Die Psychosomatik der Angst

Symptome weisen oft den Weg in die eigene Unterwelt. © Joe Shlabotnik under cc

Die Psychosomatik der Angst ist einfach, Angst ist ein sehr körperbezogenes Phänomen. Das Wort Angst bedeutet nach seiner Wortherkunft ‚Enge‘ und die zeigt sich regelmäßig auch körperlich in einer Enge der Gefäße, die zu kalten Händen und Füßen und auch zu kalten Schweiß führt und eine Anspannung der Muskeln. Die Augen sind meist aufgerissen, manchmal auch der Mund. Man zittert, das Herz rast, man keucht, bis zur Hyperventilation, man macht sich vor Angst in die Hose und will einfach nur weg, flüchten. Manchmal kann die Tendenz zur Flucht auch in Wut und Kampf umschlagen, es gibt auch das Phänomen, dass, wenn man nicht weg kann, sich auf einmal eine seltsame Ruhe einstellt. Die Angst ist wie weggeblasen, auch wenn man nicht dissoziiert. Eine weitere Reaktion ist das Erstarren, man kommt nicht mehr von der Stelle und macht einfach gar nichts. Aber Enge und Anspannung, das ist das Leitmotiv.

Daraus ergibt sich die Kur. Man muss ‚einfach nur‘ warm, weit und offen werden, zusammengefasst: entspannt. Denn das ist Entspannung. Die Aufforderung: Entspannen Sie sich!, bedeutet nichts anderes als warm, weit und offen zu werden, das hilft dem Körper und Psychosomatik heißt, dass Körper und Psyche nicht getrennt sind, also hilft es auch der Psyche. Das heißt wiederum, was der Seele hilft, hilft dem Körper. Darum Bewegung, Wärme und Ablenkung. Ablenkung vor allen der Gedanken. Denn das Katstrophisieren ist ein fester Bestandteil der Angst. Kurzfassung: Ich kann die Situation nicht bewältigen und kein anderer kann, will und wird mir helfen, weil ich es gar nicht verdient habe und falls es doch einer tut, wird er mich verachten oder verspotten.

In Dauernde Anspannung und Hochspannung schrieben wir:

„Es gibt inzwischen immer mehr Methoden, die gut funktionieren und die Menschen, die dauernde Anspannung und Hochspannung kennen, probieren können. Die eine ist die 5,4,3,2,1 Methode, die darin besteht, dass man sich in einer Stresssituation 5 Dinge in seiner direkten Umgebung für einen kurzen Moment, aber dennoch genau anschaut. Was man sich anschaut, ist völlig egal. Danach versucht man 4 Dinge in seiner direkten Umgebung zu fühlen. Den Druck des Sitzes, die Kleidung auf der Haut, wie das Bein steht oder was es auch sei. Danach versucht man 3 Dinge zu hören. Was höre ich genau jetzt gerade an unterschiedlichen Geräuschen in meiner direkten Umgebung? Schließlich geht es darum 2 Dinge zu riechen, irgendein Hauch in der Umgebung, der gerade die Nase erreicht und dann noch 1 Ding zu schmecken und wenn es der Geschmack im eigenen Mund ist.“

Probieren Sie es mal, das wirkt erstaunlich gut und schnell, ansonsten gibt es den Notfallkoffer, der auch mit verordneteneten Medikamenten für alle Fälle ausgestattet sein darf. Auch hier gerne entlang eines Eskalationsspektrums. Wenn Sie an Bachblüten und Homöopathie glauben, wird sie Ihnen helfen, Sie erweitern damit das Arsenal ihrer Reaktionsmöglichkeiten. Sie bestimmen, was Ihnen gut tut. Je sicherer Sie sind, dass ihr Notfallkoffer ihnen helfen wird, um so weniger werden Sie ihn brauchen. Irgendwann werden Sie ihn zum erstem Mal vergessen und Angst vor der eigenen Courage haben, aber am Ende brauchen Sie vielleicht nur die zwei, drei wichtigsten Dinge daraus, bis Sie auch diese vergessen.

Weite ist gut gegen Enge. Weite der Atemzüge, fließende, weite Bewegungen, aber eben auch Weite der Gedanken und Gefühle. Angstgedanken und -gefühle sind ebenfalls eng und laufen auf genau ein Ziel zu: Die Ausweglosigkeit und den Untergang. Mögliche Gedanken:

Mag sein, dass das jedem gelingt aber ich schaffe das niemals.

Niemand kann verstehen, wie schlecht es mir wirklich geht. Mir geht es viel schlimmer, als allen anderen.

Das kann zwischen Hoffnungslosigkeit und Arroganz pendeln:

Ich habe das Prinzip der Übungen durchschaut. Ist ganz nett für Leute, die das nicht verstehen, mir hilft es leider nicht, da ich weiß, wie der Trick funktioniert.

Es ist gut weit zu werden, auch im Bewusstsein. Wenn Sie zu intelligent sind dann fragen Sie sich, was Ihnen die Angst eigentlich bringt. Es ist ja nicht nur schlecht Angst zu haben und daher leider und dummerweise auf so vieles verzichten zu müssen, was Sie doch ansonsten für Ihr Leben gerne gemacht hätten: Extremkletterer werden. Doch nicht Ihr Herzenswunsch von Kindesbeinen an?

Aber zumindest die gut gehende Firma, Praxis oder Kanzlei vom Vater zu übernehmen, das wollten Sie doch schon immer? Es ist auch vollkommen vernünftig, lukrativ, was kann man heute mehr wollen, die Zeiten werden nicht einfacher. Leider kam die Angststörung dazwischen. Oder hat das vielleicht auch eine gute Seite? Es entbindet einen ja auch von vielen Verpflichtungen oder der Notwenigkeit sich abzugrenzen. Bei etwas, was man nicht kann, lohnt es sich, durch die erste Empörung hindurch, immer auch mal darauf zu lauschen, ob man es denn wirklich will.

Weit zu werden, heißt dann auch den eigenen Schatten zu erkennen. Es ist das, was man nicht sieht, wenn man in sich schaut, auch wenn man ganz ehrlich ist. Wie soll man den Schatten dann erkennen? Er offenbart sich in dem, was einem bei anderen stört und liebt, auch an Symptomen, in Träumen und Phantasien, die einen immer wieder heimsuchen.

Am meisten jedoch in dem, was wir ablehnen. Es ist im Grunde leicht, sich selbst auf die Schliche zu kommen und weiter zu werden, wenn man denn wirklich will. Zwei Regeln würden reichen, aber dazwischen liegen viele Stolpersteine im Weg, manchmal sind es geradezu Bollwerke.

Die heimliche Lust an der Ohnmacht

Es ist so schön zu projizieren und sich zu empören. Manchmal fühlt man sich bedeutend, weil alle gegen mich sind. Ich muss ganz schon wichtig sein, wenn sich tatsächlich alle um einen kümmern und es darauf anlegen, mein Leben schwer zu machen. Es ist gut und legitim, dass man sich über das was einen stört beschweren kann. Die Frage ist eher, ob ich Freude an der Erregung habe, wie ganz zu Anfang schon erwähnt, das gibt es.

Es gibt aber auch einen Narzissmus der Ohnmacht, eine Lust sich zu beklagen, ohne die Absicht, dass wirklich etwas anders wird. Denn wenn man klein ist und leider gar nichts an den Zuständen ändern kann, dann ist es auch nicht schlimm, wenn man es nicht tut und sich statt dessen weiter beklagt. Man könnte auch hier erst mal raten: Entspannen Sie sich! Aber die Not ist hier oft gar nicht so groß. Denn viele lieben es, sich und anderen wechselseitig und immer wieder zu suggerieren, dass man ja nichts ändern kann, an den Umständen. Der Feind ist zu mächtig, es müssten ja auch alle mitmachen, die ganze Welt und das wird niemals passieren. Welch ein Glück aber auch, sonst müsste man noch selbst was ändern, leichter ist es aber vorzurechnen, warum das rein gar nichts bringt.

Die Koalition der Unwilligen hat ihre Unterstützer. Die Gemeinschaft derer, die überzeugt ist, dass es keinen freien Willen gibt, wächst. Obwohl die besseren Argumente auf Seiten derer liegen, die sagen, dass der Mensch sicher einen freien Willen hat. Aber Philosophie ist oft schwer und in der Frage noch ein wenig schwieriger. Wer noch nicht mal frei wählen zu können glaubt, schlägt natürlich noch Nägel in den Sarg, in den er die Freiheit schon gesteckt hat.