Masse

Wir werden immer mehr.
Wir werden zunehmend regressiv. © James Cridland under cc

Von einer Zeitenwende kann man sprechen, wenn mehrere, gravierende Veränderungen in vielen Bereichen des Privatlebens, der Gesellschaft, der Technik und Kulturtechniken stattfinden. Das ist der Fall.

Anhand der sechs Bereiche Demographie, Technologie, Klimawandel, Wirtschaft, Eurozentrismus und Politik und ihrer vielfältigen Verästelungen, die auf andere Bereiche des Lebens zurückwirken, möchte ich zeigen, dass wir Zeugen einer Zeitenwende sind, die bereits in vollem Gange ist. Die Zeitenwende wird seit geraumer Zeit von immer mehr Menschen als Krise erlebt. In erster Linie aufgrund von vier Problemen:

  • Viele Diskussionen und Ansätze werden an der Gesellschaft vorbei geführt.
  • Es gibt häufig eine Fixierung auf Einzelbereiche, statt das Ganze zu sehen.
  • Scheinbar gegenläufige Entwicklungen werden nicht richtig erkannt.
  • Entwicklungen von heute werden unsachgemäß in die Zukunft projiziert.

Demographie

Demographie oder der demographische Wandel ist ein Baustein, den wir immer mal wieder besprochen haben, der manchen auch langweilig und überbekannt vorkommt, ohne dass man den Eindruck haben muss, dass das Thema in seiner Relevanz schon umfassend verstanden worden wäre. Der demographische Wandel hat erschreckend viele Gesichter und etliche davon betreffen uns ganz direkt, hier und heute schon.

Ein simples und aktuelles Beispiel ist die schleppende Sanierung von öffentlichen Gebäuden in Ostwestfalen-Lippe. Erst dachte man die Bürokratie sei zu langsam, doch die Genehmigungen, die man braucht, liegen alle schon vor, allein es fehlt an Handwerkern. Meister, aber auch qualifiziertes Fachpersonal ist nicht in Sicht. Ein regionaler Einzelfall? Nein, überall im Handwerk fehlt es an Nachwuchs, bis zu 250.000 Fachkräfte fehlen. Der Einzelfall einer Branche? Nein, in der Pflege, bei der Polizei, der Bundeswehr, aber auch bei Ingenieuren und Ärzten fehlt der Nachwuchs. Der Grund ist einfach, es fehlen Kinder. Das nicht erst seit gestern, sondern der Trend ist seit Beginn der 1990er zu beobachten und schon lange vorher zeichnete er sich ab. Sich dafür zu feiern, dass man wenig Arbeitslose hat, wenn es zugleich einen Mangel an Arbeitskräften gibt, ist eine eigenwillige Herangehensweise an das Thema.

Doch weniger Kinder bedeutet auch zugleich prozentual mehr ältere Menschen, mehr Rentner und eine sinkende Kreativität, Innovationsfähigkeit und -willigkeit einer Gesellschaft. Es bedeutet mehr Menschen, die gepflegt werden müssen, bei immer wenigeren, die bereit sind, das zu tun. Auch die Probleme in der Pflege sind keinesfalls nur auf diese Berufsgruppe beschränkt. Mehr Rentner, die immer länger leben, bedeuten aber auch mehr Rentenkosten und immer weniger Menschen, die einzahlen. Kein Problem, rechnet man uns gerne vor, es müssen nur alle produktiver werden und genug Geld verdienen, aber das berührt einen der oben angesprochenen Punkte: Entwicklungen von heute werden unsachgemäß in die Zukunft projiziert.

Während man das Thema Demographie recht gut abschätzen kann, weil auch eine plötzliche Geburtenschwemme, die nicht zu erwarten ist, weil Senioren selten Kinder bekommen, ihre Auswirkungen erst in 20 oder 25 Jahren hätte, wenn die Kinder zu arbeiten begännen. Schlecht abschätzen kann man hingegen die wirtschaftliche Entwicklung, da diese von zig Faktoren abhängt. Hier einfach linear das Heute in die Zukunft zu projizieren, ist eine besseres Ratespiel, sonst nichts.

Die andere Seite des Themas ist nicht minder brisant und heißt Youth Bulge oder in der abgeschwächten Variante weltweites Bevölkerungswachstum. Die Bevölkerung in Afrika soll bis zum Ende des Jahrhunderts von derzeit 1100 Millionen Menschen auf 4000 Millionen anwachsen. Tritt der Klimawandel so ein wie befürchtet, bedeutet das einen erheblichen Migrationsdruck auf die direkte Nachbarschaft, in dem Fall Europa. Wenn Fluchtursachen bekämpfen mehr als ein flotter Slogan sein soll, müssen wir uns klar machen, was dahinter steckt.

Technologie

Die große technologische Wende unserer Zeit ist die digitale Revolution. Wir alle kennen und erleben sie, Internet, Smartphones, Social Media. Veränderungen in wenigen Jahren, die so tiefgreifend sind, dass sie in jeden Lebensbereich hineinragen. Auch in die Arbeit und das Internet der Dinge, in dem nicht mehr nur Menschen miteinander kommunizieren, sondern auch technologische Gegenstände. Wie weit das geht und ob Kollege Robot, wie befürchtet (oder ersehnt), bald all unsere Arbeit verrichtet, bleibt abzuwarten. Automatisierungsprozesse gibt es schon seit Jahrzehnten, eine flächendeckende Digitalisierung braucht ein belastbares Breitbandnetz, also wird es das erst in Jahrzehnten geben, nicht zuletzt, weil Glasfaserkabel quer durch die Republik auch verlegt werden müssen, dafür fehlt es an Fachkräften und das kostet Zeit.

Überhaupt sieht es mit der Infrastruktur in Deutschland derzeit nicht rosig aus, die Brücken sind marode, die Reparaturarbeiten führen zu jahrelangen und nervtötenden ausgedehnten Staus, viele Straßen sehen aus, wie nach einem Krieg, kaputt und zerlöchert, statt zu reparieren senkt man die Geschwindigkeit um 20 km/h ab. Bei den Robots wird gerne mal vergessen, dass auch diese von irgendwem gebaut, gewartet und entsorgt werden müssen, dass das alles die Robots selbst machen setzt voraus, dass die erste flächendeckende Generation schon gebaut ist, offensichtlich sind nicht genug da um die offenen Stellen zu besetzen.

Ob sich die turmhohen Erwartungen tatsächlich erfüllen, wird man sehen, ob Roboter und künstliche Intelligenz die Menschen aus der Arbeit drängen auch, oft ergeben neue Berufsbereiche auch neue Jobs für Menschen. Gefahren gehen sicher von einer flächendeckenden Kontrolle unseres Verhaltens aus, das durch Algorithmen kontrolliert und gesteuert werden kann, oder es wird, wie in China, sozial erwünschtes Verhalten belohnt und unerwünschtes bestraft, den Chinesen scheint es zu gefallen. Ob diese Entwicklungen aber in Deutschland überhaupt ankommen, ist fraglich, da wir auch Pflegeroboter mit anderen Augen sehen, als die Japaner, die zur Technik eine andere Einstellung haben. Inwieweit wir uns zukünftig überwiegend durch virtuelle Welten bewegen, wird man auch sehen, viele Lebensbereiche sind bereits verändert worden, doch weite Teile der Welt werden immer analog stattfinden.

Verschlafen hat Deutschland die Energiewende. Man weiß im Grunde, wo die Reise hingehen wird und seit Jahren, dass ein Umstieg auf erneuerbare Energien sinnvoll und möglich ist, allein irgendwer scheint da kräftig auf der Bremse zu stehen. Würden diese es möglich machen, dass wir für Roboter, Computer, Klimaanlagen, Licht und so weiter unbegrenzt Energie zur Verfügung hätten, würde doch ein weiteres Problem auftauchen:

„Bei unermeßlicher Quelle … wird das Wärmeprodukt ihrer Verwendung über den ganzen Erdkreis hin ein potentiell kritischer Faktor: die in allen Stadien der Nutzung – mechanischer, chemischer, organischer – sich wiederholenden Wärmeabgabe an die Umgebung, bis zur animalischen Wärme der Milliarden Menschenleiber selber und ihrer tierischen Trabanten, und selbst noch die Gärungshitze ihrer verwesenden Kadaver. Es sollen aber, erinnern wir uns, reichlich mit Lebensgütern versehene Menschenmilliarden sein, also mit großen Maschinenpark pro Kopf – und dann noch (durch progressive Erschwerung der Abbaubedingungen in der ausgebeuteten Erdkruste) mit immer energiekostspieliger werdender, also mehr Abfuhrwärme zeugender Rohstoffgewinnung für dasselbe Endgut. Alle diese Maschinen- und Lebenswärme muss abgeführt werden, und dafür steht nur die irdische Umgebung, nicht das Weltall zur Verfügung. Bei genügender Überziehung der Erde mit stoffwechselnden Leibern und arbeitsleistenden Maschinen könnte somit dasselbe thermalglobale Ergebnis eintreten, das für den glücklich vermiedenen Treibhauseffekt beschrieben wurde.
Die Unmöglichkeit aber für jede Erfindungskunst, diese Kausalität zu umgehen, das heißt, das eine zu haben und das andere zu vermeiden, Exzess des Energieverbrauchs von den thermalen Folgen zu trennen, ist letztlich dasselbe, wie die Unmöglichkeit, ein Perpetuum mobile zu bauen: das unverbrüchliche Gesetz der Entropie, dass bei jeder Arbeitsleistung Energie „verloren“ geht, dass alle Energie zuletzt zu Wärme degeneriert, und dass Wärme sich zerstreut, das heißt mit der Umgebung einen Mittelwert ausgleicht. Hierin lässt die Thermodynamik nicht mit sich handeln.“[1]

Womit wir beim nächsten Thema wären.

Klimawandel

HIghtech Milchpumpen

Milch von glücklichen Kühen auf grünen Wiesen. © STS Schweizer Tierschutz under cc

Der Klimawandel ist ein seit Jahren ideologisch stark umkämpftes Thema. Weniger die Vernunft als die Gesinnung entscheidet darüber, wie man sich dem Thema nähert. Vom absoluten Alarmismus, bis zur rigiden Leugnung ist alles dabei, wie schlimm er werden wird, darüber erscheinen laufend neue Meinungen, neuerdings, passend zum Sommerwetter ist von einer neuen Heißzeit die Rede, die auch dann schon einsetzen soll, wenn die Klimaziele erreicht werden (eine Begrenzung der Klimaerwärmung auf 1,5 bis 2°), aber schon danach sieht es nicht aus. Durch eine Freisetzung von Methan, das derzeit in den Permafrostböden gebunden ist und noch stärkere Auswirkungen auf das Klima hat, als das Kohlendioxid könnte sich die Erwärmung dramatisch verselbstständigen und beschleunigen, mit Effekten, dass die Temperaturen sich von selbst drastischer erhöhen als gedacht, etwa um 4 – 6°C im statistischen Mittel, der Meeresspiegel würde etwa 60 Meter ansteigen.

Was dabei allerdings prekär ist, ist, dass die Botschaft eher den Skeptikern der Klimawandeltheorie in die Hände spielt, denn deren Argumente lauteten bislang, dass man nichts machen kann, das würde mit dem Heißzeit Ansatz bestätigt. Der Natur macht das alles nichts aus, ziemliche Probleme bekommen wir Menschen. Nicht nur, dass es heißer und nasser wird, der Lebensraum wird beschränkter, das Nahrungsangebot knapper, was ohnehin durch die Ausbeutung der Ressourcen passieren wird.

Doch relativ klar ist, dass die aktuelle Strategie riesiger Monokulturen problematisch ist, da sie die Böden auslaugt, die Artenvielfalt stark begrenzt, die Pflanzen anfälliger gegen Schädlinge, Krankeiten und Wetterphänomene macht. All die Tricksereien mit einer Kombination aus Gentechnik und Pestiziden macht unsere Umwelt nicht besser, Leidtragende sind am Ende des Tages wieder wird selbst und es wird als bekannt angesehen, dass die Strategie gescheitert ist. Für eine ökologischere Agrarwirtschaft fehlt aktuell das Bewusstsein, gerade auch bei denen, die dort arbeiten. Dass man mit einem gesunden Anbau und einer deutlichen Reduktion der insgesamt skandalösen Massentierhaltung die Menschen nicht ernähren könne, gilt nach Ansicht vieler nur, wenn man Fehler vier begeht und Entwicklungen von heute werden unsachgemäß in die Zukunft projiziert. Denn der meiste Anbau in Monokulturen wird zum Tierfutter und die Methangase der Tiere werden zu einem eigenen Klimaproblem, eine Zeitenwende, die wir voll erleben.

Fleisch essen, Fliegen und Kreuzfahrten sind recht brutale Antreiber des Klimawandels, jeder hat hier jedoch einen Zipfel in der Hand, weil er hier selbst entscheiden kann. Kinder zu kriegen ist noch schlimmer, aber an der Stelle wird die Diskussion absurd, denn für uns Menschen veranstalten wir den ganzen Zauber schließlich, die Natur selbst kommt mit allem klar. Wärme und Kohlendioxid sind optimale Bedingungen für Pflanzen, die wachsen dann besser und werden größer, aus 30 Meter hohen Farnen ist dereinst die Kohle entstanden, die wir heute ungebremst verfeuern.

Ein kluges Zusammenspiel von Natur und Technik finden wir in Anätzen der Bionik und auch ganze Einkaufszentren in der Gluthitze Afrikas kann man mit intelligenter Bauweise, die die Belüftungssysteme der Termiten kopiert, energieeffizient herunterkühlen.

Wirtschaft und Soziales

Die Rente ist sicher, wenn die Wirtschaft stabil wächst. Aber ob das der Fall ist, kann niemand sagen, ein lineares Wirtschaftswachstum ist eher fraglich, zu groß die Unwägbarkeiten durch politische Spannungen in der Welt, auch in Europa. Wie im verlinkten Artikel beschrieben, sind die Instrumentarien zur Gegensteuerung nahezu aufgebraucht. Das Geld ist noch als Auswirkung der letzten Krise so billig, dass man die Zinsen kaum weiter reduzieren kann, der letzte Ausweg wäre den Bürgern Geld zu schenken, was dann aber weniger Wert würde. Brummt die Wirtschaft aber nicht, leiden auch die Sozialsysteme und die Kluft zwischen Arm und Reich ist nicht nur weltweit, sondern auch bei uns so hoch, dass es zu Spannungen kommt. Diese haben sich vor allem am Flüchtlinsgsthema entladen, doch inzwischen wird die Stimmung zwar noch bewusst geschürt, ist jedoch in der Gesamtbevölkerung bereits abgekühlt, längst interessieren sich die meisten Menschen dafür, wie es mit ihnen um Alter weiter geht. Pflege, Rente und die Frage, wo das Geld denn nun gesichert herkommen soll, sind relevanter geworden, es scheint den nimmersatten Bürger zu geben, der nie zufrieden ist, aber andererseits ist das Volk der Souverän, mit ein paar Euro Wahlgeschenken alle vier Jahre lässt es sich aktuell nicht mehr abspeisen.

Das neoliberalbe Versprechen, dass die Sozialkassen schon automatisch als Kollateraleffekt gefüllt werden, wenn man der Wirtschaft nur frei Fahrt lässt, ist krachend vor die Wand gefahren, in Zeiten, in denen es der Wirtschaft gut ging und man alles investierte um Banken zu retten, profitierten die Sozialsysteme und die Bürger nicht davon. Die Lektion ist gelernt, die Verbitterung jedoch groß und ähnlich wie es beim Klimawandel einen Punkt gibt, an dem sich die Geschichte verselbstständigt, gibt es auch gesellschaftliche Entwicklungen, die sich selbst weiter verstärken. Regressionen fördern weitere Regressionen, Plattformen im Social Media geben Menschen die Möglichkeit ihre potenziell pathologischen Neigungen exhibitionistisch darzustellen und eine geistige Heimat gleichgesinnten zu finden, was eine Verstärkung ihrer pathologischen Merkmale bedeutet. So wachsen Narzissmus und Misstrauen an beiden Ende einer normalen Bevölkerung, die sich gar nicht so sehr irritieren lässt und sich derzeit vor allem wieder eine Versachlichung aufgeheizter Diskussionen wünschen.

Eurozentrismus oder das Ende der Geschichte

Die äußeren und inneren Bedingungen greifen stets ineinander. In Europa und der von Europa geprägten westlichen Wertegemeinschaft gab es einen unausgesprochenen Konsens, nämlich den, dass weite Teile der Welt zwar noch nicht so weit sind, wenn sie es dann aber dereinst schaffen nichts lieber tun würden, als auch so zu werden, wie wir schon sind, aus dem selbstsicheren Gefühl heraus, dass wir unterm Strich ganz einfach die Besten sind. Durchaus auch wohlmeinend verpackt, indem wir bereit sind, dem einen oder anderen zu helfen, so zu werden, wie wir.

In ähnlicher Weise hat der US-amerikanische Politikwissenschafter Francis Fukuyama in einer popularisierten Variante „Das Ende der Geschichte“ darzustellen versucht, in der sich Demokratie und Marktwirtschaft als die weltweit überlegenen Bausteine herauskristallisieren werden. 25 Jahre später konstatiert Fukuyama, dass es kein Ende der Geschichte in dieser Version gibt oder sich dieses Ende zumindest vertagt habe. Demokratie könnte im schlimmsten Fall ein Auslaufmodell sein, viele Fehler sind selbst gemacht und viele junge Menschen in Deutschland und Europa interessieren sich nicht mehr sonderlich für die Demokratie und verbinden mit einem eventuellen Kollaps derselben keine größeren Ängste.

Nun ist die Situation aber so, dass der Westen an Einfluss verliert, Europa schrumpft und überaltert, überall, auch mitten in Europa kommen Autokraten an die Macht, der Segen der Marktwirtschaft wird kritisch gesehen, auch wenn Alternativmodelle nicht zur Disposition stehen. Die europäische Sicht auf die Welt ist nicht mehr der selbstverständliche Standard, den alle anderen dringend erreichen wollen, die wollen das zum Teil gar nicht.
Was die Demokratie so unsexy erscheinen lässt, hat Fukuyama klar auf den Punkt gebracht: Demokratie stiftet keine Identität. Die stille Selbstsicherheit als Mitglieder der westlichen Wertegemeinschaft zur Spitze zu gehören und als Deutsche zur Spitze der Spitze, erodiert und diesen Bedeutungsverlust haben wir uns noch immer nicht klar gemacht. Europas Sicht auf die Welt ist kein Selbstläufer mehr, dem sich alle anderen, wenn sie nur weit genug sind anpassen werden und anzupassen haben, nun muss man kämpfen für seine Überzeugungen und stellt auf einmal fest, dass man die sehr oft selbst vergessen hat.

Politik

Seeotter beim Rückenschimmen

Was’n los?
Wenn nix mehr hilft … Seeottern. © Mike Baird under cc

Die Politik hat es nicht leicht in unserer Zeit, insbesondere die Demokratie. Fukuyama sieht die Probleme sehr klar:

„Zu den am häufigsten gehörten Klagen über die Demokratie gehört, dass sie zu schwachen Regierungen führe, zu Regierungen, die viel schwatzen, lange Entscheidungsprozesse benötigen, sich ständig mit Einsprachen herumschlagen müssen und am Ende schlechte Kompromisse produzieren. Ich bin tatsächlich der Meinung, dass etwa das politische System der USA dysfunktional geworden ist, polarisiert, gelähmt, dominiert von Spezialinteressen. Daraus entsteht der Wunsch nach Politikern, die tatkräftig sind und Dinge zustande bringen. Das führt zur Popularität von Figuren wie Putin.“[2]

Fundamentalismus macht hingegen an, in einer Zeit, in der besonders ein Rohstoff knapp geworden ist: Identität und soziale Rollen. Francis Fukuyama:

„Ich beginne gerade mit der Arbeit an einem neuen Buch über Identitätspolitik. Die Islamisten sind hier einzuordnen. Sie werden mehrheitlich nicht durch echte Religiosität motiviert, sondern durch die Suche nach einer Identität. Viele Angehörige des Islams in Europa sehen sich nicht als Teil etwa der Schweiz oder Deutschlands. Sie fühlen sich als Mitglieder einer Gruppe, Angehörige des Islams. Natürlich sagen dann die Einheimischen: Diese Leute gehören nicht zu uns. So kommt es zu einer Gegenbewegung bei den Einheimischen, die sich über eine Identität als Weisse oder als Mitglieder eines Nationalstaats definieren. Wegen der grossen Umwälzungen in der heutigen Welt gibt es einen grossen Druck, sich über die Identität abzusichern.“[3]

Demokratie stiftet keine Identität. Nette Worte, wie die, dass wir doch an aller erster Stelle alle Menschen sind, haben ebenfalls nur eine bindende Kraft für einen geringen Teil der Bevölkerung und längst nicht für alle, die sich an guten Tagen irgendwie damit identifizieren können, tun das auch, wenn der Wind rauer wird. Mitläufer laufen ebenso schnell auch in die Gegenrichtung mit, weil sie keine tiefere Verbundenheit mit inneren Werten und Verpflichtungen spüren. Die Demokratie lebt zwar vom Streit, aber nicht von Spaltung und extremen Polarisierungen. Streit auf der Basis der Sicherheit gemeinsame Überzeugungen zu teilen, wäre das Programm, aber teilen wir die noch? Angesichts fundamentaler Abweichungen in den Auffassungen darüber was Fakt und Fake ist und einem rauen Klima, in dem man sich mit Häme, Spott und Hohn übergießt und es auch ein wechselseitiges Grundverständnis gar nicht mehr anzukommen scheint, ist das nicht leicht. Ehemalige Autoritäten haben gelitten, gleichzeitig ist die Sehnsucht nach einer starken Führerfigur da, was auf den schon angesprochenen Wunsch nach Vorgaben, Identität und Orientierung verweist, Punkte in denen die Politik nach Ansicht vielen Menschen in Deutschland komplett versagt. Klammheimliches Durchregieren geht aktuell nicht mehr so leicht, der Souverän ist verschnupft, die Politik irritiert.

Wir brauchen Griffiges, wenn wir uns identifizieren wollen, dass zu Virtuelle, wie Demokratie, Menschenrechte oder die gemeinsame Idee Europa reißt die Massen nicht vom Hocker. Ob man das nun beklagt oder nicht, man muss es mindestens anerkennen. Der Spiegel titelte nach dem Ausscheiden der deutschen Fußballnationalmannschaft in der Vorrunde: Fußball, Politik, Wirtschaft – Es war einmal ein starkes Land. Sofort empörten sich andere, hier würden Zusammenhängen konstruiert, die so überhaupt nicht bestehen, doch der Spiegeltitel hat das Ohr durchaus an der richtigen Stelle gehabt. Es ist eine kollektive Kränkung, die das Volk erlebt. Deutschland stand eben, so vordergründig man das finden mag, für Recht und Ordnung, Qualität und Gründlichkeit und guten Fußball.

Allgemeiner gefasst:

„Vamik Volkan (1999) hat dargelegt, wie nationale Identität schon früh in die individuelle Ich-Identität durch Sprache, Kunst, Sitten und Gebräuche, Speisen und vor allem transgenerationale Weitergabe von Narrativen historischer Triumphe und Traumata als Teil eines gemeinsamen Kulturguts eingewoben wird. Die individuelle Vielfalt der Menschen, die sich im Umfeld des Kindes und jungen Erwachsenen bewegen und die durch gemeinsame kulturelle Traditionen verbunden sind, trägt so zur Stärkung der Ich-Identität bei: Die Beziehung zu unterschiedlichsten Objekten lässt unterschiedlichste Selbstrepräsentanzen entstehen, die über gemeinsame Merkmale verbunden sind und die im Zuge der Entwicklung von der paranoid-schizoiden zur depressiven Position integriert werden müssen.“[4]

Anders gesagt: die nationale Identität, wie wir oben lasen, auch die religiöse Identität und auch eine Identität über sichere Rollen in der Gesellschaft durch Arbeit und eine klare Funktion in der Familie sind stabilisierend. Die nicht abreißende Reihe von Skandalen der Wirtschaft, dem Eindruck politischer Führungsschwäche und Beliebigkeit, einer zunehmend maroden Infrastruktur, einem sinken des Sterns auf nahezu allen Ebenen unterminiert die Identität und verstärkt ein Phänomen, was ohnehin seit einigen Jahrzehnten wächst, die Identitätsdiffusion oder eine Zunahme regressiver Formen von Narzissmus und Paranoia in der Gesellschaft, in Form von Oberflächlichkeit, kaltem Desinteresse gegenüber dem, was andere betrifft, Hysterie, Misstrauen und Verschwörungsdenken. Auch diese Zeitenwende bemerken wir.

Mögliche Lösungen

Eine breite gesellschaftliche Diskussion darüber, wie wir alle in Zukunft miteinander leben und auf welche moralischen Werte wir uns einigen wollen, diesseits und jenseits von Grundgesetz und Rechtsstaat wäre wünschenswert. Man muss miteinander reden, auch mit denen, die man üblicherweise schneiden. Der Keil darf nicht in die Mitte der Gesellschaft, sondern muss zwischen jene Extremisten, Provokateure und die Enttäuschten getrieben werden, die diese an sich binden. Dafür müssen wir den Enttäuschten und Verbitterten Rollen und Identitäten zur Verfügung stellen, was etwas weniger abstrakt bedeutet, ihnen das Gefühl geben, dass die bei uns erwünscht sind. Gutwillige Einwanderer, die auch in den nächsten Jahrzehnten noch dunklere Haut haben werden, ebenso, wie ostdeutschen Wendeverlierer, Abgehängten aus dem Ruhrgebiet, Bremen, Bremerhaven, Köln, Frankfurt, Berlin und einigen verlassenen Gegenden, im Osten, Sauerland, Hessen oder Bayerns. Die Botschaft „Auf Dich können wir gut verzichten“ ist zum die Höchststrafe und sollte an jene gehen, auf die wir wirklich gut verzichten können, die ideologisch motivierten Einpeitscher.

Mitgefühl kann man üben und zudem müssen wir reden. Der Bochumer Philosoph Daniel-Pascal Zorn hat einen Ansatz vorgelegt, der uns zeigt, dass wir auch dort, wo offenbar wir voneinander abweichen bestimmte Überzeugungen teilen.

Global müssen wir, wenn wir das Projekt Fluchtursachen bekämpfen ernst nehmen, den anderen Regionen der Erde lebenswerte Bedingungen schaffen, statt sie, wie gewohnt im kolonialen Erbe weiter auszubeuten. Wie ernst man es damit meint, bleibt abzuwarten, ansonsten kann man nur auf Seuchen und Bürgerkriege hoffen, die die Vitalität junger Kontinente bremst. Über eine weltweite Geburtenkontrolle wird dennoch irgendwann geredet werden müssen, in einem Klima nationaler, rassistischer und sexistischer Ressentiments wird das nicht gelingen, denn mehr Geburten hier, weniger dort, zum Wohl des Ganzen, ist schon schwer genug in einem wohlmeinenden Umfeld zu vermitteln.

Unser Mitgefühl darf und muss breit sein, darf nicht nur unsere gewohnte Lieblingsgruppe beinhalten, mit der wir uns ohnehin identifizieren, sondern jene verstehen wollen, von denen wir uns sonst abwenden und auch uns selbst. Dass am Ende eine Happy End steht ist nämlich längst nicht ausgemacht, akutell ist die Großwetterlage noch immer Regression, diese Zeitenwende kann auch schief gehen.

Quellen