Eigeninitiative

Rentnerin in rotem Mantel

Ihr Tag ist nicht grau. So sollte es sein. © Boris Thaser under cc

Am Ende sind es doch recht breite Schichten der Gesellschaft, sich überflüssig vorkommen müssern Schade, wenn Arbeit zu haben und Wohlstand zu den letzten Werten geworden sind, obwohl sie gar keine sind und neben diesen alles andere verblasst. Allenfalls ein “nice to have” oder “soft skills” sind dann die Bezeichnungen für die wahren Werte, die wir doch so sehr schätzen und verteidigen wollen. Welche noch mal?

Vielleicht ist es gut, wenn die Not größer wird und man mehr und mehr gezwungen wird, aus der Not heraus auf andere Ansätze und Lebensformen zurück zu greifen, bei denen man sich wieder wechselseitig hilft und näher kommt. Vermutlich wird das zuerst in Dörfern oder Stadtrandteilen funktionieren, aber ob es Alt/Jung-WGs sind, ob eine Straße ein Blockheizkraftwerk nutzt, den Verkehr, das Kochen, die Hilfe im Haushalt, oder das Aufpassen auf Kinder selbst organisiert, eine Kooperation mit einem lokalen Bauern eingeht, im regionalen Rahmen die Politik aktiv unterstützt oder einfach nur zusammen musiziert, meditiert oder sich um Tiere, Pflanzen oder eine schönere Umgebung kümmert, all das kann einer Gemeinschaft neue Impulse geben und für andere Regionen als Vorbild dienen.

Eine neue Währung

Es ist wichtig, dass wir wieder andere Währungen finden, nicht zwingend im Sinne einer monetären Regiowährung, sondern in dem Sinne, dass man wieder lernt, dass es anderes gibt, was dem Leben Sinn, Inhalt und Freude gibt und eine Wert darstellt. Etwas, dass man für andere tun kann und was über Arbeit zu haben und Geld zu besitzen hinaus geht. Einander Zeit und Aufmerksamkeit zu schenken, ist etwas, das man immer tun kann und wundersamer Weise sowohl dem Beschenkten als vor allem auch dem Schenkenden gut tut. Es sind oft Kleinigkeiten und die Summe vieler Kleinigkeiten bewirkt so schnell, so viel und kann ein ganzes Leben umkrempeln.

Eine neue Kultur des Teilens kann entstehen, vielleicht erst zaghaft weil jeder anderes hat, was er nicht hergeben würde oder geben kann, aber wir werden in Zukunft vernetzter sein und jeder kann seine Fähigkeiten gezielter einbringen, ob man bei der Steuer hilft, den Computer fit macht, Rasen mäht, Geigenunterricht gibt, kocht oder Geschichten vorliest.

Kameradschaften, Schicksalsgemeinschaft, Wertegemeinschaft

Viele gefürchtete Mitglieder eine Gesellschaft zieht es in Gemeinschaft, in denen sie an aller erster Stelle das erhalten, was ihnen die Gesellschaft bisher verwehrt hat, nämlich schlicht und einfach das Gefühl Willkommen zu sein und gebraucht zu werden. Das grausame Gefühl, nicht gebraucht zu werden ist genau das, was Kameradschaften und Schicksalsgemeinschaften aufgreifen und ins Positive verwandeln. Du bist einer von uns, auf dich haben wir gewartet, auch dich mögen sie nicht, darum bist Du einer von uns. Oft ist es genau das Kriterium wegen dem man von der Gesellschaft ausgegrenzt wurde, was in, nicht selten extremistischen Gruppierungen ins Gegenteil verwandelt wird. Das kitzelt und pusht jedes Ego, vor allem solche, die eben keine 20 etablierten Rollen im Leben spielen, sondern denen man keine einzige zugeschrieben und zugetraut hat, oder für die es einfach keine gibt. Fast alle eint das Gefühl als überflüssig empfunden zu werden, viele entwickeln keinerlei Gefühle außer einer nun verstärkten Abneigung bis zum Hass, gegen jene, die einen bislang selten beachtet und noch nie gewertschätzt haben. Dabei genügt oft eine einzige Begegnung, um eine ganze Biographie zu drehen, Geiz ist selten geil, in der Verweigerung jeder Art von Anerkennung am aller wenigsten. Einer, der sich kümmert.

Aus vielen Rollen kann eine stabile Identität werden

Soziale Zugehörigkeit und Anerkennung sind sehr fundamentale Werte. Das Bedürfnis danach kommt in klassischen Modellen, gleich nach denen nach Nahrung und Schutz, wobei schon vor Jahrzehnten Tierexperimente gezeigt haben, dass die Fellimitation einer Mutter einer reinen Futterquelle sogar vorgezogen wird. Ist ein Minimum davon gesichert, so dass man nicht in Lebensgefahr und existenzbedrohendem Hunger und Durst lebt, erscheint bereits das Bedürfnis nach Zugehörigkeit.

Neuere psychologische Richtungen, wie die Objektbeziehungstheorie sieht Menschen ohnehin als Wesen in Beziehung von Beginn ihres Lebens an und psychische Entwicklungsstörungen sind immer auch Beziehungsstörungen, bei denen das was man früh gelernt hat oder eben nicht lernen konnte, auf die Gesellschaft übertragen wird. Was die Eltern einem nicht gegeben haben, weil sie es nicht konnten, kann man sich später nur schwer und vielleicht nicht immer vollständig aneignen. Ein generelles Misstrauen bleibt vielleicht ein Leben lang zurück.

Gerade darum sind ernst gemeinte Angebote so wichtig, die auch das gesellschaftliche Klima wieder verändern können. Angebote die prinzipiell jedem offenstehen, ein wichtiges, vollwertiges und erwünschtes Mitglied unserer Gesellschaft zu sein, solange er oder sie sich nur bemüht, die Regeln, die hier gelten anzuerkennen. Dabei sind Gesetze und Verfassung nur der Anfang, mit unseren Werten, die sich im Laufe der Zeit verändern, besitzen wir ein sehr viel feineres Instrument, das wir auch nutzen sollten. Jeder kann selbst anfangen und das Vorleben, was er gerne hätte, andere so behandeln, wie man selbst gerne behandelt werden möchte.

Wenn man Menschen lediglich eine Rolle pro Person für den Anfang zuspricht, in der man sie ernst nimmt, annimmt und deren Funktion man selbst für wichtig hält und anerkennen kann, ist viel gewonnen und man gräbt Extremisten automatisch das Wasser ab. Überflüssig zu sein, ist ein grausames Gefühl, wir alle haben es schon mal in Ansätzen erlebt und sollten nachvollziehen können, dass auch anderen das keinen Spaß macht. Neue Rollen zu kreieren, abseits der gewohnten, die häufig über Besitz und Einfluss funktionieren, heißt vielen die sich frustriert abwenden, wieder eine Heimat, mindestens aber eine Orientierung zu geben. Aus einer Rolle können andere erwachsen, die Fähigkeit zwischen vielen Rollen switchen zu können, vergrößert die Möglichkeit eine stabile Identität zu entwickeln, Menschen mit einer stabilen Identität sind für eine Gesellschaft ein Gewinn. Es kostet nicht viel und alle gewinnen dabei.