Psychopathen richtig verstehen

Loch mit Kreisen von Rundbögen

Die Todesspirale führt immer tiefer abwärts. © Derek Jensen under cc

Die Führung von Macht-Systemen, in denen das Recht des Stärkeren gilt, wird oft von psychopathischen Charakteren besetzt. Nun hört, liest und sieht man in letzter Zeit viel über den vermeintlichen Charakter von Psychopathen, weil diese einen dankbaren Stoff für Krimiserien und Thriller abgeben. Darin sind Psychopathen zum einen oft wilde, kaum zu bändigende Menschen, die keinerlei gesellschaftliche Regeln akzeptieren, zum anderen oft kühle Strategen der Macht, die gerissen irgendein unschuldiges Opfer ins Verderben stürzen. Beide Varianten gibt es, aber noch viel mehr.

Psychopathen können zum einen eher introvertiert oder extravertiert sein, die introvertierten sind naturgemäß eher unauffällig und kommen durch chronisches Lügen, Stehlen und Betrügen mit der Gesellschaft in Konflikt. Im Großen und Ganzen wollen beide Varianten ihre Ruhe haben, sind aber sehr zielgerichtet und hemmungslos, wenn sie etwas erreichen wollen. Dabei geht es ihnen nicht zwingend darum, anderen zu schaden, viel mehr wollen sie einfach ihr Ziel erreichen und wer ihnen dabei im Weg steht, bekommt Probleme.

Wenn sie zufrieden sind können Psychopathen nette bis charmante und kooperative Menschen sein. Oft sehr entspannt, weil sie wissen, dass sie im Zweifel bekommen, was sie wollen, denn sie nehmen es sich einfach. In sozialen Experimenten waren Psychopathen in einigen Bereichen hilfsbereiter als ’normale Menschen‘. Sie wollen nicht um jeden Preis andere schädigen, sondern einfach nur ihr Ziel erreichen. Gleichzeitig quält sie oft Langeweile, die sie mit Drogen oder irgendeiner Art von Spielen und Reizen zu überwinden suchen. Das können Sex, Computerspiele oder auch Psychospielchen sein, in denen es oft um eine Mischung aus Unterhaltung und Lust an der eigenen Macht geht.

Es gibt Psychopathen, die als Anwälte oder Chirurgen Karriere machen, auch andere hochfunktionale Psychopathen, die beschließen, dass sie nicht toxisch, also keine Gefahr für andere werden wollen. Hier betrachten wir jedoch jene, die sich als Outlaws in die beschriebenen Macht-Systeme einbringen.

Werden die unteren Ränge auch oft mit normalen Narzissten besetzt, die opportunistisch sind, ohne sadistisch sein zu müssen, so sind den Psychopathen die oberen Rängen vorbehalten. Sie zeichnet unter anderem ein charakterologischer Sadismus aus, zudem müssen uns vor allem die spezifischen Eigenarten ins Bewusstsein rufen, die man haben muss um eine große, transnationale Organisation oder einen Staat zu leiten.

Es sind dies die Komponenten die dem malignen Narzissmus entsprechen: das Vollbild einer narzisstischen, sowie einer paranoiden Persönlichkeitsstörung, ergänzt um ich-syntone Aggression und Sadismus. Solche Menschen haben ein übersteigertes Größenselbst, aber sie sind, da paranoid, gleichzeitig extrem misstrauisch.

Die Empathie der Psychopathen

Es wird oft behauptet, Psychopathen fehle es an Empathie, doch auch hier muss man genauer hinschauen. Psychopathen müssen empathisch sein, denn um jemanden effektiv quälen und beherrschen zu können, muss man dessen schwache Punkte kennen. Psychopathen haben einen extrem guten Blick für genau diese schwachen Punkte. Diese müssen sie reizen und den anderen im Unklaren lassen, ob sie kräftig Salz in diese Wunde streuen. Man lässt den anderen wissen, dass man weiß, was ihm richtig weh tut, am besten, was ihn in den Wahnsinn treiben würde, man signalisiert aber, dass man vorerst nicht die Absicht hat, diese Karte zu spielen.

Da Psychopathen nicht wirklich glauben, dass andere aus freien Stücken loyal sind, zwingen sie andere zur Loyalität. Sie könnten die Karte ja jederzeit spielen. Das erfordert ein hohes Maß an psychologischem und organisatorischem Geschick, denn man muss die Kräfte ständig ausbalancieren, die anderen bei der Stange halten, einerseits zusehen, dass sie nicht größenwahnsinnig werden und die Aufstand proben, aber eben auch nicht so frustriert sind, dass sie illoyal werden und sich andere Gefährten suchen.

Das unterscheidet Menschen mit malignem Narzissmus von solchen mit antisozialer Persönlichkeitsstörung. Auch wenn hier die Definitionen uneinheitlich werden, so kann man doch die Struktur, jenseits der etwas unterschiedlichen Terminologie verstehen. Im Grunde sind antisoziale Persönlichkeiten die ungehemmtesten Menschen, jedenfalls, wenn sie extravertiert sind. Es fehlt ihnen aber eine spezifische Fähigkeit, die maligne Narzissten noch haben, die zur Organisation großer Gruppen. Die Fähigkeit zu irgendeiner Art der Kooperation, sei es zur Ganovenehre ist in antisozialen Persönlichkeiten erloschen, sie spielen ausschließlich auf eigene Rechnung, sind oft Meister darin, anderen genau das zu erzählen, was sie hören wollen, um daraus einen eigenen Vorteil abzuleiten.

Dabei sind sie von keinerlei Gewissensbissen gebremst, das heißt, sie lügen und manipulieren ohne jedes Problem, aber weil sie so sind, können sie sich nicht vorstellen, dass es in anderen Menschen die Fähigkeit gibt, ein echtes Interesse an einem anderen Menschen zu haben. Sie halten das für einen Trick oder für eine Schwäche und können daher nicht verstehen, dass dies in anderen Menschen wirklich so ist. Das begrenzt ihre Fähigkeit langfristig zu planen und zu organisieren, weil sie die Reste echter Loyalität und die Fülle der Motive anderer nicht auf dem Schirm haben. Ein kleiner, aber signifikanter Unterschied.

Maligne Narzissten können noch in minimaler Weise nicht ausbeuterische Beziehungen eingehen, antisoziale Persönlichkeiten können es nicht mehr, da ist auch der definierende Unterschied. Maligne Narzissten kennen echte Loyalität noch und können diese einplanen. Sie sind misstrauisch, manipulieren auch jene, die sie protegieren, sagen ihnen, dass ihre Stunde kommen wird, aber sie haben einen Sinn dafür, dass sie von engen Vertrauten nicht ans Messer geliefert werden, wenn sie die Macht in kleinen Portionen übergeben. Vermutlich ist Loyalität auch deshalb der alles entscheidende Werte, sie darf nicht gefährdet und enttäuscht werden, ist das der Fall ist die Strafe drakonisch, oft Folter und Tod durch Hinrichtung.

Die Todesspirale

Warum sind solche Macht-Systeme am Ende des Tages instabil? In diesen Systemen, vor allem an ihrer Spitze, gibt es durch die Natur des Systems (das Recht des Stärkeren) ein Auswahlverfahren für besonders geeignete Kandidaten, die sich in einem solchen Umfeld hinreichend wohl fühlen. Natürlich können einfache Mitglieder durch Druck und Erpressung, aber auch das das Ich pushende Auserwähltheitsgefühl bei der Stange gehalten werden, aber sie kommen nicht für höhere Ränge infrage.

Dafür muss man hinreichend skrupellos sein, sich in einem Umfeld ständiger Manipulation und in dem Ausbalancieren von Machtpositionen wohl und zu Hause fühlen. Man muss eine nötiges organisatorisches Geschick und damit die nötige Intelligenz hierfür haben. Das trifft auf intelligente Menschen mit malignem Narzissmus zu oder auch Narzissten, mit hoher Aggression und Paranoia, aber noch etwas oberhalb der Ebene des malignen Narzissmus, man könnte sagen, mildere Psychopathen. An die Spitze solcher Organisationen zu gelangen kann aber auch für antisoziale Persönlichkeiten anziehend sein, die ihre Defizite selbst ja nicht kennen, sondern zutiefst überzeugt davon sind, im Zweifel alles und jeden manipulieren zu können. Da sie versierte Lügner, vollkommen skrupellos und angstfrei sind können sie in der Hierarchie der hier besprochenen Macht-Systeme aufsteigen und schrecken dabei auch vor Angriffen auf respektierte Mitglieder innerhalb des Macht-Systems nicht zurück, da ihnen tatsächlich jede Loyalität fremd ist.

Menschen mit antisozialer Persönlichkeit können auch in Systemen, die auf dem Recht des Stärkeren basieren schwer kontrolliert werden. Die Tendenz zur eigenen Selbstüberschätzung ist allen Mitgliedern der höheren Ebene eigen, so dass man sich vorstellen kann, dass die Führung denkt, sie könne antisoziale Charaktere doch kontrollieren. Das ist oft ein Irrtum und so kommt es in solchen Macht-Systemen die der organsisierten Kriminalität zuzurechnen sind immer wieder zu Morden auch an ranghohen Mitgliedern. Manchmal kommt es zur erbitterten Kämpfen um Gebiete oder blutigen Feindschaften zwischen Organisationen, die in einen Jahre langen Krieg münden können, bevor es wieder irgendeinen Anführer gibt, der es schafft die Fehden zu schlichten und die Kräfte auszubalancieren.

Wenn Staaten totalitär oder tyrannisch regiert werden, gibt es dort in der Regel oft mehrere Geheimdienste, die einander wechselseitig kontrollieren. Von Zeit zu Zeit werden mächtige Mitglieder dieser Dienste ausgetauscht oder getötet oder ganze Gruppen der Geheimdienste eliminiert, bevor sie zu einflussreich werden und eigene Machtansprüche stellen.

Für die Existenz von Macht-Systemen ist ein mächtiger, charismatischer Alleinherrscher vermutlich wichtig, wobei es andere Ansätze gibt, die auf Familienfolgen, Blutverwandtschaft oder lockere Netzwerke im Namen einer geteilten Idee setzen. Bei Letzteren könnte die Idee im Laufe der Zeit verwässern und die Organisation so an Attraktivität und Einfluss verlieren. Dies passiert auch, wenn ein charismatischer Führer abtritt. Besonders einflussreich dürften Macht-Systeme werden, denen es gelingt legale und illegale Strukturen zu verbinden oder sogar die weltweiten Regeln neu zu bestimmen.

Eine alle überraschende Skrupellosigkeit kann sich zunächst auszahlen, allerdings verliert sich der Effekt, wenn es zu einer weltweiten Regression in Richtung des Rechts des Stärkeren kommt. Aggressives Verhalten ist ein Vorteil, wenn die Gruppe gemischt ist. Aggressive Akteure inmitten aggressiver Akteure verlieren ihren Vorteil und haben schon spieltheoretisch keinen Erfolg. Das Resultat wäre der gemeinsame Untergang der aggressiven Akteure. In der Lust am Untergang wird in pervertierter Weise die Sehnsucht nach Einheit und Verschmelzung deutlich, hier im regressiven Sinne einer zusammen sterbenden Schicksalsgemeinschaft. In dem Moment wo das klar ist, können auch alternative Wege gefunden werden, aber im Zuge der Todesspirale können auch erhebliche Verwüstungen angerichtet werden.