Frau auf rotem VW Käfer

Klassisch verbundene Statussymbole des Patriarchats, die Frau und das Auto als Besitz, hier ironisch gebrochen. © Ben Aston under cc

Ein gewisses Ansehen zu haben ist eines der stärksten Motive und damit Antriebe des Menschen. Am schönsten ist es, wenn wir geliebt werden und beliebt sind. Ein ähnlich starkes Motiv stellt der Wunsch dar, respektiert zu werden. Geliebt werden wir, weil wir sind, wie wir sind, im idealen Fall der Mutterliebe. Schon für die Liebe unter nicht verwandten Menschen muss man etwas tun, jemand sein, der irgendwie anders ist und einem anderen Menschen auffällt. Ein gewisses Ansehen erhalten wir in der Regel auch, wenn wir irgendetwas in besonderem Maße können oder sind, was immer es auch sei, es gibt tausende Nischen.

Wer kein Ansehen hat, will wenigstens Respekt, die kleinere Form des Ansehens, manche erzwingen sich Respekt, indem sie zwar nicht beliebt, aber dafür gefürchtet sind. Man kann sie nicht folgenlos übergehen. Je nach Persönlichkeit reicht das manchen. Und wer nicht gefürchtet wird, will dann zumeist doch um fast jeden Preis auffallen. Und wer auf Ansehen in der breiten Masse pfeift, will doch zumeist im Kreise seiner Peergroup oder Wahlverwandten gut ankommen.

Sozialprestige und soziales Ansehen

Der soziale Status ist das, was man sich erwirbt, dadurch, dass man ein in irgendeiner Hinsicht nützlicher Mensch ist. Vielleicht ist man besonders zuvorkommend und hilfsbereit, womöglich kenntnisreich oder handwerklich besonders begabt, verantwortungsbewusst und zuverlässig, eventuell ist man ein guter Alleinunterhalter oder kann, im Gegenteil, sehr gut zuhören. Oft bekommt man vermutlich die größte Anerkennung durch das, was man gut kann, wenn es sich um eine, für die Gesellschaft oder meine Familie oder meinen Freundeskreis nützliche Eigenschaft handelt.

“Der Soziologe Heinz Kluth unterschied in Sozialprestige und sozialer Status bereits 1957, ob Ansehen auf tatsächlichen Leistungen oder auf anderen Faktoren beruht. Gestützt auf die Begriffe von Talcott Parsons, nannte er das auf empirisch zugänglicher Leistung beruhende Ansehen “soziales Ansehen” und ein auf diffusen Zuschreibungen beruhendes Ansehen “Sozialprestige”.”[1]

Das Sozialprestige sind Zuschreibungen, die jemand bekommt, wenn er „aus gutem Haus“ ist, also ein Mitglied einer angesehenen Familie, aber auch große und attraktive Menschen haben ein größeres Renommee als durchschnittliche, in subkulturellen Kreisen kann es sein, dass man gut ankommt, wenn man gefährlich und besonders skrupellos ist, etwa wenn man einer extremistischen Vereinigung angehört. Allgemein ist mit Sozialprestige aber die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Stand oder einer sozialen Klasse gemeint, die vor allem in vergangenen Zeiten ein allgemein höheres Ansehen genossen, weil sich in ihnen mehrere Eigenschaften trafen, die für die Normalbevölkerung früher nicht üblich waren. So galten die Mitglieder bestimmter Stände als gebildet und daraus leiteten sich Verpflichtungen, andererseits aber auch Privilegien ab. Ärzte waren nach dem Krieg oft die ersten, die ein Auto besaßen.

Statussymbole und ihr Bedeutungswandel

Bildung und Wohlstand, Lebenstüchtigkeit und Fleiß, Auto, feine Kleidung und gutes Essen, das waren lange Zeit Zutaten, die in kollektiver Betrachtung organisch zusammen hingen. Wer klug und fleißig war, der hatte auch eine gute Arbeit, war vielleicht erfolgreicher Kaufmann, Anwalt oder Gelehrter, ihm, meistens war es ein Mann, gebührten von daher auch zurecht Wohlstand und ein höherer sozialer Status. Es war geradezu normal, dass Menschen mit vielen Kontakten, größeren Fähigkeiten und höherer Bildung um Rat gefragt und auch gebeten wurden Verantwortung zu übernehmen. So waren Ärzte, Pfarrer und Lehrer oft Personen mit hohem Sozialprestige, gesellschaftlichem Einfluss und ihrem Status gemäß auch mit entsprechenden Insignien ausgestattet, die wiederum durch die Tätigkeit der Personen symbolisch aufgeladen wurden.

Wo die Krone, der Stab und der Hermelin noch ganz bewusst die herausragende Position des Herrschers symbolisieren sollte, so wurden Talare und die weißen Kittel zu weltlichen Symbolen und das was man sich leisten konnte, gehörte dazu: Hochwertige Kleidung, Schmuck, feines Porzellan, repräsentative Möbel und später dann das Auto und die Uhren am Handgelenk, sind Beispiele für Statussymbole unserer Breitengrade, die sich immer mehr ausdifferenzierten. In dem Moment, wo sich immer mehr Menschen die Statussymbole leisten konnten und Autos besaßen, entstand der Wunsch sich erneut abzusetzen. Der Volkswagen war das eine, die Nobelkarosse das andere. Ähnlich ging die Schere in anderen Bereichen auseinander, etwa beim Essen, Es gab das derbe Essen der Bauern und der einfachen Leute und das feine, der Bessergestellten. Das feine weiße Mehl, die immer raffinierteren Speisen, doch wieder holte das Volk auf und konnte sich zunehmend die Delikatessen der Wohlhabenden leisten, die nun ihrerseits die Latte höher legen mussten, um sich weiter abzugrenzen.

Was heute wieder in ist, Dinge selbst zu machen, galt als antiquiert. Die Fertigsaucen und -gerichte und Plastikmöbel machten es möglich, dass man viel mehr Zeit, für die wirklich wichtigen Dinge im Leben hatte. Das Ringen ging weiter, immer war auch der Körper Teil davon. Nach dem Krieg war fast jeder in Deutschland schlank oder dünn, denn es gab kaum etwas zu Essen und der Hunger war eine reale Größe in vielen Familien, Bis schließlich das Wirtschaftswunder kam und die meisten Menschen sich wieder satt essen konnten und es genossen, ihren Wohlstand auch zu zeigen, auch mit der dazugehörigen Leibesfülle. Wer dick war, der hatte es zu etwas gebracht, die Wohlstandspocke musste man sich buchstäblich leisten können. Später dann die Urlaubsbräune, diszipliniert, dicht an die, wie die Ölsardinen gequetscht an der Adria erworben, um zu zeigen, dass man dort war, wo es schön ist und dass man dazu gehört. Die nötige Bräune bekommt man heute aus dem Solarium und Übergewicht zu haben ist inzwischen vor allem in der Unterschicht weit verbreitet.

Universelle Statussymbole verschwinden

Doch die Klassiker Auto, Haus und Boot verschwinden zunehmend. Auch Übergewicht, auffallender Schmuck und Bräune gelten nicht mehr als nötige Prestigesymbole, sondern eher als Zeichen mangelnder Disziplin, etwas aufdringlich und peinlich. Wer heute oben ist, ist (und isst) bewusst und diszipliniert, vor allem dezent. Schick und edel darf schon sein, aber inzwischen eher so, dass nicht mehr alle Welt erkennt, wer man ist, sondern nur noch die Insider. Man ist unter sich und möchte es auch gerne bleiben. Auch das gehört dazu, dass einen der Rest außerhalb der eigenen Blase nicht interessiert.

Das Statussymbol gibt es genauso wenig wie den sozialen Status. Die Smartwatch bringt Anerkennung unter Fans innovativer technologischer Spielereien, lässt die Neo-Ökos jedoch kalt. Die exorbitant teure Kaffeemaschine wird überhaupt nur von anderen Liebhabern erkannt. Und nur wem “fair” wichtig ist, der erkennt und schätzt faire Fashionmarken an anderen. Die neuen Statussymbole sind differenzierter, subtiler und kleinteiliger denn je. Von vergangen Statusobjekten unterscheidet sie vor allem eins: Sie sind nicht länger universell.”[2]

Höher, schneller, weiter und das Anhäufen von Besitz gilt vielen als eher vulgär. Nicht Berge von Fleisch und das “All you can eat” Schnäppchen, sondern bio, vollwert, regio und fair, am besten alles zusammen. Überhaupt ist das Verwenden von Fertigangeboten, längst wieder auch dem Rückzug. Selbst ist der Mann und auch die Frau, es muss nicht immer der Prepper sein, aber was als antiquiert galt, ist heute wieder chic. Alles selber machen und reparieren können, das Essen anbauen und zubereiten, das Craft-Bier brauen, vorbei der Glanz der Fertigsaucen, jedenfalls, wenn man wer sein will. Das ehemals feine Essen gilt heute oft als ungesund und degenerierter Müll.

Herrscher mit Statussymbolen

EIn Herrscher, mit den Statussymbolen von Macht und Prestige ausgestattet. gemeinfrei, Philippe de Champaigne under cc

Und das will man nach wie vor, nur wird zunehmend unklar, wer eigentlich unten und der oben ist. Ist der Geisteswissenschaftler wirklich Unterschicht, nur weil manche Reinigungskraft mehr verdient? Ist der moralisch fragwürdige, aber finanziell erfolgreiche Geschäftsmann wirklich noch Vorbild? Aber andererseits ist man in der Selbstoptimierungsgesellschaft auch für alles selbst verantwortlich. Wie gut die man die Work-Life-Balance im Griff hat, wie gesund, fit und ausgeruht man ist und immer mehr, wie souverän und cool man zum Manager in eigener Sache geworden ist.

Nur keine Zeit verschenken? Doch, gerade. Zeit ist einer der neuen Luxusartikel, sich Qualitätszeit leisten zu können, für die eigene Familie, die Bildung, die Herzensnangelegenheiten, das soziale Engangement, so nebenher und ganz selbstverständlich. Die Mischung macht’s, aber wie die richtige ist, ist ebenfalls nicht genau klar, denn Ansehen gibt es nur noch in und von der eigenen Community.

“Auffallen und sich seiner selbst vergewissern wird eins. Je mehr wir nach Feedback und Bestätigung dürsten, umso mehr wird Sinn aus Handlungen und Erlebnissen gezogen, die besondere soziale Anerkennung und Aufmerksamkeit versprechen. In Südostasien als Backpacker umhergetrampt zu sein, ist bereits Standard in der Generation Y. Wildes Reisen avanciert tatsächlich zu einem neuen Status-Parameter: Wer viel herumkommt, hat viel zu erzählen und gilt als weltoffen, tolerant und kosmopolitisch.”[3]

Klotzen und protzen ist also out, meint sogar Capital:

“Diejenigen, denen materielle Güter als Distinktionsmerkmal zu uncool sind, nennt Currid Halkett “aspirational class”. Diese Gruppe setzt auf kulturelles Kapital, nicht auf materielles. Wichtiger als eine teure Marke zu tragen, sind bestimmte Stil- und Wertvorstellungen. Auf Partys beeindruckt man nicht mit kubanischen Zigarren, sondern mit den raffiniertesten Smalltalkthemen – sei es die Kenntnis der nordafrikanischen Literaturszene oder das eigene humanitäre Engagement.”[4]

Doch Besitz und unterscheiden will man sich nach wie vor, auch da ist man sich einig, vor allem auffallen, koste es, was es wolle. Immer online zu sein ist ein Teil des Preises, denn aufzufallen heißt immer mehr, auch online aufzufallen. Vielleicht nicht bei den Reichen, Schönen und Erfolgsverwöhnten, aber auch andere wollen sich Besitz, haben ihre Statussymbole, die nicht unbedingt Prestigesymbole sein müssen, sondern die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Schicht, mit der man sich identifiziert, ausdrückt.

Es ist nicht mehr klar, was oben ist

Universelle Statussymbole haben den Vorteil, dass jeder sie versteht. Auto und Haus, wenn die Massen einem näher kommt, eben in der Luxus- oder Vielfachvariante. Aber weder mit dem dicken Schlitten, noch mit endlos viel Geld oder viel Macht und Einfluss kommt man heute überall gleichermaßen gut an. Manche betrachten einen genau deshalb und dafür als Drecksack. Beneidet zu werden gehörte zwar schon immer zum Spiel, denn da man die gleichen Statussymbole teilte, konnte man sich auch jeder daran orientieren, man wusste, wer das bessere Auto hatte, aber heute stellt das Auto für viele eben einfach kein Statussymbol mehr da, das ist peinlich und antiquiert.

Mobilität hingegen ist hoch im Kurs und eine Sharing-Kultur. Sein, statt Haben. Zeit, statt Geld. Doch auch das ist eben nicht durch die Bank so, daher gehen viele Ansichten und Lebensansätze inzwischen so weit auseinander, dass man den anderen gar nicht mehr beneidet, weil die eignen Ziele komplett andere sind. Wer die Umwelt retten will, wird keine Kreuzfahrtgäste beneiden, sondern eher verachten. Da der allseits unbeliebte Mainstream, die eine, konventionelle Position der tumben Masse, immer mehr ausdünnt, sind auch seine Werte und Ziele nicht mehr selbstverständlich, somit auch nicht, wann man es geschafft hat. Extragroße Flachbildschirme und Elektrospielzeug für ihn, Fashion und die Beauty OP für sie, auch das ist nur nur noch eine Variante von vielen.

Ansehen, jemand zu sein, ist nicht mehr so billig zu haben, oder vielleicht sogar gerade billig, wenn man seine Werte nämlich authentisch vertritt und lebt, erwirbt man wenigstens in seiner Communtiy Ansehen und Anerkennung. Denn, sich für das Klima einzusetzen, heißt für die einen Held, für andere ein Spinner zu sein. Wer sich für Flüchtlinge engagiert, ist keinesfalls unumstritten und die Kenntnis der nordafrikanischen Literaturszene ist für manche das Überflüssigste, was es gibt.

Was ist nun wirklich wichtig, Online oder Real Life? Oder ist das im Grunde kein Unterschied mehr und geht es nur noch darum in allen Welten eine gute Figur zu machen, um bewundert zu werden, sein Ansehen zu steigern? Er muss besonders krass sein, sie besonders sexy, oder beide besonders normal, um die ideale Projektionsfläche abzugeben. Der oder die da, auf dem erfolgeichen YouTube Channel, das könnte im Prinzip auch ich sein. Ein mitunter sehr aufwendiges und durchorganisiertes Leben[internet], so fürchterlich normal zu sein. Aber sehr beliebt, bei vielen Jugendlichen. Aber ist das noch authentisch oder schon lächerlich? Ansehen ist zur Quantität geworden, die Zahl der Likes, Klicks und Follower entscheidet. Gut ist, was Klicks bringt und so richtet man sein Leben ein, um das Ansehen zu vergrößern.

Die soziale Kontoführung

Likes, Sprache, Werte, Kenntnisse, Fähigkeiten oder doch Besitz? Worum geht es in der Welt von heute? Vielleicht am ehesten darum, zu begreifen, dass es die eine Welt von heute nicht mehr gibt. Sie ist vielfältiger geworden, bunter, in einer Weise, dass ein gemeinsamer Pool des Rückgriffs auf uns letztlich doch noch alle verbindende Werte immer seltener zu werden scheint. Doch genau darum wird auch gerungen. Kann man letztlich aus jedem Spiel aussteigen, wenn man sich nicht mehr mit der Gesellschaft, sondern nur noch mit seiner Gruppe identifiziert und innerhalb der eigenen Blase kommuniziert?

Die soziale Kontoführung, das heißt, einen Menschen danach zu bewerten, ob er macht, an was sich hält, scheint eine Konstante zu sein, die in allen Gruppen bleibt. Selbst wenn Werte und Ziele von anderen gesellschaftlichen Subgruppen nicht anerkannt werden, die Einschätzung ob jemand integer ist, gilt ein gutes Stück weit in jeder Gruppe. Ebenfalls ist die Logik der Argumente etwas, auf was man nicht verzichten kann. Wer dies oder das vertritt, will ja überzeugen, wenigstens in dem Sinne, dass seine Art zu leben, die bessere ist. Sei es, dass man dadurch wohlhabender, freier, mächtiger oder emotionaler wird, oder was auch immer die eigene Gruppe für Werte vertritt.

Ein gewisses Ansehen, ein Ruf war wohl schon in früher Vergangenheit wichtig. Bei der gemeinsamen Nahrungssuche waren bestimmte Eigenschaften nützlich und wichtig. Mut, Klugheit, Kenntnisse und Fähigkeiten, die Bereitschaft zu teilen und zu kooperieren, gehörten dazu. Damals noch für alle. Der eine hatte ein wenig mehr von diesen, der andere von jenen Eigenschaften, so dass erste Rollen entstanden. Wer schnell und mutig war, konnte eine andere Rolle spielen als ein behäbiger, vorsichtiger Taktiker.

Es waren die Rollen, die fortan tradiert und als wichtig erkannt wurden, wenn der Fußballmannschaft der Torwart abhanden kommt, bringt ein weiterer Stürmer nichts, denn der gute Stürmer kann als Torwart eine Niete sein. Auch die sozialen Rollen wurden tradiert, der Arzt war früher einer der wenigen, die gebildet waren und lesen konnten, heute kann das so gut wie jeder. Seine Rolle gut und verlässlich zu spielen, verhilft zu sozialem Ansehen. Die Rolle zu finden, die gut zu den eigenen Neigungen passt, verhilft zu einem gewissen Maß an Glück. Bei den Rollen nicht stehen zu bleiben und ein breites und selbstbestimmteres Leben zu führen können Ansehen und Glück in einigen Fällen weiter steigern.

Quellen