Die Wissenschaft des Gehirns

Nervenzellen des Geruchs

Die Darstellungen von Nervenzellen sind kleine, faszinierende Kunstwerke. © NICHD under cc

Noch einmal 30 Jahre später, um das Jahr 2000, war es dann endlich soweit. Die Neurobiologie verfügte inzwischen, mit ihren immer besser werdenden fMRTs über potente Geräte, die dem Gehirn in Echtzeit bei der Arbeit zuschauen konnten. Das führte zu einer Datenflut und einem ungeheuren Neurohype zu Beginn des neuen Jahrtausends, der in der Frage gipfelte, ob der Mensch einen freien Willen besitzt oder nicht. Aber die Diskussion führte uns zentral auch zu jenen Fragen zurück, die auf den ersten Blick schon beantwortet schienen, allerdings ohne es wirklich zu sein. Zum Beispiel der Frage, in welchem Verhältnis neuronale Aktivität (des Gehirns) zum Denken steht. Man setzte bei der Interpretation der Bilder einfach voraus, dass neuronale Aktivität das Denken ist.

Doch was genau sagt die Durchblutungssituation einer Region im Gehirn nun über das Denken aus? Man meinte eine Zeit lang bestimmte Regionen des Gehirns, die Areale bestimmten Aktivitäten zuordnen zu können. Hier sitzt die Sprache, da das Sehen oder dort die Eifersucht. Wenn in einer Region Aktivität ist, das heißt, wenn sie durchblutet wird, wird da dann gerade gedacht? Oder ist Neuroaktivität nur eine Voraussetzung für Denken? In der Tat ordnete man Areale des Denkens, Fühlens, der Bewegung, des Wollens, Hörens und so weiter zu.

Allerdings hat man inzwischen die Idee der Areale schon wieder aufgegeben. Zu einem gewissen Teil sind bestimmte Fähigkeiten, dieser oder jener Art zwar bestimmten Regionen zuzuordnen, aber wie die Literaturwissenschaftlerin Sri Hustvedt schreibt, die sich in die Forschungen intensiv eingearbeitet hat: „Es scheint spezialisierte Regionen im Gehirn zu geben, aber sie arbeiten nicht isoliert und sie sind nicht unveränderlich.“[2] Die Hirnareale arbeiten also nicht alleine, sondern zusammen und sie erfüllen mitunter auch Aufgaben der Nebenregion.

Selbst wenn man von der Formel Denken = Durchblutung ausginge, die rein gar nichts erklärt, sondern nur Beobachtungen korreliert, man hätte es fast immer mit mehreren Regionen zu tun, die zeitgleich stärker durchblutet sind. Denkt man an sich selbst, hat man es allein mit sieben oder acht verschiedenen Bereichen zu tun, die zeitgleich aktiv sind. In welchem Verhältnis sind diese nun aber gewichtet und was bedeutet das für das Denken? Wo sitzt überhaupt die Untergrenze des Denkens, wenn man die Formel Denken = Durchblutung unterstellt? Ab wann springt das Denken an, wie viel Durchblutung muss dafür da sein? Ist das bei allen Menschen gleich? All das und mehr ist vollkommen ungeklärt, es wirkt nur so sicher, weil wir scheinbar objektive Parameter haben, die bunten Bilder.

Wie ist man auf die Korrelationen zwischen Denken und Durchblutung eigentlich gekommen? Das ist durchaus nachvollziehbar: Wir sagen jemanden, er solle an eine Rose denken und schauen, was zur gleichen Zeit im Gehirn passiert. Oder wir zeigen Bilder einer Rose und schauen, was sich während dessen im Gehirn tut. Das ist immer ein Prozess, bei dem jemand etwas tut oder gezeigt bekommt, also bereits mit seiner Umwelt interagiert. Ein häufiger Fehler liegt nun darin, nachher so zu tun, also hab diese Interaktion nie stattgefunden und zu behaupten, all dies habe sich zu allen Zeiten nur im Hirn abgespielt. So kommt man auch 500 Jahre nach Descartes auf die sonderbare Idee, dass man, wenn man das Gehirn gut genug kennt, alles von einem Menschen kennt.

Aber werden Rosen denn überhaupt von allen Menschen: Rosenfreunden, Gärtnern, Parfümeuren, Allergikern gleich bewertet? Gibt es ein Rosenareal? Oder eher eine Region für Farbe, eine für die Form, eine weitere für den Duft und wieder eine für haptische Besonderheiten, wie die Stacheligkeit? Und was ist mit kulturellen Besonderheiten? Es gibt Kulturen, in denen man die Rose der Liebe zuordnet, aber in anderen ist sie ein Symbol für Schmerz oder Tod.

Und was mit der ganz privaten Geschichte, die der Einzelne mit Rosen verbindet, vielleicht mit der Rose, die man zum Heiratsantrag bekam oder jene, mit der man ein Herz zu erobern versuchte oder der, die man am Ende einer Krise in der Beziehung zur Versöhnung verschenkte? All diese Rosen werden sicher tiefe Spuren in den betreffenden Menschen hinterlassen haben und diese werden einmalig sein, weil die Erinnerung daran zwei ganz bestimmte Menschen und ihre Schnittpunkte auf dem Lebensweg verbindet, mit ihren ganz privaten Interpretationen ihrer Beziehung. Wie sollten die Bilder von Rosen da in allen Menschen dasselbe auslösen können, inklusive der gleichen Neuroaktivität?

Jürgen Habermas drückt es so aus:

„Der Reduktionismus, der alle mentalen Vorgänge deterministisch auf die wechselseitigen kausalen Einwirkungen zwischen Gehirn und Umwelt zurückführt und dem „Raum der Gründe“ oder, wie wir auch sagen könnten: der Ebene von Kultur und Gesellschaft, die Kraft zur Intervention bestreitet, scheint nicht weniger dogmatisch zu verfahren als der Idealismus, der in allen Naturprozessen auch die begründende Kraft des Geistes am Werke sieht. Der von unten ansetzende Monismus ist im Verfahren, aber nicht in seiner Konklusion wissenschaftlicher als der Monismus von oben.“[3]

Das ist eben der Punkt. Das auf seine neuronalen Verschaltungen zurückgeführte Individuum verliert seine Geschichte, denn auch der noch so genaue neuronale Blick, mag zeigen, dass ich zur Rose ein bestimmtes Gesicht oder ein bestimmtes Gefühl assoziiere, aber ich brauche genau den beteiligten Menschen, um mir erklären zu lassen, was es mit diesem Gesicht, im Zusammenhang mit der Rose und jenem Gefühl auf sich hat. Ist es das Gesicht der ersten Liebe oder ist es jemand, der sich bedankt hat, weil man ihm mal aus einer Not geholfen habe, oder ist es mein Florist? Ein Bild der aktuellen Hirnaktivität gibt uns darüber keinen Aufschluss. Aus der Momentaufnahme, kann ich keine Geschichte rekonstruieren. Ein Hirnscan ist wie ein Foto oder ein Kurzvideo. Ich sehe darauf jemanden, vielleicht lachend zusammen mit anderen, daraus kann ich ablesen, dass diese Menschen, in diesem Augenblick zusammen Spaß hatten, aber wer das ist, was diese Menschen verbindet, was für eine Situation das damals gerade war – eine zufällige Urlaubsbekanntschaft für genau einen netten Abend; eine langjährige Freundschaft, die diese Menschen schon lange verbindet – all das kann eine Kurzsequenz nicht aufklären, die Beteiligten schon.

Und genereller lässt sich das, was wir mit unserer machen Sprache können, nämlich eine Geschichte rekonstruieren, mit dem Hirnscan nicht leisten. Wieder Habermas:

„Gedanken, die wir im mentalistischen Vokabular ausdrücken können, lassen sich nicht ohne semantischen Rest in ein empiristisches, auf Dinge und Ereignisse zugeschnittenes Vokabular übersetzen. Darin besteht die Crux jener Forschungstraditionen, die genau das leisten müssen, wenn sie ihr Ziel einer nach üblichen wissenschaftliche Standards verfahrenden Naturalisierung des Geistes sollen erreichen können. Gleichviel, ob es sich um einen Materialismus handelt, der intentionale Zustände oder propositionale Gehalte und Einstellungen auf physischen Zustände reduzieren möchte, oder um einen Funktionalismus, wonach elektrische Schaltkreise im Computer oder natürliche physiologische Zustände in der Hirnrinde die kausalen Rollen „realisieren“ sollen, die mentalen Vorgängen oder semantischen Gehalten zugeordnet werden – auf der grundbegriffliche Ebene scheitern diese Versuche einer Naturalisierung des Geistes an der erforderlichen Übersetzung.“[4]

Gehirn oder Geist?

Schlaganfälle oder bestimmte Tumore, könnte man jedoch argumentieren, beweisen die nicht, wie es um das Verhältnis von Gehirn und Geist letztlich bestellt ist? Ist in einer Hirnregion die Durchblutung unterbrochen oder eingeschränkt, kommt es zu ganz spezifischen Ausfallerscheinungen, die davon abhängen, welche Hirnregion(en) unterversorgt ist (sind). Man kann möglicherweise den einen Arm nicht mehr bewegen oder ein Bein, sieht die eine Hälfte der Dinge nicht und kann sich die fehlende Seite auch nicht vorstellen. Oder man hat subtilere Defekte, versteht den emotionalen Klang der Wörter, weiß aber nicht was die bedeuten oder man versteht die Bedeutung, aber die emotionale Färbung dabei nicht. Ziemlich eindeutige Beweise, so scheint es, für die Dominanz des Gehirns, über den Geist.

Wem das nicht reicht, der möge sich eben Hirnschrittmacher anschauen. Werden sie an die richtige Stelle gesetzt, so können sie die Bereiche elektrisch triggern, die ansonsten durch Botenstoffe chemoelektrisch gereizt wurden, bis die natürlichen Signale aus irgendeinem Grund versiegten. Ein weiterer Beweis. Leider funktionieren sie nicht immer so zuverlässig, wie erwünscht, doch da gibt es noch einen ganz anderen gravierenderen und philosophisch prinzipiellen Punkt. Wenn man jemandem einen Hirnschrittmacher einbaut, dann tut man so, als seien die materiellen Aspekte das, worauf es in Wirklichkeit ankommt und unterstellt zugleich, dass man den Geist im Grunde völlig ignorieren kann. Teilweise hat man damit Erfolg.

Doch kurioserweise hat man auch mit dem genauen Gegenteil Erfolg, beispielsweise bei Depressionen. So schreibt Siri Hustvedt:

„Eine gängige und wirksame Behandlungsweise von Depression ist die Kognitive Verhaltenstherapie, kurz KVT. In vielen Fachaufsätzen, Vorträgen und auch Werbeanzeigen formulieren KVT-Befürworter eine Variante der folgenden Aussage: „negative Selbstbilder sind dysfunktional und haben Auswirkungen auf Stimmungen, Selbstbild, Verhalten und sogar körperliche Befindlichkeit eines Menschen“. Indem negative Bewusstseinsinhalte in positive verwandelt werden, können Betroffene sich „besser“ denken, so die Grundannahme in der KVT. Bei diesem Ansatz werden „Gedanken“ – das, was ein Patient bewusst denkt – von seinem körperlichen Zustand getrennt. Die Gedanken wirken auf den Körper zurück. In der KVT werden Gedanken somit als etwas vom Körper Verschiedenes betrachtet, das ihn aber auf rätselhafte Weise manipulieren kann. Dies ist ein philosophisches Problem, denn die Gedanken scheinen immateriell zu sein, aus Nichts zu bestehen.“[5]

Gleich wie man sich entscheidet, ob nun der materiellen Körper den Geist beherrscht, oder umgekehrt, die ursprüngliche Problematik löst sich nicht auf und das geht auch nicht so leicht. Denn:

„Wie Probleme im Kontext von Depression und ihrer Behandlung gelöst werden, hängt von der jeweils zugrundeliegenden Theorie des Geistes ab. KVT übernimmt den kartesianischen Dualismus, aber mit seinen Rästseln wollen sich ihrer Vertreter nicht befassen. Viele Studien belegen die Wirksamkeit der KVT bei Depressionen. Dass eine Methode anschlägt, bedeutet aber noch nicht, dass sie aus den Gründen, die ihrer Verfechter anführen, funktioniert.“[6]

Aber seien wir ehrlich: Regiert nicht klar und eindeutig das Gehirn über den Geist? Wir wissen vielleicht noch nicht wie Rückkopplungseffekte genau funktionieren, aber wir wissen, dass es sie gibt und jeder, der sich dem Lager der Materialisten zurechnet, befindet sich auf der Seite der Vernunft, während die andere Seite doch eher obskur wirkt, oder?

Doch wie steuert der Körper den Geist, wenn die dafür nötigen Regionen bereits ge- oder zerstört sind? In dem Film Das Geheimnis der Heilung stellt Joachim Faulstich einen Schlaganfallpatienten vor, den es schlimm erwischt hat. Ein an sich sehr intelligenter Mensch wurde durch den Schlaganfall bei halbseitiger Lähmung auf das geistige Niveau eines kleinen Kindes reduziert und da es für Schlaganfälle bestimmte Zeitfenster (von einigen Stunden) gibt, in denen die Heilung in aller Regel sehr gut möglich ist, diese Zeit aber längst überschritten war, gab es für den Mann wenig Hoffnung. Durch die Kraft der Imagination und mit der Hilfe einer Therapeutin schaffte der Patient, was niemand mehr für möglich hielt, indem er nur im Geiste die fehlende linke Körperseite reaktivierte.

Er konnte sich, wie viele Schlagfanfallpatienten, die eine Seite des Körpers nicht vorstellen und wenn er ein Zimmer imaginieren sollte, bestand dieses Zimmer nur aus einer rechten Hälfte, die linke war leer. Geduldig fing die Therapeutin nun an mit dem Patienten die linke Seite des Zimmers zurück zu erobern, indem sie ihn aufforderte, sie neu einzurichten, erst mit einem einzelnen Bild, dann nach und nach immer mit immer mehr Einzelheiten, am Ende war das Zimmer wieder ein Ganzes und im Zuge dessen gewann der Patient, wider alle Erwartungen, seine kognitive Leistungsfähigkeit zurück auch und die körperlichen Einschränkungen vergingen sehr weitgehend, was angesichts des Gewebeuntergangs, den man nach einigen Stunden Sauerstoffmangel annehmen muss, kaum möglich ist. Auch hier dominierte der Geist den Körper, was aber, trotz der eindrucksvollen Heilung philosophisch unbefriedigend bleibt, da wir nicht wissen, wie so etwas sein kann. Die Ungewissheit verfolgt uns auf Schritt und Tritt.

Das Problem des Dualismus ist und bleibt, dass vollkommen unklar ist, wie etwas an sich Immaterielles auf Materie einwirken kann, gleichzeitig ist ebenso unklar, wie Materie auf den Geist einwirken soll, beide hält das aber augenscheinlich nicht davon ab, fröhlich zu interagieren. Der Gegenspieler zum Dualismus ist der von Habermas angesprochene Monismus. Monismus bedeutet schlicht und einfach, dass es nicht zwei getrennte Substanzen gibt, sondern nur eine und da wir zwei zur Auswahl haben, können wir uns nun entscheiden, ob wir der Meinung sind, alles sei in Wahrheit nur Materie oder alles sei nur Geist.

Die letzte Idee scheint uns intuitiv absurd zu sein, wir sollten uns jedoch erinnern, dass es der konsequente Materialismus ist, der uns zu dieser Intuition nötigt, der erst seit wenigen hundert Jahren dominiert. Das dann allerdings, wenn wir uns kurz schütteln und die Kuriositäten mal beiseite lassen, aus gutem Grund. Zu überzeugend scheinen die Beweise zu sein, die uns zeigen, dass alles Materie ist und wie wäre eine Welt aus Geist auch überhaupt zu denken, schließlich können wir den Tisch, den Stuhl und die Wand anfassen und die verschwinden auch nicht, wenn wir sie uns wegwünschen. Denn wegwünschen, seien wir ehrlich, können wir uns eigentlich gar nichts, auch wenn wir es noch so gerne hätten. Wobei wir schon zwei Gegenbeispiele hörten, auch wenn da weniger der Wunsch der Vater des Gedankens war, als vielmehr Arbeit. Die fehlende Hälfte des inneren Zimmers des Schlaganfallpatienten musste aktiv eingerichtet werde und auch Depressionen verschwinden nicht einfach dadurch, dass man es sich wünscht, die Lebensbilanz muss dazu neu und anders gezogen werden.