Weltbild oder Pathologie?

Mann leuchtet mit  Lampe in den Nachthimmel

Die Weite der Aussicht auf einem Berg, ein Symbol für Freiheit und Ungebundenheit. © Justin MacLochlainn under cc

Ein Weltbild kann mitunter in uns so mächtig werden, weil es ganz unserer inneren Einstellung entspricht. Das fühlt sich gut und vitalisierend an, ist aber nicht ohne Gefahr, denn manchmal gelingt es zwar, einer unruhigen Seele durch Gebote und Verbote eine innere Festigkeit zu geben, die durch das weitere Leben trägt, manchmal ist die Pathologie eines Menschen allerdings so ausgeprägt, dass man den angeblich höheren guten Zweck, wie Religion, das Beseitigen sozialer Missstände, ein Engagement für Tiere und Umwelt gerne für sich instrumentalisiert und seine manchmal pathologische und kriminelle Gesinnung durch den höheren Sinn legitimiert fühlt. Das sieht man vor allem dann, wenn Menschen ihr favorisiertes Thema als das wichtigste überhaupt ansehen, den alles andere unterzuordnen ist und dem sich die anderen zu beugen haben. Man kann ein Thema auch sehr wichtig finden und akzeptieren, dass dennoch für andere Menschen etwas anderes höhere Prioritären hat.

Den Zusammenhang zwischen Freiheit und Schicksal sieht man auch daran, das es eine Korrelation von Krankheitsbildern und gesellschaftspolitischen Einstellungen gibt:

“In Übereinstimmung mit Green vertrat ich die Ansicht, dass die Unfähigkeit, sich einem Wertesystem verpflichtet zu fühlen, das über Grenzen selbstsüchtiger Bedürfnisse hinausgeht, gewöhnlich eine schwere narzisstische Psychopathologie widerspiegelt. Die Verpflichtung gegenüber einer Ideologie, die sadistische Perfektionsansprüche stellt und primitive Aggression oder durch konventionelle Naivität geprägte Werturteile toleriert, gibt ein unreifes Ich-Ideal und die mangelnde Integration eines reifen Über-Ichs zu erkennen. Die Identifizierung mit einer “messianischen” Ideologie und die Akzeptanz gesellschaftlicher Klischees und Banalitäten entspricht daher einer narzisstischen und Borderline-Psychopathologie. Dem gegenüber steht die Identifizierung mit differenzierten, offenen, nicht totalistischen Ideologien, die individuelle Unterschiede, Autonomie und Privatheit respektieren und Sexualität tolerieren, während sie einer Kollusion mit der Äußerung primitiver Aggression Widerstand leisten – all diese Eigenschaften, die das Wertesystem eines reifen Ich-Ideals charakterisieren. Eine Ideologie, welche die individuellen Unterschiede und die Vielschichtigkeit menschlicher Beziehungen respektiert und Raum für eine reife Einstellung zur Sexualität läßt, wird den Personen mit einem höher entwickelten Ich-Ideal attraktiv erscheinen. Kurz, Adorno, Green und ich stimmen darin überein, dass Ich- und Über-Ich-Aspekte der Persönlichkeit das Individuum zu übergroßer Abhängigkeit von konventionellen Werten prädisponieren. Es ist berechtigt zu sagen, dass der spezifische Inhalt des Konventionellen durch soziale, politische und ökonomische Faktoren beeinflusst wird: Die Universalität der Struktur der Konventionalität in der Massenkultur jedoch und ihre Attraktivität für die Massen sind nach wie vor erklärungsbedürftig.”[1]

Wir sind nicht unbedingt frei das Weltbild zu wählen, obwohl wir unsere Sympathien ja gemäß unserer Neigungen verteilten. Zudem legen uns unsere Pathologien fest, auch darauf, wie wir die Welt sehen und welche Gesellschaftsform wir unterstützen. Wie in dem Ich-Schwäche Artikel[link] näher ausgeführt, sind Menschen, die sehr selbstbewusst und unkonventionell erscheinen, dadurch nicht automatisch frei, in einigen Fällen deutet ein solches notorisch provozierendes Verhalten darauf hin, dass man Schwierigkeiten damit hat irgendwelche Normen zu erfüllen, wie oben zitiert.

Unser Weltbild ist also die Nahtstelle von Außen und Innen, von Freiheit und Schicksal. Wir sind sowohl durch die äußeren Bewertungen, wie auch durch die inneren Selbstansprüche festgelegt auf unsere Einstellungen, die nun mal so sind, wie sie sind und die wir auch nicht taktisch verändern können. Wir können möglicherweise gut schauspielern, aber tief in uns wissen wir, wovon wir tatsächlich überzeugt sind und was weniger plausibel erscheint.

Wir hängen also in dem, wovon wir überzeugt sind in gewisser Weise fest. Wenn wir glauben, dass die Welt nur aus Menschen besteht, die einander zwar nette Dinge sagen, aber ansonsten bestrebt sind, sich gegenseitig übers Ohr zu hauen, legt uns diese Überzeugung fest und wir werden misstrauisch durchs Leben gehen[link], weil wir nicht selten davon überzeugt sind, dass die Art wie wir die Dinge sehen und die Welt bewerten ziemlich genau den Maßstäben entspricht, die die anderen auch anlegen. Darum ist die Erkenntnis, dass andere tatsächlich anders sind, nichts was man beiläufig abhaken sollte, sondern eher eine Erlösung von den eigenen Projektionen. Dazu sofort mehr. Freiheit und Schicksal, wieder eng miteinander verwoben.

Mehr Freiheit

Das Gleichgewicht zwischen Krankheit kann man dann mehr auf die Seite der Freiheit legen, wenn man seine eigenen Überzeugungen ein Stück weit ändern kann und erkennt, dass andere nicht unbedingt so denken, fühlen und durch das motiviert sind, wie man selbst. Beides hängt oft eng zusammen, denn häufig können wir uns kaum vorstellen, dass andere wirklich anders sind, als wir selbst. Ein Klassiker in Paarkonflikten. Natürlich wissen wir, das wir anders sind als andere, aber gerade bei unseren nächsten Mitmenschen glauben wir oft, sie empfänden im Grunde dennoch wie wir und hätten dann Lust auf Sex, Faulenzen, Aktivität oder Diskussionen, wenn es uns da hin drängt.

So simpel das klingt, für manche ist die Erkenntnis ein Schock, weil damit für sie unglaublich viele Konsequenzen verbunden sind, wenn ihre Lebenspartnerin wirklich ein eigenständiger Mensch ist. Fragen, die bei diesen tendenziell ich-schwachen Menschen Träume von einer symbiotischen Einheit infrage stellen, denn das höchste Ideal einer solchen Sicht auf die Beziehung ist, den anderen so zu machen, wie man selbst schon ist. Dabei lebt eine Beziehung davon, dass der andere in vielem anders ist und man sich gerade damit auseinandersetzt und sich davon herausfordern lässt, dass man die Welt tatsächlich auch anders sehen kann. Aber es erklärt, warum Menschen mit einer Identitätsdiffusion, gar nicht wissen, wie ein anderer tickt. Sie gehen davon aus, dass er gar nicht anders ticken kann, als man selbst, also stellt sich die Frage gar nicht. Nur ist das eben eng und unfrei.

Klare und genau Normen und Regeln für alle, an die sich nach Möglichkeit jeder zu halten hat, klingt zwar nach einer engen und spießigen Version, aber der Gedanke ist nachvollziehbar. Wenn alle das gleiche denken und wollen, herrscht Frieden und alle ziehen an einem Strang. Aber eine Regel wendet sich nicht selbst an und schon die gleichen Regeln, werden verschieden interpretiert. Das gilt auch, für eine präzisierende Regel der Regel. Und spätestens bei der abermaligen Regel der Regel der Regel wird klar, die Nummer endet im Regress, aussichtslos.

Also muss der Interpretation mehr Raum gelassen werden und den anderen Menschen zugetraut, dass sie die Regeln nicht vollkommen desaströs und egozentrisch auslegen. Die scheinbare Paradoxie ist, dass, je mehr man anderen zutraut, man selbst umso freier wird. Schon weil man die anderen nicht mehr im Übermaß kontrollieren muss. Mehr Freiheit und komplexere Aufgaben kann man Menschen in dem Moment zumuten, wo sie innerlich hinreichend entwickelt sind, weil die dann von selbst Systeme unterstützen, die wiederum mehr Freiheit für andere ermöglichen. Aber Freiheit ist eben nicht Willkür, sondern in einem gewissen Grade immer Einsicht in die Notwendigkeit. Doch diese Notwendigkeit muss ihrerseits Raum für eine reife Individualität lassen. So schließt sich der Kreis, ohne, dass es zu Zirkelschlüssen kommt.

Quellen