Chronisch kranke Patienten müssen lernen, mit Ängsten umzugehen, die mit der Diagnose einer chronischen Erkrankung einhergehen können. Wo lässt sich ansetzen, wenn einem gefühlt alles über den Kopf zu wachsen droht? Wie schafft man ein »mit der Krankheit leben lernen«?

Mit der Krankheit leben lernen, nur wie?

Orientierte man sich in der psychologischen Forschung vormals hauptsächlich auf Psychoedukation, also auf die Aufklärung über die Erkrankung, sowie auf schmerzorientierte Behandlungsverfahren, geraten in den letzten Jahren zunehmend auch Ansätze in den Fokus, welche die psychische Krankheitsbewältigung zum Thema haben. Auf all diese Punkte werden wir nachfolgend eingehen.

Wissen ist Macht

Spritze und Insulin

Mit der Diabetes-Krankheit leben lernen: eine Herausforderung © 2C2K Photography under cc

Psychoedukation ist der erste Baustein, damit man mit der chronischen Krankheit leben lernen kann. Demzufolge heißt es für die Betroffenen, sich so viele Informationen wie möglich zu verschaffen. Denn Aufklärung hilft, Ängste zu verringern. Chronisch Kranke müssen lernen, die »Alarmsignale« bezüglich ihrer Erkrankung von unwichtigen anderen körperlichen Anzeichen zu unterscheiden. Sie müssen ebenso lernen, was sie gegen die bedeutsamen Signale tun können. Psychoedukation wirkt dem Katastrophisieren entgegen. Psychoedukation unterstützt das Kontrollerleben. Achtsam sein: ja. Wegen jeder wahrgenommenen Veränderung in Panik geraten: nein.

Biofeedback, um aktiv etwas zu tun

Biofeedback ist eine verhaltensmedizinische Methode, welche die Wahrnehmung der Betroffenen für wesentliche Reize aus dem Inneren des Körpers schärfen kann (z.B. erhöhte Herzrate bei Aufregung in Stresssituationen). Beim Biofeedback erhalten die Patienten anhand technischer Hilfsmittel Rückmeldung über bestimmte Signale aus ihrem Körper, die sonst unbewusst oder nur auf niedriger Schwelle bewusst ablaufen würden. Auf diese Signale können die Betroffenen dann entsprechend reagieren.

Ein Beispiel aus der Praxis soll dies verdeutlichen. Ein Patient, der von chronischen Rückenschmerzen geplagt wird, welche sich durch die Körperhaltung verschlimmern können, erhält mittels eines Vibrationssignals Meldung darüber, dass er sich in diesem Moment in schmerzverschlimmernder Körperhaltung befindet. Durch die Rückmeldung wird die unbewusst eingenommene Körperhaltung bewusst gemacht und kann unverzüglich korrigiert werden. Die Biofeedback-Methode wird solange angewandt, bis das Gehirn umgelernt hat und die falsche Körperhaltung fortan automatisch vermieden wird. Unterstützend wäre diesbezüglich zudem Sport, um den Aufbau der Muskulatur für die richtige Haltung zu fördern.

Mit Sport gegen die Ängste vorgehen

Sport vertreibt Ängste, steigert das Selbstbewusstsein und Kontrollerleben. Ob Yoga, Progressive Muskelentspannung, Wanderungen, Schwimmen, jede Form der Bewegung – auf den chronisch kranken Organismus zugeschnitten – wirkt sich wohltuend auf Körper und Geist aus.

Herausforderung »Leben ändern« endlich meistern

Zweistöckige Torte weiß mit Rosen

Kulinarische Verführungen lauern überall. Leider sind sie nicht gesund. © Rexness under cc

Natürlich ist es so, dass viele Menschen nicht krank werden, obwohl sie einer (provokant gesprochen) vergleichsweise »ungesunden« Ernährung frönen und ein relativ »unbewegtes« Leben ohne körperliche Aktivitäten leben. Doch der Zirkelschluss daraus lautet nicht, dass man nicht davon profitieren könnte, wenn man gesündere Lebensumstände wählt. Eine gesunde Ernährung, mehr Bewegung, das Rauchen oder den Alkoholkonsum einstellen, führen mit an hundert Prozent grenzender Wahrscheinlichkeit bei allen Menschen – ob krank oder gesund – dazu, dass sie sich besser fühlen. Warum also nicht sein Wohlbefinden steigern, da wo man es steigern kann? Den inneren Schweinehund zu überzeugen, steht allerdings auf einem ganz anderen (Salat)blatt …

Einsamkeit bekämpfen als ein Mittel gegen Angst

Würde man eine Sportgruppe finden mit Gleichgesinnten oder gleichermaßen Betroffenen, ließen sich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Studien zeigen, dass Einsamkeit ein bis zu 50-fach erhöhtes Risiko für einen frühen Tod mit sich bringen kann. Vor allem als chronisch Kranker fühlt man sich oft unverstanden und isoliert. Womöglich finden sich im Internet soziale Kontakte mit anderen Betroffenen, um der Einsamkeit etwas entgegenzusetzen. Auf die Art ließe sich ein Austausch über das Leben mit der Erkrankung gestalten und indirekt auch etwas für die Gesundheit tun.

Durch eine gute Psyche mit der Krankheit leben lernen

Nicht nur die Verhaltensänderungen können die Lebensqualität von chronisch Kranken erheblich verbessern. Auch die Psyche darf gerade bei chronisch Kranken nicht vernachlässigt werden. Welche Ansatzpunkte finden sich, um Herz und Hirn an die neuen Herausforderungen einer chronischen Erkrankung anzupassen?

Copingstrategien entwickeln

Wald bergauf Sonne

Spaziergänge durch die Natur stärken die Seele. © Bas van Oorschot under cc

Für jede Erkrankung gibt es ausreichend, speziell auf die Erkrankung zugeschnittene psychotherapeutische Ansätze, anhand welcher man mit der Erkrankung leben lernen kann. Gegen die Angst vor Spritzen bei Diabetikern gibt es beispielsweise spezielle verhaltenstherapeutische Programme. Betroffene mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen sollten sich mit Interventionen zum Stressmanagement auseinandersetzen. Handelt es sich um eine chronische Erkrankung, welche die Lebenserwartung verkürzt, stehen zum Beispiel palliativtherapeutische Versorgungsangebote zur Verfügung, um Ängste und Sorgen zu lindern.

In welcher Situation man sich auch immer befindet, Ziel sollte die Stabilisierung und Stärkung der Psyche sein, um die Umstände, welche mit einer chronischen Erkrankung einhergehen, besser bewältigen zu können. Mit Hilfe des Therapeuten findet eine kognitive Umbewertung statt, die hilft, neue Perspektiven aufzuzeigen.

Nicht zuletzt können Sozialberatungen helfend zur Seite stehen, indem sie einen aufklären, wo man welche Hilfen zur Erleichterung des Lebens beantragen kann.

Seele baumeln lassen

So schwer es manchmal fällt, aber nur aus der entsprechenden Distanzierung heraus kann man an Gelassenheit und Stärke gewinnen. Dazu gehört, den Alltag zu leben. Mag er vor der Diagnose oftmals noch so trostlos und belanglos erschienen sein, die Vorstellung, wieder in diesen normalen Alltag vor der Erkrankung zurück zu können, zeichnet sich als eine der größten Sehnsüchte chronisch Kranker ab. Deshalb ist es wichtig, sich des »Normalschönen« so gut wie möglich anzunehmen, weil eben genau diese Momente es sind, die man irgendwann schmerzlich vermissen könnte. Ein heißes Bad, einen Film mit den Lieben anschauen, ein klassisches Sonntagsfrühstück, ein Nachmittagsspaziergang in der Sonne – das sind die Momente, welche das Leben gestalten. Lebt man diese bewusst und geht darüber hinaus Krankheit und Ängste aktiv und selbstbestimmt an, lässt sich mit einer chronischen Krankheit leben lernen. Denn die persönliche Einstellung kann zum entscheidenen Hebel werden, der Kraft und Zuversicht schenken kann und den Verlauf einer chronischen Erkrankung abzumildern vermag.