Das Problem der Willkür

Kleiner Mann, ganz groß. Kant war einer der Meisterdenker unserer westlichen Welt. © Skara Kommun under cc

Wie auch immer man sich entscheidet, es bleibt eine Hürde, die man schlecht überspringen kann und das ist erneut die Willkür der ganzen Geschichte. Oft täuschen uns Zahlen, besonders, wenn sie scheinbar genau daher kommen, darüber hinweg. ‘Ungefähr die Hälfte’ klingt so daher gesagt, aber bei 48,79% haben wie das Gefühl großer Exaktheit. Häufig genug ein Fake und hier in jedem Fall.

Denn natürlich kann ich ein Ranking aufstellen, bei dem Faktoren wie wirtschaftliche Potenz, ökologischer Fußabdruck, soziale Bezugspersonen und erbrachte Kreativleistungen mit Dutzenden weiteren Aspekten verglichen und gewichtet werden, aber wie diese Werte gewichtet werden und welche die passenden Parameter sind, ist hochgradig willkürlich. Ein System objektiver Setzungen existiert schlicht nicht.

Nun könnte man aus der Not eine Tugend machen und fordern, die Menschen doch selbst entscheiden zu lassen, welches die gesellschaftlich angesehenen Werte sind. Man könnte ihnen Eigenschaften vorlegen, die sie als wichtig oder unwichtig bewerten und entsprechend Punkte zuordnen sollen. Jedoch sind Meinungen nicht starr und können jederzeit beeinflusst werden und wie will man das berücksichtigen? Zudem ist auch die Überzahl nicht immer im Recht und Ethik wäre kein Leitstern mehr, sondern der konventionelle Durchschnitt. So macht man es in der Medizin auch nicht. Man sagt nicht, dass immer mehr Menschen Krebs bekommen und das daher keine Krankheit mehr sei, sondern eben normal. Bei Ehtik und Moral ist es wie bei der Logik, wenn viele Menschen Logikfehler begehen, ist damit nicht die Logik falsch. Wenn viele lügen, sind Lügen nicht allein deshalb schon moralisch gerechtfertigt.

Sicherlich ist es, wenn man die Klimakrise ernst nimmt, nicht die beste Idee sich ein PS starkes Auto zu kaufen. Rekorde bei den Neuzulassungen feiern aber die SUVs und auch daher gibt es auf der Ebene der Mehrheitsentscheide noch ein ganz prinzipielles Problem, das der Philosoph Robert Brandom erläutert:

“Diese Neigung von der Gemeinschaft so zu reden, dass sie irgendwie Einstellungen hat und Performanzen hervorbringt, wie sie eher mit Einzelnen assoziiert werden, ist weder Ausdruck von Nachlässigkeit noch harmlos. Diese façon de parler ist der Kern von Theorien gemeinschaftlicher Beurteilung. In ihr manifestiert sich der Orientierungsfehler (über den später noch mehr zu sagen sein wird), Ich-wir-Beziehungen statt Ich-du-Beziehungen als die grundlegende soziale Struktur zu behandeln. Beurteilen, Billigen, usw. sind alles Dinge, die wir Einzelne tun und einander zuerkennen, und wodurch eine Gemeinschaft, ein “Wir” entsteht. Doch diese Einsicht wird durch die Ich-wir-Brille verzerrt – womöglich die gleiche, wie sie von jeher politischen Philosophen bei ihrer Arbeit aufgehabt haben. Der Anschein der Möglichkeit gemeinschaftlicher Beurteilung ist kein ungefährlicher, weil die bequemen Wege, die Metapher der gemeinschaftlichen Billigung usw. auszubuchstabieren, in bekannte Dilemmata führen. Auf Regularitäten der Billigung und Zurückweisung durch einzelne Gemeinschaftsmitglieder kann man vielleicht einen Begriff der gemeinschaftlichen Billigung oder Missbilligung aufbauen. Doch universelle Übereinstimmung wäre zu viel verlangt, und wie will man entscheiden, wieviel Übereinstimmung genügt.”[1]

Man kann auch Brandoms Sichtweise kritisieren, aber es reicht an dieser Stelle, dass er aufzeigt, dass das Willkürproblem nicht vom Tisch ist. Der Utilitarismus ist ja nicht durch die Bank schlecht, er fordert aber nicht, sich dafür zu entscheiden, was man selbst will, sondern bei allen ethisch relevanten Entscheidungen – nicht jede ist das und nicht jede sollte zu einer gemacht werden – darauf zu achten, was wohl das beste für die meisten Menschen wäre. Und kurz gefragt: Woher soll man das wissen?

Die utilitaristische Pseudoobjektivität fällt eigentlich an allen Stellen in sich zusammen und dann kann man auch gleich Nägel mit Köpfen machen und dem Subjekt die Verantwortung überlassen und ihm etwas zutrauen.

Wie fühlt es sich eigentlich an schuldlos schuldig zu sein?

Kehren wir noch mal zurück zu der Frage, wie eigentlich ein autonomes Auto für drohende Unfälle programmiert werden sollte. Man kann ja die Intuition haben, dass die Gleichwertigkeit aller Menschen eine nette Idee ist, aber man, wenn man ehrlich ist und keiner zuhört, doch wichtigere und unwichtigere Menschen kennt.

Für einen selbst ist das völlig in Ordnung, da sind der Partner und die Familie keine Menschen, wie alle anderen auch. Man könnte aber dennoch der Meinung sein, dass von den persönliche Präferenzen abgesehen so ein soziales Ranking nicht das schlechteste ist, doch überlegen Sie sich mal Folgendes:

Wie würde man sich fühlen, wenn das eigene autonome Auto einen Menschen umfährt, der einem nahe steht? Die beste Freundin, ein Mitglied der eigenen Familie. Ist es eigentlich wirklich leichter damit klar zu kommen, wenn man sagen kann, dass die Schwester halt in der Gesamtrechnung scheinbar nicht so viel wert war oder einfach zur falschen Zeit mit den falschen Leuten an der Ampel stand?

Klar, es entlastet von der persönlichen Verantwortung, man hat die Schwester ja nicht selbst umgefahren. Es war der Algorithmus des Autos, der entschieden hat, man selbst kann ja eigentlich gar nichts dazu. Stimmt einerseits. Aber es gibt zwei Gegenargumente. Wir Menschen können oft auch mit Situationen, die wirklich außerhalb unserer Macht liegen, in die wir aber verwickelt sind, schlecht umgehen. Wer eine schlimmen Unfall als einziger überlebte, während gute Freunde starben, sieht sich über die verständliche Trauer und Trauma hinaus oft noch mit starken Schuldgefühlen konfrontiert, bei denen man grübelt, warum man selbst überlebt hat und das scheinbar unverdiente Glück oder geringere Pech schwer annehmen kann.

Zweitens. Wählt man ein autonomes Auto oder sieht diese Entwicklung eben – neben anderen, ähnlichen – als unvermeidlich an, steckt man im Grunde nur noch tiefer mit drin. Beim Autounfall, Lawinenunglück oder einer Massenpanik hatte man nie eine Wahl. Ein autonom agierendes System wählt man aber mehr oder weniger bewusst, denn man kann sich dafür oder dagegen entscheiden. Wäre es nicht doch besser gewesen, ich hätte selbst die Möglichkeit zum eingreifen gehabt? In dem Moment hatte man sie dann nicht mehr, aber man hat eine Entwicklung unterstützt, von der kommende Generationen irgendwann vielleicht mal sagen, sie seien in die Situation hinein geboren. Heute ist aber der Moment, an dem wir darüber entscheiden können.

Dazu kommt, dass, auch wenn es seltsam klingt, das achselzuckende: Was kann ich denn dafür? Mich hat niemand gefragt, einen dennoch nicht aus der Verantwortung entlässt. Diese tragische Schuld, die eben darin liegt, schuldlos schuldig zu sein, ist bereits das Thema der attischen Tragödien des antiken Griechenland. Man wusste damals schon, dass man auch in den Umständen drin hängt, die man nicht selbst verursacht hat. Doch zurück zum autonomen Auto.

In einem Interview mit dem hessischen Rundfunkradio bemerkt Richard David Precht exakt zu diesem Thema, treffend, dass im Zusammenhang mit dem autonomen Fahren immer argumentiert wird, es würde dadurch demnächst weniger Verkehrstote geben. Scheint auf den ersten Blick ein gutes, utilitarisches Argument zu sein. Jedoch weist Precht zurecht darauf hin, dass man, ginge es um die Reduzierung von Verkehrstoten, bereits heute jede Menge machen könnte. Kleinere Autos, mit weit weniger PS, geringere Geschwindigkeiten auf Autobahnen, Landstraßen und in Städten, mehr Radwege und so weiter. All das wirkt schneller und nachhaltiger und ist am Ende des Tages auch noch für die Umwelt besser. Welches Argument ist nun stärker?

Wie könnte es besser gehen?

Es gibt Menschen, die unsensibel für die Empfindung sind, dass die Aufrechnung von Schicksalen und Leben in kalten Zahlen unterm Strich entwürdigend ist. Das kann einen ärgern, aber es ist erkennbar sinnlos, bei Menschen, von denen man meint, sie hätten an dieser Stelle Schwächen, mit eben diesen moralischen Argumenten, in die Leere hinein zu argumentieren.

Doch selbst der kühle Rechner sollte für das Argument empfänglich sein, dass seine Rechnungen unterm Strich nicht aufgehen, weil die scheinbare Präzision am Ende durch eine Willkür am Anfang erkauft ist. All diese Argumente erweisen sich als zahlentechnisch und logisch inkonsistent. Noch der Egoist könnte im besten Fall verstehen, dass er von der scheinbaren Entlastung am Ende des Tages nichts hat.

Jedoch ist es so, dass man nicht sagen kann, der Utilitarismus sei ganz einfach die schlechtere ethische Variante. Es gibt Situationen in denen auch die Entscheidung, dass jedes Leben gleich viel wert ist, daher der Schutz des Lebens eine absolute Größe ist – bei der Möglichkeit, dass der betroffene Einzelne, im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte, sich gegen das Leben entscheidet – und man nicht 18 gegen 200 hochrechnen darf, zumindest im Gedankenexperiment fragwürdig wird.

Wenn eine Superwaffe kreiert würde und die Wahl besteht, die gesamte Zahl der Menschen (oder alles Leben auf der Erde) oder einen Menschen zu opfern, muss man zähneknirschend ins utilitaristische Lager wechseln, die Tendenz lautet, dass die sehr große Zahl die utilitaristische Postion stärkt. Der Utilitarismus ist dazu gut, um Verhältnisse herzustellen, in denen er schnell überwunden werden kann, das scheint mir ein dynamischer Kompromiss zu sein. Wenn die Verhältnisse so sind, dass viele gebildete Individuen möglichst frei und abwägend entscheiden können, ist das für alle gut. Das wäre eine Variante dieser Sicht mit der der Utilitarismus sich schleichend überflüssig machen kann.

Kant kann man so oder so interpretieren. In meiner favorisierten Deutung rückt er das Subjekt stark ins Zentrum der Verantwortung. Jeder Einzelne kann immer nur so gut, weitreichend und integer urteilen, wie es seine eigene Entwicklung eben zulässt. Kants Entscheidungshilfe lautet, dass ich mich fragen soll (ob ich es wollen kann), ob das, was mich zu der Entscheidung motiviert hat, auch den anderen zu seiner Entscheidung motivieren sollte. Gib Dir Mühe! Das ist eine der impliziten Kernaussagen. Mehr kann man vom Einzelnen nicht erwarten, das aber darf man einfordern. Die Qual mit der Moral entpuppt sich dann aber als das, was sie immer auch ist und was so viele einfordern, als Freiheit. Aber Freiheit ist anstrengend. Gib Dir Mühe!

Quellen