Grübeln führt selten zum Ziel. Im Gegenteil, es befeuert die negative Gedankenspirale. Quälende Gedanken lassen dich immer wieder über das Gleiche nachdenken. Beim Sorgen und Grübeln sind viele von uns so sehr versunken in ihrem Inneren, dass sie erst nach einiger Zeit wieder aus ihrem Kopf auftauchen und sich völlig realitätsfremd fühlen. Was hat es mit dem Grübeln auf sich? Welche unterschiedlichen Auswirkungen auf die Psyche existieren bei einem zielgerichteten Nachdenken, welches zu einer Problemlösung führt, und dem Gedankenkreisel, der viel innere Aufruhr bringt?

Rumination: Gedankliches Wiederkäuen

In der Zoologie bezeichnet die Rumination das Widerkäuen mancher Tierarten, so wie es beispielsweise die Kühe mit dem Gras tun. Die Psychologie hat diesen Begriff für sich adaptiert. Rumination steht als Fachbegriff für das menschliche Grübeln. Vergangene Situationen, widerfahrene Schicksalsschläge, getroffene Entscheidungen, die eigene Außenwirkung oder vermeintliches Fehlverhalten werden fortwährend gedanklich herbeigeholt. Viele fühlen sich regelrecht machtlos gegen die quälenden Gedanken und ihnen ausgeliefert. Wie paralysiert kehren sie im Kopf zu den immer gleichen Fragen zurück, auf die sie trotz stundenlanger Grübelei keine oder nur eine wenig zufriedenstellende Antwort finden. Damit einhergehend färbt sich oft die Stimmung düster ein.

Das Grübeln kann in Zusammenhang mit verschiedenen psychischen Störungen stehen. Bei Depressionen, Angststörungen, Posttraumatischen Belastungsstörungen genauso wie bei Schlafstörungen und weiteren Erkrankungen und Störungsbildern findet sich im klinischen Erscheinungsbild zumeist das Grübeln als ein Symptom.

Grübeln, Sorgen und Nachdenken unterscheiden sich


Mädchen Seitenprofil mit Mütze nachdenklich

Quälende Gedanken können den Tag bestimmen. © withbeautiful under cc

Grübeln, Sorgen und Nachdenken besitzen auf den ersten Blick eine hohe Ähnlichkeit. Tatsächlich unterscheiden sie sich aus der Sicht der Psychologie voneinander. Während das Grübeln sich auf gemachte Erfahrungen bezieht, die in der Vergangenheit liegen, bezieht sich das Sorgen machen eher auf zukünftige antizipierte Ereignisse. Ungeachtet dessen kann beides in gleicher Weise für den Betroffenen lebenseinschränkend sein.

Nachdenken ist konstruktiv, Grübeln nicht

Noch feinsinniger ist der Unterschied zwischen Grübeln und Nachdenken. Das Nachdenken wird überwiegend als ein Prozess betrachtet, der zielgerichtet ist. Nachdenken ist ein konstruktiver Prozess. Wenn man über etwas nachdenkt, so betrifft es meistens eine besondere Thematik. Welchen Beruf soll ich wählen? Passt es mir besser, mich am Mittag oder erst gegen Abend mit jemandem zu treffen? Starte ich in meinem Vortrag über die serielle Monogamie der Pinguine mit einer kleinen Anekdote oder eher fachbezogen allgemein?

Dagegen führt das Grübeln selten zu einem Ergebnis. Grübeln bezieht sich oft auf das Selbst, hat also einen starken Selbstbezug. Wirke ich nach außen schüchtern oder stark? Habe ich die richtige Entscheidung getroffen, als ich Schluss gemacht habe? Was denken die Menschen von mir? Viele Grübler werden im Laufe des Gedankenkreiselns immer abstrakter in ihren Kognitionen. Fragten sie sich anfangs vielleicht nur, ob sie in der einen speziellen Situation unpassend gewirkt haben, kommen sie irgendwann womöglich zu der Frage: Verhalte ich mich generell unbeholfen im Leben?
Grübeln wird genährt durch Spekulationen. Oder anders gesagt: Wir können nicht in den Kopf eines anderen hineinschauen. Wir wissen nicht, was der andere denkt. Deshalb kommen wir gedanklich beim Grübeln auch seltenst zu einer Lösung, einem Abschluss. Beim Grübeln ist man stark im Außen unterwegs. Und das Außen hat eine Vielzahl von Variablen, die wir weder kennen noch beeinflussen können.

Woher kommt das Grübeln?

Bestimmte Menschen neigen zum Grübeln, andere demgegenüber nicht. Die klinische Forschung zeigt, dass Grübeln mit dysfunktionalen Kognitionen korreliert. Grübler neigen oft zum Mind-Reading, das heißt, sie treffen Annahmen über die Gedanken anderer Personen. Ferner sind ihre Gedanken oft von Übertreibungen, Katastrophisieren und Verallgemeinerungen geprägt. Es werden von ihnen negative soziale Vergleiche vorgenommen, die nicht selten zu ihrem eigenen Nachteil ausfallen. Außerdem korreliert Grübeln mit einem negativen Attributionsstil. Negative Ergebnisse werden von den Grüblern häufig der eigenen Person zugeschrieben (“Ich bin nicht gut genug”), positive Ergebnisse dagegen dem Zufall (“Ich habe einfach nur Glück gehabt”).

Ein geringer Selbstwert sowie hohe Perfektionismus– und Neurotizismus-Werte liegen oft bei Grüblern vor. Viele von ihnen sind eher schüchtern, gehemmt, emotional labiler und empfindlicher gegenüber äußeren sozialen Einflüssen.
Viele Grübler werden von intensiven Erinnerungsbildern heimgesucht, sie haben jedoch Schwierigkeiten beim konkreten Erinnern. Die Neediness, also die Notlage beziehungsweise Bedürftigkeit vieler Grübler ist auf schlechte Erfahrungen in der Vergangenheit zurückzuführen sowie nicht selten auf einen überkontrollierenden Erziehungsstil.

Quälende Gedanken schränken dich ein

Statue aus Stein Mann mit Bart

Nachdenken ist zielführend, Grübeln nicht. © Blondinrikard Fröberg under cc

Das Grübeln kostet nicht nur Zeit und Energie, es führt zu keinem Ziel und zieht zudem weitere negative Konsequenzen nach sich. Am deutlichsten merken Betroffene die Sinnlosigkeit des Grübelns in einer Nacht, in welcher sie stundenlang wachliegen, ins Dunkle hinein starren und sich in zunehmend dramatischere, gedankliche Szenarien versteigen. An Einschlafen ist nicht mehr zu denken. Sie sind emotional aufgewühlt und der darauffolgende Tag gestaltet sich entsprechend schlecht. Durch das Grübeln zu einem Ergebnis oder einer Entscheidung zu gelangen, klappt meistens nicht, weil man nicht genügend Abstand zu seinen Gedanken hat. Stattdessen ist man in einem Geflecht aus Unsicherheiten, Ängsten und Spekulationen verstrickt.

Die Gedankenspirale beeinflusst dein Leben

Die Gedankenspirale wird negativer, man selbst demotivierter. Grübeln ist nicht inspirierend in Bezug auf den Ideenprozess. Weil es durch den Anteil der eigenen Emotionen und dem starken Selbstbezug immense Energie kostet, ist die Konzentrationsfähigkeit, teilweise noch Tage später, eingeschränkt. Wie Teismann et al. in dem Buch Kognitive Verhaltenstherapie depressiven Grübelns zusammenfassen, kann das Grübeln einen Einfluss auf eine verminderte Produktivität und Lösungsqualität haben sowie auf einen niedrigen Selbstwert, negativere soziale Beziehungen und eine stärkere Entscheidungsunsicherheit. Klinische Studien zeigen, dass Probanden weniger Lust auf eine ablenkende Tätigkeit haben, wenn sie vorher stark grübelten. Sie verspüren keine Lust auf Aktivitäten und sind weniger fähig, eine andere Tätigkeit vorzunehmen.

Quälende Gedanken können zu einer großen Einschränkung im persönlichen Erleben und Verhalten führen. Wirken sie sich stark auf das eigene Leben aus, sollte erwogen werden, sich professionelle psychologische Beratung beziehungsweise Unterstützung zu holen. Im nächsten Teil unserer Artikelserie zum Grübeln und Sorgen machen, nehmen wir auf einzelne Techniken Bezug, mit denen man es schaffen könnte, aus dem Gedankenkarussell auszusteigen. Demnächst hier.