Thorwald Dethlefsen und der unausgesetzte Rückzug in aller Öffentlichkeit

Wer wird da vom wem heimgesucht, in El Grecos Bild? gemeinfrei, El Greco/zeno.org under cc

Thorwald Dethlefsen war Psychologe und Esoteriker. Heute steht Esoterik als Synonym für alles was wirr ist, wir müssen also gedanklich bei der Betrachtung in eine Zeit zurückspulen, in der der Begriff zunächst relativ unbekannt und demzufolge unbesetzt war und dann sogar den Status einer Auszeichnung bekam. Esoterik meint historisch in einen inneren Zirkel, was schon in gewisser Weise ausschließt, dass Esoterik ein Breitensport ist, zu dem sie dann allerdings wurde. Der erste, der das früh bedauerte, war Dethlefsen selbst. Auf einem seiner Vorträge redet er darüber, dass Esoterik schnell mit Themen wie gesundem Leben und New Age in Verbindung gebracht und betonte, dass damit nicht einmal am Rande eine Berührung existiert, ebenso scharf grenzte er sich später von der Parapsychologie ab.

Dethlefsens Gebiet war die westliche Esoterik, damit war vor allem Astrologie, Magie, Alchemie und Kabbalah gemeint. Ungewöhnlich, weil das Thema eher mit dem Osten verbunden wurde, Elemente, die bei ihm immer wieder einflossen, aber nicht überbetont wurden. Dethlefsen verflocht, vor allem in der Phase der Zusammenarbeit mit dem damals jungen Arzt Rüdiger Dahlke, das Thema Schicksal mit einer der häufigen Erscheinungsformen, der Krankheit. Insofern ist die damals und heute starke “Gesundlebeszene” (Dahlke) doch immer mit an Bord. Oft verstanden sie die Botschaft allerdings falsch, in der Weise, dass es letztlich doch darum ging, Krankheiten und das Leben zu vermeiden.

Dabei entlarvten Dethlefsen und Dahlke Krankheit als sozial gut anerkannten Mechanismus, um sich für eine kurze oder längere Zeit von den Anforderungen des Alltags zurückzuziehen. ‘Ich kann nicht’ heißt daher oft: ‘Ich will nicht’. Aber es ging nicht darum, sich selbst als Drückeberger zu entlarven, schuldig zu fühlen und nun möglichst schnell und reuig wieder zu funktionieren, sondern im Gegenteil darum, sich ehrlich zu machen und zu dem zu stehen, was man sich durch die Krankheit unbewusst verschafft: Zur Notwendigkeit Ruhe, Veränderung oder sonst etwas zu brauchen, statt stur seine Alltagsroutine durchzuziehen.

Die Idee war, mit dem eigenen Unbewussten zu kommunizieren und zwar kreativ und auf die Art und Weise, wie es ursprünglich auch in der Psychoanalyse gemeint war. Die unbewussten Anteile sind aufzudecken und wollen aktiv gelebt werden, statt nun noch einmal verdrängt. Doch, das war Dethlefsen klar, Esoterik war und blieb ein Weg für immer wenige, ob er den Beifall der Masse wollte, weiß man nicht, sein Rückzug wurde immer offensiver. War das Buch “Krankheit als Weg” noch als eine Art Adaptation der Reinkarnationstherapie für breite Schichten gedacht, so war das Ödipus-Projekt eine Art Zwischenstufe, in der der Dethlefsen gewissermaßen einübte, was mit Kawwana vollendet werden sollte. Nach einer Reihe von Büchern in dichter Folge war von Dethlefsen längere Zeit nichts mehr zu lesen, er stellte lediglich eine Textauswahl zusammen, zu der er kommentierend etwas beitrug. Dethlefsen ist in jenen Jahren längst der Star der Szene, doch er macht sich vergleichsweise rar.

In der großartigen Deutung des Ödipusmythos, die 1990 als Buch und Vortrag vorliegt tritt Dethlefsen von der Individualtherapie einen Schritt zurück, zur Idee einer archetypischen Therapie, angelehnt an die Vorstellungen von Aristoteles bezüglich der Katharsis, wenn “Seele und Symbol” (Dethlefsen) in Kontakt kommen und an die Tradition der Mysterien von Eleusis, ein Kult in den viele normale Menschen eingeweiht waren. Zurück zum Mythos und Ritus zu finden, das würde auch unserer Gesellschaft gut tun, so Dethlefsen, der er attestiert eine Kinderkultur zu sein, die vornehmlich auf Absicherung ausgelegt ist und in der man sich primär als Opfer sieht. Sein Thema seit 1978, er sollte Recht behalten.

Dethlefsen empfiehlt nach wie vor, einer Gesellschaft den Ausstieg aus ihrer bisherigen Lebensform, den sie in voller Fahrt praktiziert und bietet nun neben dem Angebot der Symptomdeutung und der Reinkarnationstherapie eine weitere und breitere Form an, in der eine theatermäßige Gestaltung von Mythen eine Rolle spielt. Er wusste, dass unsere Zeit ihre Formen finden muss und bat dann später selbst welche an.

Aus der Idee ein reiner distanzierter Betrachter zu sein, wurde dann im nächsten Schritt, in die Mysterien aktiver und dann wieder individueller, gleichzeitig aber überindividueller einbezogen zu sein – nicht das Ich sollte erlöst werden, sondern die “obere Seele” die mit dem Ich oder der unteren Seele direkt und spürbar kaum etwas zu tun hat – Kawwana entstand. Dethlefsen machte nicht weniger als eine Kirche zu gründen. Auf die sich selbst gestellte Frage, ob die Teilnahme an den Ritualen von Kawwana dennoch das eigene Leben verändern würde, antwortete Dethlefsen, dass er hoffe, dass man das eigene Leben danach nicht mehr so wichtig nähme.

Den Schritt gingen dann viele nicht mehr mit. Der langjährige Weggefährte Rüdiger Dahlke, der längst einen eigenen Namen hatte, distanzierte sich von Kawwana, Dethlefsen aber machte weiter, kam fünf Jahre nach Ödipus wieder an die Öffentlichkeit. Kawwana, das hieß nun Magie, etwas wofür sich Dethlefsen schon länger interessierte, was er aber öffentlich selten thematisierte.

Wer in die Esoterik einsteigt führt in gewisser Weise ein Doppelleben, weil schon der von Dethlefsen und Dahlke vorgestellte Ansatz sich deutlich von den medizinischen Überlegungen ihrer Zeit absetzte, aber auch von der gesellschaftlichen Strömung. Kurioserweise wurden die beiden ziemlich populär und prägten nicht unwesentlich sogar die Themen der Zeit. Heute ist schon wieder verdrängt, wie ‘in’ Esoterik damals war, Dethlefsen war skeptisch, dass es zu viele waren, zugleich war dies natürlich auch ein Geschäft.

Mit Ödipus und dann Kawwana legte er die Latte immer höher, redete in einer einführenden Vortragsreihe vor Tausenden von Menschen und tourte durch mehrere deutschsprachige Städte im In- und Ausland. Der Schritt hinein in die Magie. Eine Weiterentwicklung oder ein Rückschritt? Im Rahmen klassischer Entwicklungspsychologie und historischer Abläufe eher eine Regression, aber es war natürlich furios so etwas um die Jahrtausendwende vorzustellen. Vor der Augen der Gesellschaft gründete Dethlefsen eine Religion, baute einen Tempel mitten in Münschen, vollzog, so stellte er es dar, magische Rituale für die Erlösung der Welt. Irgendwann verkündete er, die Welt sei nun gerettet, der Tempel wurde wieder abgerissen, nicht lange danach starb Thorwald Dethlefsen. Ein geheimes Doppelleben in aller Öffentlichkeit, das sich mit magischen Lehren beschäftigt. Verrückt?

Wir brauchen die andere Seite

Wir haben all das aus unserem Leben heraus gedrängt. Wurden über die Jahrzehnte immer vernünftiger, effektiver und aufgeklärter. So ist die eine Version. Gemeinsame Riten, die uns noch verbinden? Da gibt es nicht mehr viele, vielleicht innerhalb von Familien. Esoterik ist inzwischen als dummes Zeug diskreditiert. Wir sind an Leistung orientiert und wenn wir unsere Leistung nicht bringen ist uns das peinlich oder wir wechseln die Seiten und erklären gleich alles an dem wir gescheitert sind, zu einem Ausbund an Kälte und Unmenschlichkeit.

In seinem dicken zweibändigen Buch “Auch eine Geschichte der Philosophie” widmet sich der Philosoph Jürgen Habermas auf 45 Seiten in einem eigenen Kapitel “Mythos und Ritus”. Von der Frontstellung der Rationalisten gegen all das Irrationale ist nicht mehr viel zu merken. Jeder liest Bücher auf seine Weise, abhängig von der Vorerfahrung dessen, was man gelesen hat, aber ich war, nach all den Jahren die bei mir zwischen einer sehr intensiven Auseinandersetzung mit der Arbeit von Thorwald Dethlfesen und Rüdiger Dahlke liegt, nun eigenartig berührt, vieles von dem bei Habermas wieder zu finden, der von einem schwärmerischen Esoteriker maximal weit entfernt ist.

Habermas zitiert hier W.R. Smith, wenn er schreibt:

“[I]n fast allen Fällen leitete sich der Mythos aus dem Ritus ab und nicht umgekehrt, der Ritus aus dem Mythos; …”[7] Eine umstrittene Deutung, die nicht restlos aufzuklären ist, Habermas tendiert zu der Auffassung, “dass Mythen die erste Gestalt der Versprachlichung rituell verkapselter sakraler Gehalte darstellen.”[8]

Der Ritus, das gemeinsame Tun ist das, was uns verbindet, aber es ist das Tun. Später heißt es:

“Wir müssen beides zusammen sehen: „Framing“, also die Kraft des Mythos zur sprachlichen Welterschließung […] geht Hand in Hand mit “re-enacting“, mit der periodisch wiederholten „Aufführung“ des Mythos. Diese verjüngende und verwandelnde Rückkehr zu einem ursprünglichen Ereignis macht für Mircea Eliade überhaupt des Kern des Sakralen aus: „[D]a die rituelle Rezitation des kosmogonischen Mythos die Reaktualisierung dieses primordialen Ereignisses bedeutet, so folgt daraus, dass der, für den man rezitiert auf magische Weise in ‘jene Zeit’ projiziert wird, an den ‘Beginn der Welt’. Es handelt sich also für ihn um eine Rückkehr zur Zeit des Ursprungs […].”[9]

Habermas gelingt es das Denken dieser Zeiten nachzuvollziehen, er revidiert auch die geläufige Abfolge von archaisch, magisch, mythisch, rational wenn er schreibt:

“Aber das magische Denken setzt offensichtlich eine mythisch ausgestaltete und narrativ verfügbare Welt höherer Wesen schon voraus. Deshalb bietet die Magie auch nicht den richtigen Schlüssel zum rituellen Kern des Sakralen.”[10]

Warum aber ist das Sakrale überhaupt wichtig für uns? Sind das nicht einfach primitive Vorstellungen unserer Vorfahren, die wir längst überwunden haben? Nicht unbedingt:

“In anderer Hinsicht besteht freilich zwischen dem sakralen Komplex und den daraus hervorgegangenen modernen Künsten eine Verwandtschaft, die beide Kommunikationsformen wiederum von der kommunikativen Alltagspraxis unterscheidet. Ich meine das Moment des “Außeralltäglichen”.”[11]

Das verbindet Sakrales und Kunst, dass sie beide aus Funktionszusammenhängen “herausgehoben” oder “ausgeklinkt” sind. Was Habermas hier philosophisch und historisch rekonstruiert, hat Kernberg anhand der Übergangsobjekte für die individuelle Entwicklung erörtert, dort findet er den gemeinsamen Entstehungsort von Moral, Kunst, Religion, Wissenschaft und Liebe. Man kann und muss hier weiter differenzieren, aber was aus dem Alltag ausgeklinkt ist, ist zugleich psychologisch miteinander verzahnt.

Das was hier entsteht ist kein durch nachträgliche Erklärung zu ergänzender Fehler, sondern es ist der Sinn der Übung, dass wir andere als alltägliche Erfahrungswelten betreten, mit und durch die Kunst und das Sakrale gelangen wir in diese Räume, in denen es nicht um eine praktische Funktion, sondern um Sinn geht.

Was wir aber brauchen, ist das Element des Außeralltäglichen. Momente und Welten des Auszeit. Wenn wir dies verdrängen oder verleugnen, kommt es nur in Zerrformen zurück, daher brauchen wir diese Räume in denen wir nicht einfach nur funktionieren müssen, auch für unsere psychische Gesundheit. In welcher Dosis, das ist individuell verschieden. Unsere Zeit hat viele dieser Räume gestrichen, zugunsten einer immer größerer werdenden Funktionalismus, der in mehrfacher Hinsicht eine Zerrform ist. Er ist ein Ritus ohne Mythos, eine leere, eine Art Zwangshandlung, die uns gerade nicht mit Sinn versorgt. Ein rein auf Funktionalismus getrimmter und vom Sinn abgespaltener Alltag erzwingt aber geradezu seine Ergänzung, die wir dann in regressiven Formen finden, in den Formen der trivialen Unterhaltung, in zahllosen Affären und in der heute gebräuchlichen Form magischer oder mythischer Denkformen, dem Glauben an Verschwörungstheorien auf der Basis eines paranoiden Misstrauens oder narzisstischer Besserwisserei.

Eine ebenso unbewusste, wie unerlöste Form geheime Doppelleben zu inszenieren. Wünschen wir uns allen, dass wir bald bessere Räume finden, spannende Kandidaten gibt es genug.

Quellen