Schon hier wird eine vermeintlich gute, alte Zeit nur noch zitiert. © Anastasia Pavlenko under cc

Unter Bewertungsfehler verstehe ich hier die notwendigerweise zunächst projizierte Sicht, mit der man Wünsche und Ziele anderer betrachtet.

Wenn wir auf die Welt kommen, haben wir einige biologische Mitgaben und Anlagen, doch erstaunlich vieles ist offen und das Ergebnis komplexer biopsychosozialer Einflüsse. Die Kern-Geschlechtsidentität ist ein Teil davon. Sie besagt einfach, ob wir uns als männlich oder weiblich empfinden. An sich kein Problem, sollte man meinen, aber heute erleben wir immer mehr Menschen, die das Empfinden haben, im falschen Körper zu leben.

Eine Modeerscheinung? Postmoderne Überspanntheit? Eine Seele im falschen Körper? Eine ganz gute Erklärung ist, dass sich das Empfinden des Kindes, ob es Junge oder Mädchen ist, danach richtet, wie die Eltern es behandeln. Da sie fast immer ihr Kind gemäß seiner körperlichen Erscheinung behandeln werden, ist das unkompliziert, bei Menschen mit beiden ausgeprägten Geschlechtern, hat sich das aber gezeigt.

Auch in den Fällen, wenn unbewusster Hass auf ein Geschlecht auch das Kind betrifft, kann dessen Kern-Geschlechtsidentität von der körperlichen Ausprägung abweichen. Soziale Prägungen begleiten uns also von Anfang an, eingebettet in das biopsychosoziale Gesamtgefüge, noch bevor das Kind sprechen kann, lange Zeit, bevor wir von sozialen Rollen im üblichen Zusammenhang reden.

Richtig und falsch

Die Kernfamilie, Vater, Mutter und Kind(er) ist dann der nächste Dreh- und Angelpunkt, an dem man Werte aufnimmt. Nicht durch explizite Ansprachen und Regeln, sondern viel beiläufiger, in dem das Kind immer wieder miterlebt, wie die Eltern mit ihrer Mit- und Umwelt umgehen. Wer dominiert und in welchen Fragen oder Bereichen? Gibt es feste Regeln, die für alle gelten? Lässt man sich ausreden? Wie ist die allgemeine Stimmung in der Familie: aggressiv, depressiv, optimitisch, nimmt man das Leben selbst in die Hand? Was ist Thema, was nicht? Wie geht man mit Essen, dem eigenen Körper, mit Tieren um? Dominiert Respekt und Gleichberechtigung oder Entwertung und Herabsetzung?
Irgendwie ist die soziale Umgebung des Kindes gestaltet und da das Kind zunächst nichts anderes erlebt, ist diese, seine Welt und die Art, wie sie funktioniert, die Welt. Irgendwann tauchen dann Verwandte, Kita- und Nachbarskinder auf und Kinder entdecken, dass manches auch anders geht und gemacht wird. Kinder machen da zu Anfang relativ ungezwungen mit und erlernen dann irgendwann dass es inmitten der Vielfalt der Möglichkeiten bestimmte Regeln, Praktiken und Werte gibt, die richtig und gut sind und andere, die falsch und schlecht sind.

Es ist so verlockend, wie falsch zu denken, dass diese Dominanz einiger Personen, in aller Regel die Eltern und ihrer Sichtweisen ein Problem sei und die Offenheit der Kinder am Anfang doch immer so bleiben sollte. Falsch ist es deshalb, weil diese Offenheit auf der kindlichen Unfähigkeit beruht, Regeln- und Rollen zu begreifen, da diese schon relativ komplex sind, kommen sie aber in dieses Alter und greifen dann ins Leere, weil ihnen statt weniger klarer Regeln alles Mögliche angeboten wird, entwickeln sie kein Empfinden dafür, dass etwas grundsätzlich richtig oder falsch sein könnte und finden alle Meinungen und Ansichten am Ende gleich gut.

Die Frage danach und die Begründung dafür, ob es denn überhaupt richtig und falsch gibt, wird dann später wieder komplizierter. Zunächst haben Kinder, die dann in die Phase kommen, in der sie die Art und Weise, wie man in ihrer Familie mit dem Leben umgeht schlicht als richtig ansehen, einen einfach und durchaus kooperativen Ansatz, wenn sie sehen, dass andere Kinder etwas anders machen. Sie erklären den anderen Kindern, dass das falsch ist und wie es richtig geht.

Haben sie aber engeren Kontakt zu anderen Familien, Übernachtungen, oder wenn man sich wechselseitig besucht, können sie entdecken, dass es woanders wirklich auch anders zugeht. Das muss gerade auch vom Kind verarbeitet werden, es fragt die Eltern, die müssen das einsortieren aber nach und nach kann sich der Horizont etwas erweitern und oft sind die Abweichungen ja nicht fundamental.

Schon längst wurden die Werte der Eltern, allen voran die unausgesprochenen, zu den eigenen, wurden internalisiert, ohne dass das Kind das aktiv macht oder auch nur merkt. Das muss man dann wieder entdecken und eine gute Möglichkeit ist die Partnerschaft.

Partnerschaft

Hoffentlich kennen die meisten die Geschenke der Liebe und Verliebtheit. Ist man verliebt, ist alles anders und die Welt in Ordnung, solange man nur beieinander ist. Der Himmel hängt voller Geigen, was man macht ist im Grunde egal, Hauptsache zusammen. Bleibt und zieht man zusammen, muss das gemeinsame Leben organisiert werden und trotz der Liebe glaubt man auf der anderen Seite immer noch, dass der Lebensansatz den man selbst bevorzugt, einfach der Richtige ist.

Folglich ist es auch nicht böse gemeint, wenn man der Partner eben zukünftig auch so lebt, wie man es selbst gewohnt ist. Die Liebe bietet uns die vielleicht schönste Möglichkeit an, einen neuen, gemeinsamen Raum zu errichten, wenn man wirklich reif ist und zusammen einen neuen Lebensabschnitt beschließt und es durchhält ihn zu gehen, Da werden dann alle Werte im Rahmen der eigenen Bedürfnisse neu errichtet, soweit das Ideal, praktisch kann man sich diesem mehr oder weniger annähern.

Das praktische Problem ist meistens, dass der Partner seine Herkunft und damit die Regeln und die Art und Weise, wie man mit diesem oder jenem umgeht, eben auch als richtig ansieht. Oft wird, wie bei den Kindern, dann versucht den Partner zu überzeugen doch nun langsam Vernunft anzunehmen, in der ernsthaften Überzeugung, dass das, was man eigentlich nur aus langer Gewohnheit kennt, die richtige Art und Weise ist.

Die Liebe bietet die Chance, das zu überwinden, manchmal auch die Vernunft. Wo dies nicht gelingt, bleiben beide in ihren Welten und es hat mich beeindruckt den Paartherapeuten Hans Jelloushek zu hören, der sagte, dass Paare zu ihm kommen und bei denen es gar nicht (mehr) läuft, sich nicht in- und auswendig kennen, sondern oft kaum noch. Wenn die Therapie gut läuft, findet man heraus, was man Jahre lang nicht sehen konnte oder wollte, dass der andere tatsächlich anders ist.

Jeder ist so wie ich oder wird es werden

Natürlich nicht ganz so, aber im Grunde besteht einer der größten Fehlleistungen auch bei Erwachsenen, in schöner Kontinuität darin, dass man die eigenen Bedürfnisse, Wünsche, Sichtweisen und dergleichen mehr oder minder ungebrochen auf andere Menschen, Kulturen und Zeiten überträgt. Wenn man sich mit der Gesellschaft in der man lebt schlecht identifizieren kann, hat man den konträren Eindruck: Alle sind gleich, nur ich bin anders. Im Kern meint er dasselbe, dass nämlich, bis auf sehr wenige Ausnahmen, die Menschen zu allen Zeiten gleich funktionierten.

Oder es zumindest, da wo sie es noch nicht tun, sollten. Dieser hegemoniale Anspruch wird heute oft Eurozentrismus genannt und mit Ende der Geschichte hat er einen weiteren Begriff und ein Buch kreiert. Die Grundidee ist, dass die eigene Lebensart – im Falle des Buches Demokratie und Marktwirtschaft – überall auf der Welt durchsetzten werden.

Nun muss man kein ausgewiesener Linker sein, um zu meinen, dass die Marktwirtschaft vielleicht weiter auf dem Vormarsch ist, aber die Demokratie dazu nicht unbedingt gebraucht wird. Ein weiterer typischer Bewertungsfehler, dass die eigene Art und Weise mit dem Leben umzugehen, die richtige ist.

Die Idee, dass andere Menschen und Kulturen andere Bedürfnisse und Vorstellungen haben und nicht nur noch nicht so weit sind, sondern dort wo wir sind gar nicht hin wollen, kommt nun langsam in unser Bewusstsein.

Manche wiederholen den Fehler aber ein weiteres Mal, formulieren einen engen Pluralismus, der sagt, dass dann doch irgendwie alle Perspektiven gut sind und das Ziel nun sei, dies zu erkennen und die Buntheit des Lebens zu feiern. Kernidee: Bin ich friedlich und offen, werden die anderen es automatisch auch sein, oder allmählich lernen. Angesichts sehr vieler Menschen in sehr unterschiedlichen Lagen eine schwierige These.

Die Familie unterm Weihnachtsbaum

Geld regiert vielleicht nicht nur die Welt, sondern verzerrt unsere Sichtweise vielleicht noch fundamentaler als wir glauben. © Tim Reckmann under cc

Dass die Familie unterm Weihnachtsbaum vereint gar kein christliches Urmuster ist, sondern eine historisch relativ moderne Lebensform und dabei sowohl die Familie im Sinne von Vater, Mutter und Kindern, als auch der Weihnachtsbaum neu sind, ist hier und da bekannt, doch gerade auf der Ebene des religiösen Brauchtums und der Familienstruktur erleben wir als Zeitzeugen drastische Veränderungen.

Religion ist in Europa und insbesondere in Deutschland im steilen Sinkflug begriffen, die religiöse Bindung und Bildung sinkt und auch wenn Weihnachten als Konsumfest noch gefeiert wird, der religiöse Bezug ist vielen kaum noch bekannt. Aber auch die Familie wird seit einiger Zeit ziemlich umgekrempelt, die Mehrzahl der Haushalte sind heute schon Singlehaushalte, wie dieser Trend sich weiter entwickelt, weiß im Grunde niemand. Ob er fortschrittlich oder bedenklich ist, hängt von dem ab, der drauf schaut, was die einen als Niedergang der Werte betrachten, deuten andere als modernes Leben, wieder andere sehen die Bewegung als ambivalent an, Ende offen.

Der Bewertungsfehler liegt in dem Fall darin, dass wir unsere Familienstruktur, zu sehr zurück projizieren, schon wenige Jahrhunderte in unsere Vergangenheit blickend, herrschte ein anderes Familienverständnis, noch weiter zurück und in andere Kulturen blickend, ist die Lage noch anders.

Um die richtigen Modelle wird gerungen und da lauert gleich der nächste moderne Bewertungsfehler, nämlich der, zu glauben, dass die neueren Formen automatisch auch die besseren sind. Aktuell lernen wir aber dazu, weil wir offener und selbstkritischer in die Welt blicken und die Kräfteverhältnisse sich verschieben. Noch die deutsche Einheit wurde von nicht wenigen Ostdeutschen als eine Art feindlicher Übernahmen empfunden, was vielleicht zu herbe ist, aber inzwischen erkennt man, dass auch die ostdeutsche Geschichte facettenreicher ist, als man lange anzunehmen gewillt war.

Geld und Wert

Was bislang einfach und bekannt klang, wenngleich es oft alles andere als leicht umzusetzen ist, bekommt bei unseren Vorstellungen über Geld und Wert eine ganz andere Dynamik, jedenfalls wenn man Eske Bockelmann folgt, der das Buch Das Geld: Was es ist, das uns beherrscht geschrieben hat.

Seine These ist so ungewohnt wie – falls sie stimmt – folgenreich. Seiner Meinung nach gab es in der Vergangenheit und in vielen, sehr stabilen Weltreichen kein Geld. Das irritiert uns, weil wir fest davon ausgehen und wissen, dass es frühe Münzen gibt (und was sollen die anderes sein, außer Geld?) und auch meinen um die Entstehung des Geldes zu wissen. Diese Geschichte klingt immer ähnlich, nämlich ungefähr so:

Immer schon haben die Menschen Dinge oder Vorformen von Dienstleistungen miteinander getauscht. Die einen vermuten, seit 5000 Jahren, andere sagen, dass der Tausch den Menschen begleitet, seit er Mensch ist, also irgendwann seit der Steinzeit. Und da ist irgendwann einfach zu lästig und zu aufwändig ist 10 Schweine gegen 500 Kilo Tomaten zu tauschen, ging man dazu über, mit Geld zu handeln, denn ein paar Münzen sind leicht mitzuführen und als universales Zahlungsmittel kann man es überall gegen alles eintauschen, was man haben möchte. Von dieser Geschichte, des fairen Tauschs von Wert gegen Wert, der sich im Wandel der Zeiten verändern konnte, sind wir nahezu alles überzeugt.

Laut Bockelmann aber ein Bewertungsfehler, der erneut unsere heutige Situation auf die Vergangenheit überträgt. Aber Bockelmann belässt es nicht bei der Behauptung, sondern weist akribisch und argumentativ stark nach, dass das ganze Modell des Werttauschs keineswegs eine uralte, sondern historisch recht neue Erfindung darstellt, er datiert sie auf das späte Mittelalter, die dann allerdings einen solchen Siegeszug angetreten hat, dass wir uns fragen, wie es denn sonst gelaufen sein soll, damals und welchen Zweck Münzen haben sollen, wenn nicht den Zahlungsmittel zu sein.

Tatsächlich findet Eske Bockelmann treffende Antworten, an die man sich aber heran tasten muss, um ein Verständnis dafür zu gewinnen, wie es in vergangenen Zeiten tatsächlich gewesen sein könnte. Bockelmann entwirft dabei das Bild einer archaischen Gesellschaft, deren Reste wir heute noch sehen. Etwa im Mitbringsel, wenn wir eingeladen sind. Die Idee dabei ist nicht Wert gegen Wert zu tauschen, sondern eher ein gesellschaftlichen Gepflogenheit zu folgen. Dies tat man, weil es dazu gehörte und man es tun musste, wollte man nicht einen herben Gesichtsverlust erleiden, also schenkte man, war dabei eher mürrisch doch das Geschenk war oft nicht dazu da, dass es behalten wurde, sondern es wurden bei passender Gelegenheit weiter gegeben. Gut war, wenn alles im Fluss blieb und niemand übermäßigen Besitzt anhäufte. Eine Idee, die uns heute fremd ist und die wir für utopisch halten, doch es hat sie lange gegeben.

Um den Nebel zu lichten kann man Bockelmann in der spannenden Sendung des philosophischen Radios lauschen.
Sein Folgerungen sind dann auch anders als gewohnt. Bereits in der Einleitung lesen wir:

“Einige wenige Leute versuchen sich deshalb bereits am Leben jenseits des Geldes. Sehr viel stärker jedoch ist die entgegengesetzte Reaktion, nicht die intensive Suche danach, wie das Geld zu überwinden, sondern danach, wie das Geld zu retten und zu bewahren wäre. Einflussreiche Initiativen machen Vorschläge, die es bereits bis zur Volksabstimmung gebracht haben. Da sollen die Banken kontrolliert werden, soll eine Transaktionssteuer mäßigend einwirken oder eine andere geschickt angebrachte Steuer den rechten Einhalt gebieten. Die „Entschleunigung“ des Marktes sei notwendig oder die Abschaffung von Zins und Zinseszins. Etwas wie „Vollgeld“ soll für stabilen Geldwert sorgen oder ein „bedingungsloses Grundeinkommen“ dafür, dass keinem mehr das Geld ausgeht. Einmal nähren Regionalwährungen die Hoffnung, mit ihnen werde des Geld insgesamt besser funktionieren, einmal wird ihm eine sichere Zukunft in weltweit flottierenden Bitcoins prophezeit. Oder man will das Geld per Gesetz kurzerhand darauf verpflichten,gut zu sein, damit sich unsere kapitalistische Wirtschaft schlicht nach Vorschrift aus einer bedrohlichen und bedrohten in eine Gemeinwohlökonomie verwandle.”[1]

Das Ich

Das Ich könnte ein weiteres Glied in der Kette sein. Was es letztlich ist, wie und wann es genau entstanden ist, das wissen wir eigentlich nicht. Es gibt die verschiedensten Vorstellungen, aber ist das Ich des europäischen 21. Jahrhunderts dasselbe, wie zu allen Zeiten? Es dauerte, bis sich ein Ich bildete, aber wo genau seine Untergrenze liegt, ist unklar. Wenn es sich im Spiegel erkennt? Wenn es etwas will? Wenn es etwas anderes will, als andere? Wenn es reflexiv agieren kann?

Andererseits hat der Buddha vor mehr als 2500 Jahren das Ich schon recht präzise beschrieben und das geschah nicht in Europa. Es verändert sich, immer wieder, während wir leben. Dennoch bleibt ein gewisser Kern erhalten, der uns auch als 50-Jährige auf das Kindergartenfoto schauen lässt, mit dem Empfinden, dass ich das war, damals, aber eben ich.
Und doch kann dieses Ich in Massenregressionen, beim Sex oder Gipfelerfahrungen mit anderen und anderem verschmelzen, vielleicht nur ein Stück weit, aber immerhin. Ist Ichsein die grundlegendste aller Perspektiven, die nie zu hintergehen ist oder der früheste Bewertungsfehler?

Quellen