vier Männer im Anzug, schwarzweiß

Man muss überall aufpassen … Warum noch mal? © Ox FF under cc

Macht und Wahrheit stehen heute auf vielen Ebenen in einem großen Konkurrenzkampf, sie bedingen einander allerdings auch. Vieles was an Streit, schlechter Laune und Unterstellungen in der Gesellschaft kursiert, geht auf dieses Spannungsverhältnis zurück und zugleich ist die Betrachtung ein ergänzender oder vertiefender Aspekt zu unserer Reihe über das Prinzip Narzissmus.

Was Macht ist, haben wir als Essenz aus mehreren Definitionen so beschrieben: Macht ist der Einfluss oder die Fähigkeit, das Verhalten oder Denken anderer zu steuern.

Wahrheit ist schwieriger zu definieren, weil es diverse Wahrheitsdefinitionen und -theorien gibt, darunter mehrere große, einflussreiche. Keine davon ist widerspruchsfrei und unproblematisch, das macht die leichtfertige Rede von der Wahrheit so problematisch. Das ist alt, bekannt und ungelöst aber auch meistenteils ignoriert. Irgendwie tut man, als wüsste man was Wahrheit ist, auch, wenn das nicht stimmt.

Was aber heißt das in der Konsequenz? Es bedeutet, dass wir keinen letzten Punkt haben, an dem wir festmachen können, was eine absolute Wahrheit ist. Aber es bedeutet nicht, dass es größeren Grund gibt, an dem Wahrheitsgehalt bestimmter Aussagen über den Alltag zu zweifeln. “Hat der Supermarkt noch auf?” Das ist eindeutig zu beantworten, auch dann, wenn gerade heute alles anders sie könnte. Vielleicht hat er immer bis 20 Uhr geöffnet, nur heute war da dieser Stromausfall oder Wasserrohrbruch. Das simple: “Ja, der hat bis 8 auf”, müsste also im relativer und ergänzt werden: falls nicht gerade heute ein Feuer, Wasserrohrbruch, Stromausfall, Raubüberfall … plus beliebiger weiterer Möglichkeiten auftreten, aber das lässt man zurecht weg und sehr viele Fragen, sind klar zu beantworten, wenn man sich nicht mit Gewalt dumm oder tot stellt.

Ob es regnet, wer derzeit Ministerpräsident von Bayern ist und wie das Fußballländerspiel gestern ausgegangen ist. Das ist einfach. Wie ein Gewitter entsteht und ein Staubsauger funktioniert und was die sizilianische Eröffnung ist, ist schon die mittlere Stufe. Rechtstheorien, wie genau ein fMRT funktioniert, kosmologische Modelle oder philosophische Theorien, da wird es oft haarig.

Die pragmatische Lösung bezogen auf die Wahrheitstheorien ist, dass man zwischen den großen Wahrheitstheorien pendelt und von allen etwas nimmt. Sie besagen, dass Wahrheit dann gegeben ist, wenn das was man denkt und behauptet mit der sogenannten Realität (der Tatsachen) übereinstimmt oder korrespondiert (die Korrespondenztheorie der Wahrheit), wenn die Scientific Community, die Gemeinschaft der Wissenden, der Meinung ist, diese oder jene Theorie kämen der Wahrheit am nächsten (Konsenstheorie der Wahrheit) und wenn die Argumentation einer Theorie in sich logisch stimmig oder kohärent, statt widersprüchlich ist (die Kohärenztheorie der Wahrheit).

Worum es geht

Es gibt eine These, die besagt, dass jeder Mensch stets seine Machtinteressen verfolgt und der Unterschied lediglich darin liegt, ob er sich dessen bewusst ist oder nicht. Egal, ob man zum anderen nett ist, droht, bitterlich weint oder sagt, dass man doch nur das beste für den anderen will, stets verfolgt man damit Eigeninteressen und will den anderen im Sinne der Maximierung des eigenen Nutzens manipulieren.

Ein Teil von uns wird nun denken, dass es genau so ist, ein anderer Teil wird denken, dass das nicht stimmt. Beide habe zugleich Recht und Unrecht. Es gehört zu den psychoanalytischen Grunderkenntnissen, dass der Mensch wesentlich aggressiver und selbstsüchtiger ist, als gewöhnlich gedacht wird und eine Person ist von den egozentrischen Absichten oft besonders ausgenommen: man selbst. Das gilt allerdings für so ziemlich jeden, der meint, die anderen seien ganz schön aggressiv und selbstsüchtig, man selbst allerdings nicht, wenigstens wüsste man selbst, wo die Grenzen liegen und wäre allenfalls zu kleinen Sauereien bereit. Beim anderen ist man sich da nicht so sicher.

Diese Deutung funktioniert in der Regel auch ganz gut, so dass man mit einem etwas geschönten Selbstbild durchs Leben geht, das zwar etwas unrealistisch ist, aber nicht so unrealistisch, dass man mit dem Leben und den Beziehungen in ihm nicht mehr klar kommt. Eine gelinde Selbstüberschätzung ist gut, ist sie übertrieben, ist das nicht so gut. Psychoanalytiker, dynamische und Tiefenpsychologen machen nichts anderes, als in die aufrichtige Eigenempfindung, zu erweitern, in dem sie, entweder noch ein wenig Sex oder Aggression und Egozentrik in die Selbsterzählung mischen und dadurch die als leidvoll erlebte Lücke zwischen Selbsterleben und Fremdeinschätzung abmildern.

Anders formuliert: Sexuelle, selbstbezogene und aggressive Antriebe sind stärker in uns verbreitet, als wir selbst wissen und merken. Unser Zusammenleben erfordert aber einen gewissen Triebverzicht, mindestens die spontanen Impulse muss man bremsen, der Lohn dafür ist gesellschaftlicher Schutz, soziale Anerkennung und Unterstützung. Der klassische Streit zwischen den Triebwünschen des Es und den verinnerlichten sozialen Anforderungen des Über-Ich. Damit man diesen Streit nicht fortwährend als innere Spannung merkt, haben sich gewisse Strategien der Verdrängung und Verleugnung eingespielt, durch die man irgendwann zutiefst davon überzeugt ist, dass das, was man am Werten verinnerlicht hat, die ureigenen Wünsche sind und so entsteht dieses etwas gezähmte Selbstbild, das man von sich hat. Es scheint also, dass die Gruppe derer, die glauben, dass der Mensch letztlich ein Egoist sei, die Nase vorn hat.

Doch es ist komplizierter. Wenngleich unser Selbstbild sicher geschönt ist, ohne dass das in den meisten Fällen sonderlich schlimm wäre, heißt das wiederum nicht, dass es keinen echten Altruismus gibt (der das Wohl eines anderen Menschen vergrößern möchte) und es heißt auch nicht, dass es Menschen nicht authentisch und aufrichtig sein können.

Vertrauen gegen Misstrauen

Es gibt eine grundsätzliche positive Unterstellung, dass der andere aufrichtig ist, bis zum Beweis des Gegenteils. Dieser Standpunkt muss nicht naiv sein. Ich kann dem anderen grundsätzlich unterstellen, keine feststehenden Absichten zu verfolgen, aber dann dennoch, im Laufe der Zeit zu der Überzeugung kommen, dass diese positive Unterstellung, zu unecht geschah und daher wieder kassiert werden muss. Das muss mich nicht davon abbringen, dem nächsten wieder mit Offenheit zu begegnen und erneut erst mal zu unterstellen, dass er sagt, was er denkt und meint, was er sagt. Die eine Herangehensweise an Begegnungen und Beziehungen ist, jedem neuen Menschen zunächst so offen zu begegnen, wie es geht und einen Vertrauensvorschuss zu schenken.

Das findet die Gegenseite heillos naiv und ist betont vorsichtig bis misstrauisch. Wer weiß, ob der andere nicht etwas im Schilde führt? Lieber erst mal nicht vertrauen. Vertrauen, muss man sich verdienen, man bekommt es nicht geschenkt, wenigstens nicht von Vertretern dieser Gruppe. Solange beides nicht überdreht wird, ist dagegen nicht einzuwenden, aber manchmal wird der Bogen eben überspannt. Die gute Laune Fraktion wischt dann alle Zweifel, die man irgendwann mal bekommen sollte vom Tisch, Hauptsache die Party geht weiter und irgendwie haben wir uns doch sowieso alle lieb. Der notorisch Misstrauische hingegen, lässt Zweifel an seinen Zweifeln gar nicht erst aufkommen, was auch immer der andere tut, macht er aus taktischem Kalkül. Warum sollte man nett sein, außer wenn man sich dadurch einen Vorteil verspricht?

Den Psychologen kann man es offenbar nie Recht machen und tatsächlich muss die Psychologie sich öfter mal den Vorwurf gefallen lassen, dass ihre Pathologisierungen ja das eigentliche Übel seien. Man erklärt einfach einige Verhaltensweisen als problematisch, anormal oder krank und dadurch stigmatisiert man die Menschen, die unter den Normierungen und Kategorisierungen viel mehr leiden, als unter ihren Symptomen. Aus das, so heißt es, ist eine Machtproblematik. Eine Kritik, die man ernst nehmen muss und die auch ernst genommen wird. So gilt es abzuwägen, doch ganz so sinnlos und willkürlich sind die Diagnosen nicht. Wer hier schon länger liest, wird bei obigen Beschreibungen des notorisch gut Gelaunten, für den es keine Probleme geben darf und seines miesepetrigen Pendants den narzisstischen und paranoiden Pol der Persönlichkeit wiedererkannt haben. Was daran auch über die Lust an der Diagnose schief ist, zeigt eine Erweiterung des Blicks.

Gerade am paranoiden Pol kann man die Problematik dieser Denkweise aber auch philosopisch aufzeigen: Wer sagt, dass er dem anderen prinzipiell nicht glaubt, muss sich fragen lassen, aus welchem Grund man ihm selbst denn glauben sollte und warum man nicht mit dem gleichen Vorbehalt auch ihm misstrauen sollte. Wenn man wirklich jedem misstrauen sollte, dann auch dem, der das generelle Misstrauen empfiehlt und wenn man das ernst nimmt, sollte man der Empfehlung gerade nicht folgen. Philosophisch ist das ein Selbstwiderspruch und damit erledigt.

Psychologisch ist diese paranoide Position eine anstrengende Welt, in der man dem anderen nicht mal glaubt, dass er einem die Uhrzeit ohne doppelten Boden und geheime Absichten sagt.

Eine weitere, etwas abgeschwächte und depressiv eingefärbte Idee ist die, dass man nicht enttäuscht werden kann, wenn man erst mal vom schlimmsten Fall ausgeht. Das klingt auch erst mal logisch. Wer hoch fliegt, kann tief fallen, allerdings wird jemand, der seine Stimmung aus Angst vor Enttäuschung immer im Keller hält, auch die keine Glücksmomente haben. Abgerechnet wird zum Schluss und dann hat man sich wenigstens keinen Illusionen hingegeben, so lautet das Gegenargument, allerdings ist man missmutig bis depressiv durchs Leben geschritten. Da wird dann die Angst vor gelegentlichen Enttäuschungen gegen die eine große Enttäuschung eingetauscht, zu der das Leben dann wird. Schön ist das nicht. Soweit die Vorbemerkungen, doch das Thema war ja:

Macht und Wahrheit in der heutigen Zeit

Jemanden zu überzeugen heißt nicht, ihn zu besiegen. © istolehtetv under cc

Die Idee, dass alle Menschen, die nach Wissen, Wahrheit und Erkenntnis streben, dies nur vorgeben und eigentlich mit allem was sie sagen und tun eine strategische Absicht verbinden, zerplatzt philosophisch auf die gleiche Weise, die wir eben vorführten: Wenn jeder eine strategische Absicht hat und nie aufrichtig ist, warum sollte der, der diese These vertritt keine strategische Absicht damit verbinden? Warum sollte man ihm glauben und auf den Leim gehen?

Meistens wird so ein Konstrukt erweitert, mit der These, man selbst wolle ja aufklären, die Wahrheit ans Licht bringen und die anderen warnen. Aber wenn es einen gibt, der ernsthaft an Wahrheit und Aufklärung interessiert ist, dann ist die These, das alle immer nur an der Durchsetzung ihrer Macht und Interessen interessiert seien, hinfällig. Der Behauptende selbst zeigt ja, dass es auch anders geht. Eine konsequent misstrauische Einstellung, die allen Strategiespiele unterstellt, geht in letzter Konsequenz nie auf. Doch gleichzeitig offenbart das Misstrauen und das Unterstellen manipulativer Absichten auch einen Mangel. Menschen, die so gestrickt sind, können sich oft tatsächlich nicht vorstellen, dass es andere gibt, die kein Interesse daran haben, andere zu manipulieren und tatsächlich an Erkenntnis und Wahrheit um ihrer selbst willen interessiert sind. Weil sie es von sich selbst nicht kennen und das hängt sehr häufig damit zusammen, dass sie dies nie gelernt haben, das heißt, sie kommen häufig aus einem berechnenden bis manipulativen Umfeld. Was sie erzählen, ist ihre Lebenswirklichkeit, die sie verallgemeinern, auf, wenn sie das nicht wissen.

Man muss dem anderen vertrauen, dass er ein aufrichtiges Interesse daran hat, einen Sachverhalt zu klären, seine Sicht zu erläutern oder das Wissen vergrößern zu wollen, statt seine Mitmenschen in eine Richtung drängen zu wollen. Andernfalls kommt kein Dialog und keine symmetrische Beziehung zusammen, weil der mürrische Skeptiker ständig nur auf Fehler und Widersprüche des anderen wartet, dem er von vorn herein misstraut. Wenn er sich bislang nicht widersprochen hat, so ist das keine Grund sich zu beruhigen, sondern im Gegenteil, es zeigt nur, dass der andere rhetorisch geschickt und besonders gerissen ist. Denn dass er strategische Absichten hat, das steht bereits fest. Die Unkorrigierbarkeit der eigenen Thesen, ist aber kein Qualitätsmerkmal, sondern längst als Schwäche identifiziert. Eine Theorie muss prinzipiell falsifizierbar sein, das gehört heute zum kleinen 1×1 der Wissenschaftstheorie.

Der Philosophieprofessor Michael Hampe betont in der WDR 5 Sendung “Das philosophische Radio” den nächsten analogen Unterschied der zum Thema gehört:

Überwältigen und Überzeugen

Aus Sicht jener, die sich bei bei den Polen Macht und Wahrheit ganz bei der Macht angesiedelt haben, besteht zwischen Überzeugen und Überwältigen kein Unterschied. Die misstrauische Position sagt, dass jeder, der diskutiert, das nur tut um dem anderen seine Meinung trickreich aufzunötigen. Dass man selbst etwas gewinnt, wenn man überzeugt wurde, entgeht dem Misstrauischen völlig. Dabei ist es einfach. Wenn der Inhalt zweier Dosensuppen nachweislich identisch ist, die Marke A aber doppelt so viel kostet wie bei Marke B, wäre es in aller Regel nicht klug den doppelten Preis zu zahlen.

Dazu kommt: Wenn man jemandem nachweisen kann, dass er sich irrt, hat er am Ende etwas gewonnen, nämlich Einsicht. Überrumpelt fühlt sich nur, wer etwas (noch) nicht eingesehen hat, aber mit seinen Argumenten nicht weiter kommt. Die kurze narzisstische Kränkung, die oft damit einher geht, wenn man merkt, dass eine Position die man (vielleicht jahrelang) vertreten hat, unhaltbar ist, kann man ja respektieren, es tut etwas weh, dumm dazustehen, aber selten wird man mit Häme überschüttet, das Leben geht weiter und nach mehreren solcher Erfahrungen kehrt sich das Gefühl der Demütigung und Kränkung dann schließlich langsam in Freude und Dankbarkeit um. Wenn das der Fall ist, weiß man auch, dass es bei Diskursen nicht um Eitelkeiten und Rechthaberei geht, sondern um die Lust an der Erkenntnis. Man erfährt dann, was ein anderer Philosoph, Jürgen Habermas, als “den eigentümlich zwanglosen Zwang, des besseren Arguments” bezeichnet, wenn man hier ist, bereitet einem intellektuelle Unredlichkeit fast körperliche Schmerzen. Mit einer Einstellung die überall Manipulation im Spiel sieht, kann man sich das nicht vorstellen.

In unserer Zeit wird viel von Spaltungen geredet, zwischen Links und Rechts, Arm und Reich, den Geschlechtern, den Ethnien, quer durch Europa oder gar den Westen. Längs durch all diese Spaltungen, geht eine weitere, die zwischen Macht und Wahrheit.

Die eine Fraktion glaubt nicht an Wahrheit und Wahrhaftigkeit und wenn man das prinzipiell nicht glaubt, wird jede Beteuerung, man würde es doch ehrlich meinen, automatisch als strategischer Trick gedeutet, dem mit der scheinbar pfiffigen Frage: Cui bono? Wem nutzt es, wer hat was davon?, scheinbar der Wind aus den Segeln genommen wird. Es ist gewiss sinnvoll ab und zu zu schauen, wer eigentlich davon profitiert, wenn eine bestimmte Deutung geglaubt wird, das Problem ist nicht, dass dieser Punkt falsch wäre, sondern, dass er erstens, von vorn herein strategischen Nutzen unterstellt und zweitens, dass dieser eine Kniff oft der einzige ist, den man beherrscht. Es gibt weitere und wer nur einen Hammer als Werkzeug hat, der kommt weniger weit, als jemand, der über einen gut bestückten Werkzeugkasten verfügt und das gilt für das geistige Werkzeug genauso.

Philosophie und Psychologie

Philosophie und Psychologie gehen hier Hand in Hand und sind ungeheuer mächtige Werkzeuge. Die Philosophie ist kein komisch abgehobenes Gerede für ein paar Snobs, sondern ungeheuer radikal und gleichberechtigt, denn sie beginnt bei Null und hier hat man die Möglichkeit tatsächlich alles infrage zu stellen. Man muss buchstäblich überhaupt nichts glauben und die Schwierigkeit, die die Philosophie bereitet, liegt eher darin, dass sie uns herausfordert, wirklich mal alles zu zerstrümmern, was wir an angebilchem Wissen und Gewohnheiten mitbringen. Ein Beispiel von vielen ist Descartes, der diesen Zweifel zur Methode erhob, indem er sagte, dass es doch sein könne, dass all unsere Sinneseindrücke eine Täuschung sind.

Daraus resultieren Fragen, die wir uns vielleicht alle mal stellen (Lebe ich eigentlich oder träume ich nur zu leben?) und die immer wieder auch popularisiert werden, in der Frage, ob wir nicht alle in der Matrix, einer Computersimulation, als Gehirn in einem Tank leben könnten, aber auch, ob man unser Bewusstsein, samt Eindrücke des Körpers nicht auf einen Computer hochladen können. Das alles und mehr ist möglich in der Philosophie, man muss überhaupt nichts glauben, nur Belege vorlegen, das heißt, die Schlüsse, die man aus seiner Position zieht, müssen logisch stimmig, also widerspruchsfrei sein. Es zählt das Argument, nur das Argument und im Zweifelsfall das bessere.

Bei diesem Argumentieren unterlaufen einem immer wieder typische Fehler und weil das so ist, verfügt man in der Philosophie über eine Liste typischer Fehlschlüsse. Die Frage, wem etwas nutzt – Cui bono? –, ist bei Licht betrachtet ein Fehlschluss, da sie bereits unterstellt, dass es stets um Nutzen geht. Findet man dann jemanden, dem etwas nutzen könnte, ist dies manchmal ein guter Hinweis, aber streng genommen nichts wert, da man nur gefunden hat, was man bereits voraussetzte, philosophisch ist das eine petitio principii, die keinen Erkenntnisfortschritt bringt. Wer annimmt, dass überall betrogen wird, muss keine Beispiele aufführen, die zeigen, dass betrogen wird, sondern er muss prüfen, ob es auch Menschen gibt, die nicht jederzeit betrügen. Dazu muss man verstehen, dass es der kürzere Weg ist, eine Theorie zu stärken, in dem man zeigt, dass sie prinzipiell widerlegt oder falsifiziert werden kann, aber bislang eben noch nicht widerlegt wurde. Die Behauptung das alle Schwäne weiß sind, wird durch die Präsentation von 1000 weißen Schwänen nicht stärker, aber sie zerfällt mit dem ersten schwarzen Schwan.

Etwas sehr Ähnliches finden wir in der Psychologie. Ein Denken, das von einer bestimmten Voraussetzung ausgeht und sich diese immer wieder bestätigt, ist ein Vorurteil. Diese haben durchaus ihren Nutzen, nämlich den einer schneller Orientierung, aber eben auch Gefahren, die einer vorschnellen Beurteilung. Normalerweise hat man aber die Möglichkeit, mit dem zweiten Blick noch mal genauer hinzuschauen und die Denkdrüse richtig anzukurbeln, wenn es nötig erscheint. Vorurteile können sich dann bestätigen, aber auch widerlegt werden, meistens wird die Sicht einfach etwas differenzierter. Lässt sich jemand aber überhaupt nicht überzeugen und ist aus Prinzip misstrauisch und überzeugt, man wolle ihn bloß überwältigen, umerziehen oder sonst etwas, liegt der Verdacht nahe, dass man es mit jemanden aus der paranoiden Gruppe zu tun hat.

Anders als in der philosophischen Beweisführung, sucht die Psychologie nach Punkten, die mit psychischen Möglichkeiten oder ihrem Fehlen korrespondieren. Es wird gefragt, warum jemand eigentlich nicht in der Lage ist jemandem zu vertrauen? Nicht in der Lage ist, zu glauben, dass irgendwer, irgendwas ehrlich meint, aufrichtig macht und authentisch ist. In aller Regel geschieht dies dann, wenn jemand in einem Umfeld groß wird, in dem wechselseitges Misstrauen, Argwohn, Entwertungen, Häme und schroffe Asymmetrien dominieren, bei denen der Stärkere oder Mächtigere dem anderen immer wieder klar macht, dass er am längeren Hebel sitzt und der andere vollkommen unterlegen ist. Im Gegensatz zu einer ebenfalls asymmetrischen Machtverteilung, in der der Stärkere aber den Schwächeren beschützt und versorgt.

Wie soll jemand, der aus einer solchen Umgebung kommt, mit einem Mal den Schalter umlegen und zur Welt vertrauen fassen? Man hat es nicht anders kennen gelernt und es ist keinesfalls unvernünftig, anzunehmen, dass das, was man kennt, einfach der normale Modus ist, nach dem die Welt funktioniert, woher sollte man Alternativen auch kennen? Da diese Glaubenssätze auch noch tief ins Unbewusste abrutschen können und dort Schäden anrichten und eine weitere Entwicklung behindern, ist auch der gelegentliche Kontakt mit aufrichtigen Menschen nichts was grundsätzlich hilft. Das Misstrauen ist ja da und folglich wird noch das Verhalten des aufrichtigsten Menschen als manipulativ oder strategische behandelt, den wer so tut, als habe er nichts Böses vor, der ist dann eben nur jemand, der sich besonders raffiniert tarnt.

Auf diese Weise wird jede Begegnung zum Beweis, dass die Welt wirklich so funktioniert, wie man es denkt und die anderen mutieren zu blauäugigen Trotteln, die das einfach nicht kapieren wollen. Gutmütige, aber naive Schafe, im schlimmsten Fall allerdings Wölfe im Schafspelz. Da man auch andere findet, die diese Weltsicht teilen, spielt man sich in Echokammern den Ball gegenseitig zu und bestätigt sich und anderen das, was sich inzwischen zu einem Weltbild verdichtet hat. Manche hatten das Pech in einem solchen Klima aufzuwachsen, jedoch sind Massenregressionen der anderen Weg, zu einer solchen Einstellung zu gelangen, auch dann, wenn man an sich zu einer differenzierter Sicht in der Lage ist.

Psychologisch fällt auf, dass hier ein Mangel vorliegt. Einer, von dem man nichts wissen kann, weil man auch nicht weiß, wie man als jemand empfindet, der Lesen kann, wenn man selbst dazu nicht in der Lage ist. Was psychologisch fehlt, ist der Zugang zu einem bestimmten Empfinden, nämlich dem, dass es so etwas wie Aufrichtigkeit, Vertrauen, das Streben nach Wahrheit, Verzeihen, Reue und den Wunsch nach Wiedergutmachung tatsächlich gibt. Statistisch wird die Mehrzahl unserer Leser das bestätigen können, einfach weil sie selbst so empfinden, eine bestimmte Anzahl wird dies aber für einen weiteren Trick halten, weil sie das Gefühl von sich nicht kennen.

Philosophisch fällt auf, dass viele, die an die Dominanz der Macht glauben, aus dem Denken in Zirkelschlüssen nicht heraus kommen, in dem die eigenen Prämissen immer wieder bestätigt werden, ohne größeren Erkenntnisfortschritt. Man glaubt vielleicht noch daran, dass es eine Wahrheit hinter den Dingen gibt, aber typisch ist, dass man genau ein Thema identifiziert, was wichtig ist oder auf das alles hinaus läuft. Und die anderen haben dann das Interesse dieses Thema klein zu halten. Man kriegt die immer gleichen Zirkelschlüsse einfach nicht zu fassen und das kann auch Menschen betreffen, die sehr intelligent sind. Nicht der Verstand ist das Problem, es ist die Spaltung zwischen Verstand und Emotionen, von der man nichts weiß und die man nicht durch eine paar Rechenspiele kuriert bekommt.

Nachdem es Anfangs so aussah, dass die Vertreter der Machtfraktion im Vorteil waren, weil wir Menschen oft nicht so gut und uneigennützig sind, wie wir glauben und einige unserer Motive uns selbst nicht bewusst sind, hat der Wind nun gedreht und die Vertreter der Wahrheits-Fraktion scheinen Oberwasser zu haben. Doch wir müssen noch genauer hinschauen:

Fragwürdige Verkünder der Wahrheit

Zahnräder Falzmaschine

Wenn man die Wahrheit erkennt, offenbart sich ein großes, geniales System, denken einige. © valentin.d under cc

Macht und Wahrheit sind in der heutigen Zeit ein Thema, weil beide Bereiche nicht völlig getrennt sind und weil oft nicht zu erkennen ist, wer auf welcher Seite steht. Man kann also das, was bisher geschrieben wurde, so zusammenfassen: Ja, es gibt durchaus Menschen, die nach Macht streben und die daher stets strategisch vorgehen. Die Argwöhnischen liegen also nicht falsch. Auf der anderen Seite darf man sagen: Ja, es gibt durchaus Menschen, die nach Wahrheit und Erkenntnis streben und die authentisch sind und nicht strategisch vorgehen. Die Wohlmeinenden liegen ebenfalls richtig. Erschwerend kommt noch hinzu, dass beides in den meisten Menschen vorhanden ist. Wir können durchaus strategisch agieren und tun das auch immer wieder mal, wenn wir eine Wohnung mieten, einen Bewerbungsgespräch führen oder ein Date haben, stellen wir unsere besten Eigenschaften heraus. Wir kommen nicht zu spät, mit fettigen Haaren und rülpsen erst mal laut und besonders authentisch zu wirken, oder sollten uns dann zumindest nicht wundern, wenn wir nicht zum Favoritenkreis zählen. Aber die meisten von uns wissen, wann die Show zu Ende ist und Aufrichtigkeit gefragt ist. Wenn aus dem Date mehr wird und man dem anderen die Liebe gesteht. Wenn man sagt, dass man sich über einen bestimmten Punkt hinaus nicht verbiegt. Wenn etwas zur Frage der Ehre wird und man sich selbst noch im Spiegel anschauen können möchte. Oder einfach, wenn man privat unter engen Freunden oder im Kreis der Familie ist.

Aber eines ist auch klar: Wenn ich jemanden betrügen oder beeinflussen will, werde ich nicht sagen, dass ich ein Lügner und Manipulateur bin, sondern ich werde mir einen besonders seriösen Anstrich geben. Nicht alles, was sich als aufrichtige Suche nach der Wahrheit ausgibt, ist dies auch. Lügner kann man oft noch enttarnen, doch die besten Lügner sind jene, die ihre Irrtümer selbst glauben. Das ist dann zwar keine Lüge mehr, sondern echte Überzeugung, aber diese heißen Ideologen sind oft die besten Pferde im Stall, denn sie sind von ihrer Sache überzeugt.

Die Liebhaber von Fakten

Hier wird die Luft dünn und die Sache kompliziert. Die Liebhaber von Fakten glauben, die Lösung sei im Grunde ganz einfach. Man bleibt misstrauisch, vor allem dem gegenüber, was man für Gerede hält und interessiert sind einfach stur für die Fakten und Tatsachen, wie die Dinge eben sind. Alles überflüssige Interpretieren und Debattieren streicht man weg und bevorzugt Messbares und empirische Tatsachen. Das Ergebnis ist in aller Regel ein beinharter Szientismus, der all das, was die meisten Menschen im Leben wichtig und an ihm lebenswert finden wegstreicht oder auf physikalische (und manchmal biologische) Tatsachen zurückführen will. Nie ist das bisher gelungen was zu der neuen Ungewissheit geführt hat, die wir kürzlich besprachen.

Es ist ein philosophisch eher schlichtes Weltbild, das dieser Einstellung zugrunde liegt, aber Szientisten anerkennen Argumente in der Regel nicht, sondern halten sie für überflüssiges Gelaber und unterstellen den anderen dabei ebenfalls strategische Absichten und sich vor Fakten zu drücken. Dass Fakten allein gar nichts sagen, sondern immer interpretiert werden müssen, wird dabei verkannt. Aber auch zu dieser Einsicht muss man erst einmal gelangen. Wer sich für die Argumente interessiert, findet sie in Die wissenschaftlich-technische Revolution dargestellt.

Die Liebhaber guter Absichten

Nicht jeder meint es gut, nur weil er es behauptet und davon überzeugt ist. Oft ist es sogar so, dass diejenigen, die von sich glauben, dass sie im Besitz der Wahrheit sind, selbst beginnen, streategisch zu agieren, damit sie den anderen dahin bekommen, wo er hin soll. Leider ist genau das ein purer Ausdruck von Macht und so reicht es nicht aus, gute Absichten zu haben, denn auch so bleibt dies ein Instrument, an dem man einander – dann zwar wohlmeinend, aber eben dennoch – manipuliert, also in dem Fall liebevoll in die “richtige” Richtung schiebt.

Nur liegt ein Teil der Schwierigkeit nicht darin, dass man eben doch trickst und nicht mit offenen Karten spielt, sondern, dass der andere nicht immer in der Lage ist, alles zu erfassen und zu bedenken und nachzuvollziehen. Kindern erzählt man nicht immer alles, aber nicht, weil man sie belügen will, sondern, weil man meint – und das wohl zurecht – dass sie nicht alles erfassen können und ihr kindliches Halbwissen und ihre Art mit Informationen umzugehen, sie nur verwirrt. Man geht allerdings davon aus, dass sie das, was man ihnen vorenthält ein paar Jahre später verstehen können und werden.

Immer die Wahrheit zu sagen ist allerdings der Wunsch von Kontrollfreaks, die ein ausgesprochenes Machtspiel spielen und darauf versessen sind, alles vom anderen zu wissen, um gegebenenfalls zur rechen Zeit eingreifen zu können. Pure Machtphantasien. Also sollte man mit der Wahrheit doch zurückhaltender sein? Sie den Kindern und Narren vielleicht nicht zumuten, allen anderen aber doch? In gewisser Weise machen wir das bereits. Ein Problem von Macht und Wahrheit in der heutigen Zeit scheint weniger darin zu liegen, dass so schrecklich viel gelogen wird, sondern es ist einfach so gut wie alles auf dem Markt der Meinungen und Deutungen zu finden. Erstklassiges und übler Schrott, sowie alles dazwischen. Die eigenen Präferenzen bringen es mit sich, dass man genau das als gut und richtig ansieht, was die eigene Meinung stützt und heute findet wirklich jeder irgendwo seine Brüder und Schwestern im Geiste, die das alles ziemlich ähnlich sehen. Und eh man sich versieht, sitzt man wieder in einer Echokammer, die man für “die Welt” oder “das Volk” hält, während man von dem was andere meinen immer weniger versteht, der Feind wird nur noch als die Karikatur aus der eigenen Echokammer wahrgenommen und wenn man meint, genau zu wissen, was der vorhat, ist die Chance nur um so größer, dass man der eigenen projektiven Identifikation erlegen ist.

Gibt es also gute Lügen? Das kann man nicht sagen. Die Idee genau zu wissen, wem zu welcher Zeit was zuzumuten ist, hat so etwas Patriarchales. Der eine große Kenner weiß, wann der rechte Moment gekommen ist. Das muss nicht immer schlecht sein, aber in unserer Zeit gibt es keine Menschen mehr, die noch Einblick in das gesamte Weltwissen haben. Was es geben sollte, ist ein Recht auf Nichtwissen. Es muss kein Vorteil für das Leben sein, wenn man um eine schwere Erbkrankheit weiß. Wahrheit kann auch etwas Verletzendes haben, zumal eine Aussage wie: “Deine neue Frisur sieht unmöglich aus”, eine individuelle Meinung und keine verbindliche Wahrheit ist. Man kann fast alles auch anders sehen und für viele passiert dies in unserer Zeit geradezu verstörend oft.

Problematischer Pluralismus

Eine Kampflinie verläuft heute entlang des Pluralismus. Der Markt der Meinungen und Deutungsangebote ist übervoll, wie wir feststellten und wenn man zu kompliziert wird, wird man schnell weggeklickt. Die neuen Wahrheiten müssen griffig und bekömmlich sein, nichts, worüber man länger nachdenken muss. Der Renner ist immer noch alles auf genau eine Ursache zu reduzieren. Dies ist der Ansatz einiger Verschwörungstheorien, allerdings auch der Ansatz dessen, was die Verschwörungstheoretiker, so unterschiedlich sie im Einzelfall sein mögen, im gemeinsamen Hass verbindet: des Mainstream.

Weitere Teile desselben zeichnen sich dadurch aus, dass man eher simple Weltbilder befeuert, bei denen am Ende das Happy End oder die Auflösung kommt, entweder alle haben sich wieder lieb oder der kluge Experte erklärt, wie das alles wirklich ist. Am Ende gibt es immer genau eine Lösung die richtig ist, so meint man. Mehr und mehr dämmert uns, dass die Wahrheit wohl viel komplexer ist, mindestens dadurch, dass sie sich uns nicht offenbart.

Das Problem an der Sache ist nur: Viele Ursachen zu haben, bringt einen oft auch nicht weiter, denn nun muss man diese gewichten. Was macht uns Menschen denn nun zu dem, was wir sind? Früher hieß es Gene oder Erziehung und es hat sich eingebürgert an eine 80 : 20 Verteilung zugunsten der Gene zu glauben. Heute weiß man, dass die Zahlen nicht stimmen, alles vieles komplexer ist, man Natur und Kultur nicht wirklich trennen kann, dass zur Kultur die bunte Mischung aus Eltern, Peergroup, Medien und Zeitgeist gehören; Bewusstes, Halbbewusstes und Unbewusstes, dass die geographische und klimatische Region ihre Einflüsse hat und dann kommen noch eine Überzeugungen, Reflexionen und Diskussionen dazu, zudem ist biologisch nicht gleich genetisch und so weiter. Kurz: alles hat irgendwie einen Einfluss, nur wie viel im Einzelfall kann man nicht sagen. Das bringt uns allenfalls der Wahrheit näher, dass wir über die Wahrheit nicht all zu viel wissen.

Etwas anderes meint der gesellschaftliche Pluralismus, der propagiert, dass eine Vielfalt der Lebensformen eine Bereicherung ist und der kulturellen Eingleisigkeit vorzuziehen sei. Eine Sichtweise, die über Jahre ein stilles Dogma war, nach der Migration der Jahre 2014 und 2015 aber stark ins Gerede gekommen ist, wobei ein immer breiterer Teil des Gesellschaft sich von den sie vertretenden Volksparteien abgewendet hat, von denen die SPD den Namen bereits nicht mehr verdient und die CDU hart an der Grenze entlang schrappt. Ein starkes Anwachsen der Grünen signalisiert einen gewissen Gegentrend, der zeigt, dass man mit den Volksparteien unzufrieden ist, mit dem Rechtsruck aber ebenfalls.

Die Grünen haben sich den Pluralismus vielleicht am stärksten auf die Fahnen geschrieben, der hat jedoch das Problem etwas überrumpelnd zu sein. Aus der Vielheit der Stimmen werden nämlich all jene ausgeschlossen, denen das Bunte inzwischen zu bunt geworden ist. Auch hier ist man oft bemüht neue Fakten zu schaffen, in dem Ruf, man müssen die Realität anerkennen, wie sie heute eben ist. Diese Realität ist aber nicht schicksalhat über uns gekommen, sondern zum Teil so gemacht worden und das größte Problem hat folgende Haltung:

Pluralismus der Werte

Rakete startet in den Nachthimmel

Technische Neuerungen haben Macht- und Wahrheitsaspekte. © Steve Jurvetson under cc

Wenn man mit anderen zusammen leben will, muss sich auf gemeinsame Spielregeln einigen. Ein häufiger Widerspruch der Pluralisten besteht darin, dass sie in den eigenen Kreisen oft verachten und bekämpfen, was sie zugleich in fremden Kreisen als bunt und interessant bewerten. Ein weiteres Problem und vielleicht das größere ist, wie man es rechtfertigen möchte, dass man sich auf bestimmte universelle Werte einigen soll, wenn der Pluralismus sich dafür stark macht, jede Sichtweise zu würdigen, also auch all jene, die mit einem Universalismus der Werte nun überhaupt nichts anfangen können.

Dazu kommt, dass dieser Pluralismus oft flach interpretiert wird, was zu der Auffassung führt, dass irgendwie jeder recht hat, was zu einer regelrechten Erosion der Werte führt, die in einem Werterelativismus anfängt, schnell in einen Wertenihilismus einmündet und dann letztlich das Prinzip Narzissmus befeuert. Da sitzt man dann in der Falle und das heißt, in der Welt jener, für die das menschliche Zusammenleben etwas rein instrumentelles geworden ist. Instrumentelles Denken und strategische Absichten haben in vielen Lebensbereichen aber bereits um sich gegriffen. Es geht immer mehr um den guten Auftritt und die beste Performance oder darum, aus allem den maximalen Vorteil zu ziehen.

Für Michael Hampe beginnt all das bereits in den Schulen, aber nicht in konkreten Unterrichtsinhalten, sondern in der Deutung dessen, was Schulen bewirken sollen: Schule soll heute oft Bildung vermitteln, damit man fit für den Markt und seine Anforderungen gemacht wird, die Konkurrenz schläft nicht. Die Konkurrenz, das sind bereits die anderen Schüler in der Klasse. Das ist, laut Hampe, eine strategische Interpretation von Bildung, die sagt, man müsse gut sein, damit man studieren kann, damit man später einen gut dotierten und möglichst einflussreichen Posten bekommt. Dann geht es nicht mehr darum Individuen hervorzubringen, die sich mit besseren Argumenten wechselseitig überzeugen können, sondern man ist bereits auf Konkurrenz gedrillt und macht mit 13 Praktika in den Ferien, um mit Blick auf die Karriere im Vorteil zu sein. Macht sich gut im Lebenslauf.

Erneut werden einige sagen, dass es doch genauso bereits Realität ist und dass man eben möchte, dass das eigene Kind keine Nachteile hat und so dreht jeder etwas weiter an der Schraube, irgendwie Täter und Opfer in einem.

Macht und Wahrheit in der Politik

Politik ist eine der Ausdrucksformen von Macht und ist vermutlich von einem gewissen Grad an immer an Macht gebunden, da hier per def die Interessen des Landes zu mehren sind. Dies muss nicht zwingend gegen andere Staaten geschehen, sondern kann in Kooperation mit diesen passieren, aber ein Rest von Vorteilsnahme kann man auf internationaler Ebene nicht überwinden, das liegt in der Natur der Sache. Nach innen kann ein Staat jeodch ermöglichen, dass seine Bürger über rein instrumentelle und strategische Beziehungen, in denen man schaut, wer wem von Nutzen sein kann, hinaus wächst. In Familien, Partnerschaften und engen Freundschaften, ist das der Fall, es sollte zumindest so sein.

In regressiven politischen Bewegungen, die im Moment überall stark vertreten sind, leugnet man nicht, dass es notwendig ist zu lügen und man das auch tut, man leugnet nur, dass es irgendwo so etwas wie Wahrheit oder Aufrichtigkeit gibt. Wenn man das glaubt und Überzeugen zu einem Überwältigen geworden ist – und wer will sich schon gerne überwältigen lassen? – dann ist man der Meinung, dass alles nur mit Gewalt zu lösen ist und auch das Gespräch nur ein Akt der Gewalt ist, der Offenheit suggeriert, aber überrumpeln will.

Das wird dann irgendwann zu einem gefährlichen Ritt, bei dem das Pferd auf dem man reitet dann schon mal mit einem durchgehen kann. Man hat sein Klientel dann auch zu bedienen und wer schwächelt, riskiert schneller als er oder sie gucken kann, selbst unter die Räder zu kommen. Wer das erkennt und nicht will, muss seine Reihen geschlossen halten und wenn man selbst schon eine monothematische Randgruppe ist, muss man die eigenen Extremisten bedienen.

Jeder für sich und für alle

Es gibt keine absolute Wahrheit, zumindest gibt es nicht genügend Menschen, die sie bezeugen können. Vielleicht stimmt die Sicht einiger Erleuchteter, aber um das einschätzen zu können, muss man einige Erfahrungen in diesen Regionen gemacht haben, die so stark waren, dass sie zu einer subjektiv sehr starken Überzeugung auf dem Boden eigener Erfahrungen geworden sind.

Aber nicht alles zu wissen, heißt nicht, gar nichts zu wissen. Wir können sehr vieles selbst prüfen und erkennen, auch wenn wir nicht sagen können, ob es Gott gibt oder ob die Struktur des Universums reine Mathematik ist. Einen absoluten Erkenntnispessimismus, den immer wieder mal einige Menschen vertreten, kann man mit der philosophischen Denkfigur, die wir nun schon zwei mal eingeübt haben, auch hier widerlegen:

Wenn der Mensch nun zu keinerlei Erkenntnis oder Wahrheit fähig ist, ist diese Aussage dann selbst eigentlich eine Erkenntnis, die Wahrheit beansprucht? Wenn ja, dann widerlegt sie die eigene Prämisse, denn dann ist dies eine wahre Erkenntnis und damit gibt es solche. Wenn es aber keine Erkenntnis ist mit der man Wahrheit beansprucht, dann könnte auch ihr Gegenteil wahr sein und man braucht sie nicht ernst zu nehmen. Man tritt also keinesfalls auf der Stelle, wenn man bei dem Thema vorwärts schreiten will.

Wir stehen an der Grenze und jeder kann was tun. Man braucht nicht einmal die Mehrheit, denn ein großer Teil der Mehrheit richtet sich nach dem, was die meisten glauben. Manche sagen, man müsse die 20 oder 30 Prozent der kulturell Kreativen auf seine Seite bekommen. Angesichts der maximalen Hysterie mit denen viele Themen in der letzten Zeit behandelt wurden, ist es bereits ein Gewinn, wenn man die Emotionen ein wenig raus nimmt. So ganz ziehen die immer ähnlichen Empörungen auch längst nicht mehr bei jedem.

In welche Richtung die Waagschale von Macht und Wahrheit in der heutigen Zeit sich neigt, ist weniger als zuweilen geglaubt wird eine Frage von politischer Einflussnahme, sondern auch eine des Bewussstseins und seiner Entwicklung in jedem von uns. Die einen können nachempfinden, dass es ein aufrichtiges Streben nach Wahrheit und Erkenntnis gibt, mit all der Leidenschaft, die dazu gehören kann. Sie können nachempfinden, dass man ein echtes Interesse am Austausch mit anderen Menschen haben kann, für andere ist das etwas, was sie nie erfahren haben. Diese Menschen brauchen vielleicht die Hilfe von Spezialisten, aber den regressiven Trend der breiteren Masse kann jeder ein wenig stoppen. Indem man cool bleibt, weiter macht und nicht auf die Idee hereinfällt, dass es wieder mal um den Endkampf von Gut gegen Böse geht. Es geht auf der intellektuellen Ebene um das Dämmern der Gewissheit, dass die Nummer mit den Wahrheiten im philosophischen Sinne tatsächlich schwer bis aussichtslos ist (im Rahmen unseres gegenwärtigen Weltbildes), dies aber gleichzeitig nicht heißt, dass wir nicht im Alltag genügend Gewissheiten haben können, die für die Bewältigung normaler Leben reichen. Es geht darum, klar zu machen, dass es Aufrichtigkeit, intellektuelle Redlichkeit, ein offenes Interesse und eine gesunde Neugier auf das Leben wirklich gibt. Am besten vermittelt man das, wenn man es von sich selbst kennt. Wenn die Argwöhnischen das Ruder übernehmen, so wird das kein Spaß.

Quellen