Die Mythen der Experten

indische Gewürze

Gewürze, hier indische, haben machmal wunderbare Kräfte … und schmecken verdammt gut. © sara marlowe under cc

Es ist nicht so, dass die Vertreter des Lagers der Vollwertköstler darauf keine Antwort hätten und jeder mag selbst entscheiden wir tief er oder sie sich hier einarbeiten will. Wie auch immer man die Mythenjäger einschätzt, sie lassen in aller Regel die psychologische Komponente außer acht oder schätzen sie gering.

Wer aber nun einmal von einer gewissen Skepsis gegenüber der “Schulmedzin” durchdrungen ist, der sucht seine Möglichkeiten an anderer Stelle, oft in einer Kombination von gesundem Leben, alternativer Medizin und jenen Nahrungsergänzungsmitteln, die man für gut befindet. Da werden die Spötter grinsen, aber so ganz dumm scheint die Strategie nicht zu sein. Nicht wenige Krankenkassen, bieten auch solche alternativen Heilmethoden an, von deren Wirkung sie selbst nicht überzeugt sind. Das klingt widersinnig, ist es aber nicht, wenn man den gesamten Kontext betrachtet, der so aussieht, dass man vielleicht dem Verfahren nicht vertaut, aber weiß, dass diese Kunden, weil sie insgesamt auf ihre Gesundheit achten, auch weniger krank werden. Und um die will man werben, ein kühles Rechenspiel, aber immerhin eines, an dem man ablesen kann, dass die Investition in ein gesundes Leben offenbar etwas bringt.

Die Mythenjäger übersehen die psychischen Aspekte, nutzen sie aber oft unbewusst. Wer bei dem Thema Gesundheit verunsichert ist, sucht anderswo nach Orientierung und findet diese nicht selten in der Welt der gesunden Ernährung. Wie gut das dem Körper tut, darf gerne weiterhin Streitpunkt unter den Lagern sein, aber wie erwähnt, sich gesund zu ernähren ist sicher nicht ohne Einfluss und der biochemische und der psychogene Effekt können sich entweder aufheben oder ergänzen.

Wer als Experte mit großer Selbstsicherheit auftritt, kann sicher hier und da in einem Menschen, für die Ordnung sorgen, die sich dieser gerade wünscht und das ist sicher gut. Oft jedoch trifft man bei der Herangehensweise der Fixierung auf bestimmte Details selbst auf Mythen, denn Essen ist immer ein Gesamtpaket, ein biopsychosoziales Ganzes. Der Streit beim Essen ‘vergiftet’ noch den besten Rohkostteller, Ernährung als Pflichtprogramm kann kaum optimal sein und was man hektisch herunterschlingt ist nicht das, was unter gutes Essen fällt. Eine Betrachtung isolierter Aspekte und einzelner Nahrungsbestandteile greift immer zu kurz. Das gilt für beide Seiten des ideologischen Grabens.

Was die Psyche mit dem Essen macht

Die Esserei hat über den Aspekt von reiner Ernährung und Gesundheit hinaus noch eine Fülle weiterer psychosozialer Aspekte. Was, wo und wie man isst und einkauft ist oft auch ein Statement. Mit dem Wagen direkt beim Fast Food Anbieter vorzufahren und im Auto zu Essen, ist ebenso eine kulturelle Aussage, wie, gut gekleidet, im Sterne Restaurant abzusteigen. Wer als alleinerziehende Mutter mehrere Kinder erziehen und satt bekommen muss, setzt oft notgedrungen andere Prioritäten, als jemand, der alles aus dem Feinkostladen an der Ecke bezieht.

Nicht selten jedoch sind die Statements bewusster und politischer: Etwa, wenn man Vegetarier oder Veganer ist. Besonders bei Letzteren ist oft weniger die eigene Gesundheit der Kernpunkt, sondern das Wohl der Tiere und der Erde allgemein. Eine schrecklichschöne Melange aus allerlei Gründen und Motiven, bei denen Gesundheit, eine Absage an die Globalisierung, der Wunsch kleine faire Projekte weltweit zu unterstützen, der Wunsch das Leid der Massentierhaltung und der Tiere allgemein zu verringern, Gesundheit und ein gutes Gewissen haben zu wollen sich die Hände reichen.

Schön sind diese Ansätze, weil sie meines Erachtens tatsächlich etwas bringen und man auch die Demonstration, dass es anders geht, oft nicht hoch genug einschätzen kann. Erschreckend ist manchmal der Grad an Unreflektiertheit und gefühlter moralischer Überlegenheit, der einem begegnen kann. Aber nichts ist perfekt und Übertreibungen dürfen auch als Veganer sein, andere übertreiben auch.

Natürlich ist es toll, wenn das Essen ein Ereignis in netter Runde ist, lecker und gesund, unter lauter gut gelaunten Menschen, aber leider ist dieser Idealfall weit von der Realität entfernt und wenn man sich gerade nicht mehr anders zu belohnen weiß, als wenigstens mit seinen Süßigkeiten, dann sollte deshalb nicht noch verspottet werden. Und manchmal fehlt es an Zeit, Geld und Kraft, für Alternativen, die man druchaus gerne leben würde. Allerdings besteht immer die Möglichkeit klein anzufangen, das bringt eine Menge.

Egal, ob man Genießer oder “Hauptsache satt”-Esser, Fast- oder Slow-Food Anhänger, Veganer oder Flexitarier, Paläo-Diät oder Frutarier, Vollwert- oder Rohköstler, oft genug ist die Nahrung ein bewusstes Statement und das beginnt schon beim Einkauf und der Zubereitung.

Unbewusste Statements

Du bist, was Du isst, hieß es am Anfang und in der Tat kann das Essen auch etwas über unseren Charakter verraten. Denken Sie mal kurz an einen Uhrmacher oder Goldschmied. Wenn der Mittags zu Tisch geht, kann man sich vorstellen, dass der gierig riesige Portionen in sich hineinschaufelt, nach dem Motto “Kauen wird überschätzt”? Eher denkt an da an etwas gröbere Gesellen, den sportlichen oder zupackenden Typ, viel, scharf und fleischlastig.

Das Verhältnis von Frauen und Schokolade soll ja ein besonderes sein, aber auch bei Männern gibt es eine Variante die bevorzugte Süßes und Breiiges isst, so dass man unwillkürlich an große Kinder denken muss.

Sicher mehr unter Frauen verbreitet ist die Kalorienzählerei, hier gilt: nach der Diät, ist vor der Diät. Bei Männern sieht man so eine strenge Prozedur am ehesten in der Bodybuildingszene, wenn es mal um Masse, mal um Definition geht, zwischendurch lässt man sich gehen, wie manche Frauen zwischen zwei Diäten. In jedem Fall ein diszipliniertes Programm, manchmal mit einer leichten Tendenz zur Selbstbestrafung, weil man sich über Monate verbeißt, was man dann in wenigen Wochen gierig in sich hineinschlingt, um dann wieder zum Asketen zu werden und die Sünden zu bezahlen.

Wenngleich dass Kochen im Alltag zum überwiegenden Teil Frauensache war, so war die Spitzengastronomie doch immer schon zum großen Teil eine Männerdomäne, über allem schwebt der Name Bocuse. Und noch ein merkwürdiger Trend. Die Deutschen kochen immer seltener und es soll immer schneller gehen, gleichzeitig werden Kochshows dieser und jeder Art immer beliebter. Am skurrilsten vielleicht jene Sendungen in denen man sich wechselseitig bekocht und dafür bewertet, mit Noten. Perfektionismus auch hier, um Privaten. Man will und soll der perfekte Gastgeber sein, dass man einfach nur in geselliger Runde gut zusammen sitzt und lecker isst, reicht nicht. Hier glänzen dann auch Männer gerne mal.

Das kann durchaus noch gesteigert werden und ein weiteres Phänomen ist der neue Trend oder Hype ums Grillen. So ist aus der Gewohnheit im Sommer Fleisch, Wurst und seltener Gemüse aus einen 08/15 Grill zu schubsen eine Mischung aus Spiel und kleiner Wissenschaft geworden, die das Kind im Mann begeistert. Aus dem Grill ist ein High-Tech Gerät mit Smoker, Hitze aus jeder Himmelsrichtung, umfangreichem Zubehör und Prestigeobjekt geworden. Mann zeigt, was er hat, das ganze Sortiment an Aromahölzern inklusive. Immerhin auch ein Revival der Qualität und der Lust an der Essenszubereitung, denn der Stellenwert des Essens sinkt, was den Aufwand angeht und es kochen immer weniger Menschen in Deutschland.

Wenigstens in Teilen Italiens ist es noch üblich, dass man Mittags für nicht viel Geld gut Essen geht und daraus eine ausgiebige Pause macht. Keine ausgeklügelte Strategie von Slow-Food und Work-Life-Balance zur weiteren Optimierung des Lebens, sondern einfach als Tradition der Pause, in der man sein Leben im besten Fall genießt. Dass man seinen Genuss heute auch gleich dokumentiert und online stellt ist wohl derzeit unvermeidlich. Foodporn heißt der eigenartige Trend, nun auch diesen Lebensbereich der digitalen Gemeinde zu präsentieren.

Die Biobranche hat die Zeichen der Zeit längst erkannt und ist von ihrem Gesundheitsimage etwas abgerückt, hin zu einer Kombination von Gesundheit, Genuss und einem guten Gewissen. Ein bisschen daran ist wahr, doch man muss auch hier aufpassen, dass man es sich nicht am Ende zu leicht macht und die Grundidee ins Gegenteil verkehrt und zur Augenwischerei wird. Das ist allerdings nicht Gegenstand dieses Artikels.