Er darf den Zeigefinger noch heben und sagen, wie wir leben sollen, anderen Autoritäten vertrauen wir kaum noch. © Tim Reckmann under cc

Was Moral und Moralismus unterscheidet ist oft unklar und der zuweilen schlechte Ruf der Moral geht häufig auf eine Verwechslung zurück.

Moral und Ethik haben keinen guten Klang in unserer Zeit. Sie gelten manchen als antiquiert, als etwas, was irgendwie mit Religion zu tun haben könnte, einigen als Mittel um anderen beherrschen zu können und vielen wohl als schlicht und einfach verzichtbar. Man könnte meinen, es sei schön, wenn alle etwas anständiger wären, muss aber mit nüchternem Blick eingestehen, dass das nicht der Fall ist. Damit ist das Thema auch schon wieder erledigt.

Fast alle Diskussion der Gegenwart haben jedoch einen kräftigen moralischen Einschlag. Vom strukturellen Rassismus und Sexismus über den Umgang mit Freiheit und Überwachung in Zeiten der Corona-Pandemie, über die Zukunft der Erde (und einem Interesse oder Desinteresse daran) im Bezug auf das Klima und einer Verteilung von Ressourcen, von Wasser bis zur Energie, demnächst vielleicht auch von Impfstoffen und schnellem Internet.

Doch auch die Freiheit der Kunst und der Sprache, die Frage ob man manche Bücher oder Gedichte noch hören, Bilder noch anschauen oder Worte noch verwenden darf oder sollte, weil der Autor ein fragwürdiger Charakter war, sind zutiefst moralisch und werden leidenschaftlich bis hin zur Polemik geführt. Nicht zuletzt geht sehr vielen gerade auch im Alltag die aggressive Gereiztheit der Menschen auf den Senkel, viele fordern Respekt und Achtung ein, beklagen die Sprachlosigkeit, wollen aber selbst mit den anderen nicht reden.

An all dem sind ethische und moralische Fragen mindestens beteiligt, nicht selten sind diese Diskussionen im Kern moralisch. Daher ist Moral ein dröges, abseitiges Thema, sondern mitten aus dem Leben unserer aktuellen oft emotional geführten Diskussionen. Moral und Ethik haben aber auch ganz zentral etwas mit mir zu tun, denn über ein stabiles Wertesystem zu verfügen, ist fester Bestandteil einer gesunden Psyche. Vor allem die narzisstische Pathologie, die in letzter Zeit stark und auch zurecht in den Fokus gerückt ist, geht in einem erheblichen Ausmaß auf ein beschädigtes Über-Ich – und das Über-Ich oder Gewissen ist nichts anderes als ein internalisiertes Wertesystem – zurück.

Ethik und Moral sind Fragen nach dem Sollen – auch auf der Toilette

Schon Plato, der ziemlich am Anfang unserer westlichen Geistesgeschichte steht, unterschied das Wahre, das Schöne und das Gute. Das Gute war bei ihm der Punkt, der die anderen letztlich in sich aufnahm, das wonach alles strebt und wonach man streben sollte. Auf der anderen Seite beziehen sich Ethik und Moral immer auf den Umgang miteinander. Eine einfache, historisch sehr früh zu findende und bis heute gültige Regel ist die sogenannte Goldene Regel der gemäß man den anderen so behandeln sollte, wie man von ihm auch behandelt werden möchte.

Auch dann, wenn der andere gerade nicht anwesend ist. Was virtuell klingt, kennt man von Bürotoiletten und der dort oft zu findenden Aufforderung diesen Ort so zu verlassen, wie man ihn vorzufinden wünscht. Im Grunde ist das schon sehr anspruchsvoll, weil es uns auffordert in ethischen Prinzipien zu denken. Wir wissen ja nicht, wer der nächste ist, jeder könnte es sein. Dem verhassten Mitarbeiter würde man vielleicht anderes hinterlassen, als dem Chef.

Was Du nicht willst, was man Dir tu’, das füg’ auch keinem anderen zu. Bei Kant klingt das komplizierter, nennt sich kategorischer Imperativ, er hat mehrere davon formuliert, meint aber im Kern dasselbe. Den bekanntesten haben viele schon mal gehört: „Handle so, dass die Maxime …“ den Rest kann man online nachschlagen oder hier erklicken.

Vielleicht noch wichtiger: “Handle so, dass du die Menschheit sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden anderen jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchst.”[1] Klingt ebenfalls etwas kompliziert, ist aber sehr wichtig und heißt, dass man den anderen nicht – zumindest niemals ausschließlich – für die eigenen Zwecke gebrauchen soll. Anders gesagt nicht instrumentalisieren und funktionalisieren soll.

Um es anschaulich zu machen: Wenn Sie meinen, der verhasste Kollege aus dem Büro sei mit größter Sicherheit der nächste in der Reihe auf dem Klo und bei sich denken: “Dem Drecksack kack’ ich jetzt die Brille zu”, unbemerkt erst den Arbeitsplatz und dann das Klo verlassen, dann aber unerwartet der Chef erscheint, der mal eben auf dem WC verschwindet um mit zornesrotem Gesicht wieder zu erscheinen und zu fragen, wer das war, dann haben Sie ein Problem.

Wenn Sie dann wortreich erklären: “Mensch, Chef, wenn ich gewusst hätte, dass Sie … aber ich dachte doch, dass er …” dann messen Sie mit zweierlei Maß. Natürlich würde man den Chef zuvorkommender behandeln und genau das ist bereits die Form der Instrumentalisierung, die Kant ablehnt. Dass es nämlich einmal Menschen gibt, von denen man denkt, dass die mehr wert sind als andere (man hat gelernt, dass so nicht zu sagen, aber irgendwie schwingt es oft doch noch mit) oder von denen man denkt, dass es nützlich sein könnte, sich mit ihnen gut zu stellen, während man anderen, von denen man meint, nicht profitieren zu können und auch, dass sie einem keinen Schaden zufügen können, die kalte Schulter zeigt.

Das sollte man nicht tun, denn in aller Regel möchte man so auch nicht behandelt werden: Nett und freundlich, wenn man einem anderen Vorteile verschaffen kann und links liegen gelassen, wenn das nicht so ist. Allerdings gibt es auch Menschen, die der Meinung sind, so funktioniere das Menschsein nun mal. Man ist sich wechselseitig nützlich und sollte es auch sein und wer es nicht mehr ist, hat auch nichts zu erwarten. Ist vielleicht auf den ersten Blick gar nicht schlecht, auf der anderen Seite, was ist mit denen, die aus irgendwelchen Gründen gerade nicht können? Weil sie zu jung oder zu alt, krank oder behindert sind? Soll man sie achselzuckend übergehen, weil sie eben einfach Pech gehabt haben? Ein ruppige Einstellung, aber eine Frage, die man stellen darf. Warum sich nach den Schwachen richten? Eine Frage von Nietzsche gegen das Christentum. Warum nicht eine Ethik der Stärke?

Rechtfertigen kann man vermutlich beides und es ist eine tiefgehende ethische Diskussion dafür nötig. Selbst wenn man keine befriedigende Antwort findet, ist es gut, sich die Gedanken zu machen, weil das ein ethisches Muskeltraining ist. Man übt sich um Umgang mit dieser Denkweise. Wir haben uns historisch anders entschieden, auch wegen der christlichen Wurzeln, die eine Ethik unterstützt, die den Schwachen hilft und sie nicht zurücklassen will. Allerdings dünnt unser Rückgriff auf das Christentum aus und dem Christentum selbst oder seiner Institution Kirche wird teils zurecht und teils zu exzessiv moralisches Versagen vorgeworfen. Dass die Kirchen vermutlich auch nicht schlimmer sind als andere Institutionen, die nicht hinreichend extern kontrolliert werden, kann schon sein, macht die Sache aber nur bedingt besser. Vor allem, wenn man sich als Instanz in Sachen Moral aufschwingt und anderen Kraft dieser, auch moralischen Autorität erzählen möchte, wie andere leben sollen. Hier ist schnell von einer Doppelmoral die Rede und das berührt schon die Grenze zwischen Ethik, Moral hier und Moralismus dort.

Aber wie sollte eine Gesellschaft nun aussehen, wenn Ethik und Moral Fragen nach dem Sollen sind und immer den anderen im Blick haben, genauer, die Beziehung zwischen mir und dem anderen? Hier kann ein Gedankenexperiment helfen, in dem man eine gerechte Gesellschaft konzipiert, die ein Stück weit hinter dem sogenannten ‘Schleier des Nichtwissens’ verborgen liegt. Wenn man Kaiser im alten Rom wäre, vielleicht wäre dagegen gar nicht so viel einzuwenden. Allerdings sieht die Sache anders aus, wenn man zur gleichen Zeit, am gleiche Ort ein Sklave gewesen wäre.

In dem Experiment überlegt man sich wie eine Gesellschaft idealerweise aussehen würde, die man nach eigenem Belieben kreieren kann, in der aber unklar ist, welches Geschlecht und welchen sozialen Status man selbst hat. Wenn die Gesellschaft dann zu dem kosmischen Lotteriespiel mit sehr wenigen Gewinnen und einem großen Teil Nieten wird, wird man selbst oft etwas zaghafter eine Gesellschaft auf extremer Ungleichheit aufzubauen. Dass man seinen mehr oder minder zufällig erworbenen Status nicht abgeben möchte, ist menschlich verständlich, wenn man Privilegien genießt, aber eben nicht immer gerecht. Gleichmacherei kann nicht das sein, worum es geht, aber die gleichen Rechte sollte jeder genießen, die gleichen Pflichten gehören allerdings ebenfalls oft dazu, solange man sie erfüllen kann.

Häufig erwähnte Unterschiede zwischen Ethik und Moral

Die Unterscheidungen zwischen Ethik und Moral sind nicht einheitlich. In aller Regel werden Gebote und Verbote, die für alle in der gleichen Weise gelten und inhaltlich konkret bezeichnen, was man tun sollte oder nicht tun darf als Moral bezeichnet. Auf der einen Seite ist dadurch relativ klar, was man zu tun und zu lassen hat, außer in dem Fall, in dem zwei Regeln kollidieren und gewichtet werden müssten. Auf der anderen Seiten ist so ein System auch recht starr. Moral wird in der Regel als etwas gesehen, was von einer äußeren, höheren Autorität gegeben wurde. Von einem Gott oder seinem irdischen Sprachrohr oder einem weisen oder mächtigen Menschen, dessen Autorität geachtet oder dessen Grausamkeit gefürchtet ist. Man muss diese Autorität nur anerkennen und die Regeln befolgen, je genauer, desto besser.

Mit Ethik werden daher auch zumeist Prinzipien bezeichnet, die bekanntesten sind Kants Formulierungen des kategorischen Imperativs und der Utilitarismus, der das größte Glück für die größte Zahl an Menschen zu erreichen sucht. Diese Prinzipien geben jedem Einzelnen mehr Freiheit der Interpretation, man muss selbst abwägen, was zum größten Glück (oder geringsten Leid) für alle führen würde oder welche Maximen der eigenen Handlung zum allgemeinen Gesetz taugen. Ethische Prinzipien machen den Einzelnen zur Autorität, steigern dessen Freiheit und die Verantwortung.

Spätestens bei den ethischen Prinzipien werden verschiedene Güter gegeneinander abgewogen und so muss man selbst entscheiden und verantworten, was schwerer wiegt. Wenn man Verkehrsregeln brechen muss, um jemanden in Lebensgefahr ins Krankenhaus zu bringen, ist die Entscheidung vergleichsweise leicht, aber zuweilen muss man zwischen zwei nahezu gleich starken Werten abwägen, manchmal geht es bis zum ethischen Dilemma, bei dem man, egal wie man sich entscheidet, immer Leid verursachen wird. Diese Entscheidungen sind unerträglich schwer.

Nicht immer macht man diesen Unterschied zwischen Moral und Ethik, manchmal sind auch die Rollen vertauscht, Kant sprach in der Regel bei beidem von Sittlichkeit. Aber wichtiger als die Worte ist es zu verstehen, dass der eine Aspekt eher von einer äußeren Autorität stammt und das Beste, was man tun kann, ist den Regeln treu zu folgen und zu gehorchen und es einen anderen Aspekt gibt, bei dem man selbst zur Autorität wird und die Prinzipien interpretiert. Ziel ist eine Symmetrie, bei der jeder dem anderen auf Augenhöhe begegnet.

Moral und Moralismus

Der Bauernhof als Sinnbild für eine Zeit, die irgendwie noch in Ordnung war oder schien. © magnetismus under cc

Moral hat bei vielen keinen guten Ruf, wird sie doch verstanden als etwas was man vorschiebt, um andere dort hin zu bekommen wo man sie haben will oder grundlos zu drangsalieren. Eine Haltung der Doppelmoral wird oft kritisiert, dass man selbst nicht tut, was man anderen vorschreibt und als unangenehm wird auch empfunden, wenn man sein vorbildliches moralisches Verhalten demonstrativ zur Schau stellt und immer auf der ‘richtigen’ Seite des Lebens steht, auch wenn es kurz zuvor noch die andere war.

Doch das ist keine Moral, sondern ein Moralismus mit dem man sich heraus putzt. Der Wert von Ethik und Moral liegt im Grunde darin, dass man bereit ist, sich hier und da in den Dienst einer Sache, Idee oder von Prinzipien zu stellen, die man im Idealfall teilt und befürwortet, denen man sich aber wenigstens, zum Wohle der Gemeinschaft oder eines anderen unterordnet. Dass die Grenzen der eigenen Freiheit dort aufhören, wo die Freiheit der anderen beginnt, ist einer dieser Punkte, an den man sich gut halten kann, den man aber auch einsehen kann. Da es auch hier um Symmetrie geht, gilt dies in beide Richtungen.

Moralisten zerstören diese Symmetrie, in dem sie häufig einseitig von anderen etwas fordern, was sie selbst nicht leisten, oft aber auch etwas, was für sie kein Opfer darstellt, während es für den anderen durchaus ein größeres Opfer wäre. Moralist zu sein hat im Grunde zwei bis drei Bedeutungen. Es kann jemanden meinen, der Moral lehrt und fördern will, ein solcher Moralismus ist nicht abzulehnen, manchmal auch jemanden, der sich in besonderer Weise an moralische Regeln hält – hier käme es auch die Regeln an – häufig meint es aber Menschen, die moralisieren und sich selbst in Szene setzen. Diese sind gemeint, wenn ich den Moralismus kritisiere.

Moralismus

Es spricht viel dafür sich biologisch-dynamisch zu ernähren, wie wir am jüngsten Skandal um Haltungs- und Arbeitsbedingungen in der industriellen Tierzucht wieder gesehen haben. Das Thema ist zum einen durchdrungen von einer gewissen Doppelmoral, weil die Zustände die dort herrschen seit Jahren bekannt sind und kritisiert werden, genauso selbstverständlich schauen aber die meisten weg. Argumente findet man immer. Arbeitsplätze, der Preis und dass das ja wohl sooo schlimm nicht sein könne, schließlich leben wir nicht in einer Bananenrepublik und haben Standards.

Es ist ebenfalls richtig, dass bessere Qualität für alle sinnvoller und gesünder wäre und daher ruhig mehr kosten sollte. Das ist leicht gesagt, wenn man ausreichend Geld zur Verfügung hat, um sich und die Familie biologisch-dynamisch zu ernähren. Neben der finanziellen Hürde gibt es auch eine soziale und eine moralische. Die soziale Hürde ist, dass es eine feine Zuordnung zwischen typischen Verhaltensweisen von Mittel- und Unterschicht gibt und ein Interesse an der eigenen Gesundheit ist und dem eigenen Wohlergehen ist ein wenig zur Ersatzreligion von Teilen der Mittelschicht geworden.

Bio kaufen längst nicht mehr irgendwelche verschrobenen Ökos, sondern vor allem jene, die es sich leisten können und mit dieser sozialen Demonstration andere subtil auf Abstand halten. Man kann sich einerseits darüber freuen, dass bio immer beliebter wird, da dies die Nachfrage steigert und den Druck und die Möglichkeit immer mehr bio zu produzieren erhöht. Falls man sich denn so ernähren will und falls Gesundheit überhaupt ein zentrales Lebensthema ist. Denn auch das muss man sich leisten können. Hat man das Glück es zu können, ist ein Impuls, den man haben kann, sich zu wünschen, dass alle diese Möglichkeit haben sollten.

Wo bio aber neben den reichlich vernünftigen Argumenten, die es gibt, gleichzeitig noch eine Grenze zwischen den Schichten darstellt, hat man im Grunde kein Interesse die soziale Abgrenzung aufzugeben. Man hängt nicht an die große Glocke, dass man ‘türlich bio kauft, wegen der Qualität und so, zugleich blickt man naserümpfend auf jene, die es nicht tun. Da muss man sich dann eben entscheiden, wofür man sein Geld ausgibt und schnell ist es wieder da, das Bild von der dicken Proll-Familie, die nur fernsieht, raucht, billigen Alkohol trinkt und Müll isst. Ist man ein wenig klüger und beherrschter, so konsumiert man eben etwas weniger, dafür aber qualitativ hochwertig. Tenor ist, dass jeder für sein Schicksal selbst verantwortlich ist, doch das empfinden jene als Hohn, die durchaus gerne anders würden, aber es finanziell nicht können.

Man weiß insgeheim, es könnte einen selbst auch leichter treffen, als man ahnt, nicht nur Covid-19 hat da noch mal vieles durch gekegelt. Die Reaktion ist aber oft kein Mitgefühl, sondern man reduziert die eigene Angst, in dem man sich naserümpfend distanziert, oft so, dass es nicht böse wirkt und klingt, sondern sozial gut etabliert ist und man sich um die anderen nicht groß kümmern muss, manchmal auch, weil man sich überhaupt nicht für andere interessiert. Die sollen sich selbst um ihre Gesundheit und ihr Leben kümmern. Damit ist man mit den anderen fertig, die müssen sich eben entscheiden, hat man ja für sich auch gemacht und darum geht es einem ja auch gut. Das ist eine Form des Moralismus.

Die Selbstgefälligkeit des Moralismus

Ich bin gut, weil ich es mir leisten kann. Das verdoppelt die Distanz zum anderen noch einmal. Der ist nun nicht nur arm, sondern hat sich auch noch selbst für ein falsches Leben entschieden. Um dem ganzen die Krone aufzusetzen, wird dieser andere dann auch noch mitverantwortlich dafür gemacht, dass die Welt so in Unordnung ist und – für manche inzwischen das Schlimmste – die eigene Komfortzone angekratzt ist.

Warum essen die denn so viel Billigfleisch, warum kaufen die beim Discounter, wissen die denn nicht wie schlecht das für die Welt ist? Allerdings ist nicht nur Fehlernährung und Verfettung heute wieder ein Problem, sondern auch echter Hunger. Bei Kindern, alten Menschen, doch es ist für keine Altersstufe schön und angemessen, diskriminiert und entwürdigt zu werden. Sich nicht satt essen zu können, ist bei uns ein sozialer Makel.

Doch es wäre falsch sich nun auch von diesen Menschen einfach zu distanzieren, besser ist es zu verstehen, warum sie so sind und nicht in die gleiche Falle zu tappen. Die Selbstgefälligkeit ist zwar unsympathisch, aber oft aus der Not geboren. Die Distanzierung kann man aufweichen, indem man sich befragt, warum man sich selbst eigentlich für bio und Gesundheit interessiert.

Man will sich selbst nicht vergiften, man will ein Refugium, in dem man ein Stück heile Welt leben kann, ungestört vom Leid der anderen und auch dem, was man als deren Fehlverhalten ansieht. Die sollen anders Leben, damit mein Essen nicht vergiftet wird, damit ich nicht unter dem Klimawandel leide und nicht immer diese Berichte von einer kaputten Welt lesen muss. Ich mache ja schon alles richtig, die anderen sind das Problem.

Aber man hilft anderen nicht, durch ausgedehnte Vorträge mit dem erhobenen Zeigefinger, sondern dadurch, dass man sie in die Lage versetzt, überhaupt so leben zu können, wie man selbst es tut, also in dem man Wohlstand und Bildung fördert und eben auch das Interesse am anderen.

Was interessiert mich denn, wenn ich auf ein Bio-Siegel schaue? Dass ich und meine Nächsten nicht durch Kleidung, Nahrung oder sonstige Gifte gefährdet werden oder dafür dass die anderen, die das herstellen bezahlt und nicht gefährdet werden? Wofür würde ich im Zweifel mehr Geld ausgeben?

Das Interesse am Anderen sollte nicht so sein, dass man ihn dahin schiebt, dass er so lebt, wie ich es will, denn das wäre jene Instrumentalisierung, vor der Kant ausdrücklich gewarnt hat. Warum sollen denn alle bio essen? Weil ich das richtig finde und so will? Weil es nur eine vernünftige Einstellung gibt, nämlich meine eigene? Die Bios haben gute Argumente, wovon sich viele distanzieren ist die moralische Überheblichkeit, die im Subtext immer sagt: Nur wenn du so bist wie ich, bist du richtig.

Irgendwas stimmt nicht, wenn man sich um jeden bedrohten Käfer sorgt, aber einem seine armen Mitmenschen völlig egal sind. Das Argument dahinter ist, dass wir als Menschen ja die Wahl haben und auch anders könnten, die Tiere können das nicht. Aber so sehr ich selbst immer wieder dafür plädiere, sich nicht in eine Opferidentität zu manöverieren, so wenig darf man die Augen davor verschließen, dass man Menschen erst ermöglichen muss, sich überhaupt dafür oder dagegen entscheiden zu können. Und das sind im Grunde erst die Aufwärmübungen, denn zu einer reifen Ethik gehört, dass man jemandem der selbst entscheiden kann zugestehen muss, dass er andere Prioritäten setzt als die eigenen. Offener Druck ist etwas, wogegen man protestieren kann, die oft so sanft erscheinende Manipulation, bei der man sich und anderen einreden kann, es doch nur gut zu meinen, ist das, was viele heute auf die Palme bringt. Man schiebt den anderen immer ein wenig mehr in die Richtung, in die man ihn haben will und hält ihn damit ein drittes Mal auf Distanz, indem man vorgibt zu wissen, was dem anderen gut und und manchmal, zu wissen, was er eigentlich will. Es geht darum, diesem Punkt immer besser zu verstehen, er wird uns in den kommenden Folgen immer wieder begegnen, weil er viele Themen der Gegenwart durchzieht und von verschiedenen Seiten aus betrachtet werden kann.

Die opportunistische Seite des Moralismus

Der Opportunismus ist einfacher zu durchschauen und sei am Ende nur noch kurz angerissen. Viele Moralisten zeichnen sich dadurch aus, dass sie ihr Fähnchen im Wind drehen. Man erzählt, was gerade Trend ist, ist damit stets auf der richtigen Seite des Lebens und wenn es das genaue Gegenteil dessen ist, was man gestern vertreten hat, ist das im Grunde auch egal.

Wie kriegt man das eigentlich selbst hin? Am besten, wenn man kein sonderlich stabiles Wertesystem hat, sondern meint, es ginge lediglich darum, den anderen zu erzählen, was sie hören wollen. Im Kern ist das ein egozentrisches Taktieren, in den häufigeren Fällen geht es darum sich einen schlanken Fuß zu machen und den Weg des geringsten Widerstandes zu gehen.

Sich an nichts reiben zu können – oder auch die Empörung nur zu inszenieren, weil man gerade gut damit ankommt – verweist darauf, dass einem andere im Grunde völlig egal sind. Man beteiligt sich nicht an Diskussionen, hat keine echten eigenen Positionierungen, demzufolge auch keine Argumente, sondern bleibt in oberflächlichen und floskelhaften Artigkeiten, Richtigkeiten und Empörungen stecken.

Moral und Moralismus sind dadurch getrennt, dass der Moralismus im Wesentlichen unterhalb einer moralischen Positionen und echter Werte bleibt, für die man einsteht und die man, auch gegen Widerstände und Schwierigkeiten durchhält. Moralismus ist der Verzicht auf eine echte moralische oder ethische Position, unter oftmals dem Betreffenden selbst nicht bewussten egozentrischen Prämissen. Man will selbst gut dastehen und denkt, echte Ideale und Werte wären ohnehin nur vorgeschoben. Wir werden vertiefen, wie man das durchdringt und zu reifen Gewissensfragen vorstoßen kann.

Quellen