Ist eine Demenzprophylaxe möglich?

Meditation fordert das Gehirn ebenfalls weit umfassend. © Konstantin Stepanov under cc

Im Rahmen bestimmter Einschränkungen vermutlich ja. Die Einschränkungen sind die wenigen sehr frühen und fulminanten Demenzverläufe, gegen die man hier und heute nichts machen kann. Wenn das Gehirn durch Tumore oder Metastasen angegriffen wird, kann man oft kaum etwas machen, wenn sich jemand durch massiven Alkoholabsus das Gehirn zerstört, ist nichts zu machen, ebenso bei massiven Verletzungen des Gehirns etwas durch Unfälle.

Es ist immer mal wieder gut eine Lebensbilanz zu ziehen und sich zu fragen, wie das Leben eigentlich genau jetzt ist. Super? Schön? Geht so? Sehr anstrengend? Teils teils? Wenn klar geworden ist, dass ein lustloses Funktionieren, ein Leben, durch das man sich gestresst durchkämpft eher zu den Risikofaktoren für Demenzen gehört, kann man Demenzprophylaxe sehr früh und breit verstehen, indem man einfach versucht, ein gutes Leben zu führen.

Wir leben in mitunter etwas paradoxen Zeiten von schnellen Veränderungen und Neuorientierungen, das heißt aber auch, dass Raum für neue und kreative Lebensansätze vorhanden ist. Sein Leben aktiv und kreativ zu gestalten ist mehr als eine Wellnessfloskel, gerade auch in der Gesamtbetrachtung des Themas Demenz, das, wie gesagt, sehr angstbesetzt und belastend ist.

Das Leben als Gesamtkunstwerk sollte generell nicht unter der Überschrift des Vermeidungsverhaltens stehen. Wenn man dies oder das tut, um nicht krank zu werden, um seinen sozialen Status nicht zu verlieren oder was auch immer es ist, so ist das diese Vermeidungsvariante, in der man sich von eigenen Ängsten und Befürchtungen bestimmen lässt. Die Paradoxie der Demenzprophylaxe lässt sich auf andere Lebensbereiche übertragen. Der zu starke Blick auf die Gesundheit schadet in dem Moment, wo man vergisst, dass diese keine Selbstzweck ist, sondern im Grunde die Grundlage ist, um sich im Leben zu entfalten, so weit und auf die Art, wie dies zu einem passt.

Heute muss alles effektiv und optimiert sein, oft auch sehr durchorganisiert, so dass man fast noch in einen Entspannungsstress kommt. Entspannung als effektives Tool des vollkommen verplanten Lebens, vielleicht muss man an so was wie Schicksal glauben, um die Tatsache, dass wir immer mehr Demenzerkrankte haben, in diesem Kontext in ihrer Ironie zu begreifen. Aber wir glauben immer weniger an Schicksal, finden das antiquiert, sondern an nüchterne Analysen, da heißt es dann:

“Hauptrisikofaktor für eine Demenz ist nach der vorherrschenden wissenschaftlichen Meinung das hohe Lebensalter.”[3]

Was um alles in der Welt, soll man nun damit anfangen? Das ist Schicksalsgläubigkeit in Reinform, nur als solche nicht reflektiert und es lässt einen ohnmächtig zurück.

Sinn und Glauben

Sinn und Glauben sind die Bereiche im Leben, die wir verloren haben. Wir haben das mit einem gewissen Stolz vor uns hergetragen und bekommen in vielen Bereichen die Quittung. Man muss aufpassen, dass man sich nun nicht in triumphaler Selbstgerechtigkeit suhlt und sagt, das sei eben die Strafe für unser Fehlverhalten, man kann daran glauben, aber Häme ist nicht wirklich etwas, was weit trägt.

Eine gewisse Demut und Gelassenheit kann in dem Moment eintreten, wo man von der hybriden Idee loslässt, alles im Leben regeln und planen zu können und weil man es nicht kann, ist man auch von dem Zwang befreit, es zu müssen. Unser Hang zum Perfektionismus steht dem entgegen und ein guter Weg Dinge zu delegieren, war von je her der Glaube. Nun haben wir ihn, je nach Sicht, weitgehend verloren oder überwunden, Nietzsches selten verstandene Anklage bestand darin, dass wir uns dabei nicht über die Konsequenzen klar wurden: Gott ist tot! Und die Wissenschaft verwundet! So könnte der Befund lauten.

Was hat das mit Demenzprophylaxe zu tun? Der Glaube wird sehr unterschiedlich gelebt und interpretiert, im kleinen Kontext kann er dazu dienen, Schicksalsschläge anzunehmen und sich dennoch geborgen zu fühlen. Vorausgesetzt man glaubt und das ist heute eher selten. Dafür ernten wir immer mehr Zerrformen des Glaubens, die uns als Verschwörungstheorien begegnen, denn an irgendwas muss man sich festhalten und allmählich dämmert uns, dass auch der Glaube an die Vernunft nicht so weit trägt, wie man sich das erhofft hatte.

Im größeren Kontext stellt sich die Frage, inwieweit bestimmte Aspekte des mythischen, religiösen Glaubens, der auf seine Art immer schon rationale Anteile hat, mit unseren Erkenntnissen aus Wissenschaft und Philosophie verbunden werden kann.

In der Forschung ist aktuell die Stunde der Ressourcen und Resilienzen angebrochen, grob gesagt, wird die Frage aufgeworfen, wie man die Widerstandskraft stärken kann und es reicht nicht aus, sich alles irgendwie erklären zu können, sondern dies eben auch in einen Sinnkontext einzubinden. In der theoretisch zurückhaltendsten Variante kann man das so interpretieren, dass man sich eine innere Welt kreieren kann, die einem die Kraft gibt, die Geschehnisse der Außenwelt in einer Weise einzuordnen, dass man sich dennoch in der Welt wohl und geborgen fühlt.

Wir tun ja allerlei von dem wir glauben, es sei prophylaktisch, doch eine Wesensart des rationalen Zeitalters ist die Entzauberung, die uns aber wie in einer Geschichte von Kafka in allerlei Ausweglosigkeiten geführt hat. Die Stärke des wissenschaftlich-rationalen Zeitalters ist die systematische Erklärung, die Stärke des mythischen Zeitalters sind Sinn und Orientierung. Das hohe Lebensalter als Hauptrisikofaktor ist irgendwie Ausdruck einer Erkenntnis, die in eine Sinnwüste geschmissen wurde. Eine Erkenntnis, aus der nichts folgen kann, was hilft. Möglichst vor dem 65 Lebensjahr zu sterben ist demnach die beste Demenzprophylaxe, aber das kann ja erkennbar nicht die Lösung sein.

Die Frage ist, wie wir den Horror abbauen und dafür gibt es keinen Schalter, aber viele kleine Schritte, von denen ich erzählen wollte und die nicht lauten können, was ich denn jetzt tun oder einnehmen muss, um sicher geschützt zu sein. Es geht um das Verständnis des Ganzen, was wir für viele andere Fragen auch brauchen. Kaffee und vielleicht Kurkuma wirken schützend, aber es spricht viel dafür, dass durchaus vieles wirken könnte, an das Sie ganz persönlich glauben, einfach über die immense Kraft des Placeboeffektes (der als Noceboeffekt auch in die Gegenrichtung wirkt), aber es geht nicht um die Frage, wie der Glaube denn Berge oder Gene versetzen soll, sondern um ein weiteres Verständnis für die Notwendigkeit Sinn, Glauben und Orientierung ins Leben und in die Gesellschaft zu reintegrieren.

Persönlich bedeutet das vom angstvollen Prophylaxedenken (das bis zur Hypopchondrie führen kann) Abstand zu nehmen und mutigere Varianten zu leben, was zwingend mit der Frage verbunden ist, wie ich denn eigentlich leben will. Es dann auch zu tun, wäre der nächste Schritt, aber es wäre lebensfern, wenn man nicht anerkennt, dass jede Menge dagegen spricht, die Verpflichtungen und Gebundenheiten in denen man im Leben nun mal steht. Man hat hier und da Verantwortung, aber es ist im besten Fall eine aus Freiheit und große Lebensfragen kann man sich immer wieder vorlegen. Dass es über den gesellschaftlich kühlen Funktionalismus hinaus diese Fragen tatsächlich gibt, müssen wir uns erst wieder zurück erobern und jeder, der das in einer reflexive Weise tut, ist kein Egoist, sondern erweist der Gesellschaft und ohne zu pathetisch zu werden, vermutlich auch der Weltgemeinschaft einen Dienst. Geistige und körperliche Beweglichkeit sind nach dem Stand der Dinge die beste Demenzprophylaxe, für eine bessere Durchblutung kann man öfter mal das Fahrrad nehmen oder zu Fuß gehen, im Garten arbeiten oder die Dinge wieder selbst machen. Geistige Beweglichkeit, Offenheit, die dennoch nicht einfach irgendwie alles gleich gut findet, aber begreift, dass es außer unserer Art zu denken und zu leben noch ganz andere gibt, ist ein konsequenter Erkenntnisweg. Wir lernen am besten mit Spaß und entspannt, auf Spazierwegen in der Natur, bei Tanz und Musik, in der Meditation, in der Reflexion philosophischer und auch tiefenpsychologischer Denkwege, bei der Arbeit im Garten und wenn Sie auf diesen Wegen irgendwann die Einsicht gewonnen haben, dass im Grunde jeder Weg der geeignete ist, erzählen Sie es weiter, denn dann haben Sie das Prinzip verstanden.

Quellen