diesen Fragen gelassen umgehen.

Was ist mein Weg? Wo beginnt er? Wie findet man dorthin?

Man findet von selbst dorthin. Manche Menschen sind kurz von dem Thema begeistert, dann lässt das Interesse aber wieder nach. Spiritualität ist faszinierend, weil sie von der Aura des Besonderen umweht ist. Meister, die scheinbar oder tatsächlich besondere Fähigkeiten haben, die man irgendwie auch gerne hätte, die den Tod überwinden oder wenigstens keine Angst vor ihm haben.

Im Grunde ist das die Situation von uns allen. Wenn man sich überhaupt für Spiritualität interessiert, dann oft an den kleinen Tricks, von denen man meint, dass sie das Leben einfacher machen. Spiritualität wird dann zur Auspolsterung der Komfortzone des eigenen „Ich“. Manchmal offen, man will dann Geld, Liebe, Gesundheit oder alles durch irgendwelche Rituale erzaubern oder Gebete erzwingen. Manchmal versteckt man den Egoismus vor sich und anderen, wenn man um heilende Hände bittet, um Kranke und am Ende die ganze Welt zu heilen. Manchen mag das gegeben sein, viele verstecken dahinter ihren eigenen Narzissmus. Ich will die Welt heilen, werde es aber niemandem sagen, weil ich gleichzeitig total bescheiden bin. Das Bild des oder der Heiligen ist zur Selbstidealisierung bestens geeignet.

Das Gefühl, dass die Anderen ja gar nicht wissen und nicht mal ahnen, wer man wirklich ist, kann einem eine tiefe innere Befriedigung verschaffen, aber es ist in der Form eher die Befriedigung eines zutiefst narzisstischen „Ichs“, gut verborgen hinter einer heiligen oder erleuchteten Fassade. Es sieht so schön aus, kann aber sehr weit von authentischer Spiritualität entfernt sein, bei der es gerade um den Abbau des Ego geht.

Eine weitere Hürde auf dem Weg ist die Suche nach dem spirituellen Notausgang. Wenn es eng wird, kann man sich immer noch irgendwie aus der Welt weg meditieren oder durch Übung in Verzückungszustände umschalten. Ist man geschickt genug, findet man irgendwelche Studien die das beweisen oder zumindest nahe legen. Der Punkt ist nun weniger, zu klären, ob das wirklich geht, sondern warum man eigentlich die Absicht hat.

Spiritualität hat oft ein Narzissmus-Problem. Ein „Ich“ ist fasziniert von den Möglichkeiten, die Spiritualität für das „Ich“ bietet und sie sind reichlich. Wenn es stimmt, dass eine Wendung nach innen genau dann stattfindet, wenn man nicht mehr weiter weiß, dann ist Spiritualität oft der Joker des „Ich“. Man meint ihn einsetzen zu können, wenn alles schwierig bis unlösbar erscheint. Der kleine Vorteil, den die Anderen nicht haben, weil sie nicht daran glauben, man selbst ist vielleicht unsicher, spielt die Karte aber wenigstens in der Absicht, dass sich Erfolge einstellen und die heißen für das „Ich“, dass es einem bald wieder gut geht und man die Kontrolle zurückgewinnt.

Oder noch direkter: Warum interessiert man sich für Erleuchtung? Wenn man von Spiritualität angefixt ist, ist Erleuchtung das Ziel und viel mehr geht dann eigentlich nicht. Man ist dann irgendwo zwischen Superstar und Gott, das ist schon nicht ohne, also warum fasziniert einen das, wenn es doch um „Ich-Überwindung“ geht? Irgendwie hört man das ja immer. Eine weitere Variante ist der trockene Analytiker. Man analysiert die Vorgehensweise der Anderen und denkt sich, dass das bei einem selbst anders laufen wird. Man kann ja aus ihren Fehlern lernen, dann hat man einen Vorteil, dazu die besten spirituellen Techniken, vielleicht verbunden mit den neuesten technischen Möglichkeiten unserer Zeit, man ist trickreich genug, um die besten Startbedingungen zu haben.

Sind schreckliche Fehler also unvermeidlich? In gewisser Weise ja und darum sind sie auch keine schrecklichen Fehler. Man muss als „Ich“ spirituelle Wege beschreiten, mit allen Risiken und Nebenwirkungen.

Wo stehe ich auf dem Weg?

Nisargadatta Maharaj Porträt

Er gilt als einer der großen Lehrer, aber war alles andere als ein ruhiger Geist. © Arturo Espinosa under cc

Die unbefriedigende Antwort ist, dass man es nicht weiß. Dafür gibt es den Guru. Wenn Spiritualität eine authentische Größe im Leben ist, wird man zuverlässig auf den Guru treffen, wenn man einen braucht. So wie auf jedes andere Hilfsmittel, das man auf dem spirituellen Weg braucht. Dieser ist nicht vom Lebensweg getrennt. Die gute Nachricht ist, dass alles schon da ist, was man jetzt gerade braucht, verflochten mit dem eigenen Leben. Man braucht also nicht angestrengt danach zu suchen.

Wenn man enttäuscht ist, weil der Guru noch nicht an der Haustür geklingelt hat – das wäre dann der spirituelle Ritterschlag – kann man schauen, wer es ist, der enttäuscht ist und warum eigentlich. Ist man dann doch noch nicht so weit, wie man dachte? Das ist tendenziell auch wieder ein Egoding. Man möchte sehr spirituell sein und ist mit dem, was und wer man ist, nicht zufrieden.

Gelassenheit und die Frage, wo ich mich im Leben wohlfühle, können auch hier helfen. Wohlfühlen nicht im Sinne der Komfortzone, sondern im Sinne des Angekommenseins. Wenn es kein Empfinden für ein Angekommensein gibt und ein wenig Komfort das ist, was vielleicht fehlt, ist eben das der nächste Schritt. Die Botschaft der östlichen spirituellen Wege, dass Leben Leid bedeutet, passt nicht zu unserer Weltsicht, die meint, Welt in kleinen Schritten verbessern zu können.

Das Leben als leidvoll heißt nicht, dass man sich 24/7 mies fühlen muss, sondern, dass die erhoffte Gesamtbilanz manchmal nicht aufgeht. Bei einigen Menschen aber doch. Sie leben gerne, äußern das auch so und würden wollen, dass es immer so weiter geht. Man kann sich für sie freuen, aber die Reaktion von Menschen, für die Spiritualität eher eine Glaubenssache ist, ist häufig eine andere. Ärger und Abwertung. Man lässt sie wissen, sie seien eben noch nicht so weit. Der heimliche Neid auf die, die sich nicht für Spiritualität interessieren.

Doch, es gibt keinen Grund für spirituelle Arroganz. Dort wo man ist, ist man berechtigterweise, das gilt als böse, wenn es anderen schlecht geht und wirkt auf manche so, als wolle man ihnen die Schuld für ihr Leid in die Schuhe schieben. Doch auch spirituell ambitionierte Menschen reagieren darauf manchmal böse, vielleicht aus der heimlichen Angst heraus, die anderen könnten mit ihrer Ignoranz doch richtig liegen. Dann hätte man sich selber abgestrampelt und verzichtet, und wofür?

Das ist die Frage, was ich eigentlich von einem spirituellen Weg habe. Die Antwort ist widersprüchlich. Einerseits: Nichts. Andererseits: Eine Form dauerhaften Glücks. Das muss aufgeschlüsselt werden.

Ist Erleuchtung das Ziel?

Im Grunde reicht man den Stab nur weiter, denn auch hier lautet die Antwort: Ja, aber auf der anderen Seite muss man schauen, was Erleuchtung bedeutet. Erleuchtung ist nach spirituellen Aussagen nichts, was man erreichen kann. Aus zwei sehr ähnlichen Gründen, wenn man in den Buddhismus und Advaita Vedanta schaut. Wenn das Leiden des „Ich“ (die erste der vier edlen Wahrheiten) dadurch zustande kommt, dass sich die Dinge ständig wandeln, das „Ich“ sie aber festhalten will, dann kann Erleuchtung nichts sein, was man erreichen muss, denn dies wäre nur ein weiteres Glied in der Kette all dessen, was kommt und geht. Wenn es stimmt, dass alles, was entsteht, auch wieder vergeht.

Die Quelle oder Wurzel der Erleuchtung muss daher also etwas Festes, Unverrückbares sein. Die andere Idee ist, dass das einzig Beständige der Wandel selbst ist, was relativ einleuchtend ist, aber das „Ich“ sträubt sich gegen diese Einsicht, will immer irgendwie tricksen, mit anderen Worten: das „Ich“ ist insofern das Problem, als es sich dem Wandel ständig in den Weg stellt. Da die Welt sich davon aber nicht beeindrucken lässt und dennoch wandelt, ist das Resultat Leid. Das „Ich“ hätte es gerne anders, als es letztlich kommt. Daher die Analyse des Buddha, dass das (Anhaften des) „Ich“ das Problem ist.

Beim Advaita Vedanta fragt man eher, was dieses „Ich“ denn im Kern ist und beide Traditionen sagen, das „Ich“ würde letztlich gar nicht existieren und sei lediglich eine Illusion. Da aber auch die Illusion ihre Gesetze hat und man erst einmal erkennen und einsehen muss, dass es sich beim „Ich“ um eine Illusion handeln könnte, ist die Sache in der Praxis kompliziert, letztlich am ehesten deshalb, weil das „Ich“ an nichts weniger Interesse hat, als zu verschwinden, sondern alles auffährt, um sich irgendwie zu arrangieren und eine Folge davon ist, dass das „Ich“ sich für Spiritualität begeistert.

Es will nicht sehen, dass spirituelle Wege stets das Ende des „Ich“ bedeuten, sondern hat einige Verbesserungsvorschläge, von denen beide Seiten doch profitieren könnten. Wenn Spiritualität erst zum Ego-Projekt geworden ist, muss man eine große Schleife drehen, bis das „Ich“ damit vor die Wand fährt. Bis dahin ist es begeistert. Man kann sich durch Meditation beruhigen, sie ist so gesund und sinnvoll, vielleicht ist an Zauberkräften ja doch was dran, man wertet sich auf, weil man da noch diese spirituelle Seite an sich hat, aber all das ist im Grunde ein notwendiger Teil des Weges, denn nur ein „Ich“ kann sich entschließen, den spirituellen Weg bewusst zu gehen, die Irrtümer und Fantasien des „Ich“ sind notwendig mit dabei.

Erleuchtung ist in jedem Fall keine Eigenschaft des „Ich“. Das wird dann irgendwann auf dem Weg klar, doch in aller Regel wird das „Ich“ alles tun, um auch daraus keine Konsequenzen ziehen zu müssen. Einer der effektivsten Wege ist eine falsche spirituelle Bescheidenheit. Man sagt, man sei nicht erleuchtet und dass das in diesem Leben sowieso nichts wird. Stattdessen fokussiert man sich auf Zwischenziele. In der Psychotherapie ist das super, in der Spiritualität nicht. Denn hier wird das „Ich“ bedient, dem es nun erst mal besser gehen soll. Man ist jetzt auch noch bescheiden, einsichtig durch Meditation, Erleuchtung dann vielleicht in vielen Leben, aber erst mal will man die Aussicht auf Trost genießen. Wer soll getröstet werden, wer braucht den Trost? Das „Ich“, dessen Geschichten nicht so ganz aufgehen.

Echte spirituelle Bescheidenheit

Fragt man sich, was gegen die falsche spirituelle Bescheidenheit hilft, so ist das echte spirituelle Bescheidenheit. Das heißt nun nicht, dass man sich super fühlen muss, wenn im Leben alles schief geht, aber wenn man sein „Ich“ wirklich loswerden, überwinden oder abbauen will – und was sonst, wäre ein spiritueller Weg? – dann bietet einem das Leben genügend Möglichkeiten. Gewöhnlich empfindet man viele davon als lästig, den Dienst mit der Kollegin tauschen zu müssen, sich die ewigen Probleme eines Bekannten anzuhören, der einfach nicht wieder auf die Beine kommt, jemanden mit einer Reifenpanne am Straßenrand zu sehen und nicht vorbeizufahren. Es gibt genug zu tun, an dem das „Ich“ nicht den größten Spaß hat.

Doch auch vom Erfolg gilt es sich zu distanzieren, Schritt für Schritt vom „Ich“ weg, auf das Selbst zu. Das Selbst hat den Inhalt zu existieren, mehr erst mal nicht. Also nichts, was das „Ich“ auch nur im Geringsten interessiert, es will sich auf die Welt einlassen und seine Aufmerksamkeit ständig nach außen richten, auf die anderen, auf die Welt und die dort möglichen Vergnügungen und Verwicklungen. Nur zu sein ist für das „Ich“ maximal unattraktiv.

Das „Ich“ will Unterhaltung, Verwicklung, oft auch Drama und denkt sich über eine derart reduzierte Spiritualität: och nö, lieber nicht. Sooo schlimm ist es ja nun doch nicht mit dem „Ich“ und unterm Strich macht das Leben schon Spaß und so weiter. Aber auch hier sollte man nicht arrogant sein, sondern sich eher freuen. Wenn jemand in einer Phase des Glücks ist, schön, Glückwunsch. Es wird vermutlich irgendwann anders kommen, wir wissen nicht wann, vielleicht im nächsten Leben, warum sollen wir uns nicht mit dem anderen freuen?

Wenn es im eigenen Leben gut läuft, hat man oft keine Motivation für spirituelle Wege dieser oder jener Art. Wenn man spirituellen Hunger verspürt aber vielleicht doch. Auch da ist Faszination im Spiel, auch die Faszination des „Ich“ für Spiritualität, aber man lässt nicht locker, auch wenn man begreift, dass für das „Ich“ auf dem Terrain nichts zu holen ist. Man lässt nicht locker, auch wenn es gut für das „Ich“ läuft. Man kommt immer wieder dahin zurück, dass man praktiziert, dass man nicht hinter die einmal gewonnenen Erkenntnisse zurückfällt. Man lässt sich nicht davon frustrieren, wenn der Weg nicht linear weitergeht und wenn man nicht den großen Guru trifft.

Man kann die Bausteine Stück für Stück zusammensetzen und es sind Bausteine aus der Innenschau der Psychologie, der Philosophie, der Kunst und aus expliziten spirituellen Techniken. Jeder Weg nach innen ist gut. Man braucht sich keine Sorgen um den perfekten Weg zu machen, denn dort, wo man sich befindet, ist der perfekte Ort. Das „Ich“, als das man sich empfindet, hat da vielleicht ganz andere Vorstellungen, aber man kann dem Weg ja vertrauen oder, wenn man es nicht tut, dreht man eben jeden Stein um, bis man zu einer befriedigenden Erkenntnis gekommen ist. Eine davon kann sein, dass man dem Weg aus guten Gründen vertraut.

Gelassenheit

In der Biografie der meisten Menschen auf einem expliziten spirituellen Weg, kommt das eine oder andere seltsame Ereignis vor. Oft sind es solche, die sie auf den Weg gebracht haben. Manche behalten sie für sich, andere erzählen davon. Oft hört man, über Spiritualität könne man nicht reden, sie würde sich der Logik entziehen und dergleichen. Dazu zwei Anmerkungen:

  1. Ich glaube in den meisten Fällen nicht, dass sich die Erlebnisse der Logik entziehen, aber sie passen in vielen Fällen nicht zu unserem naturalistischen Weltbild. Meiner Auffassung nach ist das naturalistische Weltbild allerdings kaum noch zu retten, insofern sollte es uns nicht zu sehr irritieren.
  2. Spirituelle Erlebnisse, die so umwerfend sind, dass man sie nicht in Worte fassen kann, passieren den meisten Menschen nicht und das muss auch nicht schlimm sein und ist kein Qualitätsmerkmal spiritueller Erkenntnis. Die subjektive Wucht authentischer spiritueller Erfahrungen ist in diesen Fällen so groß, dass es keinen Sinn ergibt, diese Ereignisse biografisch zu deuten.

Diese Ereignisse, vermutlich auch seltsame Zufälle im Leben, die authentische Hingabe an das Leben, aber auch das Zusammentreffen mit einem echten Guru oder Gottesvisionen sind in gewisser Weise Projektionen des „Ich“, hinein in die Welt, die die Botschaft haben zurückzukommen und sich nach innen zu wenden. Auch der Guru ist unsere eigene projizierte Zukunft, das Ziel ist reine Existenz. Dem „Ich“ erscheint das unendlich langweilig, den Erleuchteten als pures oder größtes Glück. Das ist die Lücke.

Spirituelle Wege schließen diese Lücke. Man braucht sich hier und jetzt kein Bein auszureißen, um auf den Weg zu kommen und die Vertreter der Traditionen, die mich ansprechen, sagen durch die Bank, dass der spirituelle Weg mit dem Alltag kompatibel ist. Man kann seinen familiären und beruflichen Verpflichtungen problemlos nachgehen, die Erleuchtung findet ihren Weg.

Quelle:

[1] Eine komplizierte Beziehung – Spiritualität und Religion (1), psymag.de Psychologie-Online-Magazin 2015, https://www.psymag.de/8258/beziehung-spiritualitaet-und-religion-meditation/