Warum immer ich? – Wenn du mein Leben hättest, würdest du auch trinken. – Mein Ex-Partner hat mich immer kleingehalten. – Meine Eltern haben ihren Frust stets an mir ausgelassen. Ja, all das mag vielleicht stimmen. Doch irgendwann muss Schluss damit sein. Solche Gedanken sind nur bis zu einem gewissen Grad nützlich. Bis zu welchem, werden wir im Laufe dieses Artikels aufmachen. Darüber hinaus ist es wichtig, die Opferrolle endlich abzulegen, denn sie schadet mehr, als dass sie nützt. Zeit, sich von ihr zu lösen und zu lernen, für sich selbst zu sorgen. Here we go …

Hör endlich auf, ein Opfer zu sein

Wenn man als Künstler – Youtuber, Instagramer was auch immer – startet, interessiert im Grunde niemanden, was du machst. Du wirst nicht gesehen. Es gibt unzählige da draußen, die kreativ und talentiert sind, und einige wenige von ihnen schaffen es. Wenn man als Künstler startet, gibt es viele Tiefschläge, Ablehnungen, vielleicht auch negative Kritiken. Und es erfordert gehörige Arbeit an sich selbst, dieses negative Feedback nicht auf seinen Selbstwert zu projizieren. Es nicht persönlich zu nehmen. Jeder darf anderer Meinung sein; jeder darf sein Missfallen ausdrücken. Geht eine solche Kritik mächtig unter die Gürtellinie, verrät sie mehr über die Unzufriedenheit des Kritikers als über deine Kunst. Doch das ist nicht der Punkt. Der Punkt ist, trotz der Kritik bei sich zu bleiben. Zu sich zu stehen. Im Einklang mit seiner Kunst zu sein. Keine Angst vorm Außen zu haben. Und deinen Selbstwert nicht an externen Punkten festzumachen. Dessen ungeachtet musst du allen anderen stets mit Respekt begegnen. Jede Unhöflichkeit, und sei sie auch noch so gerechtfertigt, käme als Bumerang zurück.

Mann zeichnet mit Kreide Straßenkunst

Bei Kunst gibt es weder gut noch schlecht. Nur individueller Ausdruck. © cattan2011 under cc

Du kannst erst wirklich befreit, dich deiner Kunst widmen, wenn du dich von der Meinung anderer löst. Nicht, indem du sie negierst oder abwertest oder ausblendest. Sondern, indem du deren Meinung auf dich wirken lässt, gegebenenfalls den Schmerz der Verletztheit spürst, diesen von dir abkoppelst, eventuell aus der Kritik lernst, so du sie berechtigt findest, und weiter an deiner Kunst arbeitest. Es gibt keine gute oder schlechte Kunst, nur Kunst.

Sei also ein Künstler, wenn du durchs Leben gehst.

Das Leben zu seinen Bedingungen

Manches Mal scheint es, als würden einem viele Stolpersteine in den Weg gelegt werden. Als hätten andere es leichter. Auch das ist der bewährte Opfer-Mantel, den man viel zu lange getragen hat. Das Leben hält beständig Entwicklungsaufgaben für uns parat. Diese variieren, je nach Art des Lebensweges, für den wir uns entschieden haben.

Wichtig ist jedoch, dass wir zu keiner Zeit diesem Leben hilflos ausgeliefert sind. Wir müssen uns nicht als Opfer externer Gegebenheiten betrachten, aus denen es keinen Ausweg gibt. Wir haben Freiheitsgrade, das Leben zu gestalten. Erst recht in unserer heutigen Gesellschaft, in der heutigen Zeit.
Man befindet sich genau an dem Punkt im Leben, an dem man zu diesem Zeitpunkt sein muss. So ist das eben mit dem Leben. Und dann handelt man entsprechend. Es ist das Leben zu seinen Bedingungen und wir müssen lernen, darauf zu vertrauen, dass wir alle Probleme zu gegebener Zeit lösen können. Sich in unnötige Ängste und Spekulationen zu versteigen, raubt Kapazitäten und schadet dabei, klare Lösungsansätze zu erarbeiten. Dagegen im Vorhinein Lösungsansätze anzudenken und die Zeiten danach grob zu strukturieren, ist selbstverständlich ein wichtiger Beitrag der Selbstfürsorge.

Sorge für dich

Ängstlich und vermeintlich fremdbestimmt durchs Leben zu huschen, ist die Gangart der Opferrolle. Unverhältnismäßige Ängste sind Ängste aus der Vergangenheit. Diesen Gehör zu verschaffen und diese nicht zu verdrängen, ist notwendig, um den Selbstheilungsprozess in Gang zu setzen. Doch es gilt, auch zu erkennen, dass es eben NUR Ängste aus der Vergangenheit sind.

Fehlannahmen

Kind blond sitzt im Auto

Viele Muster sind aus der Kindheit. Doch es gibt andere. Man muss sie nur sehen. © Alexandre Dulaunoy under cc

Die psychologische Praxis zeigt, dass die Ansätze für die Selbstinterpretation als Opfer bereits in der Kindheit gelegt werden. Vielleicht weil man sich oft hilflos ausgeliefert fühlte, bevormundet und bewertet wurde, statt in Eigenverantwortung ermutigt zu werden.
Folglich erkennen viele von uns gar nicht, dass unsere Gedankenstrukturen, unsere Annahmen über das Leben oder gar unsere Wahrnehmung von den Menschen vom Grunde auf sehr begrenzt sein könnten. Dass es da NOCH MEHR gibt. Andere Menschen, die anders ticken, mit anderen Motiven, Lebensphilosophien. Stattdessen sucht man sich immer ähnliche Menschen, wie die, die einen in der Kindheit geprägt haben. Das kann ein verdammt perfider und hartnäckiger Mechanismus sein. Weil man mit diesen Menschen die immer gleichen negativen Erfahrungen macht, weil sie einen in ähnlicher Form behandeln, wie man es von Kindesbeinen an gewohnt war.
Folglich sieht man sich in seiner Annahme über die Menschheit bestätigt. Die ANDEREN, die anders sind, sieht man hingegen nicht. Diesen Kreislauf zu erkennen, ist einer der ersten Schritte, sich loszulösen und den Blick für neue Erfahrungen zu weiten.

Angst vor Kontrollverlust

Die psychologische Praxis zeigt auch, dass negative Erlebnisse aus der Kindheit zu einem lebensbestimmenden Motiv – der Angst vor Kontrollverlust – führen können. Niemals mehr möchte man das Gefühl des kompletten Fallens spüren. Das Gefühl, nichts machen zu können, hilflos ausgeliefert zu sein. Doch du bist jetzt erwachsen. Du hast zu jeder Zeit die Kontrolle über dein Leben und deine Entscheidungen. Nutze dies verantwortungsvoll, für dich und deine Kinder und deine Lieben. Entscheide dich, für dich selbst zu sorgen.

Jedes Schicksal, wie weitläufig und verschlungen es auch sein mag, besteht in Wirklichkeit aus einem einzigen Augenblick; dem Augenblick, in dem der Mensch für immer weiß, wer er ist.

(Jorge Luis Borges)

Für dich selbst sorgen: Bleibe bei dir

Vorhängeschloss offen auf Steinfußboden

Alte Muster aufbrechen bedeutet, sich Ängsten zu stellen. © Kreg Steppe under cc

Die anderen nicht auf einen Sockel stellen. Oder abwerten. Beides sind Mechanismen, derer sich die Opferrolle bedient. Bei diesen Automatismen ist man schnell dabei. Sie sorgen dafür, dass man nicht bei sich selbst bleibt, sondern seinen Selbstwert an anderen misst, was der Arbeit an einem eigenen stabilen Selbstwert ganz und gar abträglich ist.
Wir müssen uns nicht besser oder schlechter fühlen als andere. Die anderen sind nicht schlechter oder besser als wir. Wir sind genauso gut wie sie und haben einen Recht auf ein gutes, selbstbestimmtes Leben. Seinen Wert unterzuordnen, People Pleasing zu betreiben, das heißt, Leuten zu Munde zu reden, sind Verhaltensweisen, an denen man zukünftig ansetzen kann. Deren Unterlassung führt zu mehr Selbstfürsorge.

Selbstfürsorge meint nicht Egoismus

Sich um sich selbst zu kümmern, lenkt die Energien, den Fokus in völlig neue Bahnen. Ein neuer Pfad, den man beschreitet, der ungeahntes Positives und nie vorstellbare Freiheit zutage bringen wird. Selbstfürsorge meint jedoch nicht Egoismus! Es meint nur, Grenzen zu setzen, sich um sein Wohlergehen zu kümmern, seine Kinder zur Selbstfürsorge und Eigenverantwortung zu erziehen. Nicht permanent, um andere zu rotieren mit dem Gefühl, gebraucht zu werden. Selbstfürsorge meint, die Gegebenheit zu akzeptieren, dass ein Jeder früher oder später für sich selbst Sorge tragen muss.

Befand man sich zeitlebens in der Opferrolle, mag das Fundament, auf welchem man nun beginnt, aufzubauen, bruchstückhaft sein. Doch es ist ein Fundament, das man nutzen kann, auf dem man aufbauen kann, wenn man lernt, für sich selbst zu sorgen.

Wenn ich nur die halbe Energie darin investiere, das Richtige zu tun, die ich bis jetzt dazu genutzt habe, das Falsche zu tun, kann ich alles erreichen.

(Melody Beattie)