Guido Reitz – Uhrmacher und Linguist

Wenn Sie mit dem Namen Guido Reitz nichts verbinden, so hat das zwei Gründe. Er wirkte tatsächlich im Verborgenen und als Linguist bringt man es ohnehin eher selten zu Weltruhm, sieht man vom Umberto Eco und Noam Chomsky mal ab. Guido Reitz ist der Bruder des Autors und Regisseurs Edgar Reitz, dessen Filmreihe Heimat berühmt wurde.

Die beiden Söhne stammten aus der kleinen, katholischen Gemeinde Morbach, im Hunsrück, weit und hügelig war das Land. Der Vater war Uhrmacher im eigenen Geschäft. Wie es manchmal so ist, brach der eine Sohn, Edgar, aus dem in diesen Zeiten und Regionen üblichen Lebensweg aus, während der andere, Guido, nach einem Jurastudium, der Tradition folgend selbst Uhrmacher wurde und das elterliche Geschäft übernahm, wo er seiner Arbeit nachging, nicht weiter auffiel und 2008 verstarb.

Was auch nicht auffiel, war seine andere Seite, eine geniale Neigung zu Sprachen. Weder die Morbacher, noch die eigene Familie wusste etwas von Guido Reitz’ intensiver Beschäftigung mit der Linguistik, aber in seinem Nachlass finden sich über 2500 Bücher linguistischer Fachliteratur, die er nicht nur gelesen, sondern auch verstanden haben musste. Reitz war auf dem Gebiet der Linguistik ein international anerkannter Fachmann, der Doktoranten betreute, neues über die Hunsrücker Dialekt heraus fand und selbst 50 Sprachen gesprochen und sich manche selbst beigebracht haben muss. Seine eigenen Forschungen mochte der menschenscheue Guido Reitz jedoch nicht veröffentlichen, er gilt den Experten des Faches dennoch als ungeheuer klug und belesen. Briefe an Fachkollegen hat er geschrieben, aber nie abgeschickt.

Wenn Edgar Reitz seinen in sich gekehrten Bruder, mit autistischen Zügen, besuchte, so saß dieser hochbegabte Sprachforscher oft Stunden da, ohne ein einziges Wort zu reden. Erst nach seinem Tode wurde bekannt, dass Guido Reitz jemand war, der tatsächlich eine Art geheimes Doppelleben führte und ebenfalls als jemand gelten darf, der mit einfachsten Mitteln, sozusagen als Lehnstuhlgelehrter forschte.[2]

Kennen Sie Eberhard Trumler?

Wildhunde beim Sonnenbad auf der Trumler Station. © PartnerHund.com under cc

Man könnte ihn kennen, besonders, wenn man einen Hund hat. “Er gilt als der Nestor der Kynologie (Hundekunde) im deutschsprachigen Raum.”[3] So heißt es bei Wikipedia. “So kam der Mensch auf den Hund” heißt es in einem Buchtitel des vielleicht berühmtesten Verhaltensforschers Konrad Lorenz. Der aus Wien stammende Eberhard Trumler war ein Schüler von Lorenz, in irgendeinem Buch schrieb Lorenz, ebenfalls ein Wiener, dass Trumler über Hunde viel besser Bescheid wisse, als er selbst.

Trumler gründete die ‘Gesellschaft für Haustierforschung (GfH) e.V.’ und die ‘Haustierbiologische Station Wolfswinkel’. Sein Interesse galt den Tieren und der Forschung, obwohl einer der renommiertesten unter ihnen hat Trumler selbst nicht mal promoviert. Es interessierte ihn wohl nicht so sehr, wie die Forschung und die Natur selbst. Neben Hunden waren Pferde sein frühes Thema, aber auch vor Terrarien sah man Eberhard Trumler Stunden regungslos, in seine Beobachtung vertieft, sitzen, nicht merkend oder ignorierend, dass die Heizung im Raum längst aus war.

Sein Wissen galt dabei als immens, auch seine Bereitschaft Opfer für die Forschung und die Hunde zu bringen war groß. Einige Monate nach Eberhard Trumlers Tod, hatte ich das unverhoffte Glück auf der ‘Haustierbiologischen Station Wolfswinkel’ ein Praktikum über mehrere Monate zu machen. Damals lebten dort etwa 130 Wildhunde verschiedener Rassen, in diversen Außengehegen zur Forschungsstation, die von seiner Frau Erika, die selbst Anfang des Jahres 2020 verstarb, weiter geleitet wurde. Neben Erika Trumler und einem Doktranten lernte ich zwei Söhne kennen, sowie das kleine Rudel Hunde, die im Haus lebten und den Esel, die alle fester Teil der Station waren. Im Arbeitszimmer erwartete mich eine ganze Schrankwand voller Hundebücher, da Hunde damals meine große Leidenschaft waren, dachte ich, ich sei im Paradies auf Erden angekommen, umso mehr, wenn mehrmals am Tag alle Wildhunde zum Konzert anstimmten, eine Mischung aus wolfsähnlichem Heulen, durchsetzt mit einigen Bellversuchen.

Der Alltag des Forschers ist jedoch arbeitsreich und anstrengend, man muss Leidenschaft dabei sein, um ein solches Leben zu führen, die Trumlers waren es beide. Auf der anderen Seite ist ein solches Leben nicht nur etwas für die großen Geister der Szene, es bietet gleichzeitig auch die Möglichkeit zu einem eigenen Doppelleben. Die konventionellen Lebensentwürfe folgen einem gewissen Fahrplan, im Bezug auf Ausbildung, Beziehungen, Karriere und dem wie man leben sollte.

Viele Menschen, die mit Tieren zusammen leben haben mit der Zeit ihre eigenen Regeln etabliert. Etwa drei Monate nach Eberhard Trumlers Tod rief in bei der Forschungsstation an und hatte ErikaTrumler direkt am Telefon. Ich stellte mich kurz vor und sagte, dass ich gerne ein Praktikum dort machen würde. Ob ich denn die Gehege sauber machen wollte, fragte sie. Nein, ich wollte forschen. Ob ich denn Biologie studiert hätte. Ich hatte eben erst mein Abi, sagte aber in leidenschaftlicher Ignoranz, dass ich keine Lust hätte Biologie zu studieren, ich würde mich für Hunde interessieren und wollte auch nur Hunde beobachten. Die Skepsis an der anderen Seite der Leitung war sicher da, aber immerhin sollte ich vorbeikommen und mit einem Doktoranten sprechen. Dazwischen lagen etliche Kilometer, aber ich wollte und so fuhr ich zum Wolfswinkel.

Der Doktorant war am Tag meines Erscheinens gar nicht da, also empfing mich Erika Trumler, sie bat mich ins Haus, ich sollte warten. Ich war hingerissen von den Hunden, die mich empfingen und ich vermute stark, dass es nicht das war, was ich erzählte, was den Ausschlag dafür gab, dass ich schließlich bleiben durfte, sondern dass es der große belgische Schäferhund war, der sich neben mich auf das Sofa setzte, ein Anblick der Erika Trumler zum staunen brachte, ab da durfte ich mitspielen. Eine mein Leben prägende Erfahrung.

Menschen die intensiv mit Tieren zu tun haben, vertrauen ihren Tieren, sie wissen in aller Regel, warum. Gleichzeitig ist diese Welt so eigen und fordert so viel Aufmerksamkeit, dass die konventionelle Welt zwangsläufig in den Hintergrund gedrängt wird. Hier gelten eigene Regeln und Zeitabläufe, ein wenig so, wie Thomas Mann es für den Zauberberg und die ebenfalls eigene Welt der Kranken beschreibt. Das liegt auch daran, dass es mit Tieren keine Ferien und Feiertage gibt. Sie müssen versorgt werden, brauchen Futter, Wasser, die Gehege müssen täglich gereinigt werden, das gehörte dazu, bevor man mit der eigentlichen Arbeit anfangen konnte. Einerseits ist es hart, andererseits auch geeignet, um so ein Leben zu romantisieren, in jedem Fall weiß man, wofür man lebt und was man tut. Die Trumlers haben ihr Leben der Verhaltensforschung verschrieben. So zu leben ist wohl immer zu gleichen Teilen sinnstiftend und entbehrungsreich, hier ähnlich Kafka, der sich für seine Berufung ebenfalls aufopferte. Warum tut man so etwas? Die Antworten sind vielfältig.

Die kleinen Nischen und Paralleluniversen

Wer eine starke Neigung in irgend eine Richtung spürt, der ist davon vermutlich so mitgerissen, dass er oder sie kaum anders kann. Es ist irgendwie auch der Ruf des Schicksals, dem man Folge leisten muss. Ihn verspüren Mystiker, Künstler, die Berufenen unter den Wissenschaftlern und jenen, die sich für anderen Menschen einsetzen, für ihre Freiheit, Gesundheit und Rechte. Auch Exzentriker fühlen sich zu Lebensentwürfen hingezogen, die deutlich anders sind, oft wissen sie selbst nicht, warum es so ist, spüren aber sehr genau, dass es so ist.

Eine nächste Gruppe bilden jene, die pathologisch abweichen, die mit dem Leben aufgrund psychischer oder körperlicher Gebrechen oder sozialer Ausgrenzung nicht mithalten können oder es nicht dürfen. Auch sie sind gezwungen, sich andere Formen des Lebens zu suchen und sie zu finden. Aber nicht immer ist es so eindeutig, denn nicht jeder der auf die derzeitige Normalität keine Lust hat, ist jemand, der nicht mit ihr mithalten kann. Manche können, wollen aber nicht. Der russische Mathematiker Grigori Jakowlewitsch Perelman ist jemand, der einfach nicht will. Er lebte lange Zeit alleine, in der Datscha eines Freundes, heute ebenso zurückgezogen, bei der Mutter in Leningrad. Kurz nach der Formulierung von sieben Milleniums-Problemen der Mathematik wurde eines von ihnen gelöst, als bisher einziges, von Perelman. Doch der Rummel um seiner Person widert ihn an, er gilt als schwieriger Mensch, die Veröffentlichung seiner Arbeit interessierte ihn nicht, das Preisgeld von einer Million auch nicht. Es hat es nie abgeholt. Perelman will rechnen, sonst nichts.[4][5][6]

Ludwig Wittgenstein, Philosoph und Logiker, litt unter seiner Homosexualität, Alan Turing, ebenfalls, ein genialer Mathematiker, Logiker und Informatiker wurde wegen seiner Homosexualität zwangstherapiert, es endete im Suizid des Genies, auch der geniale Neuropsychologe Oliver Sacks musste seine Homosexualität noch verstecken. Frauen wurde ihre genialen Leistungen, vor allem in der Kunst nicht zugetraut, so dass viele von ihnen unter Männernamen veröffentlichen mussten. Viele durften nicht mithalten, auch wenn sie überragend waren. Sie alle und andere waren zu einem geheimen Doppelleben der tragischen Art geradezu gezwungen.

Manchmal führt das zu großem Leid, aber durchaus nicht immer. Man muss nicht genial sein, um anders zu leben. Manche entschließen sich auch, es einfach zu tun. Etwa solche, die in Ökokommunen, Künstlerkolonien oder auch im Kloster leben. Die Erfahrung ist oft, dass das, was eben noch so wichtig schien, schnell verblasst, wenn man neue Ziele hat, die obendrein von anderen geteilt werden. Doch nicht jeder Ausstieg gelingt, vor allem dann nicht, wenn man meint, typisch menschliche Themen, wie Aggression oder Sexualität (hier oft ihre Hemmung) seien eher auf gesellschaftliche Einflüsterungen zurückzuführen. Bis man merkt, dass die einen auch heimsuchen können, wenn man nackt seine Möhren anbaut.

Aber das ist eher der Ausstieg als ein Doppelleben, Letzteres findet in dem Moment statt, wenn man am Leben der anderen weiterhin teilnimmt, ohne, dass man sich diesem ganz hingibt. Oft war die Privatsphäre das, mit dem dieser Lebensansatz dosiert werden konnte, aber in Zeiten digitaler Medien schrumpft diese Sphäre immer mehr zusammen, alles wird getracked und ausgewertet. Doch sein eigenes Zuhause kann man sich noch immer so gestalten, wie man möchte und weiter seinen Hobbys und Neigungen nachgehen, mit denen man aus der Welt ein Stück weit aussteigen kann. Vielleicht nicht so radikal, wie Guido Reitz, aber eben in der Dosierung, wie man es braucht. Manchen Exzentrikern[link] gelingt es ihr Doppelleben in aller Öffentlichkeit zu gestalten, indem sie schrille Klamotten anziehen oder sich einfach für die Vorkommnisse und Ziele der Welt um sie herum nicht sonderlich interessieren. Sie beneiden die anderen nicht, sie bedauern sie auch nicht, sie machen ihr eigenes Ding und demzufolge ist es ihnen auch egal, was andere über sie denken. Damit leben sie oftmals gut und glücklich.