Schärfegrad 5 (welcome in Scoville City): Die Mischung macht’s

Mit der Zeit entstehen in den Innenwelten komplexe, aber auch schöne dreidimensionale Muster. © fiction of reality under cc

Der Punkt bei der vermeintlichen Fundamentalkritik ist einfach der: Wenn nun tatsächlich alles anders wäre – nur mal angenommen – was ändert das an der Frage, danach, ob hier ein Kreisverkehr entstehen soll, oder wie der Sportunterricht zukünftig aussehen sollte? Nichts.

Die Antworten auf die scheinbar größten Fragen – Könnte nicht alles nur eine Computersimulation sein? Existiert Gott, oder nicht? Ist das Universum reine Mathematik? – ändern oft rein gar nichts an unseren Alltagsfragen und tun es, wenn man den Schärfegrad 4 verstanden hat, auch prinzipiell nicht. Haben Sie ihn verstanden oder nur gelesen? Man kann lange damit ringen.

Das lässt so manche gewaltig scheinende Frage seltsam klein werden. Die Frage, was ich essen sollte, wenn ich abnehmen will, ist da schon lebensnäher. Dennoch ist es nicht sinnlos den umfassenden Fragen nachzugehen und große Fragen zu stellen. Was wissen wir wirklich und was nicht? Dadurch, dass wir heute auf vielen Gebiete mehr wissen, erkennen wir auch besser, was wir noch nicht wissen, mit dem Wissen steigen auch die Ungewissheiten.

Wir können Alltagswahrheiten schon ganz gut erkennen aber was ‘die Wahrheit’ letztlich ist, dazu existieren viele Theorien. Schwebt die Logik eigentlich über allem und richtet sich alles nach der Logik aus? Nein, ‘die (eine) Logik’ gibt es ebenfalls nicht, es spricht viel dafür, dass sie nur ein Werkzeug, eine Konvention ist, weil andernfalls unklar wäre, wie ihre ordnende Kraft, nach der sich alle vernünftigen Argumente zu richten haben, nun auf die Welt der Argumente ausstrahlen sollte. Das alte Dualismusproblem.

Der Zusammenhang von Sprache, Logik, Konventionen, das alles wirkt weniger gewaltig, als die scheinbar ganz großen Fragen, aber in ihnen ist in Wirklichkeit viel mehr Dynamik weil aus ihnen nämlich tatsächlich einiges folgt. Es ist nur komplizierter, man kann das Ergebnis nicht messen, man muss den Weg selbst gehen und die Antwort verstehend nachvollziehen. Das heißt, man muss viele Bereiche in eine Relation bringen und erkennen, dass es tatsächlich etwas für unser konkretes Leben bedeutet, wenn man die Frage nach der Freiheit des Willens an einem Gedankenexperiment festmacht. Wenn man nämlich nachvollziehen kann, dass sich Determinismus und Freiheit nicht ausschließen, bedeutet das für meinen Alltag, dass ich sehr wohl frei entscheiden kann, egal wie es um mein Hirn oder sonst etwas bestellt ist. Dass Freiheit und Verantwortung einander bedingen, kann man zwar leicht auswendig lernen, aber man hat wenig davon, wenn man nicht versteht, warum das so ist.

Langsam entwickelt sich so ein dreidimensionales Bewusstsein, bei dem man empirische Daten, Logik, Argumente und die offenen und stillen Prämissen verschiedener Positionen und Weltbilder in eine Relation bringen kann. Wenn wir keinen kompletten Zugang zur Realität haben, so heißt das nicht, dass wir gar keinen haben. Dennoch können wir immer nur Bezug auf unsere Weltbilder und Interpretationsmodi nehmen, also auf das, von dem wir denken, dass die Welt so funktioniert. Wenn wir daraus etwas ableiten und es tritt ein, schön, aber sehr viel bedeutet das auch nicht. Dies kann und sollte man immer höher treiben, Reflexion ist der Weg dort hin und Reflexion heißt auch, dass automatisch immer mehr vom Subjekt, von mir, in Welt eingewebt wird. Auch das heißt wieder nicht, dass alles nur subjektiv ist, im Gegenteil, um zu sich zu finden, muss man erst einmal öffentliche Mittel, wie Sprache oder die Hinweise der andere, an- und aufnehmen, ein ständiger Prozess des Nehmens und Gebens, aus dem soviel folgt, dass man hier nur die Themen andeuten kann, die Wege nachzugehen, braucht es Jahre.

Wunderschöne Annäherungen, obwohl es, wie er sagt, keinen leichten Weg in die Philosophie gibt, liefert und Daniel-Pascal Zorn unter der Frage Wie funktioniert Philosophie? . Wenn wir nicht mehr haben als Weltbilder und Interpretationsmodi, wenn uns der Blick auf die Welt als Ganzes verstellt ist, dann müssen wir uns ihr, der Wahrheit, der Gerechtigkeit und all den großen Themen, die uns durchaus bewegen und umtreiben, in Schritten annähern. Der Weg dahin ist die Güte der Argumente, denn auch das Sein, das was einfach oder wirklich ist (was immer das umfasst oder ausschließt) offenbar sich uns über den Logos und der Königsweg in zu ergründen ist die Sprache.

Strategische Provokation: Was ist das und warum?

Was wir alle üben sollten ist für jeden verschieden. Jeder steht irgendwo und kann nun versuchen, den nächsten Schritt zu gehen. Immer nur den nächsten. Das ist schwer genug, weil man oft gleich zwei Fehler macht. Erstens, man will zu schnell, zu viel und verkennt, dass Entwicklung – so wie es aussieht, ziemlich durchgehend – ein Prozess ist, der Stufe um Stufe vor sich geht. Zweitens, denkt man in aller Regel, man sei weiter, als man ist. Bekannt als der Dunning-Kruger-Effekt. Aber auch hier geht es nicht darum, sich in falscher Bescheidenheit anzubiedern, oder sich depressiv selbst zu erniedrigen, es geht einfach darum, dass es bereits ein gerüttelt Maß an Reflexionvermögen braucht, um sich halbwegs gut einzuschätzen.

“Ich stimme Ihnen zu, dass Selbstreflexion und eine ehrliche Suche nach den unbewussten Motivationen das Wissen und den Sinngehalt des Lebens bereichern. Man sagt: „Nur ein erforschtes Leben ist lebenswert.“ Und dabei hat die Psychoanalyse geholfen. Diese forschende Selbstreflexion nach unbewussten Motivationen kann nicht nur zu größerer Selbsterkenntnis führen, sondern kann auch helfen, sich – zumindest teilweise – von den destruktiven Aspekten unterdrückter Konflikte zu befreien. In dieser Hinsicht helfen die Selbstreflexion und die ehrliche Suche nach den eigenen Motivationen der Spiritualität, doch macht dies nicht unbedingt glücklich; es bringt auch den Schmerz und Kummer der Entdeckung, dass wir weniger ideal sind, als wir von uns glauben möchten.”[3]

All das soll ein wenig auch ein Ansporn sein, auf Schärfegrad 4 oder spätestens 5 kann man auch verstehen, wieso das so ist. Wir wollen uns messen und vergleichen, schon Kinder machen das mit Lust, der spielerische Wettstreit ist ein Motor der Entwicklung und das Ringen um die besseren und besten Argumente, ist ein Teil davon. Kann es beste Argumente geben, Letztbegründungen, die gültig sind? Diese haben nichts mit finalen Glaubenssätzen der Religionen zu tun, sondern es geht darum, ob sich aus der Fülle der Argumente und gültigen Prinzipien letzte heraus schälen, die nicht mehr zu widerlegen sind.

Etwas besser sein zu wollen und sei es nur hier oder da, ist ja an sich nicht schlecht, man ist ja immer eine individuelle Mixtur, mit eigenen Besonderheiten. Vielleicht ist man nicht der beste Hochspringer oder Gitarrist, aber es könnte sein, dass man bestimmte Eigenarten an sich hat, so wie man sie nur bei eben diesem Menschen findet. Und wie es schon bei den Hierarchien gezeigt wurde, am Ende lösen sie sich (wieder) auf, weil jeder irgendwo anders seine Stärken und Schwächen hat. Was davon mehr oder weniger wichtig ist, ist häufig eine Frage des jeweiligen Zeitgeistes, aber so wie es aussieht, sind immer mehr Menschen mit den Entwicklungen unserer heutigen Lebenswelt unzufrieden. Es wird also demnächst wieder neu geordnet.

Irgendwas passt nicht mehr zusammen, für die einen ist es die Kluft zwischen Arm und Reich, die immer größer wird, für andere der Klimawandel, im Rahmen der Covid-19 Pandemie gerät unsere ‘just in time’ Gesellschaft an ihre Grenzen, viele fühlen sich durch die immer stärker um sich greifende Gereiztheit und Aggression unwohl, manche monieren den Eurozentrismus und so hat jeder sein Thema, allein die Reichen werden von sich aus ihren Reichtum nicht abgeben und auf die Revolution der Proletarier oder Entrechteten wartet man schon sehr lange.

Viele schauen auf den Reichtum, die einen hätten ihn auch gerne, andere wollen ihn abschaffen. Aber was sind eigentlich unsere Lebensziele jenseits von Geld verdienen und wieder auszugeben und ein Stück weit zu zeigen, was man hat und sich leisten kann? Was wollen wir erreichen, im Leben? Gibt es da überhaupt etwas?

Schärfegrad 6 (ein Feuerwerk): Jenseits aller Vernunft?

Wir halten uns für sehr vernünftig und glauben daran, dass die Vernunft, als höhere Form des zweckrationalen Verstandes, das Maß aller Dinge ist, weil es für unsere Kultur das Maß aller Dinge ist. Allem anderen haben wir kulturell den Boden entzogen und glauben, dass andere kulturelle Erzählungen im Kern falsch sind, da unvernünftig. Wir glauben an die Vernunft, weil wir dran glauben wollen, damit bislang ganz gut gefahren sind und aus Gewohnheit.

Wir haben den Anspruch aus dieser Welt ein Paradies zu machen, andere Kulturen halten das von vorn herein für absurd. Vielen Buddhisten, die man noch ganz sympathisch findet, ist klar, dass Leben Leid bedeutet und ihr Wunsch ist es, aus dem Kreislauf der ewigen Wiedergeburten auszubrechen. Für unsere Adaptation des Buddhismus ist der Glaube an mehrere Leben – den wir auch bei Plato finden – allerdings eher eine Freude, zum Glück, so denken wir, geht es ewig weiter.

Auch andere östliche Kulturen, wie der Taoismus würden nur achselzuckend fragen, warum man das Leid denn unbedingt in die Länge ziehen will. Ist das a priori depressiv? Man muss es zumindest nicht so sehen, viele Buddhisten wollen anderen voller Mitleid helfen, vom Anhaften loszulassen. Vom Anhaften, auch an das Ego. Durch die gefühlte oberflächliche Konversion zum Buddhismus meinte man aber gerade eine Vertragsverlängerung für das eigene Ich herausgeholt zu haben. Aber unser Denkapparat steht nicht still und hinterfragt das alles, ob das denn so stimmt, zweifelt und verlagert seine Unsterblichkeitsprojekte lieber auf die Technik, von Einfrieren bis zum Bewusstseins-Upload auf einen Computer, nicht erkennend, dass man in dem Fall im gleichen Käfig sitzt, wie jemand der an andere körperlose Existenzen glaubt.

Die Frage, die immer weiter gedachte und gewendete und auch in der Meditation verfolgte Frage, was und wer ich eigentlich bin, kann mir ja heute schon Antworten geben. Allerdings ist es hier, wie in der Philosophie. Ich kann zwar die vermeintlichen Ergebnisse der Philosophen anschauen, aber das bringt mir nichts, wenn ich sie nicht nachvollziehen kann. Man kann sich heute auch problemloser als jemals zuvor anhören, was die Weisen aller Zeiten und Kulturen uns zu sagen hatten, aber wiederum bringt es nichts, sich daraus ein für das eigene Leben maximal passendes und bequemes best of heraus zu suchen. Man muss auch diesen Weg gehen, sonst bleiben die Worte der Weisen für einen leere Worte. Man kann ja versuchen mit aller Kraft an dies oder das zu glauben, aber wie weit trägt das, gerade wenn ich im Grunde ganz anders sozialisiert bin?

Was ich aber selber verstanden oder erfahren habe, das muss ich nicht mehr glauben, das weiß ich ja. Schwierig ist allerdings zu unterscheiden, was meine Erfahrungen denn nun tatsächlich bedeuten und wo ich den Bogen überspanne. Ausnahmen sind Erfahrungen, die so überwältigend sind, dass sie sich einfach tief in mein Erleben einbrennen, so dass Zweifel nicht mehr greifen.

Wenn dann jemand daher kommt und feststellt, dass die Schlussfolgerungen aber leider überhaupt nicht zu unserem wissenschaftlich-technischen Weltbild passen, so muss man heute nicht mehr unbedingt geschockt sein, weil vieles in der Welt auch nicht zu unserem Weltbild passt. Ich bin eher im Zweifel, ob wir uns dafür feiern sollten, dass wir jedes Ziel was jenseits von Geld, Ansehen und Besitz hinaus geht, recht weit aus dem Leben gedrängt haben. Rechtfertigen konnten wir das bislang mit unserer scheinbaren Überlegenheit gegenüber den meisten anderen Lebensansätzen. Doch die Grenzen unserer Lebensweise, so ist zumindest mein Eindruck, werden uns in immer kürzeren Taktungen neu aufgetischt.

Seit dem 18. Jahrhundert haben wir die Welt ganz überwiegend als Ballung von Materie gedeutet. Das führte zu einem souveränen Fortschritt, der inzwischen so nicht mehr gegeben ist. Was, wenn wir nicht an aller erster Stelle Ballungen von Materie wären? Wer bin ich? Wer sind wir? Was ist die Welt? Was wir alle üben sollten, ist anders zu denken und zu leben, dabei dürfen wir die großen Fragen ruhig stellen, es müssen nur die richtigen sein.

Quellen